Power of Song - Rock und Pop-Hörerlebnisse

Der wirklich wahre Song-Contest. Um die 17.000 Songs (Zahl steigend) aus der langen glorreichen Musikgeschichte treten Woche für Woche durch ein  Zufallsgenerator generiertes
Verfahren gegeneinander an. Ihr habt die Qual der Wahl. Denn nur die Songs mit den "meisten" Stimmen - werden in die nächste Woche wieder erscheinen. Haben 5 Songs zum Beispiel nur eine  Nennung bekommen - dann kommen diese 5 Songs weiter. Haben aber 4 Songs nur eine Nennung bekommen, aber einer 2 kommt nur der Song mit den zwei Stimmen weiter. Es ist nicht kompliziert - es ist sehr schwer sich Woche für Woche durch zu setzen (fast unmöglich - wie sich gezeigt hat). 

 

Playliste der Redaktionslieblinge aus den bisherigen Hitparde-Wochen - ist ja alles Geschmackssache!

https://open.spotify.com/playlist/4oNzK12npnGx31laU9sMAX?si=5940cd91363b42ef

Power of Song - Die Hitparade
bis Samstag 30.5., 23.59 Uhr abstimmen
Woche 51

Regel: 
Ihr habt eine Wochen Zeit zur Stimmabgabe und müsst drei
von zehn Songs auswählen, die Euch besonders gut gefallen haben. Teilt Eure drei Songs mir mit einer Mail an „Info@powerofsong.de“  mit. 

Send his Love to me – PJ Harvey
Modern Drift – Efterklang
Won't Forget These Days – Fury in the Slaughterhouse
Wetterprophet – Stoppok

Porcelain - My Sister Grenadine
The Promise/The Heart Asks Pleasure First – Michael Nyman
Juarez – We are Augustines
Tragic Comic – Extreme
Black - Kroonenberg, Linnemann, Van Der Zalm
Himmel auf – Silbermond

Spotify
https://open.spotify.com/playlist/2CHArYp178L9wiKMb8RZpf?si=240611e41c8040b6

YouTube-Links
https://youtu.be/TEvcNrjXAjQ?si=NEZZH00epQ0JcRWE
https://youtu.be/qDKTU7oVdqU?si=468xjPzrwPtC8Y2J
https://youtu.be/4tZG4kydfZA?si=wOasbgpUmNCH5NP7
https://youtu.be/F3MWe42ZTes?si=rJQ0on-cS4TbXoGc

https://youtu.be/1kz_OfkqWew?si=KMZp7uWpG8T9C5Kb
https://youtu.be/toOShA7omUk?si=pfUA6lk8Hk_s8rxo
https://youtu.be/HamnfyHywIY?si=9MlNwJrmv3y0O6ql
https://youtu.be/_44jokODfzM?si=z2l-j3qnrLlS770b
https://youtu.be/R8yINIfETSs?si=GWxR4PSLoz2K1ysl
https://youtu.be/Rvng5JNjl8o?si=jTNeR7RuW6Fdhk2v


Deezer-Playlist
(folgt)

 

 

22.05.26

Julian Dawson – Move over Darling (1998)

Gefühlt schon seit sehr langer Zeit höre ich die Musik von Julian Dawson. Zum ersten Mal lernte ich ihn als musikalischen Gast in einer TV-Show des WDR kennen, moderiert von Jürgen von der Lippe. Das Album „The Luckiest Man in the Western World“ kaufte ich damals sofort, und Julian Dawson begegnete einem, wenn man sich auch für die Musik von BAP interessierte, irgendwie Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre immer wieder – er war Teil der Kölner Szene geworden. Mit dem Song „How Can I Sleep Without You“ und dem Album „Fragile as China“ gelang ihm dann der Durchbruch. Er ging auf Solotournee und gab ein ausverkauftes Konzert im Kölner E-Werk.

Irgendwann wurde es ruhig um ihn, doch Julian Dawson tourte weiter – mit Band, solo und als Mitglied von Ian Matthews’ Plainsong. Danach wurde es erneut stiller um ihn. Trotzdem blieb er durch regelmäßige Konzerte in der Stadt Kempen präsent, wo er einst als junger Familienvater wohnte. Da Julian gern viel bei seinen Shows erzählt, erfuhr man auch, dass er ein Buch über Nicky Hopkins geschrieben hat. Kein Geringerer als Spencer Davis bat ihn sogar, ein entsprechendes Buch über sich selbst zu verfassen. Außerdem kann Julian Dawson viel über Dan Penn erzählen, der auf zwei Songs dieses Albums mitwirkte.

Bei seinen Live-Auftritten spielt Dawson neben eigenen Songs gern auch bekannte und unbekannte Stücke seiner musikalischen Helden. Sein Repertoire scheint dabei schier unendlich zu sein.

„Move Over Darling“ ist ein akustisches Album, das größtenteils von Julian Dawson gemeinsam mit seinem Produzenten Steuart Smith eingespielt wurde. Bei vier Songs ist Richard Thompson mit Gitarre zu hören. Außerdem sind The Roaches, Mark Johnson und Stewart Lerman auf drei Songs vertreten.

Neben eigenen Kompositionen enthält die Platte drei Coverstücke: „Move Over Darling“, „All the King’s Horses“ und „It’s Not Time Now“.

Den Song, den ich mir bei jedem Konzert von ihm wünsche, ist „If I Needed Rain“. Das ist ein grandioses, unaufdringliches und doch eindringliches Singer-/Songwriter- und Americana-Stück – für mich ein Lied für die Ewigkeit und ein klarer Beweis dafür, was für ein großartiger Songschreiber Julian Dawson ist. Mit diesem tollen Beispiel amerikanischer Musik eines Engländers beginnt das Album.

Der Titelsong „Move Over Darling“ ist eine Cover-Nummer, die für Doris Day geschrieben wurde. In Julian Dawsons Interpretation behält sie den Evergreen-Charakter bei, erhält aber ein etwas folkigeres Flair. Dadurch wirkt das Stück weniger kitschig und eher lieblich.

Das Album ist voller Songs mit starker weiblicher Perspektive oder Geschichten von Männern, die unter ihren Beziehungen leiden. Textlich ist „Every Tear’s a Weapon“ so ein Beispiel. Solche feinen, modernen Rock-’n’-Roll-Schlager sind wohl auch ein Grund, warum gerade Frauen die Songs von Julian Dawson so mögen. Bei seinen Konzerten habe ich immer den Eindruck, dass Frauen dort klar in der Mehrheit sind. Dabei hat Julian Dawson selbst einmal zugegeben, in Beziehungssachen ein Problemfall zu sein. Doch so etwas kann auch anziehend wirken.

Zusammen mit seinem Idol Dan Penn schrieb er „Waiting for the Moon“, das im Country-Folk-Stil sehr schön klingt.

Seine Liebe zur amerikanischen Songkultur spiegelt sich auch in „It Came from Memphis“ wider. Country, Rock ’n’ Roll sowie eine Hymne auf Elvis, Blues und Roots-Musik prägen diesen Song.

Der von Aretha Franklin stammende Song „All the King’s Horses“ wird von Julian Dawson als leichter, ruhiger Folk-Gospel-Song interpretiert, sehr elegant.

Ein typischer Julian Dawson-Song ist „Ghost of His Own Name“. Darin zeigt sich deutlich sein Songwriter-Stil, und man spürt, dass sich hinter der akustischen Fassade ein kraftvoller Rock-Pop-Song verbergen könnte – solche Songs beherrscht er besonders gut.

Sehr schön und vielleicht etwas nah am Kitsch, aber mit einer sehr schönen Melodie versehen, ist „Locked Out of Paradise“.

Die neuen Songs klingen auf dieser CD auch ein wenig nach Oldies. Man kann kaum glauben, dass „Never Take a Fall“ kein Genre-Klassiker ist. Es ist eine wundervolle Akustik-Ballade.

Die dritte Cover-Nummer, „It’s Not Time Now“, wurde ursprünglich von The Lovin’ Spoonful aufgenommen.

Eine echte Meisterleistung ist der Song „Pilgrims“, der auch auf einem Plainsong-Album zu hören ist. Bei diesem sanften Singer-/Songwriter-Folk-Stück stimmt einfach alles. Ein Lied für die Ewigkeit.

Ebenfalls ganz typisch für Julian Dawson ist „Action Man“. Bei diesem Song könnte man meinen, dass er sich etwas zu sehr selbst kopiert. Einige Songs, die bei seinen Solo-Shows live sehr gut ankommen, wirken auf Platte dagegen nicht ganz so überzeugend.

Die sanfte Singer-/Songwriter-Ballade „There’s More to Love“ beendet das Album.

Live mag ich diese Songs meist etwas mehr – wohl auch, weil Julian Dawson ein guter Unterhalter ist. Auf der Platte finden sich mit „If I Needed Rain“ und „Pilgrims“ jedoch zwei seiner besten Stücke. Der Rest ist Singer-/Songwriter-Musik in einem sanften Gewand, dargeboten von einem Musiker mit viel Erfahrung und großem Wissen über sein Handwerk. Ich bewundere an Julian Dawson außerdem, dass er einfach immer weitermacht. Er versucht nicht nur, seine Musik an Frau und Mann zu bringen, sondern öffnet uns auch stets die Ohren für die Musik seiner eigenen musikalischen Helden. (700)

22.05.26

The Smashing Pumpkins – Adore (1998)

Bei den Smashing Pumpkins ist das mit mir auch etwas seltsam. Das Album „Siamese Dream“ liebe ich und habe es häufig gehört – alle weiteren Platten dagegen eher selten bis gar nicht. So ging es mir auch mit „Adore“. Das werde ich jetzt mal ändern. Natürlich steht bei mir zuhause auch das Meisterwerk der Band, „Mellon Collie and the Infinite Sadness“. Doch selbst dieses kenne ich eigentlich kaum und muss es unbedingt noch einmal richtig hören – so viele Platten, so wenig Zeit.

Akustisch und sanft beginnt das Album mit „To Sheila“, das ist einfach Singer/Songwriter-Musik. Eine Krachband also, die ohne großes Getöse, sondern freundlich und ruhig das Album eröffnet. Produziert wurde das Album zum großen Teil vom Kopf der Band, Billy Corgan, doch bei dem Klangteppich von „To Sheila“ wurde er von Brad Wood unterstützt.

Härter wird das Album dann mit „Ava Adore“. Der harte Teil der Musik klingt jedoch eher nach elektronischer Härte als nach Gitarrenkrach. Auch die Smashing Pumpkins entfernen sich damit vom Grunge-Sound und erweitern ihre Musik durch zeitgemäße Sounds und Beats. Das macht die Musik keineswegs schlechter, gerade weil der Gesamtklang sehr klar ist und das Hörvergnügen dadurch steigt. Es erinnert mich fast ein wenig an die satte Produktion eines Albums von Nine Inch Nails.

Geradezu großartig, wenn auch mehr Pop als Rock, ist „Perfect“.

Eher dem Rock zuzuordnen als dem Alternative-Rock ist „Daphne Descends“. Auf diesem Album hört man schon den Pop-Rock-Mix der Indie-Rock-Bands der frühen 2000er Jahre heraus. Das ist weit entfernt vom rauen Grunge, eher kunstvoll geschliffener moderner Art-Rock, nah am Mainstream, aber eben kein reiner Pop. Trotzdem ist das sehr gute Musik.

Allerdings wirken die Songs sehr beliebig aneinandergereiht, denn die Stimmungswechsel sind sehr abrupt. Auf „Once Upon a Time“ folgt die nächste Singer/Songwriter-Nummer, und solche Stücke, gesungen mit der Stimme von Billy Corgan, sind einfach schön – seit „Disarm“ bin ich dieser Stimme verfallen.

Mit fünfzehn Titeln ist das Album reichlich gefüllt. Billy Corgan scheint auch einer dieser Songwriter zu sein, die ihre Songs wie aus dem Ärmel schütteln können. Betrachtet man die Diskografie der Smashing Pumpkins – sie umfasst dreizehn Alben – so hat Corgan zudem eine weitere Band namens „Zwan“ gegründet, vier Soloalben veröffentlicht, bei anderen Musikern als Studiomusiker mitgearbeitet und auch einiges an Filmmusik beigesteuert.

Ein weiterer satter Rocksong ist „Tear“, eine sanfte Pop-Ballade „Crestfallen“.

Mit „Apples + Oranjes“ wird es dann allerdings etwas zu simpel. Das Stück wirkt eher wie einfach zusammengestellte Sequenzer-Musik und hat kaum noch etwas von einem Bandalbum. An dieser Stelle beginnt man zu verstehen, warum den Fans das Album vielleicht nicht so gut gefallen hat – es wirkt vielmehr wie ein Billy Corgan-Soloalbum mit Musik für den Mainstream-Konsumenten.

Das ändert aber nichts daran, dass Stücke wie „Pug“ gute Songs sind. Nur der „fett“ produzierte Sound ist schon etwas irritierend. Doch wenn man als Stadion-Band Erfolg haben oder zumindest die großen Hallen bespielen will, braucht es genau diesen massenkompatiblen Klang.

„The Tale of Dusty & Pistol Pete“ ist sanfter Pop-Rock.

Noch sanfter, etwas melancholisch und ein wenig wie Radiohead, jedoch ohne das ganze Sound-Herumgefrickel, klingt „Annie-Dog“. Solche richtig guten Songs gibt es neben den eher popmusikalisch klingenden Stücken in ausreichender Menge.

Bei „Shame“ scheint schließlich doch etwas vom alten Sound der Band durch, und das ist wirklich etwas für die alten Fans. Gleichzeitig zeigt dies aber auch, dass das Album eine ziemlich uneinheitliche Sammlung von Songs ist. (699)

20.05.26

Robert Cray – Strong Persuader (1986)

Eine meiner ältesten CDs in der Sammlung. Der Song „Right next Door (Because of Me)“ hat mich damals sofort begeistert und führte zum Kauf des Albums. Reine Blues-Platten besitze ich eher wenige, da ich das Genre oberflächlich betrachtet oft etwas langweilig finde. Es klingt für mich häufig so, als würden die meisten Blues-Songs sich sehr ähneln. Natürlich weiß ich, dass das nicht stimmt, aber irgendwie wird mir Blues doch recht schnell zu eintönig. Für mich muss Blues besonders rau und kraftvoll gespielt sein.

Mit diesem vierten Album gelang Robert Cray auf jeden Fall der Durchbruch. In den USA wurde der erste Song „Smoking Gun“ sogar ein respektabler Charterfolg.

Das Album beginnt mit dem bekanntesten Song des Künstlers: „Smoking Gun“. Eine solide Blues-Rock-Nummer mit gutem Gitarrensolo, die zugleich sehr radiotauglich ist. Gerade wegen des Solos ist das Stück wirklich gelungen.

Soul und Blues werden auf „I Guess I Showed Her“ gemischt und erhalten durch Blasinstrumente zusätzlichen Schwung. Solche Songs konnte Ray Charles allerdings besser.

Darauf folgt mein Lieblingsstück der Platte: „Right Next Door (Because of Me)“. Das ist genau der Blues-Rock, den ich von Musikern wie Eric Clapton und J.J. Cale schätze – lässig, eindringlich und einfach gut. Ein Song für die Ewigkeit.

Bei „Nothin’ But a Woman“ kommt das klassische Blues-Feeling besser zur Geltung als bei „I Guess I Showed Her“. Wahrscheinlich liegt das daran, dass es eine klassische Blues-Nummer ist. Allerdings wird der Song durch die Art der Produktion etwas weichgespült.

Das Album gewann im Erscheinungsjahr den Grammy für das beste Blues-Album und findet sich bis heute in Bestenlisten der Musik der 80er Jahre. Dass das Album so bekannt ist, hätte ich nicht erwartet. Viele Songs sind für mich keine besonderen Highlights, sondern eher solide Blues-Nummern, wie man sie häufig hört. Dazu zählt auch „Still Around“.

„More Than I Can Stand“ dagegen wirkt leicht und erinnert an Steve Winwood. Dieser Song macht richtig Spaß.

Auch „Fool Play“ erreicht die Qualität von Titeln wie „Smoking Gun“ und „Right Next Door (Because of Me)“. Es gibt also doch mehr gute Songs auf der Platte, als ich in Erinnerung hatte.

Sicherlich ist auch „I Wonder“ kein schlechter Blues-Song, aber wie bereits erwähnt, gibt es solche Stücke gefühlt tausendfach. Deshalb fällt es schwer, ihn als etwas Besonderes zu sehen – solide, mehr nicht.

„Fantasized“ rockt etwas mehr und trägt die lässige Note, die man von J.J. Cale kennt, weshalb ich ihn wieder mehr mag.

Am Ende der Platte versucht Cray, den Blues etwas rauer klingen zu lassen: Bei „New Blood“ entsteht eine bessere Nummer, von dieser Art hätte ich mir auf dem Album gerne mehr gewünscht.

Herausragend bleiben die beiden Hitsingle-Auskopplungen der Platte. Der Rest des Albums kann mit diesen Songs nicht ganz mithalten, doch als „zeitgenössisches Blues-Album“ funktioniert es gut. Die Schwachstelle des Albums ist die für Bluesmusik recht glattgebügelte Produktion – das klingt für ein Blues-Album einfach zu sauber. (698)

16.05.26

Talk Talk – Spirit of Eden“ (1988)

Meisterwerk und das Stück „The Rainbow“ sind einfach göttlich. Mit dem Album spielen sich Talk Talk in eine Liga mit David Sylvian und anderen verkopften Art-Rock- und Avantgarde-Musikern – es ist seiner Zeit um viele Jahre voraus. Vielleicht haben Ähnliches Radiohead mit dem Album „OK Computer“ geschafft, doch eine so zeitlose, komplexe und zugleich raffiniert mit Indie-, Alternative- und Rock-Elementen spielende Musik ist einfach etwas ganz Besonderes.

Ein so eigenwilliges Meisterwerk kann nur eine Gruppe schaffen, die sich durch erfolgreiche Hits die nötige Freiheit erarbeitet hat. Andernfalls würde kein Plattenlabel eine Band monatelang im Studio arbeiten lassen, ohne Einfluss auf die Arbeit zu nehmen oder nehmen zu können.

Ähnliche Alben gibt es nicht viele. Bei den Alben von Beth Gibbons waren außerdem Mitglieder von Talk Talk beteiligt. Natürlich ist auch das leider einzige Soloalbum von Mark Hollis und das darauf folgende Talk Talk-Album „Laughing Stock“ ähnlich. Ebenso gehören dazu die Arbeiten des bereits erwähnten David Sylvian und seiner anderen Ex-Japan-Kollegen. So schließt sich auch ein Kreis, denn das erste Talk Talk-Album erinnert ja an den New-Romance-Stil von Japan.

Die Songs von „Spirit of Eden“ – besonders die Suite auf Seite Eins, zu der „The Rainbow“, „Eden“ und „Desire“ gehören – bezeichne ich als Musik, die für mich etwas ganz Natürliches, Naturverbundenes und Meditatives mit etwas Verträumtem verbindet, ohne dabei auch nur einen Hauch von Kitsch aufkommen zu lassen. Das ist ganz besondere Musik, die mich immer wieder mitzieht und auf eine verblüffend spannende und atemberaubende Reise mitnimmt. Das ist absolut einzigartig, und ich bin überrascht, dass ich erst durch einen Artikel über die Entstehung des Albums in einer Musikzeitschrift und den anschließenden Kauf der Vinylausgabe nach langer Zeit diese Musik wieder höre – ab jetzt auf jeden Fall wieder öfter.

Auch „Inheritance“ hat diese ganz eigene und absolut unglaubliche Qualität und Intensität, wie man sie vielleicht nur noch bei wenigen Stücken von Radiohead findet. Das ist Art-Rock in einer ganz eigenen Liga – Chamber-Psych-Avantgarde. Vor allem ist es jedoch verdammt gute Musik.

Da das Album sehr akustisch und teils leicht orchestriert klingt, hat diese unglaubliche Musik einen sehr natürlichen Klang. Obwohl viele Sounds übereinandergelegt wurden, entsteht Spannung, die zugleich unglaublich harmonisch wirkt – wie im Stück „I Believe in You“.

Dieses Album sollte sich so manche Shoegaze-Band anhören, ebenso Musiker, die mit Dronemusik experimentieren, um zu verstehen, wie man Musik macht, ohne den Hörer zu langweilen oder mit minimalistischen Klangvariationen und Dissonanzen zu quälen. Auch dabei kann das Hören dieses Albums die Ohren öffnen.

Und auch mit „Wealth“ macht die Band nichts falsch.

Ein unglaubliches Album, ein Hörgenuss, eine Wohltat – vielleicht eines der besten Musikalben aller Zeiten und für mich auf jeden Fall ein Album für die Ewigkeit. (697)

15.05.26

Soul II Soul – Volume V: Believe (1995)

Dies ist bereits das fünfte Album der Band um den Produzenten Jazzie B (Trevor Beresford Romeo). Soul, R&B, Reggae und Club-Beats – all das findet sich in der Musik von Soul II Soul. An frühere große Charterfolge wie „Back to Life (However Do You Want Me)“ konnte zwar nicht mehr ganz angeknüpft werden, doch mit zwei Songs dieses Albums, „Don't You Dream“ und „Love Enuff“, erzielte die Band erneut Achtungserfolge. Für mich war „Don't You Dream“ immer der Lieblingssong der Band, daher habe ich mir das dazugehörige Album nach dreißig Jahren Verspätung endlich zugelegt und lasse es jetzt laufen.

„Love Enuff“ hatte ich noch zuletzt auf einem Sampler und es blieb mir ein wenig in Erinnerung. Die Version auf der CD ist jedoch länger, hat einen anderen Beat und klingt weniger protzig. So funktioniert der Song sehr gut, weil er sehr warm und zugleich soulig wirkt.

Der sanfte Club-Soul „Ride On“ erinnert mich an frühe Stücke von Lisa Stansfield, als Soul mit leichten House-Beats noch etwas Neues war – also eher Ende der 80er Jahre. Im Gegensatz zu amerikanischen Soul- und R&B-Acts mit weiblichem Gesang zur Zeit der Veröffentlichung dieser CD (1995) besitzt der Mix hier ein bisschen mehr Klasse.

„How Long“ macht musikalisch mit seinen Flöten und Bläsern direkt viel Spaß. Als instrumentales Soul-Stück mit Disco-Feeling ist es über die gesamte Länge eine sehr positive Überraschung.

Ich mag die Kombination aus Clubbeats und Soul sehr gern, auch beim Stück „Feeling“. Der Sprechgesang, der dabei eingesetzt wird, stört mich jedoch etwas und holt mich aus dem Stück heraus. Es gibt einige Alben mit dieser Qualität, die ich sehr schätze. Am meisten unterschätzt ist meiner Meinung nach das Album „Believe“ von Innocence (Tipp).

Schon fast Trip-Hop ist „Universal Love“, doch das Stück langweilt mich schnell.

Abwechslung bringt „Be a Man“. Es ist zwar eine klassische Soul-Ballade, aber eine gelungene.

Eine echte Trip-Hop-Nummer, die auch Fans von Tricky und Massive Attack begeistern könnte, ist „Zion“. Besonders die instrumentalen Stücke auf dem Album werden mir lange in guter Erinnerung bleiben.

Mein persönlicher Hit der Platte ist „Don't You Dream“ – eine tolle Nummer.

Ein kleines instrumentales Soul-Pop-Intermezzo liefert „Game Dunn“. Es erinnert an „How Long“, ist allerdings kürzer.

Zurück zum Club-Pop-Soul: „Sunday“ ist wieder etwas für Lisa Stansfield-Fans, aber insgesamt recht harmlos geraten.

„Pride“ beginnt mit Rap-Gesang, der an Salt ’n’ Pepa und Neneh Cherry erinnert, und entwickelt sich dann zu einer Soul-Nummer im Stil von En Vogue und Mary J. Blige.

Die nächste Soul-Club-Ballade ist „I Care (Soul II Soul)“. Nett, aber von solchen sanften Soul-Nummern gibt es einfach zu viele, und ein Song muss schon etwas Besonderes bieten, um aus der Masse herauszustechen. Dieser tut es nicht.

Am Ende gibt es mit „B Groove“ noch einmal etwas fettere Beats, gesprochene Worte und tanzbare Passagen – ein überraschendes Ende und zugleich ein Neustart als völlig neuer Rap-Song.

Am besten gefällt mir die Musik von Soul II Soul, wenn sie mit den Genres Soul, Club-Sounds und Trip-Hop spielt und diese neu zusammenfügt. Die Überraschungen des Albums sind sicherlich die beiden instrumentalen Stücke „How Long“ und „Zion“. Einige Songs bieten allerdings nicht mehr als viele andere dieser Art – es sind gefällige Club-Soul-Stücke, doch meine Vorliebe gilt eher den Stücken mit Trip-Hop-Elementen.(696)

11.05.26

Alin Coen – Nah (2020)

Alin Coen hatte mit der Alin Coen Band drei Alben und ein Live-Album veröffentlicht. Danach entschied sie sich gegen eine weitere musikalische Karriere, studierte Land- und Wasser­management in den Niederlanden und arbeitete für Greenpeace. Zum Glück entschied sie sich dann doch, weiterhin Musik zu machen, und so entstand das Album „Nah“. Da ich vom Live-Album „Alles, was ich hab“ so begeistert war, sehe ich diese Entscheidung als Glücksfall an und freue mich auf neue Songs von Alin Coen. Ein noch neueres Studioalbum erscheint dieses Jahr (2026), und danach geht Alin Coen auch wieder auf Tour. Nun höre ich mit ein wenig Verspätung erst einmal ihr Comeback-Album an.

„Du bist so schön“ ist ein Singer-Songwriter-Stück am Klavier und ein sehr liebevolles Lied. Ich glaube, es handelt von dem eigenen Kind.

Liebesschmerz ist wunderschön verpackt in „Du machst nichts“. Zusammen mit Philipp Poisel bietet Alin Coen wohl die beste Musik für erwachsene Hörer, die gefühlvolle, emotionale und poetische Texte in schöne Musik gehüllt zu schätzen wissen. Diese Musik ist einfach nur schön.

Mit mehr Leichtigkeit klingt „Bei Dir“. Dort scheint es wohl mal mit dem Liebeswerben zu klappen.

Tempo und Stimmung bleiben im Höhenrausch bei „Alles, was ich hab“.

Songs wie „Leichtigkeit“ sind ein schönes Beispiel dafür, dass neben den Texten bei Alin Coen auch die Musik ausgesprochen gut funktioniert.

Im Pop-Rock-Modus geht es auch: „Held“. Wieder sanft und melancholisch, und so finde ich es am schönsten, etwa bei „Entflammbar“.

„Tiraden“ erinnert mich an die Songs von Sophie Hunger, und wegen der Art des Gesangs und wohl auch der Texte ist auch Judith Holofernes eine Art Verwandte.

Akustisch mit Gitarre begleitet ist „Die Gefahr“. Ein wenig erinnert es auch an Anna Depenbusch. Damit habe ich einige der deutschsprachigen Singer-Songwriterinnen genannt, die ich neben Alin Coen schätze. Doch bei Alin Coen funktioniert eigentlich fast jeder Song für mich – das kann ich nicht immer von den Liedern der anderen genannten, aber ebenfalls sehr geschätzten Musikerinnen sagen. Alin Coen ist etwas Besonderes unter den guten ihres Fachs. Hört euch nur „Beben“ an.

„Das Ende“ ist noch nicht das Ende der Platte, sondern nur der vorletzte Song. Das Album endet mit „Ultimatum“. Zum Glück macht Alin Coen weiterhin Musik. Es wäre viel zu schade gewesen, denn Emotionen so gekonnt in Text und Musik zu verpacken, das können nur wenige so gut wie sie. (695)

08.05.26

The Notwist – News from Planet Zombie (2026)

Sanft beginnt das Album mit den ersten Klängen des Songs „Teeth“. Ein ruhiger Alternativ-Rock-Song, der sehr schön ist. Eigentlich hatte ich eher mit einem etwas schwungvolleren Stück zum Auftakt gerechnet. Ich dachte, die Band in ihrer ursprünglichen Besetzung – wie sie vor Kurzem als Trio wieder auf Tour war – hätte wieder Gefallen daran gefunden, richtig guten Krach zu machen, und dass sich das auch auf dem neuen Album zeigen würde. Doch da habe ich mich getäuscht.

„X-Ray“ erinnert mit seiner Wucht zu Beginn zwar an die frühen Tage der Band, entwickelt sich dann aber zu einer weiteren guten Indie-Rock-Nummer. Tatsächlich könnte dieser Song in der Dreier-Studio-Besetzung der Band, bestehend aus den beiden Archer-Brüdern und Schlagzeuger Andreas Haberl, auch live allein aufgeführt werden.

Der dritte Song „Propeller“, dessen Melodie an die Songs von Kettcar erinnert, ist ein ansprechender Indie-Rock-Instrumentalsong.

Fast ebenso sanft und schön wie ein guter Efterklang-Song ist „Red Sun“.

Wieder rockiger, mit der für die Songs von The Notwist typischen leichten Melancholie, präsentiert sich „The Turning“. Auch dieses Stück ist sehr gelungen. Wer die Band sowieso schon mochte, so wie ich, wird sich mit diesem Album gut anfreunden können. Irgendwie scheint die Band diesmal noch mehr in sich zu ruhen und spielt die Stücke mit einer gewissen Lockerheit.

Folktronika können The Notwist ebenfalls: „Snow“. Ihren Indierock mischen sie dann einfach in den Folktronika-Mix hinein bei „Silver Lines“.

Verträumt und sehr schön ist „Who we used to be“ – das ist fast schon Folkmusik.

„How the Story Ends“ ist ein sehr ungewöhnlicher Indie-Rock-Song, da seine Melodie anders ist als das, was man sonst von The Notwist gewohnt ist. Er bringt wirklich etwas Neues in den Sound der Band und ist außergewöhnlich gut. Der Song bleibt auf jeden Fall länger im Gedächtnis. Er stammt im Original von der Band „Lovers“. Auch „Red Sun“ ist keine Eigenkomposition, sondern von Neil Young.

Die Singer-Songwriter-Nummer „Projectors“ steht für sich, und am Ende wird es nochmal sanft mit „Like this River“.

Alles fügt sich stimmig und authentisch zusammen – mit diesem Album haben The Notwist ein weiteres sehr gutes Werk zu ihrer ohnehin starken Discographie hinzugefügt. Sie bleiben eine meiner Lieblingsbands und auf jeden Fall meine absolute Lieblingsliveband. Das Ticket für Düsseldorf ist auch schon gekauft. (694)

07.05.26

Belle & Sebastian – Fold your hands child, you walk like a peasant (2000)

Das vierte Album der Band beginnt sehr sanft und zart mit „I fought a War“, einer ruhigen Ballade. Darauf folgt mit „The Model“ einer der beschwingten Songs, für die die Band, die nach Sixties-Pop klingt, so bekannt und geschätzt wird. Viele bezeichnen diesen Stil auch als Chamber-Pop.

Sanfter Chamber-Folk präsentiert sich in „Beyond Sunrise“. Das Album wurde erneut mit vielen Gastmusikern aufgenommen. Zur Stammbesetzung gehörten zu dieser Zeit noch Stuart Murdoch (Gitarre, Gesang), Stuart David (Bass), Steve Jackson (Gitarre), Isobell Campbell (Cello, Gesang), Chris Geddes (Keyboards), Richard Colburn (Drums) und Sarah Martin (Gesang, Violine).

Beschwingt, aber auch leicht melancholisch vorgetragen, ist „Waiting for the Moon to Rise“. Sanfter Indie-Rock ist bei „Don’t Leave the Light on Baby“ zu hören.

Als Singer/Songwriter-Folk könnte man auch einen Titel wie „The Wrong Girl“ bezeichnen, allerdings mit dem Sixties-Feeling, das oft an die französische Nouvelle Vague erinnert. Belle & Sebastian klingen dabei stets sehr akustisch, ohne auch nur zu versuchen, „modern“ zu wirken. Die Songs besitzen durch ihre vielfältige Instrumentierung, wenn die ganze Band zum Einsatz kommt, einen breiten Klang und erinnern dann fast an eine kleine Bigband oder ein Orchester.

Ganz sanft und zart sind Gesang und Klavier bei „The Chalet Lines“.

Auch als Soundtrack-Song der 60er oder 70er Jahre wäre „Nice Day for a Sulk“ gut geeignet. Mit seiner Beschwingtheit vermittelt der Song das Gefühl eines Frühlings- oder Sommertags.

Mein Lieblingslied der Platte funktioniert eigentlich genauso wie „The Model“, allerdings noch etwas besser und mitnehmender. Es ist ein tolles Stück: „Women’s Realm“ gehört zu meinen absoluten Lieblingsliedern der Band und ich höre es immer wieder gern.

Sanft und leicht klingt „Family Tree“. Etwas mehr Tempo, dabei aber weiterhin mit viel Leichtigkeit, bietet „There’s Too Much Love“.

Irgendwie machen Belle & Sebastian etwas richtig, anders als viele Bands, die versuchen, einen ähnlich nostalgischen Sound in die Gegenwart zu holen. Denn bei ihnen klingt es so, als gäbe es einfach keine moderne Popmusik. Sie wirken hundertprozentig authentisch und sind zudem erfolgreich, weil die meisten ihrer Songs einfach gut sind. (693)

06.05.26

Crime & the City Solution – Room of Lights (1986)

Wer sich mit Nick Cave beschäftigt, stößt zwangsläufig auch auf die Band von Simon Bonny, die sich aus ehemaligen Mitgliedern der Band „The Birthday Party“ und Simon Bonny selbst zusammensetzte. Von Australien und London führte der Weg die Band weiter nach West-Berlin, wo sie ihr erstes Album aufnahm.

Musikalisch scheint Bonny auf einer sehr ähnlichen Wellenlänge wie Nick Cave zu liegen, denn die Musik wirkt und klingt sehr ähnlich: kräftiger, leicht alternativ geprägter Rock, etwa im Song „Right Man, Wrong Man“.

Die Musik erinnert zugleich an Wüsten-Rock und an Tom Waits, wie bei „No Money, No Honey“, ist aber auch stark von Nick Cave und den Bad Seeds beeinflusst.

Weil der Sound sehr erdig und rau ist, lässt sich die Musik nur schwer einem einzigen Genre zuordnen. Es handelt sich um Art-Rock mit einer Punk-Attitüde. Der Begriff Alternativ-Rock trifft zu, aber auch nicht ganz, da die Musik noch mehr Facetten bietet. Man höre zum Beispiel das recht rockige „Hey Sinkiller“, das gegen Ende auch an die Einstürzenden Neubauten erinnert. Damit schwingt auch Avantgarde mit.

Der Song „Six Bells Chime“ würde gut in jeden David Lynch-Film passen.

„Adventure“ erinnert mich an The Doors, jedoch kombiniert mit einem düsteren New-Wave-Sound. Das Album ist für mich eine spannende Entdeckung, da es viele Elemente enthält, die ich schätze, und gleichzeitig ungewöhnlich auf mich wirkt – mehr, als es bei vielen anderen Bands der Fall ist.

„Untouchables“ bleibt eher ruhig, doch das Klangbild, das Kevin Paul Godfrey alias Epic Soundtracks (Drums), Mick Harvey (Piano, Gitarre), Harry Howard (Bass) und Rowland S. Howard (Gitarre, Orgel, Piano) schaffen, verdient durchaus die Bezeichnung „Blues-Punk“.

Die düstere Art-Rock-Ballade „The Brothers Song“ wird am Ende von „Her Room of Lights“ noch einmal kräftig gerockt.

Diese außergewöhnliche Rockmusik ist ein Geheimtipp für Fans von Nick Cave. Da The Birthday Party und Nick Cave eng miteinander verbunden sind, wird dieses Album mit Frontmann Simon Bonny sicherlich auch den Fans von Nick Cave and the Bad Seeds gefallen. Die meisten werden das vermutlich ohnehin schon wissen.

Für mich war das Hören dieser Platte eine Bestätigung dessen, was ich bereits beim Song „The Adversary“ vom Soundtrack „Bis ans Ende der Welt“ erhofft hatte: „Crime and the City Solution“ und Nick Cave sind sich sehr ähnlich – und das finde ich richtig gut. (692)

05.05.26

Xmal Deutschland – Fetisch (1984)

Die meisten Alben, die ich durchhöre und über die ich hier schreibe, sind CDs und Vinyl aus meiner eigenen Sammlung, die ich mir vorgenommen habe, wenigstens einmal komplett anzuhören. Hinzu kommen Alben, auf die ich neugierig bin oder von denen ich mich einfach überraschen lassen möchte, um Neues zu entdecken. Diese höre ich bei einem Streaming-Dienst und lege sie mir bei Gefallen meist auch zu.

Der Name „Xmal Deutschland“ ist mir immer wieder begegnet, entweder weil ich artverwandte Musik hörte oder etwas darüber gelesen hatte. Richtig gehört hatte ich bisher jedoch nichts von der Band. Gothic, New Wave und NDW bilden wohl den Mix. Vor dem Album brachte die Hamburger Band einige Singles heraus. Ich fange nun einfach an, den ersten Longplayer zu hören.

Die zu Beginn und zur Zeit der Aufnahmen des Albums ausschließlich aus Frauen bestehende Band (Anja Huwe, Manuela Rickers und Fiona Sangster) wurde nach einer Tour mit den „Cocteau Twins“ vom 4AD-Label unter Vertrag genommen und war trotz deutscher Texte zunächst eher in England erfolgreich als in der Heimat.

„Qual“ beginnt wie viele New Wave-/Post-Punk-Platten dieser Zeit und übernimmt viel von den englischen Vorbildern. Die Rockmelodie ist recht mitreißend. In der zweiten Hälfte des Songs gibt es ein Trommel- und Effektgewitter. Gesungen wird ebenfalls, allerdings ist der Text für mein Verständnis etwas zu undeutlich – vielleicht ist das aber auch Absicht.

Warum die Band beim 4AD-Label gelandet ist, hängt sicherlich mit den tanzbaren und zugänglichen Düsterrock-Melodien zusammen, die sich problemlos mit artverwandten Bands messen können und auch heute noch das Potenzial haben, in Düsterdiscos gespielt zu werden. Das gilt auch für „Geheimnis“.

Post-Punk, etwas aggressiver gespielt, präsentiert sich „Young Man“. „In der Nacht“ besticht durch ein spezielles Klangbild, das den Song weit über ähnliche Genre-Beiträge hinaushebt – ganz instrumental gehalten.

„Orient“ versucht, arabische Melodien einzuflechten, wobei der punkige Spielstil dominiert. Das ist nicht ganz mein Geschmack. Auch bei einer anderen Band des 4AD-Labels namens „Dead Can Dance“ habe ich meine Probleme damit, wenn Weltmusik mit Düsterfolk vermischt wird.

Im DAF-Rhythmus-Takt präsentiert sich „Hand in Hand“. „Kämpfen“ verstärkt den Post-Punk-/New Wave-Mix. Mittlerweile habe ich mich an der Platte sattgehört, denn wegen der wenig ansprechenden Gesangsdarbietung bei diesem Song nervt mich der Titel.

Eine Underground-Punk-Nummer ist „Danthem“. Bei „Boomerang“ sprechen mich der Post-Punk-Sound und der Bass, der an Joy Division und New Order erinnert, wieder an. Das ist ein weiterer richtig guter Song.

„Stummes Kind“ kombiniert schließlich das, was die Band spielt – (Post-)Punk, Gothic Rock und New Wave – miteinander, doch dieser Titel nervt mich wieder.

Wer frühen New Wave, Düsterrock und Alternative Rock mag, sollte Xmal Deutschland einmal gehört haben. Ob die Band dann Teil der eigenen Sammlung wird, muss jeder selbst entscheiden. Bei mir reicht es vorerst, das Album einmal gehört zu haben. (691) (691)

01.05.26

Radiohead – A Moon Shaped Pool (2016)

Streicher, Keyboard-Sound, Gesang, Schlagzeug und mehr – so beginnt „Burn the Witch“. Der Song wirkt erneut wie ein Stück für einen Hollywood-Film. Das ist großes Kino: dramatisch, elegant und fesselnd. Allerdings konnte ich mich bislang an keinen Song des Albums richtig erinnern. Deshalb ist auch dieses Hören wie eine Neuentdeckung, obwohl ich die Platte in meiner Playlist habe. Im Laufe der Jahre sind davon aber nur noch drei Stücke übriggeblieben.

„Daydreaming“ nimmt das Tempo heraus. Er startet sehr entspannt und ruhig, fast wie ein Ambient-Song. Der einsetzende Gesang von Thom Yorke wirkt zerbrechlich und zart. Der Song ist leicht melancholisch, nimmt gegen Ende an Spannung zu und wird mit Streichern effektvoll verziert. Auch dieses Stück funktioniert sehr gut.

Eher im ruhigen Fahrwasser des Vorgängers verbleibt „Decks Dark“. Doch der Song entwickelt sich zu einem fast gespenstisch wirkenden Soundgeflecht. Radiohead-Songs bleiben versponnen. Einfache Songs können andere Bands spielen, bei Radiohead muss immer mehr dahinterstehen. Gewöhnlich zu sein, ist nicht ihr Ding. Dabei verlieren sie sich aber nicht in künstlerischer Eitelkeit, und das ist die eigentliche Kunst von Radiohead und ihres Dauerproduzenten Nigel Godrich.

Mit jedem Album entwickeln sie ihren Musikmix weiter. Aus dem einstigen Brit-Indie- und Alternative-Rock ist heute eine Mischung aus Psych-Rock, Melancholie, Progrock, Krautrock und Electronica geworden. Ein schönes Beispiel dafür ist „Desert Island Disk“. Genau so liebe ich diese Band und ihren Sound.

Düsternis und Mystik werden in „The Ful“ genauso umgesetzt, und dann verwandelt sich der Song in einen einfach unheimlich guten Artrock- beziehungsweise Alternative-Rocksong. Auffällig ist, dass die Stücke auf dem Album weniger mit elektronischen Elementen angereichert sind als auf den Vorgängeralben. Der Sound wirkt sehr real und authentisch.

Arthouse-Rock könnte man die Musik auch nennen – denn die einfache Erzählweise von Hollywoodfilmen haben die Songs von Radiohead nicht gemein. Dafür sind sie zu versponnen und kunstvoll, was besonders bei Balladen wie „Glass Eye“ auffällt. Dazu passen eher elegische Bilder.

„Identikit“ überzeugt durch eine klug zusammengefügte Melodie. Es ist ein typisch geniales Stück, das erklärt, warum so viele Menschen die Band schätzen und lieben. Einfach nur gut.

„The Numbers“ wirkt wiederum genauso magisch wie der Opener „Burn the Witch“. Hier wird das Arthouse-Audiokino wieder ganz groß.

Psych- beziehungsweise Chamberfolkrock findet man in „Present Tense“. Ein sehr langer Titel trägt ein weiteres Stück: „Tinker Tailor Soldier Sailor Rich Man Poor Man Beggar Man Thief“. Es ist ein experimenteller Prog- und Psych-Rock-Song mit Ambient-Touch und Feeling. Das Album endet verträumt und mit leichtem Optimismus in „True Love Waits“.

Seit ich angefangen habe, nachdem ich das erste „The Smile“-Album gehört hatte, die Alben ab „OK Computer“ noch einmal richtig zu hören, bin ich ein großer Fan der Band geworden. Das versponnene Klanggeflecht, das ich früher als „zu viel“ empfand, weiß ich mittlerweile sehr zu schätzen und finde es meist großartig. Das gilt auch für dieses bisher letzte Studiowerk der Band. (690)

28.04.26

Mick Jagger – She´s the Boss (1985)

Zu der Zeit, als das Album herauskam, war ich noch kein großer The Rolling Stones-Kenner oder Freund – am meisten mochte ich die Songs „Undercover of the Night“ und „Waiting for a Friend“ und ein paar der älteren Hits der Band. Ich hatte aber kein Album, aber irgendwie sprach mich die Single „Just another Night“ sehr an und so kaufte ich dann dieses Album, welches ich auch schon ganz lange nicht mehr gehört habe.

Wenn ich jetzt „Lonely of the Top“ höre, bin ich erstaunt, wie sehr sich das wie eine Bruce-Springsteen-Nummer anhört. Da weiß man sofort, welche Platte gerade ganz weit oben in den Charts und der Hörerbeliebtheit war. Der Song stammt aus der Feder von Keith Richards.

Pop-Rock-Nummer mit für die Zeit typischem Sound ist „1/2 a Loaf“, die Gitarren klingen nach „Money for Nothing“ von den Dire Straits – aber auch ein sehr guter Song, gerade der Refrain ist gut geraten. Klingt aber wie viele Singles mit amerikanischem Touch aus dieser Zeit.

Etwas zu vernachlässigen ist der Song „Running out of Luck“ – der Funkrock-Mix will nicht so ganz aufgehen und Ähnliches gibt es einfach besser von anderen.

Bei „Turn the Girl Loose“ bin ich etwas unschlüssig. Ich mag den Sound des Stücks, aber irgendwie passt mir das Ganze nicht so ganz zu Mick Jagger. Bin da etwas ratlos, was ich mit dem Song anfangen soll – vielleicht hilft da ein mehrmaliges Hören.

„Hard Woman“ ist zwar nah dran am Kitsch. Aber bei der Ballade kann Jagger sein Talent als Sänger zeigen, und nach den zwei auf Power-Rock getrimmten Stücken ist das Stück eine willkommene Abwechslung.

Immer noch ein Song, der gut funktioniert: „Just another Night“. Bleibt ein Hit. Bei dem Song haben sie aber auch produktionstechnisch in die Vollen gegriffen.

Bei der Produktion des Albums haben ein paar prominente Gäste ausgeholfen: Jeff Beck, Pete Townshend, Herbie Hancock, Sly & Robbie.

„Lucky in Love“ funktioniert auch noch immer sehr gut – aber den Song habe ich auch immer schon gemocht. Das ist einfach wie „Just another Night“ Hochglanz-Rock mit Singlehitpotenzial. Und da muss ich sagen, dass die von Nile Rodgers produzierten Songs bisher sogar besser funktionieren, als die von Bill Laswell, und Jeff Beck an der Gitarre ist einfach der Knaller.

„Secrets“ ist wieder eingängiger Pop-Blues-Rock, der dem Geschmack der Zeit voll entsprach, in der er produziert wurde – aber gegen die Hits der Platte dann eben eher mittelmäßig wirkt. Auf der Platte eines weniger etablierten Künstlers hätte der Song sicherlich mehr Aufmerksamkeit erzeugt.

Wegen seiner etwas ungestümen Art und der effektvollen Produktion macht „She´s the Boss“ auch noch immer Spaß zu hören – und Jagger versucht da fast zu rappen – was er ja, glaube ich, doch eher selten, wenn überhaupt, gemacht hat.

Das Album macht noch nach wie vor Spaß beim Hören – einige Songs sind einfach tolle „Hits“ und selbst die Songs, die mich nicht ganz so begeistern, tun nicht weh. Und wegen der Produktion von Rodgers und Laswell klingt die Platte auch noch richtig gut. (689)

24.04.26

The Tragically Hip – We are the same (2009)

Wie das Vorgängeralbum wurde „We Are the Same“ von Bob Rock produziert, mit dem sich Frontmann Gord Downie sehr angefreundet hatte.

Sehr schön, und der Song fängt mich direkt wieder ein: „Morning Moon“ – eine sanft gerockte Singer/Songwriter-Nummer. Wieder einmal bin ich einfach nur Fan der Band. Offenbar wollten „The Tragically Hip“ ein gutes, melodisches, eher sanftes Rockalbum machen, denn auch „Honey, Please“ ist ein gelungener, sanfter Rocksong, der gut funktioniert und einen mitnimmt. Dieses Album könnte vielleicht für ein breiteres Publikum gedacht gewesen sein.

Auch ganz fein ist „The Last Recluse“. Warum ich „The Tragically Hip“ und „BLØF“ in den letzten zwei Jahren so ins Herz geschlossen habe, liegt sicher daran, dass ich all die sanften Singer/Songwriter-Rocknummern sehr mag und schätze, die mich emotional berühren und meiner Seele guttun. Musik als Energiequelle für mein Leben – davon brauche ich oft eine Dosis. Ein Musik-Junkie also (diese Droge schadet zwar nicht der Gesundheit, außer den Ohren vielleicht, dafür aber dem eigenen Geldbeutel).

Auf dem Album scheint wirklich alles richtig gemacht worden zu sein, um mich wieder zu begeistern. „Coffee Girl“ ist einfach gut. Und Gord Downie versucht, seine Stimme auf dem Album auch ab und an vielseitiger einzusetzen, was mir sehr gefällt und für ein wenig Abwechslung sorgt.

Der Singer/Songwriter-Rock bleibt erhalten und wird noch etwas sanfter – dabei erinnert mich die Musik an Glen Hansard: „Now the Struggle Has a Name“.

„The Depression Suite“ vermittelt einen deutlichen Pop-Rock-Eindruck, doch wie sich der Song langsam weiterentwickelt, ist ebenfalls sehr gelungen. Hält der Titel seine Spannung über seine Länge von knapp über neun Minuten aufrecht? Für mich funktioniert das gut. Vielleicht, weil ich die Band so mag, wünsche ich mir gar nicht, dass ein guter Song endet. Zudem bietet er genügend Variationen, sodass keine Langeweile aufkommt. Dennoch hätte er ein oder zwei Minuten kürzer sein können.

Ein typischer The-Hip-Song ist „The Exact Feeling“. Er rockt stellenweise etwas mehr als die zuvor sehr radiofreundlichen Nummern. Allerdings bietet er nur das, was die Band schon oft geliefert hat.

Akustisch und mit Folk-Rock-Feeling präsentiert sich „Queen of the Furrows“ – ebenfalls toll. Zwar fehlt dem Album größtenteils der Alternative-Rock, doch überraschenderweise wird gerade dieser Stil in diesem Song eingebunden.

„Speed River“ – da wiederhole ich mich gern – bringt genau das hervor, warum ich die Band oft zusammen mit „Pearl Jam“ in einen Topf werfe: eine Stadion-Rock-Hymne.

Mit „Frozen in My Tracks“ gibt es schließlich eine echte Alternative-Rock-Nummer. Allerdings läuft für mich im ungestümen Refrain etwas schief. Das wirkt etwas zu gewollt. Als wolle die Band hier unbedingt noch einmal „krachig“ klingen. Dafür ist ja auch Bob Rock als Produzent eigentlich der richtige Mann.

„Love Is a Frist“ ist ebenfalls ein richtiger Rocksong und bereits deutlich härter als die meisten der zuvor hörbaren zehn Stücke.

Der letzte Song, „Country Day“, schließt den Kreis wieder mit einer Singer/Songwriter-Rocknummer, die von der Produktion her jedoch auf Stadion-Rock-Niveau getrimmt wurde. Vielleicht ist die Produktion bei „Country Day“ etwas übertrieben, und die Botschaft des Songs wirkt zu simpel.

Ich werfe der Band aber nicht vor, dass sie mit Bob Rock einen Produzenten gefunden haben, der versteht, ihre Musik bestmöglich auf Platte zu bringen. Als „zu glatt“ produziert empfinde ich ganz andere Alben. Die meisten Songs dieses Albums von The Tragically Hip finde ich einfach sehr gut.(688)

23.04.26

Pearl Jam – Binaural (2000)

Album sechs, mit Matt Cameron neu am Schlagzeug. Persönliche Probleme zweier Bandmitglieder führten dazu, dass sich die Studioarbeiten etwas hinzogen. Außerdem wollte die Band mit dem Album etwas Neues ausprobieren – der Plan war wohl, den Psychedelic- und Progressive-Rock zu erkunden und in den Bandsound einzubringen.

Mit „Breakerball“ eröffnet das Album mit einem rauen Rocksong, der Garage-Rock und Punkrock verbindet. Gleiches gilt für „God´s Dice“. Das sind harte, kurze Rocknummern – nicht mehr und nicht weniger.

„Evacuation“ hat mehr vom Sound der beiden Vorgängeralben und funktioniert so auch ganz gut, ohne das Tempo der Platte zu drosseln.

Mir fällt beim Hören der Platte auf, dass ich sie bisher sehr selten gehört hatte – die Songs kommen mir fast so vor, als würde ich sie zum ersten Mal hören.

„Light Years“ ist dann Pearl Jam, wie ich sie mag – etwas leicht melancholischer Alternative Rock mit einem guten Groove. „Light Years“ ist richtig gut.

„Nothing as it Seems“ erinnert wirklich an ein Stück von Pink Floyd, wenn man genau hinhört. Den Song kenne ich ziemlich gut, allerdings in der Version von Stone Gossard vom „Twenty“-Soundtrackalbum. Auch den Rocksong mag ich sehr gern. Teile des Songs erinnern zudem an Soundgarden und Radiohead. Wirklich ein cooles Stück.

Singer-Songwriter-Rock gibt es auch: „Thin Air“. Wenn Pearl Jam auf dem Album Rockmusik macht – egal wie – gefällt mir das wirklich gut. Nur die beiden Punk-Rock-Stücke am Anfang waren eigentlich unnötig.

Den Psychedelic-Rock-Einschlag des Albums empfinde ich als sehr erfrischend, und er macht mir beim Hören richtig Spaß. Weil auch „Insignificance“ etwas vom modernen Psychedelic-Rock von Radiohead hat, mag ich den Song auch besonders gern.

Wer sich auf das Album einlässt, wird begeistert sein. Ich glaube, es funktioniert vielleicht nicht sofort beim ersten Hören, weil es doch mehr Aufmerksamkeit vom Hörer verlangt. Auch „Of the Girl“ ist ein großartiger Song. Das Album hat wirklich das Potenzial, eines meiner meistgeliebten Pearl-Jam-Alben zu werden.

Die Rockkracher wie „Grievance“ sind zwar nicht schlecht, aber solche Songs hatte man auf den Vorgängeralben schon zur Genüge, und daran hört man sich schnell satt. Dennoch ist „Grievance“ ein Rockkracher.

Knurrige, raue Rocknummer: „Rival“. Der Song hat etwas Besonderes – vermutlich, weil er einfach von den Instrumenten sehr gut gespielt ist.

„Sleight of Hand“ ist eine anspruchsvollere Rocknummer und wird von Eddie Vedder sanft gesungen.

Ein Zwischenspiel mit Ukulele: „Soon Forget“. Die Ukulele half Vedder angeblich dabei, seine Schreibblockade zu überwinden.

„Parting Ways“ ist noch einmal melancholischer Psychedelic-Rock im Pearl-Jam-Stil. Ich mag das. Warum sollte eine Band wie Pearl Jam nicht auch mal experimentell klingen? Ich finde es immer gut, wenn sich Bands an Neues wagen, ohne dabei gleich wie eine komplett andere Band zu klingen. Durch ihre Vielseitigkeit, die sich Pearl Jam mit den fünf Alben zuvor erarbeitet hat – Grunge, Punkrock, Singer-Songwriter – fügen sie mit „Binaural“ nun eine weitere Facette hinzu. (687)

22.04.26

Simply Red – Picture Book (1985)

Simply Red zu hören, ist so wie wenn man die Alben von Sade hört – das geht eigentlich immer. Das ist so schön zeitlos – Jazz-Pop mit ganz viel Seele und die Musik funktioniert immer (noch) – weil es einfach gut gespielte und fantastisch gut gesungene Songs sind. Auf dieses Durchhören freue ich mich wirklich.

Direkt mit den ersten Klängen von „Come to my Aid“ bist du einfach drin – das ist so gut und mitnehmend – der Soul-Express zieht einen einfach mit sich.

Intimer Swing mit Big-Band-Power und Mick Hucknall singt, als wollte er uns verführen: „Sad old Red“.

Schwungvoll, aber einer der wenigen Songs, der trotz seines zugegebenen Schwungs mich nie so ganz begeistern kann: „Look at you now“.

Besser als das Original von den Talking Heads ist tatsächlich „Heaven“ – mag ich in dieser Version als intimen Jazz viel viel mehr.

„Jericho“ hört sich wirklich wie ein Song von einer der ersten beiden Sade-Platten an. Verführung – Bar-Jazz – Gute Musik, die sich einschmeichelt und lange nachhallt.

Es folgen die zwei großen Hits der Platte: „Money´s too tight (to Mention)“ ladet zum Tanzen ein und mit der Ballade „Holding back the Years“ ist der Band ein großer Hit und ein Song für die Ewigkeit gelungen.

Auch einer der Songs, der eher zu vernachlässigen ist: „Red Box“. Zu simpel, Massenware und irgendwie nervt mich der Song. Auch „No Direction“ fängt mich nicht ein – ist halt nur eine flotte Soul-Nummer, mit Funk versetzt.

Aber der Titelsong „Picture Book“ mit seinem Dub-Reggae-Bass finde ich dann zum Schluss nochmal richtig riesig – da passt nochmal alles wieder richtig zusammen.

Wie zu Anfang geschrieben – hat das Album die Jahre sehr gut überstanden – und auch wenn bei drei Songs ich nicht so richtig von der Band eingefangen werde – der Rest gehört immer noch zu den Meilensteinen dieser Band und dies war erst ihr Debüt-Album.(686)

17.04.26

Cock Robin – Cock Robin (1985)

Cock Robin bestand zu dieser Zeit aus Peter Kingsbery (Sänger/Songwriter, Bass, Keyboard, Gitarre), Anna LaCasio (Gesang, Keyboard, Percussion), Clive Wright (Gitarre) und Lou Molino (Schlagzeug, Percussion). Die Band wurde durch die beiden Hits der Platte „When your Heart is weak“ und „The Promise you made“ vor allem in Europa schnell bekannt.

Pop-Musik – ist das, mit etwas Zutaten aus anderen Musik-Genres versetzt. Die ganze zweite Hälfte der 80er fand ich die drei zu dieser Zeit erschienen Alben wirklich sehr gut – mittlerweile überzeugen mich nur noch ein paar Stücke auf jeder Platte.

Ab Mitte der 80er Jahre klangen halt viele Pop-Platten so wie die Platten der großen Stars dieser Zeit – nehmt die Platten von Tina Turner, Joe Cocker und vielen anderen – die für die Musik verantwortliche Band, die da zu hören ist, könnte meist immer dieselbe sein – nur die Sänger machen da den Unterschied. Deshalb müssen Songs aus dieser Zeit, gerade im Popbereich, schon was Besonderes sein, um zu funktionieren.

Bei „Throught you were on my Side“ gelingt das in großen Teilen, weil der Song eine ansprechende und recht rockende Melodie hat und bei Cock Robin war der Duett-Gesang von Kingsbery und La Casio halt immer schon das große herausstechende Merkmal der Band.

Und wenn wirklich alles zusammenpasst, der Song irgendwie diese eine wichtige Nuance hat, die aus seinem Song einen Hit macht oder vielleicht sogar ein Song für die Ewigkeit – dann ist ein solcher Song mit „When your Heart is weak“ Cock Robin gelungen. Er ist typisch für die Zeit, schafft es aber einfach immer noch zu überzeugen.

Bei „Just when you´re having fun“ funktioniert aber trotz der ausgelassenen Stimmung, die der Song zu versprühen versucht, nicht viel – vor allem nervt mich bei dem Stück der Gesang von Anna LaCasio – da klingt sie einfach wie viele der Rockröhren aus dieser Zeit – aber auch der Rest des Songs ist einfach aus der Zeit gefallen.

Dann doch lieber wieder melancholischen Pop vom Feinsten und auch der zweite Hit der Platte „The Promise you made“ nimmt mich immer noch mit. Da stimmt auch viel von der Produktion und der Song ist halt immer noch was Besonderes.

Auch „Because it keeps on working“ hat die Zeit nicht gut überdauert. Schlager-Pop-Rock. Schon fast kaum noch zu ertragen.

Der mit New-Wave-Gitarren ausgestattete „Born with Teeth“ rockt wenigstens richtig und deshalb passt dazu auch mal der Gesang von Anna LaCasio. Kein wirklich beeindruckender Song, aber noch einer der besseren der Platte.

Was ein wenig dazu führte, dass ich die Band eine Zeit lang so mochte, lag wohl auch daran, dass sie so was wie ihren eigenen Sound hatte. Die Melodien, durch die Rhythmusinstrumente Bass/Schlagzeug/Gitarre vorangetrieben, dazu der leicht theatralische Gesang von Peter Kingsbery – den ich aber irgendwie immer für einen guten Sänger gehalten habe – und die Gitarre von Clive Wright, die mehr Effekte und eingängige Melodien in die Musik einbringt – das war dann schon was Besonderes – später kamen da noch die Sounds aus dem lateinamerikanischen hinzu. Nur den Einsatz von Anna LaCasio als zweite Sängerin finde ich außerhalb der Duettstücke leider immer etwas fehl am Platze – weil ihr einfach was fehlt – da hat Kingsbery einfach mehr Frontmann-Qualitäten, als dass sie daneben als Frontfrau bestehen kann.

Und der Song „Once we might have known“ hat alle Stärken und Schwächen zu gleichen Teilen in sich vereint.

So ein kleiner unterschätzter Schatz der Platte ist „More then willing“ – da passt nämlich wieder ganz viel zusammen. Neben den beiden Hits ist das sicherlich einer der besten Songs der Platte.

Aber auch die schöne Pop-Rock-Ballade „A Little Innocence“ beweist, dass ich die CD nicht umsonst seit über 40 Jahren in meiner Sammlung behalten habe. Irgendwie ist das Teil „meiner“ Musik.(685)

14.04.26

Chris Braun Band – Jede Menge Kohle (Original Filmmusik) (1981)

Mit einem echten Rocksong beginnt dieses kurze Mini-Album, auch wenn „Turnin’ me on“ eher verzichtbar ist. Danach schaltet es in den Rock’n’Roll-Modus um: „My Song“ ist ebenfalls kein Stück von großer Bedeutung. Beide Songs gehören zur Filmmusik des Ruhrgebiets-Filmklassikers „Jede Menge Kohle“ von Adolf Winkelmann. Wegen des folgenden instrumentalen, akustisch gehaltenen Songs mit Country-Touch, „Saloon Theme“, habe ich mir, glaube ich, den Soundtrack gekauft. Ich mag dieses, wenn auch sehr kurze Stück – den Film übrigens auch. Bergmann Katlewski beim Ausstieg aus dem Arbeitsalltag zuzusehen, macht immer noch große Freude. Besonders seine Art, den Pförtner-Job zu erledigen, beeindruckt mich bis heute, und auch als Truckfahrer zeigt er seine Qualität, besonders beim Einparken.

Mit dem ebenfalls instrumentalen, sanften Rocksong „So Long (Abschied)“ kann ich ebenfalls etwas anfangen. Auch dieser Titel ist gut gemacht. Damit ist die erste Seite des im Maxi-Single-Format gehaltenen Soundtracks auch schon bewältigt.

Das Stück „Jammerhammer“ würde ich gerne zum musikalischen Hauptthema des Films erklären. Dieser flotte, ebenfalls instrumentale Rocksong eignet sich hervorragend, um sich einen LKW vorzustellen, der durch die Straßen des Ruhrgebiets jagt.

Im Schlagerbereich findet sich ein Stück, das höchstens für den Einsatz in italienischen Restaurants geeignet ist: „Amore Bolognese“.

Und zurück zum flotten Tanzschul-Rock’n’Roll, der für mich ebenfalls überflüssig ist: „Damenwahl“.

Zugegeben, das Meiste auf der Platte ist Schrott. Doch gerade bei Filmsoundtracks kauft man sich die Platte wegen des einen Hauptthemas und vielleicht dem einen oder anderen Stück, das zur Atmosphäre des Films passt. Und das erfüllt dieses Album mit „Saloon Theme“ und „Jammerhammer“. Den Rest braucht eigentlich kein Mensch, und er wird auch nicht nachträglich in der Playlist aufgenommen. (684)

13.04.26

Speech – Hoopla (1999)

Dies ist das zweite Soloalbum von Speech, der vor seiner Solokarriere als Mitglied und Sänger der Gruppe „Arrested Development“ bekannt wurde. Sein Debütalbum aus dem Jahre 1996 hatte mich bei Erscheinen sehr beeindruckt, weil Speech es schafft, Hip-Hop und Rap eine freundliche Note zu verpassen und damit den Soul und den Rap auf charmante Art und Weise miteinander verbindet. Selbe Qualität erhoffe ich mir von den Songs von „Hoopla“ (schon der Titel ist ja einfach nur „nett“).

Das Album ist außer sechs nur kurze Zwischenstücke und eine Remixversion eines Songs trotzdem noch mit 12 Stücken und eine Laufzeit von 71 Minuten gut gefüllt.

Nach einem Intro mit einer aufgewühlten Straßenszene geht’s mit angenehm akustischem Soul weiter. Direkt „Clocks in Synk with mine“ hat genau dieses lockere, schöne und sehr angenehme, freundliche Pop-Rap-Soul-Feeling, das ich genau so von Speech erwartet habe und das er mit dieser feinen Nummer direkt erfüllt, wenn nicht sogar direkt übertrifft. Warum manchen nicht mehr Rapper so eine schöne Musik? Und am Ende wird es sogar jazzig und funky.

Der „Hey Song“ macht so weiter, bedient sich bei einem allseits bekannten Song der Four Non Blondes und gewinnt damit schnell meine Sympathie. Sehr nett, wenn auch mit dem bekannten Songpart schon sehr berechnend auf Single-Hit getrimmt. Kleines Manko bei diesem und dem zuvor gehörten Song, sie sind beide mindestens eine Minute zu lang geraten. Und wenn ich mir die Länge der folgenden Stücke anschaue, dann wird das auch wohl bei den anderen Songs genauso der Fall sein.

Soul mit Popfeeling und immer schön positiv und sehr mit guter Laune gepaart, das ist die Musik von Speech und so klingt auch das schön soulige Popstück „Our Image“ sehr nett. Gute-Laune-Soul. Bei dem Song wird er beim Gesang von anderen Gastsängern unterstützt. Auch der Song ist wieder etwas zu lang geraten.

Mit mehr Bassdrum-Beat ausgestattet, etwas kürzer geraten, ist der Soul-Rap-Song „Movin’ on“ besser geraten. Könnte gut auf ein Mixtape mit einem der guten Songs von Lauryn Hill zusammenpassen.

„Mountain of Lonely“ hat einen guten Jazz-Blues-Groove verpasst bekommen – doch der verschwindet dann ganz plötzlich nach kurzer Dauer und wird durch einen Hip-Hop-Groove ersetzt (?) – danach erinnert der Song an Prince. Bringt etwas Abwechslung in den Pop-Soul-Rap-Mix und der Song funktioniert wirklich gut.

Als Einzelstücke sind die Songs der CD auf jeden Fall in der Playlist eine Bereicherung – und ein Song wie „Slave of It“ gehört auch auf jeden Fall in eine solche hinein – das ist einer der besten Songs, den Speech bis dahin fabriziert hat (damit meine ich – auf den Alben von „Arrested Development“ und seinem ersten Soloalbum). Ganz starkes Stück Musik. Bisher das Highlight der Platte. So richtig gut.

Entspannter Groove, Laid-Back-Musik, einfach entspannen – den Gesang im Hintergrund versteckt (was etwas seltsam erscheint) und dem Song zum langgezogenen Zwischenspiel degradiert: „Sumtimes I do“. Und damit wird der Song dann leider genauso überflüssig wie die kürzeren Zwischenparts der Platte.

An Stücke aus seiner Zeit mit Arrested Development erinnert: „Yeah Yeah“. Back to the Roots. Und dabei auch über die Lauflänge des Songs abwechslungsreicher als die Stücke zu Anfang der CD.

„Real Love“ bringt einen klassischen Soul-Song in den Mix des Albums. Auch sehr soulig und mit gutem Groove versetzt: „Fist goes on“.

Viele haben den Song von Bob Marley gecovert und jetzt macht es auch Speech: „Redemption Song“. Hätte er den Song von Anfang bis Ende nur mit Gitarre und Gesang aufgenommen und auf den dann später hereinkommenden Drum-Maschinen-Groove verzichtet, wäre diese Cover-Version vielleicht etwas besser – als sie ist – so ist es ein netter Versuch, der aber leider fehlschlägt. Schade. Da verhebt sich doch Speech tatsächlich sehr dran.

Aber mit dem Gitarrengroove von „Life is a River“ macht Speech das wieder gut. Das ist fast am Ende der Platte dann noch ein weiterer Volltreffer.

Am Ende gibt es noch einen Remix vom „Hey Song“ – der vielleicht etwas „erdiger“ klingt – aber sich von der Originalversion auch nicht so viel unterscheidet.

Wer „Mr Wendel“ von Arrested Development kennt und liebt, wird auch an den Songs des zweiten Soloalbums von Speech seinen Spaß haben. Positiv-Rap – mit ganz viel Soul (vielleicht etwas zu nah am Pop). Das Album ist vielleicht etwas zu lang geraten – es wäre besser ohne den einen oder anderen Song – aber als Einzelstücke können viele davon sehr begeistern und die Songs „Slave of it“ und „Life is a River“ sind wirklich richtig gut. Aber an das erste Soloalbum des Künstlers kommt es nicht ran, denn dazu sind die Songs am Anfang einfach etwas zu glatt produziert, obwohl es wirklich keine schlechten Songs sind. Wie erhofft, habe ich aber von dem Album genau das bekommen, was ich erwartet habe – eine CD voller positiv stimmenden Soul-Rap. Und den findet man nur selten. (683). 

06.04.26

The Beautiful South – Welcome to the beautiful South (1989)

Paul Heaton und Dave Hemingway – früher bei den Housemartins – gründeten mit „The Beautiful South“ eine Band, die sich mit ihrem zeitlos wirkenden musikalischen Stil zwischen Pop und Indie bewegt.

Der Song „Song for whoever“ ist einfach wunderschön. Er besticht durch eine einnehmende Melodie, einen schönen, sanften Retro-Rock’n’Roll-Refrain, feine Gesangsharmonien und eine akustische Instrumentierung. Trotz einer Länge von sechs Minuten ist er ein respektabler Single-Hit.

Jazzig, ebenfalls fein musiziert und mit teilweise beeindruckenden Gesangshöhen, die an die Stimme von Jimmy Somerville erinnern, ist „Have you ever been away“. Die Musik von The Beautiful South klingt hier irgendwie wie eine Mischung aus Elvis Costello und Bronski Beat. Eigentlich handelt es sich aber um Jazz-Pop, wie er bereits Jahre zuvor von Matt Bianco und Sade eingeführt und charttauglich gemacht wurde. Außerdem besitzt die Musik Elemente des 60er-Retro-Indie-Pops, der von Belle and Sebastian und The Cardigans mit- oder weiterentwickelt wurde.

„From under the Covers“ weist bereits einen Indie-Pop-Charakter auf.

Auch die Singleauskopplung „I'll Sail This Ship Alone“ besitzt genau den süßen Retro-Pop-Charme von „Song for whoever“ und funktioniert ebenso gut.

Indie-Rock findet sich ebenfalls auf dem Album, etwa in „Girlfriend“. Gleiches gilt für „Straight in at 37“, das mit Rock’n’Roll-Einflüssen versehen ist. Einen Sixties-Charme strahlt „You keep it all in“ aus.

Einer meiner Lieblingssongs ist das zuckersüße und etwas verspielte „Woman in the Wall“.

Was mir an dem Album besonders gefällt, ist seine Abwechslung – dafür gibt es bei mir immer Extrapunkte. Nach langer Zeit macht mir das erneute Hören wieder viel Freude, denn ich mag diesen zeitlosen Retro-Pop mit einnehmenden und gewinnenden Melodien sehr. Er bietet zudem eine angenehme Abwechslung zu der von Synthesizern und E-Gitarren geprägten Musik.

„Oh Blackpool“ sorgt dagegen für einen kleinen Durchhänger. Der Song wirkt etwas zu simpel im Retro-Rock’n’Roll-Stil (oder könnte man ihn als Neo-Rock’n’Roll bezeichnen?).

„Love is“ besitzt sicherlich die Qualität der Singles „Song for whoever“ und „I'll Sail This Ship Alone“, wirkt mit sieben Minuten Länge aber doch etwas zu lang – zumindest für eine Single. (Obwohl „Song for whoever“ ja auch über sechs Minuten lang ist.)

Der letzte Song „I love you (but you’re boring)“ ist nur ein kleiner Bonustrack und nicht ganz ernst gemeint. Als solcher ist er eher harmlos, aber eher etwas nervig als lustig.

Da der Rest des Albums jedoch fast durchgehend sehr gut funktioniert und mir erneut große Freude bereitet hat, vermerke ich das Album als „immer noch sehr gut zu hören“. (682)

05.04.2026

Sophia Kennedy – Sophia Kennedy (2017)

Bei meinen Musikstreifzügen stoße ich immer öfter auf den Namen Sophia Kennedy, was mich dazu veranlasst, mir das Debütalbum der in Berlin lebenden Amerikanerin einmal anzuhören. Ich bin neugierig und gespannt.

„Build me a House“ vereint elektronische Rhythmen mit Pop-Feeling, bei dem außerdem Indie-Rock mitschwingt. Das nimmt mich als Hörer sofort mit, weil es einfach gut ist. Der Song lädt gleichermaßen zum Tanzen wie zum genüsslichen Zuhören ein.

Noch etwas anspruchsvoller klingt „Dizzy Izzy“, das mehr in Richtung Indie-Pop geht. Ihr Produzent ist Mense Reents, Mitglied der Goldenen Zitronen, und das Album wurde in deren Studio aufgenommen.

Leichtigkeit versprüht „William by the Widowwsill“. Das Album bietet mit jedem Stück Abwechslung, was für mich immer ein großes Plus ist.

Der Hit der Platte ist „Being Special“ – wenn man die Spotify-Statistiken betrachtet, der am häufigsten gehörte Song. Auch er ist zurückhaltender Pop, aber mit dem gewissen Etwas, weil er klug arrangiert ist. Wer Dear Reader mag, wird auch diese Musik lieben: unaufdringlich, aber eindringlich.

Die Sounds und Rhythmen sind sehr gut, und „Kimono Hill“ bringt Power-Pop mit viel Finesse. Ich könnte mir vorstellen, den Song live bei einem Sommerfestival als Zuhörer sehr zu genießen und mitzufeiern.

„3.05“ überzeugt mit Discobass und sanftem Rhythmus – perfekt für die Tanzfläche und erinnert an Moloko.

Bei so stark elektronisch geprägten Songs frage ich mich manchmal, wie sie mit einer Band eingespielt klingen würden und ob das die Wirkung noch verstärken könnte. Das sind aber nur Gedanken, denn das Album funktioniert, so wie es ist, hervorragend. Ich bin schon gespannt auf die bereits erschienenen Nachfolgealben.

Die Gesangsarrangements auf dem Album sind wirklich sehr gelungen. Ein schönes Beispiel ist „Something is coming my Way“. Schön verspielt, so gefällt mir dieser Indiepop wirklich.

Ich habe gerade nachgeschaut, ob Sophia Kennedy bald in der Nähe auftritt, und tatsächlich etwas gefunden. Ein Konzertbesuch wäre bestimmt lohnenswert. Ich hoffe, mein Terminkalender erlaubt es.

Sanft zeigt sie sich auch in „A Bug on a Rug in a Building“, einem sehr schönen Elektronicastück.

Die sanfte Pop-Ballade „Foam“ erinnert fast an eine echte Pop-Diva, aber auf sympathische, nette Art, ähnlich wie bei Sophie Ellis-Bextor.

Dem Geburtsort widmet sie sogar ein Stück: „Boltimore“. Dabei singt sie lieblich, fast wie Doris Day. Aufgewachsen ist sie jedoch in Deutschland, besuchte das Gymnasium in Bielefeld, lebte anschließend in Hamburg und wohnt jetzt wohl in Berlin.

Das Album schließt mit „Hello, I found you“ ebenfalls ganz sanft ab, fast wie ein Einschlaflied.

Pop, aber auf sympathische, gekonnte und gelassene Weise – davon bin ich einfach begeistert. Es sind viele charmante Songs dabei. Es war eine gute Entscheidung, das Album zu hören und mich mit Sophia Kennedy zu beschäftigen. Eine Fortsetzung folgt mit Sicherheit, sei es live oder beim Weiterhören ihrer neuen Songs. Besonders spannend finde ich, dass sie mittlerweile auch auf Deutsch singt. Abwechslung scheint ihr wichtig zu sein, auch wenn der Wechsel der Sprache bei mir nicht immer funktioniert.

Der letzte Song, „I love you (but you’re boring)“, ist ein kleiner Bonustrack, der nicht ganz ernst gemeint ist. Er ist eher harmlos, wirkt manchmal ein wenig nervig statt lustig.

Da aber der Rest des Albums fast durchgehend sehr gut funktioniert und mir viel Freude bereitet hat, vermerke ich es als „immer noch sehr gut zu hören“. (681)

01.04.26

Street Soul – Respect to R&B, HipHop & Acid Jazz (1995)

Sampler habe ich gerne gekauft, um Songs aus Musikgenres zu bekommen, die in meiner Sammlung nicht so häufig vertreten sind, die ich aber trotzdem gerne hören wollte. Die Genres R&B, HipHop und Acid Jazz sind bei mir tatsächlich seltener vertreten als Rock (einschließlich der dazugehörigen Subgenres), Indie, Pop und Folk. Soul und R&B habe ich zwar auch einige Stücke, doch HipHop und Acid Jazz sind wirklich selten. Daher war dieser Sampler mit zwei gut gefüllten CDs eine schöne Ergänzung.

Fünfunddreißig Songs bedeuten für mich einiges zum Hören und Beschreiben. Natürlich gibt es auf Samplern immer auch Stücke, die man eigentlich nicht braucht oder haben wollte. Ich glaube, dieser Sampler beginnt gleich mit zwei solchen Songs. „I’ve got a little something for you“ von MN8 ist zwar nicht wirklich schlecht, aber auch nicht mein Fall, obwohl er für eine R&B-Nummer den „Smooth“-Faktor besitzt. Schlimmer finde ich „Humpin’ Around“ – das ist einfach nur Pop, und es gibt viel zu viele Songs, die genauso klingen.

Lieber höre ich den unbekümmerten Soul-Pop von Dana Dawson mit „3 is Family“. Das ist zwar ebenfalls Radiomusik, die nicht wehtut und durchaus nett ist, aber eben nichts Besonderes.

Mary J. Blige schätze ich als moderne Soul-Sängerin sehr, und „You Bring Me Joy“ im Smoove Soul Mix ist ebenfalls gut. Allerdings hat sie noch bessere Songs veröffentlicht.

„If You Love Me“ von Brownstone ist eine typische Soul-Pop-Ballade, wie man sie oft von weiblichen Gesangsgruppen dieser Art hört. Auch hier gibt es nichts Außergewöhnliches.

„Do You Wanna Get Funky“ (Club Vocal Mix) von C & G Factory hat mit seinem tanzbaren HipHop-Beat tatsächlich mehr Qualität als alles, was ich davor auf diesem Sampler gehört habe.

Schön smooth, soulig und durchaus tanzbar sowie recht zeitlos ist „Hey Mr. DJ“ von Zane. So mag ich meinen Club-Soul.

Der eigentliche Grund für meinen Kauf dieses Samplers waren jedoch die Tracks, die von den Machern dem Acid Jazz zugeordnet wurden. Sie vermitteln für mich einen TripHop-Vibe und leben von der Verbindung von Rap-Gesang mit Clubsound. Den Anfang macht „La Raza“ von Kid Frost.

„Listen Me Tic“ von Ini Kamoze ist zwar etwas eintönig, hat aber einen guten Groove.

Ein absolutes Highlight ist „Don’t Sweat the Technique“ von Eric B. & Rakim. Die Verbindung aus Jazz, HipHop und Rap ist hier hervorragend gelungen. Ich liebe diesen Bassgroove-Sample einfach.

„Freedom“ von Michelle Gayle ist wieder Soul-Pop und ebenso gewöhnlich wie viele andere Stücke dieser Art. Da bevorzuge ich lieber „Love Enuff“ von Soul II Soul im Soul-Club-Mix. Bei Pop-Songs macht manchmal schon eine Kleinigkeit aus, ob ein Stück gut oder eher belanglos wirkt. Warum der eine Song bei mir gut ankommt und der nächste eher in der Schublade „belanglos“ landet, kann ich nicht erklären – zum Glück ist das bei jedem Hörer unterschiedlich.

„Candy Rain“ von Soul for Real bleibt ebenfalls nicht lange im Gedächtnis. Solche Pop-Soul-Balladen gibt es in großer Zahl, und selten ist eine wirklich besonders.

Bei „Games“ von Chukii Booker funktioniert es dagegen – Gesangsleistung und Groove passen hier gut zusammen.

Der Soul-Club-Groove bei Chanté Moore mit „Love’s Taken Over“ gefällt mir sogar noch besser.

Da auf eine Pop-Soul-Nummer die nächste folgt, wird es mit „Sensitivity“ von Ralph Tresvant leider wieder langweiliger. Zu viel Schmuse-Soul kann schnell langweilen, außer man schmust gerade dazu.

Davon betroffen sind auch „Free’n You“ von Jodeci. Nur weil „Where Is the Love“ von Will Downing & Mica Paris eine klassische Soul-Ballade ist, die ohne moderne Grooves auskommt, kann ich diesen Song am Ende der ersten CD noch akzeptieren. Von den achtzehn Stücken der ersten CD bleiben jedoch nur sieben in meiner Playlist, der Rest wird nicht mehr benötigt.

Die zweite CD beginnt mit „Everyday“ von Incognito – radiotauglicher Soul-Pop mit House-Beats, der selbst für 1995 nicht mehr ganz zeitgemäß war.

Die Brand New Heavies verbinden Soul-Pop geschickt mit funky Bassklängen und schaffen so eine zeitlose Atmosphäre. Songs wie „Midnight at the Oasis“ können jederzeit im Hintergrund laufen.

Wahrscheinlich ist „Respect“ von Alliance Ethnik nur ein Song eines One-Hit-Wonders, doch er vereint R&B, Rap, Pop und French-Funk perfekt und klingt zeitlos. Dieses Stück wird nie aus meiner Playlist verschwinden.

„Regulate“ von Warren G. feat. Nate Dogg ist ein melodiöser Rap mit Popsong-Qualitäten, der auch heute noch überzeugt. Der Song repräsentiert den „Smooth Sound“ und „G-Funk“ sehr gut.

Guru feat. Soul-Diva Chaka Khan langweilen mich mit „Watch What You Say“. Im Vergleich zu den beiden zuvor gehörten Songs können sie nicht mithalten. Die Qualitätsunterschiede auf diesem Sampler sind schon ziemlich groß. Es ist viel Füllmaterial dabei, und dieser Song ist einer der besseren davon. Auch Adina Howard liefert mit „Freak Like Me“ nur Massenware ab. Höchstens der Refrain bleibt etwas im Ohr. Die spätere Coverversion der Sugababes war erfolgreicher.

„Real Love“ von Driza Bone – was soll ich dazu sagen? Eine Soul-Ballade mit Discobeats, wie es sie viele gibt. Auch diese ist nur eine von vielen.

Der Funk-Rap-Mix „I’ll Be Around“ von Rappin’ 4-Tay feat. The Spinners mit schönem Soul-Refrain macht dagegen richtig Freude.

Wenig Besonderes ist die harmlose Soul-Pop-Nummer „Feel the Goodtimes“ von Charlene Smith. Allein die vielen ähnlichen Soul-Pop-Songs auf diesem Sampler, die sich im Klang kaum unterscheiden und deshalb langweilen, zeigen, warum es so viele vergessene Songs gibt. Es gibt einfach keinen Grund, sich an sie zu erinnern. Das erscheint den Künstlern gegenüber, die viel Herz und Können in ihre Musik gesteckt haben, vielleicht etwas ungerecht – doch manche Songs gehen zu Recht verloren, weil sie keinen Platz unter den besseren ihres Genres verdienen.

Immerhin beginnt Charlene Smith ihren Song „Feel the Goodtimes“ etwas schwungvoller und mit Spaß, doch daraus wird nur ein weiterer harmloser Soul-Pop-Song. Donna Rene’s „Follow“ ist reiner Pop mit leichtem Funk-Groove und wirklich langweilig.

„Fight“ von McKoy bringt wenigstens wieder mehr Seele und Groove und setzt auch verstärkt auf echte Instrumente. Der Gesang erinnert ein wenig an James Brown. Trotzdem bietet der Song eigentlich nur Bekanntes, ist aber nach dem vielen Mittelmaß der vorherigen Stücke eine echte Steigerung.

Mit „Technova (Opaz Remix Edit)“ landen wir wieder im Club-Jazz-Bereich, und davon hätte dieser Sampler wirklich mehr verdient. Der Song von Towa Tei funktioniert nach wie vor sehr gut.

„Warm Weather“ von Mother of Pearl ist dann wieder eine weitere Pop-Ballade mit Funk-Einflüssen. Das lässt sich gut als angenehme Hintergrundmusik hören, die nicht störend ist.

Wer den Refrain von „Men in Black“ kennt, wird sich vielleicht wundern, wie viel sich die Macher bei „Forgot Me Nots“ von Randy Crawford abgeschaut haben. Doch auch bei diesem stammt das Original nicht von ihr, sondern von der eher unbekannten Musikerin Patrice Rushen. Hoffentlich hat sie von all den Songs, die ihr Werk großzügig verwenden, auch gut profitiert. Das wäre ihr zu wünschen.

Ordentlichen Soul liefert Snowboy mit „Lucky Fellow“, und noch besser ist „What Is Black Music“ von Cunnie Williams. Dieser Song hat sich einen festen Platz in meiner Playlist verdient. Er beantwortet die Frage, was Black Music ist, sehr gut.

Es fällt wirklich auf, dass viele Songs auf diesem Sampler die Zeit nicht gut überdauert haben, einfach weil sie keine herausragenden Qualitätsmerkmale besitzen. In den dreißig Jahren danach sind außerdem viele weitere Songs entstanden. Einige Stücke mag ich aber sehr gerne, und deshalb habe ich diesen Sampler zu Recht behalten. Es macht nicht die Masse aus, sondern die Qualität der wenigen wirklich guten Songs. (680)

26.03.26

Nine Inch Nails – The Fragile (Halo 14) (1999)

Dies ist zwar die vierzehnte Veröffentlichung von Nine Inch Nails, wird jedoch erst als drittes Studioalbum gezählt. Neben Trent Reznor, der für alle Stücke verantwortlich ist, unterstützten ihn bei den Aufnahmen auch musikalische Gäste wie die Gitarristen Adrian Belew und Danny Lohner, Charlie Clouser, The Buddha Boys Choir und andere. Das Album ist erneut ein Konzeptalbum und soll laut Reznor die Geschichte des Vorgänger-Albums „The Downward Spiral“ weiterführen. Es geht um das Gefühl, „gebrochen zu sein und zu glauben, einen Weg aus diesem Zustand gefunden zu haben – was aber auch ein Irrglaube sein könnte“.

Musikalisch verbindet das Album weiterhin Industrial Rock und Elektronik, ergänzt durch Elemente aus Alternative Rock und Electronica.

Lange Zeit dachte ich, die Musik von Nine Inch Nails sei nichts für mich. Im letzten Sommer las ich jedoch ein Interview mit Trent Reznor, in dem es um seine Arbeit für David Lynch ging. Daraufhin hörte ich mich intensiver in seine Musik ein. Natürlich mag ich das von Johnny Cash genial gecoverte Stück „Hurt“ sehr gerne. Dennoch finde ich, dass die Originalversion von Nine Inch Nails im Gesangspart einfach zu leise produziert ist. Das fällt auch bei ruhigeren Stücken dieses Albums durchweg auf und irritiert mich, was den Hörgenuss für mich deutlich mindert. Deshalb hatte ich zuvor keinen richtigen Zugang zur Musik von Nine Inch Nails, zumal mich Industrial Rock als Genre nicht besonders interessiert.

„Somewhat Damaged“ ist ein düsterer, elektronisch verstärkter und härterer Rocksong. Damit wird der Hörer direkt attackiert und aggressiv angesprochen. Er erinnert mich an das, was ich von The Prodigy in Erinnerung habe. Zu diesem Song hätte ich Mitte der 90er Jahre durchaus auch auf der Tanzfläche kräftig meine Haare geschüttelt. Also hart, aber gut – auch wenn er mich heute nicht mehr so sehr mitreißt wie damals in meinen 20ern.

Der Song „The Day the World Went Away“ war die erste Single des Albums. Wenn sich Nine Inch Nails dem Sound einer Band wie Soundgarden annähert und sich eher im Alternative Rock bewegt, gefällt mir das deutlich besser. Allerdings wundert es mich auch hier, warum der Gesang wieder eher leise produziert ist. Ansonsten ist es aber eine gute Nummer.

Ein kurzes Zwischenspiel mit sanftem Piano folgt: „The Frail“. „The Wretched“ klingt mit seinem harten, aber sehr mitreißenden Rock tatsächlich wie der perfekte Soundtrack für Filme mit coolen Cyberpunk-Helden wie „Matrix“ oder lässigen, in Latex gekleideten Vampiren wie „Underworld“. Gerade „The Wretched“ weckt genau diese Assoziationen an solche Genre-Filme. Der Song funktioniert aber auch als harter Rocksong sehr gut und ist ein echter Knaller.

„We’re in This Together“ wirkt zunächst ebenfalls wie ein reines Industrial-Rock-Stück. Durch den Gesang und besonders durch den Refrain wird daraus jedoch ein ziemlich mitreißender Rocksong. Da bei der Musik des Albums der Rockanteil nicht zu kurz kommt, gefällt mir das Album bisher überraschend gut – was ich auch gehofft hatte, nachdem ich im Sommer schon hineingehört hatte und dabei den Eindruck gewann, dass das doch Musik für mich sein könnte. Man merkt dem Album an, dass sich der Musiker mehr Gedanken gemacht hat, als nur mit Härte zu beeindrucken. Am Ende gibt es bei den Songs auch sehr sanfte Passagen.

Das Titelstück „The Fragile“ würde ich als melancholischen Rocksong richtig lieben. Doch offenbar muss Trent Reznor, wenn er befürchtet, zu kommerziell zu klingen, den Gesang etwas leiser abmischen. Das scheint wirklich Absicht zu sein. Dreht man dann den Verstärker lauter, explodiert der Song gerade bei den lauteren Passagen förmlich. Trotzdem ist der Song sehr mitnehmend und gefällt mir sehr gut.

„Just Like You Imagined“ beeindruckt mich stark. Ich bin jetzt wohl so richtig im Sound des Albums angekommen. Ein unglaublicher, starker instrumentaler Rocksong und ultimativer Soundtrack fürs Kopfkino.

Ein düsterer Rocksong mit stärkerem elektronischem Anteil ist „Even Deeper“. „Pilgrimage“ beginnt als Crossover-Mix, der den Industrialsound mit einer orientalisch klingenden Melodie verbindet, bevor er sich zu fast reinem Industrial Rock wandelt.

Natürlich ist es für jedes Album schwierig, den Erwartungen über die gesamte Lauflänge gerecht zu werden. Wenn man zu Beginn als Hörer gleich von mehreren Songs sehr gut bedient wird, schleicht sich bei den zuletzt gehörten Songs wie dem härteren Rocksong „No, You Don’t“ bereits eine gewisse Langeweile ein. Zumal man solche Songs schon zu oft gehört hat.

Mit „Le Mer“ kehrt Ruhe ein. Als Komponist hat Reznor wirklich Talent, und dass er das Zeug zum Filmkomponisten hat, habe ich ja schon mehrfach betont. Es überrascht deshalb nicht, dass er auch immer wieder, zuletzt bei „Tron: Ares“, Filmmusik für andere Projekte geschaffen hat. „Le Mer“ ist wirklich gelungen – schön komplex, ohne kompliziert zu wirken. Nine Inch Nails könnten durchaus auch Post Rock machen.

Atmosphärisch und relativ ruhig endet die erste Disc mit „The Great Below“. Als Doppelalbum ist das wirklich eine Herausforderung, aber man kann vor dem Hören der zweiten Disc eine Erholungspause einlegen. Ich glaube, ein Durchhören in einem Zug wäre doch etwas überfordernd und womöglich eine Reizüberflutung. Bis hierhin hat mich Disc 1 aber schon sehr begeistert.

Mit „The Way Out Is Through“ beginnt die zweite CD im Soundtrack-Modus. Der Song ist zunächst instrumental und ruhig, entwickelt sich im Verlauf allerdings zu einem kraftvolleren Rocksong. Ein guter Start für den zweiten Teil, der Lust auf mehr macht.

Manche bezeichnen das Album auch als Art-Rock-Album oder sogar als Album mit Progrock-Elementen. Das stimmt alles, aber da der Sound von Nine Inch Nails durch den Industrial-Anteil schon etwas Eigenes hat, sehe ich das eher als geschickten Mix aus Alternative Rock und Elektro-Rock-Hybriden wie The Prodigy oder Chemical Brothers. Reznor macht das so gut, dass er eine ganz eigene Mischung schafft. Das ist einfach großes Kino für die Ohren – eine ständige Wechselwirkung zwischen Action-Kino und Arthouse. Da ich solche Musik eher selten höre, finde ich beispielsweise den Song „Into the Void“ durchaus mitnehmend, unterhaltend und gut gemacht. Auch „Where Is Everybody?“ macht Spaß, mit seinem Funk-Touch.

Auf Atmosphäre statt auf Rock setzt „The Mark Has Been Made“ am Anfang. Nach zwei Minuten wird der Rhythmus lauter, das Stück bleibt jedoch instrumental. Wie gesagt, großes Kino für die Ohren.

„Please“ ist mir dann doch etwas zu simpel geraten. Gleiches gilt für „Starfuckers Inc.“ Irgendwann hat man sich an diesen Crossover-Rock satt gehört, und die etwas einfach gestrickten Stücke fallen im Vergleich zu den wirklich starken Songs des Albums deutlich ab. Bei einem Doppelalbum ist es natürlich noch schwerer, den Hörer über die gesamte Länge zu begeistern.

Das wieder eher elektronische „Complication“ finde ich im Vergleich zu den beiden zuvor gehörten härteren Rockstücken wieder besser. Es erinnert immer noch stark an den Sound des Matrix-Soundtracks.

Warum der Gesang bei den ruhigeren Stücken immer so leise abgemischt ist, bleibt für mich ein großes Rätsel – das gilt auch für „I’m Looking Forward to Joining You, Finally“.

Wieder Musik für einen Action-Film: „The Big Comedown“. Allerdings habe ich das Gefühl, solche Songs über die lange Laufzeit schon zu oft gehört zu haben. Wenn der Song jedoch instrumental bleibt, gefällt er mir ganz gut. Vielleicht sollte ich mir mal die instrumentale Fassung des Albums besorgen – die gibt es, glaube ich, sogar.

Ins Dramatische gehend und dabei kurz gehalten ist „Underneath It All“. Mit „Ripe (With Decay)“ erreichen wir dann auch das Ende des Albums. Dieses Schlussstück setzt noch einmal auf düstere Atmosphäre.

Solche Musik und solche Alben lasse ich mir wohldosiert gerne ab und zu gefallen. Ich brauche das aber nicht zu oft, da ich sonst schnell gesättigt werde. Auf jeden Fall weiß man, warum Trent Reznor und Atticus Ross auch als Filmmusikkomponisten tätig sind. Musik fürs (Kopf)Kino können sie auf jeden Fall machen. (679)

25.03.26

Tortoise – Millions now living will never die (1996)

Instrumentaler Postrock mit ungewöhnlicher Instrumentierung – zu Beginn besteht diese aus zwei Bassisten und drei Schlagzeugern.  
Dies ist das zweite Album der Band. Zu dieser Zeit gehören John Herndon und Douglas McCombs, die auch Gründungsmitglieder sind, sowie John McEntire, Dan Bitney und David Pajo zur Besetzung.

Mit dem plattenseitenfüllenden Stück „Djed“ beginnt das Album. Der Sound ist zwar vom Alternative-, Slowcore- und Postrock geprägt, weist aber auch mit seinen experimentellen Soundeffekten bereits Elemente anspruchsvoller zeitgenössischer Musik auf. Ich finde das sehr angenehm, was ich da höre. Da ich aktuell viel frühe elektronische Musik und Krautrock höre, erinnert mich das ebenfalls stark daran. Diese Musik passt für mich gerade sehr gut. Im weiteren Verlauf erinnert sie an Künstler wie Neu! und Cluster. Wer manchen Postrock als zu schwermütig oder laut empfindet, bekommt von Tortoise zunächst Leichtigkeit und eher positiv gestimmte Töne zu hören. Zur zweiten Hälfte des Stücks ändert sich die Stimmung etwas, der Sound wird elektronischer und zugleich rockiger, ohne dabei aggressiv zu werden. Die Atmosphäre eines Folktronica-Stücks wird erreicht. Ich bin schon sehr begeistert von dem, was ich da höre (eine Band, von der ich in Zukunft noch mehr hören möchte – es hört nicht auf). Das Folktronica-Stück wird plötzlich abgebrochen, ein neuer Rhythmus ertönt – leicht experimentell, doch auch dieser verströmt trotz ungewöhnlicher Klänge Wärme. Die Beschreibung Krautrock trifft auf Folktronica passt sehr gut zu diesem ersten Stück. Ein langsam, sehr zurückhaltend eingesetzter tiefer Bass beendet den Song.

Die elegante, melodische Postrock-Nummer „Glass Museum“ wird zur zweiten Hälfte hin tatsächlich rockiger. Vermutlich hat sich das belgische Duo mit demselben Namen nach diesem Stück benannt (zunächst nur eine starke Vermutung).

Ich mag diese bassbetonte Musik einfach sehr, und die Songs des Albums sind sehr abwechslungsreich. So ist „A Survey“ bereits experimenteller Jazz.

Tatsächlich lässt sich auch „The Taut and Tame“ als Jazzrock bezeichnen – Fusion im besten Sinne.

„Dear Grandma and Grandpa“ ist experimentell und verträumt. Dieses Stück geht nahtlos in das abschließende „Along the Banks of the River“ über. Für mich ist auch dieses eher eleganter Jazz als Indie- oder Postrock. Tortoise lassen sich schwer einordnen, gefallen mir dabei aber sehr gut. Diese Band bleibt fest in meinem Repertoire.

Solche Musik und Alben lasse ich mir wohldosiert gerne ab und zu gefallen. Ich brauche das nicht zu oft, da ich schnell gesättigt bin. Doch auf jeden Fall versteht man, warum Trent Reznor und Atticus Ross auch als Filmmusikkomponisten tätig sind – Musik fürs (Kopf)Kino können sie definitiv machen.

24.03.26

Giorgio Moroder – Cat People – Motion Picture Soundtrack (1982)

Der Hauptkaufgrund für diese CD ist der Titeltrack „Cat People (Putting Out Fire)“ von Moroder und David Bowie. Den Song gibt es zwar in einer anderen Fassung auf dem Album „Let’s Dance“, doch getanzt wurde immer zu dieser Version, was wohl am Moroder-Effekt liegt. Mir persönlich gefällt die rockige Fassung auf Bowies Album allerdings auch sehr gut.

Anschließend folgen Stücke der Filmmusik von Moroder, die eher nicht für die Disco gedacht sind, sondern ausschließlich der Atmosphäre des Films dienen.

„The Autopsy“ besticht durch seine unheimliche Stimmung, die sich mit Synthesizern besonders gut vermitteln lässt. Das Stück enthält sogar einen echten Schockmoment.

„Irena’s Theme“ ist dagegen ein richtiger Song: Er beginnt als mysteriöse Soundtrackmusik und entwickelt sich zu einem leicht melancholischen, instrumentalen Popsong, der an französischen Synthpop erinnert.

Das kurze Stück „Night Rabbit“ wirkt wieder unheimlich und leicht experimentell.

„Leopard Tree Dream“ unterlegt ein mysteriöses Traumszenario mit Popsong-Atmosphäre, wobei auch der Song „Cat People“ darin anklingt.

„Paul’s Theme (Jogging Chase)“ verbindet Spannung mit Synthpop.

„The Myth“ ist eine ruhige, atmosphärisch starke Wiederholung der „Cat People“-Melodie. „To the Bridge“ erinnert mit ähnlicher Wirkung an „Paul’s Theme“. Solche Art von Synthesizer-Filmmusik war in den 80er-Jahren häufiger zu hören und erinnert sowohl an John Carpenters Filmmusik als auch an die Musik der Fernsehserie „Miami Vice“.

„Transformation Seduction“ bietet eine passende Untermalung einer unheimlichen Verwandlung, funktioniert aber nicht als eigenständiger Song.

Zum Abschluss gibt es noch einen kurzen, düsteren, instrumentalen Popsong mit dem Titel „Bring the Pod“. (677)

22.03.26

My Bee´s Garden – Hunt the Sleeper (2010)

Bevor die Französin Melody Prochet als „Melody’s Echo Chamber“ bekannt wurde, war sie Mitglied in der Indieband „My Bee’s Garden“. Diese Band steht für Indiepop mit Shoegaze- und Dream-Pop-Elementen, eine Mischung, die bei mir als Hörer nicht immer funktioniert. Obwohl einige bekannte und geschätzte Künstlerinnen in diesem Genre aktiv sind, können mich ihre Werke oft nicht überzeugen. Gitarren und Gesang mit viel Hall wirken auf mich häufig entweder langweilig oder anstrengend.

Das erste Stück „Lone Wolf’s Home“ gefällt mir jedoch sehr gut, weil es eine angenehme Indie-Pop-Leichtigkeit ausstrahlt. So sollte Indie-Pop klingen: nicht zu aufdringlich, um zum Tanzen einzuladen, sondern eher wie die guten Songs von Bands wie den „Cardigans“, die einen dezenten Sixties-Touch besitzen und die sich auch einfach bei einer Tasse Kaffee im Café genießen lassen.

„Alison“ ist eigentlich auch recht süß geraten, doch hier ist der Dream-Pop-Einfluss stärker zu hören, was den Song für mich etwas anstrengender macht.

Beim dritten Stück „Favorite Lion“ erklingen die Gitarren klarer und schneller. Mit seinem verstärkten Sixties-Pop-Charme funktioniert es für mich wieder sehr gut.

Dream-Pop gefällt mir besser, wenn er mit gut gespieltem Piano begleitet wird. So mag ich das kurze „Les Memes Histories“ ganz gerne, das dem Album zudem eine gewisse Reife verleiht.

Dream-Pop gemischt mit Shoegaze habe ich leider schon zu oft gehört und meistens konnte ich damit wenig anfangen, so auch bei „The Noise It Makes“.

Wieder mehr Indie-Pop, aber gleichzeitig klingt „Bud and Deanie“ wie Musik für einen französischen Experimentalfilm. Der Song erinnert an die 60er und 70er Jahre und ist teils mit einem klassischen Disco-Bass versehen, was für mich nicht unbedingt ansprechend ist.

Dafür überzeugt „Hunt the Sleeper“ sehr gut und zeigt, wie viel Kunst man in einen kleinen Indie-Pop-Retro-Song packen kann.

Das Album kann ich Fans von The Cardigans und Saint Etienne empfehlen.

Ruhig und verträumt, ohne wirklich anstrengend zu sein, kommt mit „Sailor Mood“ sogar ein psych-folkiger Einschlag ins Spiel.

„All of a Sudden“ ist ordentlich als lockerer Indie-Pop verpackt, und mit „Half Asleep“ findet dieser erste Aufschlag von Melody Prochet einen gelungenen Abschluss.

Verträumter French-Sixties-Pop, der mich eigentlich über die Dauer einer ganzen CD sonst oft langweilt oder nicht anspricht, wirkt auf diesem Album überraschend frisch. Songs wie „Lone Wolf’s Home“ und „Hunt the Sleeper“ gehören für mich sogar in die Playlist.(676)

20.03.26

Mike Oldfield – Five Miles Out (1982)

Ich war lange Zeit in meiner Jugend ein großer Fan von Mike Oldfield. Bereits früh, etwa mit neun oder zehn Jahren, bekam ich die „Tubular Bells“ gebraucht von einem meiner älteren Brüder geschenkt. So kamen auch andere Alben wie „Magic Fly“ von Space, „Illegal“ von Grobschnitt, „Welcome Back My Friends to the Show That Never Ends“ von Emerson, Lake and Palmer sowie „Drama“ von Yes in meinen Besitz – als erste Musikvinyls (Hörspiele von Europa und Co. auf Vinyl hatten wir auch recht viele). Sicherlich haben diese Alben auch heute noch einen Einfluss auf meinen Musikgeschmack.

Aber die „Tubular Bells“ war für mich sicherlich das Lieblingsalbum, weshalb ich mir später auch „QE 2“ und „Platinum“ kaufte. Als „Five Miles Out“ herauskam, erwarb ich auch dieses und schaffte es, zur „Five Miles Out-Tour“ in die Grugahalle zu gehen – mein erstes Konzert.

Dieses Album hat für mich also eine große Bedeutung. Trotzdem habe ich das Wiederhören nach vielen Jahren zunächst etwas hinausgezögert, weil ich das Vorgängeralbum „QE 2“ beim letzten Mal recht schwach fand. Ich mag es, wenn Oldfield instrumentalen, monumentalen Folk-Rock macht oder, wie auf „Platinum“, auch mal richtig rockt. Die Musik auf „QE 2“ (ein Album, das ich früher sehr geliebt hatte) empfand ich hingegen als harmlos, und der immer stärker werdende Einfluss von Synthesizern und Pop-Elementen gefiel mir nicht. Deshalb habe ich gezögert.

Nun höre ich nach langer Zeit „Taurus 2“ wieder. „Taurus 2“ beginnt überraschend rockig, mit Gitarren. Auch die folgenden Abschnitte, meist in schnellem Tempo gespielt, machen Spaß. Die Instrumentierung wechselt oft, klingt dabei aber stets wie aus einem Guss. So mag ich Mike Oldfield. Da ich zuletzt auch das Album „Amarok“ gehört hatte, erstaunt es mich, wie ähnlich die Musik dieser beiden Stücke ist. Ich frage mich daher wieder, warum Mike Oldfield meines Wissens nach kaum noch vergleichbare Musik nach „Amarok“ gemacht hat. Diese Mischung aus Rock und Folk, ob mit Band oder beinahe orchestraler Ausrichtung, ist genau der Grund, warum ich diese Musik so schätze. Stücke wie „Taurus 2“ sind ja auch nicht einfach einzelne Musikstücke, sondern vielmehr eine Sammlung musikalischer Ideen und Melodien – ein Musikpuzzle, das den Hörer abwechslungsreich über eine Laufzeit von fünfundzwanzig Minuten unterhält. In der zweiten Hälfte wird es zwar stellenweise etwas kitschig, fast im Stil von „QE 2“, doch das schmälert den Gesamteindruck nur zum Teil.

Eindeutig ist „Taurus 2“ also ein Stück, das mich auch heute noch über weite Teile begeistert.

Die zweite Plattenseite besteht aus vier einzelnen Liedern, darunter mit „Family Man“ und „Five Miles Out“ zwei Songs mit eindeutigem Pop-Charakter. Dieses Schema – ein langes Instrumentalstück und einige Songs, die sich als Singles verkaufen lassen – wird Oldfield auf den Folgealben zunächst beibehalten.

„Family Man“, gesungen von Maggie Reilly, besitzt ein gutes Rock-Feeling und wirkt deshalb noch überraschend frisch. Das amerikanische Duo Hall & Oates gelangte mit einer eigenen Version zu einem respektablen Charterfolg.

Darauf folgt das sanft komponierte Instrumentalstück „Orabidoo“, das mit Vocoder-Gesang und ausgedehnten Percussionpassagen wieder eher kitschig wirkt. Nur das später einsetzende Gitarrenspiel kann ich noch etwas genießen. Viel zu spät wird das Stück noch kurz etwas rockig und verbindet Klassik mit Rock – leider kann dies das Stück auch nicht mehr retten. Am Ende, als ich das Stück bereits für beendet hielt, folgt noch eine sehr sanfte Folkballade, die ein wenig an die frühe Kate Bush erinnert. „Mount Teide“ ist zwar ebenfalls etwas kitschig geraten, funktioniert für mich aber noch.

Das Titelstück und der Singlehit „Five Miles Out“ besitzt noch den Charme von Folk-Rock. So ganz ernst kann ich das Stück allerdings nicht mehr nehmen. Es ist eher ein Lied, das man in Bierlaune noch abfeiern kann. Die kurze Einlage mit Heavy-Metal-Gesang ist dabei schon sehr amüsant.

Insgesamt ist das doch ein Album, das vor allem nostalgische Begeisterung auslöst. Nur etwa die Hälfte der Laufzeit hat die Zeit wirklich gut überdauert. (675)

17.03.26

Bruce Springsteen – Tunnel of Love (1987)

Nach „Born in the USA“ und der monumentalen Livebox hatten die Hörer und das Label vielleicht mit einem weiteren Album voller Songs zum Feiern gerechnet. Doch der Boss macht sein eigenes Ding und bringt ein eher ruhiges Album zum Thema „Liebe“ heraus. Ich habe es lange nicht am Stück konzentriert gehört, sodass dies eher ein Neuentdecken als ein Wiederhören wird.

„Ain't Got You“ ist jedoch ein flotter Roots- und Blues-Song. Er zieht einen mit und wird fast allein von Springsteens Stimme getragen. Danach folgt ein Stück, das durchaus Single-Qualität besitzt – wenn auch im langsamen Tempo und als Liebeslied: „Tougher than the Rest“. Aus heutiger Sicht wirkt die Produktion des Songs fast etwas steril. Das ständig gleichbleibende Schlagzeug und die Keyboards sind hierfür vermutlich die Hauptursachen. Im Pop- und Rockbereich waren die späten Achtziger und frühen Neunziger Jahre, gerade bei bekannten Musikern, oft von eher harmlosen Produktionen geprägt – professionell im Hinblick auf Singles, aber ohne die Ecken und Kanten, die beispielsweise Blues-Platten üblicherweise auszeichnen. In dieser Zeit klangen viele große Stars ähnlich, egal ob Tina Turner oder Joe Cocker – man hatte fast den Eindruck, sie hätten dieselben Produzenten und dieselben Studiomusiker (zumindest kommt es mir heute so vor).

Mit etwas Rock ’n’ Roll gemixt macht das wieder Spaß: „All That Heaven Will Allow“.

Mit „Spare Parts“ wird es dann richtig rockig. Das Album ist also doch nicht so ruhig, wie man annehmen könnte. Neben „Ain't Got You“ ist „Spare Parts“ ein weiteres Highlight für Freunde des Rootsrock.

Die Country-Ballade „Cautious Man“ setzt einen schönen Kontrast.

Dass „Walk Like a Man“ nicht als Single ausgekoppelt wurde, bleibt ein Rätsel – dieser eingängige Song gehört für mich zu den besten der Platte, sehr schön und ein echter Klassiker; um Längen besser als „Tougher than the Rest“.

Ähnliches gilt für den Titelsong „Tunnel of Love“, der qualitativ problemlos mit den Hits von „Born in the USA“ mithalten kann. Ein sehr solider und guter amerikanischer Rocksong.

Gute Songs gibt es auf jeden Fall reichlich, denn auch „Two Faces“ bietet alles, was einen guten Springsteen-Song ausmacht.

Ebenfalls als ordentliche Single-Auskopplung eignet sich „Brilliant Disguise“ – purer Heartland-Rock.

Mein Lieblingsstück der Platte ist „One Step Up“ – einfach wunderschön.

Mit Country-Einschlag präsentiert sich die nächste Roots-Nummer „When You’re Alone“. Sehr schön auch das abschließende „Valentine’s Day“.

Insgesamt ist das ein sehr ordentliches und solides, typisch amerikanisches und meist sanftes Album mit einer ganzen Reihe guter Songs. Für mich ist es ein sehr gutes Bruce-Springsteen-Album. (674)

 

16.03.26

Emil Amos - Zone Black (2023)

Eigentlich veröffentlicht Emil Amos seine Musik unter dem Namen „Holy Sons“. Wikipedia bezeichnet seine Musik als Avantgarde. Außerdem ist er Mitglied der experimentellen Rockgruppe „Grails“.

Das erste Stück „Moving Taget“ erinnert fast an die Titelmusik einer Mystery- oder Gruselserie. Instrumental beginnt es etwas im Trip-Hop-Stil, entwickelt sich aber zu einem anspruchsvollen instrumentalen Stück. Keines der dreizehn Stücke ist besonders lang. Als Fan elektronischer instrumentaler Musik nimmt mich das zweite Stück „Theme from my personal Prison“ sehr gut mit. Da Amos nicht nur elektronische Klänge, sondern auch Gitarre und andere Instrumente verwendet, wirkt das Stück lebendig und eingängig. Es ist zugänglicher als das erste Albumstück und gleichzeitig ein Highlight.

Bei „Zone Black“ wird deutlich, dass Emil Amos die Stücke trotz ihrer relativen Kürze nicht nur als Lückenfüller konzipiert hat, denn in dem Stück passiert eine ganze Menge.

„Bad Night at Cowboy“ beginnt experimentell, verwandelt sich aber in ein ruhiges Ambient-Stück mit Beats. Da mittlerweile wohl jeder weiß, dass mich elektronische Musik mit endlos erscheinenden Stücken, in denen wenig passiert, eher langweilt, wird verständlich, warum ich mich über kurze, abwechslungsreiche Stücke freue. Ist die Geschichte oder Songidee erzählt, ist Schluss.

So genieße ich diese Stücke, die an Soundtrackmusik erinnern, aber auch eigenständig wirken. Besonders begeistert mich der Wechsel von Stimmung und Atmosphäre. Wer die Soundtrackmusik von John Carpenter zusammen mit aktueller elektronischer Musik hören möchte, ist bei Emil Amos genau richtig – ein gutes Beispiel ist „Red Palms“.

„Jealous Gods“ enthält sogar kurze Gesangspassagen, bei denen ich jedoch den Eindruck habe, dass sie für das Potenzial des Songs zu knapp geraten sind. Es wirkt wie eine Skizze eines leider unvollendet scheinenden Stücks.

Ganz anders das sehr gelungene „Interloper #1“, das mir besonders gefällt. Dieses Stück sollten sich Shoegaze- und Drone-Musiker unbedingt anhören, denn es zeigt, dass ein Song in der Kürze und mit eingängigen Melodien deutlich mehr Wirkung erzielen kann als manch andere Werke, die mir manchmal als Musik verkauft werden.

Die Miniaturen, die Emil Amos seinen Hörern bietet, sind oft viel mehr als bloße Skizzen. Die meisten sind bereits ausgefeilte Songs, zum Beispiel „Zone Bleu“. Das sind einfach gute Stücke. Ich hoffe, dass diese Musik noch von mehr Menschen entdeckt wird, denn als Geheimtipp sollte sie wirklich nicht gelten.

„Staic Mist“ ist sanfter Ambient, „Static Mist 2“ ähnlich, aber etwas düsterer. Das erinnert an Post-Rock-Bands wie Mogwai und Explosions in the Sky.

Treibend und an Industrial-Gothic-Musik erinnernd, aber sanft ausklingend, ist „Realistic #1“. Hier hört man, wie viele musikalische Elemente Emil Amos gekonnt zu einem Stück verbindet.

Zum Schluss gibt es wieder Ambient-Klänge mit „Blue Palms“.

Eine sehr gute Entdeckung. Wer Soundtrackmusik und instrumentale Stücke mag, die in Düsternis getaucht sind, wird von Emil Amos gut bedient. Wer die Musik von John Carpenter und Vangelis miteinander verbinden möchte, sollte unbedingt einmal hineinhören. Ein Tipp.

13.03.26

Pulp – More (2025)

Bisher war ich kein Fan von „Pulp“ – ihr Britpop nervte mich im Vergleich zu Blur oder Oasis doch immer ein wenig zu sehr. Da jedoch alle so voll des Lobes für das Comeback-Album sind, gebe ich der Band und der Platte nun eine Chance. 

Bei meiner Recherche zuvor war ich erstaunt, dass Pulp bereits seit 1983 Platten macht und wohl erst durch die Britpop-Welle in den 90ern größere Bekanntheit erlangte. Bekannt war mir natürlich, dass Jarvis Cocker das Mastermind der Band ist und ebenso bekannt sein dürfte wie Damon Albarn oder die Oasis-Brüder.

„Spike Island“ könnte man als zurückhaltenden Power-Pop mit einem Hauch Melancholie bezeichnen, der im Refrain aber auch Single-Potenzial entwickelt. Cockers Stimme klingt gereift. Ein wirklich guter Anfang.

Sehr gelungen ist auch das abwechslungsreich gestaltete „Tina“. Der Song erinnert stellenweise an die 70er Jahre und klingt teilweise nach David Bowie. Er ist hervorragend produziert und arrangiert, verzichtet auf jegliches Britpop-Klischee und ist einfach ein richtig guter Song.

Nach dem zuvor entdeckten und mich begeisternden neuen Album von „The Mountain Goats“ scheint mir, nachdem mich auch das dritte Stück „Grown Ups“ mitnimmt, dass dies ein weiteres Album ist, das ich noch sehr viel häufiger hören werde. Es ist genau wie bei den Mountain Goats zeitlos gute Musik, die zwar tief in der britischen Musik der frühen und späten 70er Jahre verwurzelt ist, was wohl auch daran liegt, dass mich Cockers Gesang, wenn er den Rockstar gibt, immer an Bob Geldof zu Zeiten der „Boomtown Rats“ erinnert. Aber diese Musik ist so gut, dass sie wirklich großen Spaß beim Hören macht.

Hinzu kommt, dass das Album auch abwechslungsreich ist. Mit „Slow Jam“ wird das Tempo zwar gedrosselt, die Qualität bleibt jedoch hoch. Der Song hat ein Pop-Song-Feeling mit einer ganz besonderen Note – vielleicht Brit-Soul.

Auch die Club-Ballade mit Orchester, „Farmers Market“, ist einfach nur gelungen.

Noch einmal zurückhaltender Power-Pop bei „My Sex“. Pulp gelingt es auf bemerkenswerte Weise, viele Elemente aus der Musik der 70er und 80er Jahre in die Gegenwart zu transportieren, ohne dass sich der Sound altbacken anfühlt. Gleichzeitig erinnern die Songs an die Musik jener Jahrzehnte.

Disco-Feeling kommt bei „Got to have Love“ auf.

Die etwas zurückhaltenderen Stücke wie „Background Noise“ besitzen zwar, wie auch einige andere Songs des Albums, eine Prise Chanson-Pathos, was aber gut zu den Titeln passt. Ich glaube, das etwas Überzogene bei früheren Pulp-Hits war genau das, was mich früher oft Abschreckte. Da ich wohl mit Jarvis Cocker gereift bin, mag ich das jetzt. Zum guten Pop gehört wohl auch ein Schuss Theatralik – nicht immer, aber durchaus.

„Partial Eclipse“ ist vom ersten Takt an zeitlos schön. Ebenso eine tolle Ballade ist „The Hymn of the North“ (mit Chilly Gonzales).

Das Album endet ruhig und charmant mit „A Sunset“.

Die Musik setzt ab und zu Theatralik und Pathos ein, übertreibt es mit diesem Comebackalbum jedoch nicht, sondern dosiert sie gekonnt. Insgesamt ist das eine kleine Zeitreise in eine Musikära, in der Musik noch unkompliziert und anspruchsvoll war und auf große Gefühle setzte. Im Grunde lässt sich das auch ganz einfach mit „gute Songs und gute Musik“ beschreiben. Und genau das ist es: ein sehr gutes Album mit großartigen Songs. (672)

10.03.26

The Mountain Goats – Through this fire across from Peter Barden (2025)

Das Album mit der Ouvertüre „Overture“ zu beginnen, ist eine gelungene Idee. Die Ouvertüre selbst beeindruckt und zeigt deutlich, dass sich „The Mountain Goats“ musikalisch weit über ihre einfachen Singer-Songwriter-Indie-Songs hinausentwickelt haben. Ihre Musik besteht nicht mehr nur aus Gitarre, Bass und Gesang, sondern erreicht auf diesem Album inzwischen ein Power-Pop-Format. Insgesamt ist das sehr gelungene Indie-Alternative-Singer-Songwriter-Musik, und „Fishing Boat“ funktioniert wie ein guter Lambchop-Song. Die Stimme von John Darnielle erinnert dabei auch an Kurt Wagner.

Die Songs erzählen eine zusammenhängende Geschichte über ein gekentertes Schiff, wobei der Erzähler der Kapitän ist. Besonders beeindruckt bin ich vom kraftvollen, fast schon orchestral wirkenden Gesamtsound des Songs. Den Stil bricht der nächste Titel „Cold as Night“, der als sehr gelungener Rocksong überzeugt. Mit „Dawn of Revelation“ wird dann einfach weitergerockt – auch das gefällt gut und wird im Verlauf der Platte sogar recht ungestüm.

Danach folgt wieder ein sanfterer Ton mit dem schönen Alt-Country-Folk-Song „Your Bandage“. Schon jetzt bin ich vom Album begeistert und freue mich, jetzt einmal ein ganzes Album von „The Mountain Goats“ in Ruhe anhören zu können. Einige Songs der Band hatte ich bereits in meiner Playlist, doch zum wirklich konzentrierten Hören eines Albums bin ich bisher nicht gekommen. Wenn ich jetzt noch den gesamten Backkatalog der Band anhöre, wartet eine Menge Musik auf mich.

Der Song „Peru“ ist einfach wunderschön. Ein ganz toller Titel, der mich mit seiner Leichtigkeit sofort einnimmt – kein Indie, kein Rock, einfach ein fantastischer Song. Auch „Through the Fire“ höre ich sehr gerne, und meine Begeisterung für das Album wächst stetig. Das ist Musik, die mir wirklich gefällt.

Sehr schön und fast „süß“ ist „Rocks in my Pockets“. Es folgt ein guter Song auf den anderen. Bei „Armies of the Lord“ bin ich wirklich betört von der wundervollen Musik. Diese Songs sind von außergewöhnlicher Qualität, ohne dabei aufdringlich zu wirken – gute Songs bedeuten einfach gute Musik.

So sanft, so gut, total schöne Musik bietet auch „Your Glow“.

Wer „Lambchop“ mag, wird auch „The Lady from Shanghai 2“ schätzen. Am Ende des Albums gibt es dann noch einmal einen sehr rockigen Titel: „Broken to Begin With“.

Ein super Album!

06.03.26

Bigbang – Frontside Rock´n´Roll (2002)

Bigbang ist die Band von Øystein Greni (Gitarrist, Sänger, Songschreiber) und wird als die beste Liveband Norwegens bezeichnet. „Radio Radio TV Sleep“ ist das meistverkaufte Live-Album, das jemals in Norwegen veröffentlicht wurde. In Deutschland sind Bigbang weitgehend unbekannt und ihre Veröffentlichungen auf physischen Musikträgern nur schwer zu bekommen. Downloads sind hier einfacher zugänglich. Außerdem gibt es noch eine koreanische Band mit dem gleichen Namen, und dass sich die Band manchmal „Bigbang“ und dann wieder „Big Bang“ schreibt, macht die Suche nicht leichter. Deshalb besitze ich auch eine CD der koreanischen Band mit demselben Namen (zum Glück machen sie keine schlechte Musik). Bigbang spielen Rockmusik.

Wie gut einfache Rockmusik sein kann – selbst im klassischen Sound gespielt – beweisen Bigbang direkt mit „One of a Kind“. Es klingt fast so, als ob jemand den klassischen Motown-Records-Sound auf Rock statt auf Soul anwendet. Neo-Rock, aber richtig gut gemacht.

Ein treibender Orgel- und Bass-Sound treibt „Fire and Oil“ gnadenlos voran, während der Gesang an The Doors erinnert. Trotzdem klingt der Song nicht „alt“. Ich glaube, mit diesem Stück können auch Fans von Motorpsycho und Psychrock allgemein etwas anfangen. Ein Freund bezeichnete die Musik von Bigbang einfach als „Stromgitarrenmusik“.

Herausragenden Garagen-Rock bietet „Heaven and Stars above“. Die Band um Øystein Greni sind wirklich grandiose Rockmusiker und hätten es verdient, auch über die heimischen Landesgrenzen hinaus bekannt zu sein. Doch manche Bands, die ich als „grandios“ bezeichne, bleiben eher unentdeckt. Warum das so ist, wird mir nie verständlich sein, denn gute Musik müsste sich eigentlich immer durchsetzen können.

„Spiritual Heart Surgery“ bringt ein wenig Folkrock in den Mix der Platte. Wer guten Rock der 70er Jahre liebt, wird dieses Album einfach lieben müssen. Bigbang bringen diesen Sound mit neuen, guten Songs zurück und beweisen, wie zeitlos diese Musik ist.

Wüstenrock hört man bei „Liquid Gold“. Zu Anfang ist der Song eher ruhig und baut damit eine spannende Atmosphäre auf, ähnlich wie bei „Mercedes“.

Mit Chorgesang am Anfang beginnt „Where the World Comes to an End“. Doch sobald der Chor verstummt, wird wieder richtig gerockt.

Sehr schön und mit Soul- und Blues-Feeling präsentiert sich „Earphones“. Mit Akustikgitarre und sanfterem Klang ist „The Elephant Man“ ein Song für Dylan- und Young-Fans.

Das versteckte Titelstück „Frontside Rock’n’Roll“ setzt nochmals stark auf Atmosphäre und ist ein sehr guter Song.

Wer seinen Rockklassisch, fast schnörkellos und ohne Alternative- oder Metal-Anklänge liebt, sondern gradlinig und sehr gut gespielt – also einfach „rockend“ – mag, macht mit Bigbang nichts falsch. Dieser Rock funktioniert immer. (670)

04.03.26

Sly & Robbie – Rythem Killer (1987)

Ich kenne kaum ein vergleichbar gutes Album aus den 80er Jahren, das mit Funk, Rap, Rock und elektronischen Beats so abwechslungsreich umgeht und mich von der ersten bis zur siebenunddreißigsten Minute mit diesem unglaublichen Mix und der hervorragenden Produktion von Bill Laswell begeistert. Drei Songs pro Plattenseite, die meist ineinander übergehen. Sechsunddreißig Minuten einfach nur Musik, die einen mitreißt. Zwar habe ich es lange nicht gehört, doch in meiner Erinnerung zählt es zu den besten Platten der zweiten Hälfte der 80er Jahre. Ähnliches habe ich in diesem Bereich „Funk & Reggae“ leider seitdem nicht mehr gefunden (wobei mein Wissen in diesen Genres eher begrenzt ist). Wer etwas Vergleichbares kennt, kann sich gerne melden.

Mal sehen, ob dieses Album die Zeit ebenso gut überdauert hat und ob es wirklich so gut ist, wie ich es in Erinnerung habe.

Als Musiker sind Sly & Robbie eigentlich Bassisten und Schlagzeuger, Komponisten und Produzenten. Als Sänger haben sie Bootsy Collins und vier weitere Sänger auf dem Album mitwirken lassen. Darüber hinaus wurden sie bei den Aufnahmen von insgesamt neun weiteren Musikern sowie Bill Laswells Band „Material“ unterstützt.

Spaß macht direkt der Song „Fire“. So wie in diesem Stück macht Funkrock einfach noch einmal richtig Freude. Die Produktion ist großartig, der Sound und der Schwung übertragen sich sofort auf mich als Hörer. Wäre „Funk“ immer so gut, wäre ich sicher ein größerer Fan dieses Genres. Auch „Let’s Rock“ zieht mich mit seinem Schwung in den Bann. Dabei handelt es sich nicht nur um reine Funk-Musik, sondern um einen unwiderstehlichen Mix aus Funk, Rock und Pop. Von den Soundideen, dem Klang des Schlagzeugs, den Streichern bis hin zu den Stimmungswechseln – da passt alles zusammen, und es begeistert mich auch jetzt wieder. Perfekte Crossover-Musik.

Auch für Fans von Dub, Rap und elektronischen Tanzbeats ist das Album sicherlich empfehlenswert. Der Ideenreichtum der Produzenten und Komponisten sowie das Können der Musiker sind schlicht überragend. „Yes We Can Can“ haut mich einfach wieder völlig um – großartig.

Der Dub- und Reggae-Charakter, für den Sly & Robbie eigentlich bekannt sind, tritt am stärksten im Titelstück „Rhythem Killer“ hervor. Die zweite Hälfte des Songs und der Übergang zu „Bank Job“ beeindrucken mich ebenfalls sehr. Ich bin wieder total verliebt in diese Platte – es macht einfach großen Spaß.

Ich sollte mich tatsächlich noch intensiver mit Bootsy Collins, James Brown und Co. beschäftigen. Mit George Clinton hatte ich es damals in den späten 80ern schon einmal versucht, doch da sprang der Funke nicht über. Das „Mother’s Milk“-Album der Red Hot Chili Peppers mag ich auch nicht so richtig; erst mit dem nächsten Album sprang der Funke bei mir über. Von Bill Laswells Band „Material“ besitze ich hingegen zwei Alben.

Das Album wird niemals langweilig, weil die Musik stets genügend Abwechslung bietet. Das zeigt auch „Boops (Here to Go)“, das zudem ein kleiner Single-Hit war. Der Song ist sehr verspielt und zeigt einen verstärkten Einsatz von Rap und Dub.

Ein großartiges und wirklich einzigartiges Album. Es zeigt, dass man den Sound der Tanzflächen der 70er und 80er Jahre überwältigend, abwechslungsreich und ohne Langeweile auf Albumlänge bringen kann. So gemacht wäre sicherlich der eine oder andere „Extended Mix“ auch heute noch sehr gut zu hören.(669)

03.03.26

Sam Brown – Stop! (1988)

Pop, Blues, anspruchsvoller Rock, Soul und Jazz – all das sind Musikrichtungen, in denen sich die stimmgewaltige Engländerin Sam Brown bewegt. Die meisten Hörer kennen sie als One-Hit-Wonder mit dem Titeltrack dieser CD beziehungsweise LP namens „Stop!“ und erkennen diesen auch schnell wieder. Noch weniger sind mit dem großartigen zweiten Album der Sängerin vertraut, das ich viel häufiger gehört habe als ihr Debüt – doch nun möchte ich es nach langer Zeit auch mal wieder komplett anhören.

Mit dem einfachen Rocksong „Walking Back to You“ beginnt das Album ziemlich flott, und ich finde, der Sound des Albums ist sehr gut gealtert beziehungsweise kaum gealtert. Mit diesem Song beweist Sam Brown, dass sie mit ihrer Stimme als Rockröhre durchaus eine starke Figur macht.

Musikalisch wird das Album mit dem zweiten Stück „Your Love Is All“ interessanter, denn dieser beachtliche Song bietet anspruchsvollen, atmosphärischen und dichten Rock. Damit spielt sich Sam Brown in eine andere Liga.

Der Hit „Stop!“ verbindet Rock mit Blues und Soul, und auch dafür ist Sam Browns Stimme einfach prädestiniert. So wurde sie zum One-Hit-Wonder.

Etwas ungewöhnlicher arrangiert und deshalb sehr gut gealtert – hier zeigt sich, wie anspruchsvoll und jenseits des üblichen Pop manche Songs funktionieren: „It Makes Me Wonder“. Leider sind mir diese Stücke zuvor anscheinend nicht aufgefallen oder zu kurz im Gedächtnis geblieben. Daher ist das jetzt eine sehr schöne Wiederentdeckung.

Bei „This Feeling“ ist sogar David Gilmour an der Gitarre zu hören. Der Song ist sehr guter Singer/Songwriter-Rock und hat zudem einen leicht folkigen Einschlag – auch das sehr gelungen.

„Tea“ ist nur ein kurzes Zwischenspiel, aber ein sehr amüsantes.

Und wirklich außergewöhnlich gut, von Anfang bis Ende, ist das etwas jazzige „Piece of My Luck“. Die Musik erinnert auch an die Alben von Sting, die dieser zur selben Zeit (späte 80er) veröffentlichte – und die ich ebenfalls sehr schätze.

Blues-Rock findet sich bei „Ball and Chain“. Immer wenn Produktion und Songs mehr bieten als gewöhnlichen Pop oder Rock, entwickeln die Stücke des Albums eine eigene Qualität. So auch bei dem mit Synthesizer versehenen Rockstück „Wrap Me Up“. Es klingt zwar sehr nach den 80er-Jahren, macht aber richtig viel Spaß beim Hören.

Der atmosphärische, melancholische Lovesong „I’ll Be in Love“ ist Art-Rock und erinnert an Kate Bush’ „Merry Go Round“. Gefällt mir sehr gut.

Die Vinyl-Ausgabe endet mit dem sanfteren Poprock-Song „Sometimes“.

Die CD-Bonustracks beginnen mit der Marvin-Gaye-Nummer „Can I Get a Witness“. Das ist allerdings eine einfache, viel zu oft gehörte Blues-Rock-Pop-Nummer, die langweilt. Offenbar wollte das Plattenlabel sicherstellen, dass sie, falls die Album-Tracks als Single nicht taugen, noch einen weiteren Track als Single parat hätten. Der Song passt jedoch überhaupt nicht zu den zuvor gespielten Stücken und ist daher richtig ärgerlich. Er wurde von meiner Playlist sofort gelöscht. „High as a Kite“ ist zwar eine Eigenkomposition, wurde aber auf einen charttauglichen Popsong getrimmt und fällt ebenfalls negativ auf. Als Abschluss versucht sich Sam Brown noch an „Nutbush City Limits“ von Ike & Tina Turner. Da sie dem Original sehr treu bleibt, geht das in Ordnung – allerdings hat der Song so gar nichts mit den Stücken des eigentlichen Albums zu tun und ist deshalb keine Bereicherung.

Eine tolle Wiederentdeckung: Bis auf das rockige „Walking Back to You“ und das Blues-Rock-Stück „Ball and Chain“ präsentiert Sam Brown ein außergewöhnliches Debütalbum, auf dem der Überhit „Stop!“ nicht einmal der beste Song ist. Auch an den folgenden Alben bin ich jetzt wirklich interessiert. (668)

02.03.26

Neu! - Neu! (1972)

Sowohl für die elektronische Musik als auch für den Krautrock ist dies zweifellos ein früher Meilenstein. Das liegt vor allem am ersten Stück „Hallogallo“, weil es viele Elemente enthält, die elektronische und instrumentale Rockmusik ausmachen. Das gleichmäßige Gitarrenspiel wirkt wie ein Sequenzer, und die darübergelegten Klänge, die an Synthesizer erinnern, schmiegen sich an die Musik und verleihen dem Song einen sehr elektronischen Charakter. Durch die Gitarre besitzt der Song jedoch einen kräftigen Drive und zieht einen mit. „Hallogallo“ nimmt mich jedes Mal mit.

„Neu!“ bestand hauptsächlich aus Klaus Dinger und Michael Rother, die gerade „Kraftwerk“ verlassen hatten und schnell gemeinsam neue Musik aufnahmen. Die Aufnahmen zu diesem ersten „Neu!“-Album entstanden an vier Tagen in einem Studio in Hamburg und wurden von Conny Plank produziert.

Für den elektronischen Klang der Stücke des Albums sind vermutlich auch rückwärts abgespielte Tonspuren und der Einsatz des sogenannten „Echoplex“ verantwortlich.

Laut Wikipedia wurde kein Synthesizer verwendet, sondern Gitarren, Bass und ein Instrument namens „Taishogoto“ (japanisches Banjo), das Dinger ins Studio brachte und die produktive Phase der Studioarbeit einleitete. Elektronische Musik ist das natürlich auch, weil mit den E-Gitarren und dem E-Bass verstärkte und veränderte Gitarrentöne gespielt und zu hören sind. Es muss ja nicht immer alles von Tasteninstrumenten oder frühen Computern stammen. Gerade bei Michael Rother und Manuel Göttsching sind diese Instrumente häufig die Grundlage ihrer oft als „elektronisch“ bezeichneten Musik.

„Sonderangebot“ ist recht experimentell und ein kurzes Zwischenspiel. Das längere Stück „Weissensee“ behält die anfängliche Experimentierfreude bei, entwickelt sich dann jedoch zu einer gemächlichen instrumentalen Rocknummer, die an Pink Floyd erinnert.

Seite zwei beginnt mit „Im Glück“, das sehr ruhig ist und auch als Ambient-Musik bezeichnet werden könnte.

Erst mit „Negativland“ erhält die Platte eine Art zweiten Schub. Auch dieses Stück startet experimentell, doch schnell setzt ein ruhiger Rockrhythmus ein, der, ähnlich wie bei „Hallogallo“, mit Effekten verziert wird. Es ist aber vor allem der Rockrhythmus, der trotz seiner Gleichmäßigkeit so fesselt, dass man ihn über die längere Distanz bis zum Ende gerne akzeptiert. In der Mitte kommt der Song fast zum Erliegen, nimmt dann jedoch wieder Fahrt auf, und kurz vor Schluss wird das Tempo sogar noch einmal erhöht. Beim Klang erinnert die Band hier eher an Krautrock-Kollegen wie „Can“ als an frühe elektronische Musik.

Abschließend folgt mit „Lieber Honig“ eine Art Einschlaflied, das durch Klaus Dingers ungewöhnlichen Gesang auffällt. Am Ende verwandelt sich das Stück in eine Geräuschsammlung.

Fazit: Natürlich ist der Sound von „Hallogallo“ und „Negativland“ nach wie vor aktuell, sodass man das Album als visionär ansehen kann. Klaus Dinger und Michael Rother haben sich mit diesem Werk einen festen Platz in der Geschichte des Krautrock und der elektronischen Musik gesichert. Allerdings überzeugt mich der Rest des Albums nicht ausreichend, um es als Meisterwerk zu bezeichnen. 667

27.02.26

Nina Simone – The Amazing Nina Simone (1959)

Nina Simone, eine Sängerin wie keine andere – eine Legende, deren Songs zeitlos und immer gültig sind.

Das zweite Album erschien im gleichen Jahr wie ihr Debüt, das noch bei einem anderen Plattenlabel veröffentlicht worden war. Enttäuscht von der fehlenden Unterstützung wechselte Nina Simone zu „Colpix“.

Bereits mit „Blue Prelude“ und der wunderbaren Jazz-Stimmung zeigt ihr genialer Gesang, warum sie zu den besten Sängerinnen im Jazz und überhaupt zählt. Vom ersten bis zum letzten Ton ist das einfach großes Kino, ein Ereignis, das an eine James-Bond-Titelmusik erinnert.

Gospel und Soul präsentiert sie schwungvoll und großartig in „Children Go Where I Send You“. Dieses Lied nimmt mich mit seiner Lebendigkeit regelrecht mit.

Die Ballade „Tomorrow (We Will Meet Once Again)“ ist sehr ernsthaft und melodramatisch vorgetragen. Damit nimmt sie dem Album zwar etwas von der Leichtigkeit, sorgt aber für eine erfrischende Abwechslung.

Der beschwingte „Stompin’ at the Savoy“ und die Orchesterbegleitung verleihen dem Album und dem Stück den Charakter von Filmmusik. In den Arrangements erinnert es stark an Hollywoodfilme aus den 40er bis 60er Jahren.

Sehr fein und lieblich klingt „It Might As Well Be Spring“ – Musik, die man sich gut für eine leichte Komödie vorstellen kann. Bei „You’ve Been Gone Too Long“ verbinden sich Blues und Orchester-Arrangement. Durch die häufigen Stimmungswechsel bleibt das Album abwechslungsreich, doch bilden die Songs keine geschlossene Einheit. Vielmehr wirken sie wie ein Sammelsurium, eine Art Best-of, das den Hörer beeindrucken will. Das gelingt zwar, doch besonders bei den Jazz-Balladen zeigt sich, wie großartig und beeindruckend Nina Simone mit ihrer Stimme ist. Neben „Blue Prelude“ und „Children Go Where I Send You“ ist „That’s Him Over There“ ein weiteres echtes Highlight der Platte.

„Chilly Winds Don’t Blow“ zerstört mit seinem schwungvollen Gospel, der fast Rock-’n’-Roll-Feeling vermittelt, etwas die vorher entstandene Stimmung. Hier gibt es deshalb trotz der musikalischen Klasse einen Abzug in der Songauswahl. Dies liegt auch an der Zeit, denn damals wurden vor allem Singles produziert, und eine Platte war meist nur eine Zusammenstellung einzelner Songs.

Die sanften Stücke beeindrucken allesamt, wie etwa das „Theme from Middle of the Night“.

Mit „Can’t Get Out of This Mood“ swingt es wieder. Meist folgt nach einem schwungvollen Stück jedoch ein ruhigeres, so ist auch „Willow Weep for Me“ eher elegant als schwungvoll.

Das letzte Stück „Solitaire“ ist eine beeindruckende Jazz-Ballade.

Am Ende bleibt man trotz einiger Schwächen in der Songauswahl beeindruckt von Nina Simone, weil sie schon auf ihren ersten Platten zeigt, wie großartig sie ist. - 666

26.02.26

Jackson Brown – World in Motion (1989)

Ich besitze das Album schon lange, vermutlich seit seinem Erscheinen, und mochte es immer sehr gerne. Dennoch habe ich mich nie wirklich mit dem wohl bekannteren Frühwerk von Jackson Browne beschäftigt, noch mit seinen späteren Alben. Auch dieses Album habe ich lange Zeit nicht gehört, sodass ich den Künstler Jackson Browne nun sozusagen neu für mich entdecke.

Das Album wurde über einen Zeitraum von drei Jahren produziert. Im Studio wirkten zahlreiche Gastmusiker mit, darunter Sly & Robbie, Salif Keita, David Lindley, Bonnie Raitt und der Singer-Songwriter-Kollege David Crosby.

Was beim Titelstück „World in Motion“ sofort auffällt, ist, dass das Album ein gutes Rock-Feeling vermittelt und nicht nach den typischen L.A.-Singer-Songwriter-Alben der 70er Jahre klingt. Vom Sound her erinnert es eher an Billy Joels „Stormfront“-Album. Gerade dieses Rock-Feeling gefällt mir sehr, weil es mehr bietet als viele andere Pop-Rock-Alben der späten 80er Jahre. Der Song klingt dabei recht zeitlos.

„Enough of the Night“ liebe ich seit jeher beim Hören. Der Song hat einfach diese wunderbare Leichtigkeit des Pop-Rock-Genres, die mich bis heute begeistert.

Viele Fans und Kritiker mochten die eher politischen Texte des Albums nicht – es war schließlich das dritte Album in Folge mit einem solchen Schwerpunkt. Für mich ist das jedoch völlig unproblematisch, denn ich schätze es, wenn Musiker sich politisch äußern und Haltung zeigen.

Auch das Wiederhören des Songs „Chasing You into the Light“ mit seiner mitreißenden Melodie macht wieder großen Spaß. Es wird deutlich, warum ich das Album immer gemocht habe: Es sind einfach gute Songs.

Der sanfte Titel „How Long“ erinnert mich an die Musik von Bruce Cockburn und funktioniert nach all der Zeit immer noch sehr gut. Da ich Bruce Cockburn etwa zur selben Zeit wie dieses Jackson-Browne-Album hörte, passten die beiden Musiker für mich immer gut zusammen.

Wie bereits erwähnt, mag ich den Sound des Albums sehr. Jackson Browne und sein Produzent Scott Thurston haben ihn wirklich hervorragend umgesetzt. Scott Thurston war Mitglied bei den Stooges und bei Tom Petty & The Heartbreakers.

Der politische Reggae-Song „When the Stone Begins to Turn“ verdankt seinen Stil sicherlich auch der Mitwirkung von Sly & Robbie. In dem Song wird der Freiheitskampf der Afrikaner gewürdigt, sei es in Amerika, Südafrika oder anderswo. Hauptsächlich ist es ein Lied gegen die Apartheid.

Bei „The Word Justice“ vermischt sich Funk mit Rock. So präsentiert sich das Album auch klanglich vielfältig, was das Durchhören abwechslungsreich und spannend macht, anstatt dass sich ein gleich klingender Song an den nächsten reiht.

Der Singer-Songwriter-Song „My Personal Revenge“ kommt fast ganz ohne Rock aus. Dabei handelt es sich um eine englischsprachige Coverversion eines Songs von Thomas Borge, Luis Enrique und Mejia Gody.

Der wunderbare Song „I Am a Patriot“ stammt von Little Steven. Diesen Song sollten sich viele Amerikaner heute einmal anhören und über den aktuellen Zustand ihres Landes nachdenken.

Mit „Lights & Virtues“ endet das Album sanft mit einem Lied, das dem typischen L.A.-Singer-Songwriter-Rock-Sound entspricht – ein ganz klassischer Jackson-Browne-Song, der ebenfalls sehr gut gelungen ist.

Ein tolles Album, dessen Songs ich hoffentlich bald wieder öfter hören werde.

„Tomorrow (We Will Meet Once Again)“ ist eine sehr ernsthafte, melodramatisch vorgetragene Ballade. Sie bremst den Schwung des Albums etwas, sorgt aber dafür, dass das Album insgesamt abwechslungsreich wirkt.

Der beschwingte Titel „Stompin’ at the Savoy“ mit seiner Orchesterbegleitung lässt das Album und das Stück wie Filmmusik erscheinen. Das Arrangement erinnert stark an Hollywoodfilme aus den 40er bis 60er Jahren.

Sehr fein und lieblich klingt „It Might as Well Be Spring“, Musik wie für eine leichte Komödie. Bei „You’ve Been Gone Too Long“ treffen Blues und Orchesterarrangement aufeinander. Durch die häufigen Stimmungswechsel bleibt das Album erfreulich abwechslungsreich, doch bilden die Songs keine Einheit. Vielmehr wirken sie wie eine Sammlung einzelner Stücke, ein Best-of, das den Hörer beeindrucken soll. Das funktioniert zwar, doch gerade bei den Jazz-Balladen wird besonders deutlich, wie großartig und beeindruckend Nina Simone mit ihrem Gesang ist. Neben „Blue Prelude“ und „Children Go Where I Send You“ ist sicher auch „That’s Him Over There“ ein echtes Highlight der Platte.

Der Song „Chilly Winds Don’t Blow“ zerstört mit seinem schwungvollen, fast rock’n’rollig gespielten Gospel-Feeling die zuvor aufgebaute Stimmung etwas. Dafür ziehe ich bei aller musikalischen Klasse einen Abzug in der Songauswahl. Das liegt allerdings auch an der Entstehungszeit: Damals wurden hauptsächlich Singles produziert, und eine Platte stellte oft nur eine Zusammenstellung dieses Singlematerials dar.

Die sanften Stücke sind durchweg beeindruckend, so etwa das „Theme from Middle of the Night“.

„Can’t Get Out of This Mood“ swingt wieder. Meist folgt auf ein schwungvolles Stück ein ruhigeres, so ist „Willow Weep for Me“ eher elegant als lebhaft.

Das letzte Stück, „Solitaire“, ist eine eindrucksvolle Jazz-Ballade.

Am Ende ist man trotz der Schwächen in der Songauswahl von Nina Simone weiterhin beeindruckt, weil sie schon auf ihren ersten Platten zeigt, wie großartig sie ist. (665)

22.02.26

Blof – Pickering Sessies (als Teil von „Oktober – April – Pickering Sessies – 3 Vinyl-Set, 2023)

In den Pickering Studios haben Blof die Alben „Oktober“ und „April“ aufgenommen. Zur Wiederveröffentlichung beider Alben auf Vinyl gab es außerdem noch die „Pickering Sessies“ als drittes Vinyl dazu.

Da sich auf „Oktober“ und „April“ eher schöner, akustischer Kuschelrock findet, überraschen das fast schon rockige „Vandaag“ und die Alternativfassung von „Midzommernacht“ mit ihrem schnelleren Tempo. Vielleicht war dies auch der Grund, weshalb diese Songs nicht auf den beiden Alben veröffentlicht wurden. Beide Stücke machen viel Spaß, und sicherlich können hier auch BAP-Fans zu Blof-Fans werden.

Sehr schön ist auch „Slapen Droemen Zweten“ – eine ganz feine Nummer, von der ich einfach nicht genug bekomme. Genauso fein und schön ist „Tidjbom“; dieses Lied passt ebenso wunderbar zu den Songs auf „Oktober“ und „April“. Das gilt auch für „Liefde & Drank“.

„Van veraf was het zo mooi“ ist ebenfalls in der alternativen Fassung einfach wunderschön. Ich liebe aber auch die Stimme von Paskal Jacobson (das wiederhole ich gerne), die bei dieser Version besonders gut zur Geltung kommt. Blof bietet auf den im Pickering House entstandenen Alben einfach ganz tollen Kuschelrock, der den Hörenden sehr gefällt. Ich mag das alles und verliebe mich mit jedem neuen Album, das ich von der Band höre, mehr in sie – obwohl ich noch nicht einmal die Hälfte der bisher erschienenen Platten kenne. Ich freue mich daher auf alles, was ich da noch zu hören bekomme. Alles ist „so mooi“ (ich weiß, ich wiederhole mich), auch „Vraag me niet“.

Mit Seemannsklavier, aber nicht kitschig, sondern schön: „Vaarwel Lieveling“.

Der größte Unterschied dieser Songs im Vergleich zu denen auf den Alben „Oktober“ und „April“ ist, dass hier Kompositionen von teils anderen Musikern von Blof gespielt werden. Das stört aber nicht, weil es einfach zur Musik der Band passt.

Kuschelig, sehr folkig und weihnachtlich präsentiert sich „Feest“.

Dieses Dreier-Set ist einfach nur zu empfehlen – drei Vinyls voller großartiger Musik. Ich bin da wirklich ein großer Fan.(664)

12.02.26

Tangerine Dream – Phaedra (1974)

Das erste Album von Tangerine Dream, das bei Virgin erschien und in England aufgenommen wurde. Das titelgebende Stück „Phaedra“, das die gesamte Plattenseite füllt, führt mit seinen kosmischen Sound- und Klangexperimenten durch einen weiten Kosmos und regt – wie meist bei den Alben von Schulze und Tangerine Dream – dazu an, beim Hören einfach das Kopfkino mitlaufen zu lassen. Durch die teils spannenden Sequenzer-Parts wurde dieses Album zu einem Meilenstein der frühen elektronischen Musik. Bei seinem Erscheinen in England entwickelte es sich durch Mund-zu-Mund-Propaganda zum Verkaufsschlager, während es sich in der Heimat von Edgar Froese, Peter Baumann und Christopher Franke eher schlecht verkaufte (nur 6000 Exemplare gingen über die Ladentheke).

Das Album ist nicht einfach zugänglich. Wären da nicht die wenigen Sequenzer-Parts, wäre es eher ein vorbeirauschendes Ambient- beziehungsweise Drone-Album mit experimentellen Klängen. Deshalb wird das Album auch von mir in Zukunft nicht sehr oft gehört werden. Als jemand, der sich gerade verstärkt für die Anfänge der elektronischen Musik interessiert, sollte man es jedoch wenigstens einmal im Leben gehört haben – so wie es auch im Buch „Alben, die Du einmal gehört haben solltest, bevor Du stirbst“ empfohlen wird.

Seite 2 beginnt mit dem Titel „Mysterious Semblance at the Strand of Nightmares“, klingt aber anfänglich gar nicht so alptraumhaft, sondern eher wie ein Spaziergang am Strand eines fremden Meeres. Die Orgel klingt dazu sogar eher sakral, wie wärmende Kirchenmusik. Alptraumhaft ist an dem Stück wenig, und es ist sogar zugänglicher geraten als das lange Titelstück. Es klingt zudem verwandt mit den Alben „Oxygene“ und „Equinoxe“ von Jean-Michel Jarre.

Wenn man diese Musik hört, wird auch klar, warum sie als „kosmische Musik“ bezeichnet wird. Sich im Planetarium die Sterne vorbeiziehen zu sehen, passt dazu sehr gut.

Bei den Aufnahmen kamen folgende Instrumente zum Einsatz: Mellotron, Gitarre, Bass, VCS 3 Synthesizer, Orgel, Moog Synthesizer und ein Recorder.

Die anfänglichen Klänge bei „Movements of a Visionary“ klingen deutlich alptraumhafter als beim „Strand of Nightmares“. Ein Rhythmus tritt hier erst nach etwa zwei Minuten zu den Geräuschen hinzu. Daraus entwickelt sich das eigentlich stärkste Stück mit Synthesizer-Musik auf der Platte. So klingt für mich Tangerine Dream. Hier hat das Trio seinen charakteristischen Sound gefunden, weshalb dieses Stück auch als visionär bezeichnet werden kann.

„Sequent C“ ist ein kurzes Ambient-Stück am Ende der Platte.

Ein Meilenstein der elektronischen Musik? Vielleicht. Mich beeindruckt davon vor allem „Movements of a Visionary“, das schon ein Platz auf meiner Playlist verdient hätte. Den Rest habe ich jetzt gehört, das reicht für mich – so ging es mir ja auch mit den frühen Platten von Klaus Schulze.(663)

11.02.26

Tocotronic – Kapitulation (2007)

Ich starte einen neuen Versuch, mich mehr mit Tocotronic anzufreunden. Bisher mochte ich zwar deren frühe Hits „Let there be Rock“ und „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“, doch ansonsten konnten mich weder die Songs der Band noch ein miterlebter Liveauftritt wirklich begeistern. Zuletzt gefiel mir jedoch auch der Song „Hier ist der Beweis“ vom Album „Tocotronic“. Die letztes Jahr erschienene Single „Bleib am Leben“ höre ich im Radio außerdem immer gern, wenn sie gespielt wird. Also habe ich diese CD gekauft und vielleicht wächst meine Begeisterung für die Band ja noch.

Guter Indie-Rock ist das etwas melancholisch gehaltene „Mein Ruin“, das ähnlich wie „Hier ist der Beweis“ klingt. Das gefällt mir. Als ruhige Indie-Rocker der Hamburger Schule mag ich Tocotronic dann doch ganz gern.

Indie trifft auf Rock ’n’ Roll – ein ganz schöner Mix. „Kapitulation“ mag ich wirklich gern. Wahrscheinlich werde ich tatsächlich noch ein richtiger Tocotronic-Fan.

Alternative-Rock im Tocotronic-Stil bietet „Aus meiner Festung“ – musikalisch schön mit Schrammelgitarre, aber den Gesang von Dirk von Lowtzow finde ich hier nicht so gelungen.

Schwungvoller Indierock ist „Verschwor Dich gegen Dich“, das trifft eher meinen Geschmack. Atmosphärisches Geschrammel liefert „Wir sind viele“ – fast schon eine Post-Punk-Nummer.

„Harmonie ist eine Strategie“ zeigt, dass Musik und Textpoesie bei Tocotronic eng miteinander verbunden sind. Lowtzow könnte sicher auch als Poetry-Slammer Karriere machen, doch seine Texte sind zum Glück weniger verklärte Liebesprosa wie bei Jochen Distelmeyer, sondern eher Rocksong-Poesie.

Auch schöner Indierock ist „Imitationen“, ein melancholisches, rockiges Liebeslied ist „Wehrlos“.

Rocksong und in der Art des Gesangs etwas gewöhnungsbedürftig ist „Dein geheimer Name“, doch vom Instrumentenspiel her ist der Song richtig gut.

Punkrock versucht Tocotronic ebenfalls, doch „Sag alles ab“ ist der zweite Song auf der Platte, der für mich nicht funktioniert.

Schön schräg gespielt und wieder sanft gesungen ist „Luft“, und so gefallen mir Tocotronic dann wieder richtig gut.

Zum Schluss: „Explosion“.

Ein gutes Album. Damit bin ich jetzt auch erstmal Fan von Tocotronic. Es hat eine Weile gedauert mit mir und der Band, doch am Ende ist doch noch Fanliebe daraus geworden. Zwar mag ich nicht alles von der Band, aber welche Band gefällt mir schon uneingeschränkt? (662)

09.02.26

BLØF – April (2009)

Bei der gleichen Session im Pickering House in Irland, bei der auch die Aufnahmen für das Album „Oktober“ entstanden sind, wurden auch die Songs für das Album „April“ aufgenommen. Dabei wurden alle Stücke wieder „live“ und ohne weitere Bearbeitung eingespielt und veröffentlicht.

Der ruhige akustische Stil von „Oktober“ setzt sich direkt mit dem ersten Song „Aan Iedereen Die Wacht“ fort – wieder eine sehr schöne Nummer. Und ich glaube, genauso wie mich „Oktober“ schon mit seinen sanften Folk-Pop-Balladen begeistert hat, wird auch „April“ mich wieder begeistern.

Ebenfalls sehr liebenswert und einfach hinreißend in seiner sanft-einfachen, aber sehr schönen Art ist „Als dit alles over is“. Besonders für eine erfolgreiche Pop-Rock-Band ist es das Piano, gespielt von Bas Kennis, das zusätzliche Wärme in die Songs bringt und der Musik während der Aufnahmen im Pickering House sogar die Qualität einer Jazz-Formation verleiht.

Es sind wieder allesamt schöne Lieder, auch „Omdat het anders Wordt“. Mit etwas mehr Tempo, aber immer noch sanft im Gesang, folgt „Midzomernacht“. Das Album vermittelt durch seinen akustischen Klang ein angenehmes Folk-Pop-Feeling. Wer Kuschelrock mag, sollte sich unbedingt die Alben „Oktober“ und „April“ anhören – und wer sich dann nicht in die Songs verliebt, ist selbst schuld.

Ich denke, das liegt auch daran, dass man im Popbereich – egal ob englisch, deutsch oder eben niederländisch gesungen – meist entweder Musik hört, die fast ausschließlich wie Indie-Pop klingt und sich zum Tanzen eignet, oder bereits fast im Schlagermodus angesiedelt ist. Sanfter Rock scheint irgendwie gerade nicht „in“ zu sein. Daher finde ich die sanfte, aber sehr eingängige Musik von BLØF einfach auch sehr entspannend. So lasse ich mir all diese sanften und hervorragenden Musikstücke wie „Overgave“ gerne gefallen. Gleiches gilt für „Blijf zoals nu“.

Weil es ein wunderschönes Lied mit einer sehr schönen Melodie ist, kann ich jetzt doch nicht sagen, dass für die Songs der zweiten Seite das Gleiche gilt wie für die der ersten. „Wapenbroeders“ ist einfach furchtbar schön. Dabei geht es nicht um Soldaten, die gemeinsam in die Schlacht ziehen, sondern wohl eher um die Mitglieder einer Rockband, die durch dick und dünn gehen und zu einer Einheit zusammengeschweißt sind.

Eigentlich hätte ich gedacht, dass die Songs von „April“ etwas fröhlicher und ausgelassener sind als die des herbstlichen Albums „Oktober“. „Dagen Zonder Namen“ klingt fast wie ein mittelalterliches Lied – ein richtiges Folkstück also.

Kuschelig schön ist auch „Je gelijk is geen Geluk“. Das sind alles super schöne Songs. Ich bin ganz hin und weg und freue mich sehr, die Band am 26. Mai „live“ erleben zu dürfen.

Melancholisch ist „Misschien tot morgen“ – im Refrain aber auch wieder einfach nur schön. Pascal Jakobson hat einfach die richtige Stimme für solche Songs: sanft und mit viel Gefühl ausgestattet.

Neben der Band kommen auch – was natürlich gut zur (Folk-)Musik passt – schön gespielte Streicher zum Einsatz. Die Band ist also nicht ganz allein im Studio.

Auf „Eilanden“ vom Album „Oktober“ folgt nun „Eilanden 2“. Ein Liebeslied für die (grüne) Insel.

Glücklich macht auch das letzte Lied „Gelukkig“.

Ein Album, das glücklich macht und voller Schönheit ist. So mooi, so mooi. (661)

06.02.26

Nirvana – Nevermind (1991)

„Smells Like Teen Spirit“ war ein Meilenstein, der sicherlich auch dazu beigetragen hat, dass Alternative Rock – nicht zuletzt durch Videos auf MTV – massentauglich wurde. Hinzu kommt das Drumherum um Frontmann Kurt Cobain, den Antihelden des Grunge-Hypes, den es wohl ohne ihn so nicht gegeben hätte. Vieles kam zusammen. Doch „Smells Like Teen Spirit“, der Übersong des Albums, veränderte auch für mich die Wahrnehmung aggressiver Rockmusik. Allerdings kannte ich bereits die Musik der Pixies, weshalb das Gehörte für mich nicht ganz neu war. Trotzdem war „Smells Like Teen Spirit“ keine Musik aus der Nische eines Rockgenres. Der Song wurde zur Hymne einer Generation, die sich nicht in Boygroups verliebte, den Gangsterrappern nacheiferte oder anderen aktuellen Trends folgte. Headbanger und Punks konnten endlich gemeinsam den harten Gitarren und dem aggressiven Gesang etwas abgewinnen, und viele, die bisher weder Heavy Metal noch Punk mochten, fanden durch Nirvana ihren Weg auf die Tanzfläche. Ein richtiger Hype war geboren.

„Smells Like Teen Spirit“ erkennt man natürlich von der ersten Sekunde an. Für mich erinnert der Song stark an die Pixies. Vom Sound und der Produktionsweise ist er ihnen sehr nah. Die Klarheit der rotzigen Rockstücke macht viel von der Qualität des Albums aus. Für die Musiker selbst war die Produktion hingegen zu glatt. So klingt etwa „In Bloom“ trotz des Alternative Rock-Sounds sehr eingängig. „In Bloom“ und das nachfolgende „Come as You Are“ sind keineswegs schlechter als die Hitsingle „Smells Like Teen Spirit“. Das trägt viel zum Reiz dieses Albums bei, denn nach diesen drei Songs ist man als Hörer einfach begeistert, sodass der restliche Verlauf dem Album nicht schaden kann.

Produzent Butch Vig prägte mit diesem Album auch den Sound der 1990er Jahre, obwohl es klanglich nicht viel anders ist als das 1989 von Gil Norton produzierte Pixies-Album „Doolittle“. Lange Zeit ging ich fälschlicherweise davon aus, dass Butch Vig auch für die Pixies-Alben verantwortlich war, was jedoch nicht stimmte.

Mit „Breed“ verlassen wir die bekannten Pfade des Albums. Dieses Stück habe ich deutlich seltener gehört als die drei vorherigen. Dabei macht mir das vorantreibende Gitarren- und Bassspiel sowie der Stoner-Rock-ähnliche Klang des Lieds jetzt sehr viel Spaß.

Ganz anders ist „Lithium“. Dieses Stück, das mich an die Meat Puppets erinnert, zählt ebenfalls zu den Hits der Platte.

Das gilt auch für „Polly“. Hört man diese Songs, versteht man, warum das Album so besonders ist. Auch hier klingen sie nach den Meat Puppets. Nirvana teilte sich mit den Brüdern Kirkwood übrigens auch bei ihrem „Unplugged“-Konzert die Bühne. Es gab also eine echte Verbundenheit.

Ungestümer Punkrock zeigt sich in „Territorial Pissings“. Den Song habe ich auch heute noch gut im Ohr.

Es gibt nur Hits, zum Beispiel „Drain You“. Viele Songs im (Post-)Grunge-Outfit klingen ähnlich. Wenn ein Stück dieses Album den Grunge-Sound definiert, dann ist es eher dieser.

„Lounge Act“ zählt zu den etwas weniger gespielten Songs der Platte, ebenso wie „Stay Away“. Beide sind gute Punkrock-Stücke.

Dieses Album, wie auch „In Utero“, wird neben dem Sound vor allem von der Gesangsleistung Kurt Cobains getragen. Er ist einer, dem man gerne beim Schreien zuhört, denn er weiß immer genau, welche Art Aggressivität zu der jeweiligen Stelle in den Songs passt. „On a Plain“ ist dafür ein sehr gutes Beispiel.

Der Rest ist Schweigen – oder besser gesagt eine lange Pause. Damit setzen Nirvana einen Trend, der mich bis heute etwas nervt. Nach dem offiziellen letzten Song „Something in the Way“, den ich großartig finde und der fast wie ein Stück von Smashing Pumpkins klingt, die zu jener Zeit ebenfalls von Butch Vig produziert wurden, folgt eine etwa zehnminütige Pause. Danach spielt das wirklich letzte Stück der Platte, „Endless, Nameless“. Dieses klingt ganz anders als der Rest der Platte, eher wie von Fugazi oder Sonic Youth.

Das Album ist definitiv ein Meilenstein für eine ganze (neue) Generation von Musikhörern, die vielleicht alle zu jung waren, als Punk aus den Angeln gehoben wurde. Mit diesem Album eroberten sie für sich neue und alte Krachmusik neu. Für mich war das so, und ich war sicher nicht der Einzige.

05.02.26

Michael Nyman – Live (1994)

Dieses Live-Album wurde größtenteils mit der Michael Nyman Band eingespielt. Nyman ist jedoch auch als Solist am Klavier zu hören. Bei der Musik aus dem Film „Das Piano“ wird er von Streichern begleitet, und für „Upside Down Violin“ spielt das Orquesta Andaluzi de Tetouan mit.

Michael Nyman ist vor allem durch seine Arbeit als Filmmusiker und Komponist bekannt geworden. Zu seinen bekanntesten Werken zählen sicherlich „Das Piano“ und die Musik zu den Filmen von Peter Greenaway. Ich wurde besonders durch „Das Piano“ auf Nyman aufmerksam, was mit Sicherheit auch den Kauf dieses Live-Albums motivierte.

Das Konzert beginnt mit einem frühen Werk von Nyman, „In Re Don Giovanni“, einer Bearbeitung eines Mozart-Stücks. Dieses Stück wird vor allem von den Streichern getragen und dient vermutlich als beschwingtes Intro für den Konzertabend. Nicht weniger mitreißend und sehr schnell im Tempo ist „Bird List“, die Filmmusik zu Greenaways erstem Film „The Falls“. Dieses Stück ist ein schönes Beispiel für Nyman als Grenzgänger zwischen klassischer Musik und Rock, da es eher wie ein Rocksong klingt als wie ein klassisches Musikstück.

Bei der Michael Nyman Band handelt es sich nicht um eine herkömmliche Band, sondern um Musiker mit Streich- und Blasinstrumenten. Einzig der Bass ist als typisches Bandinstrument vertreten.

Sehr dramatisch gestaltet sich „Queen of Night“ aus dem Film „Der Kontrakt des Zeichners“. Das Publikum zeigt sich am Ende dieses Stücks sichtlich begeistert.

Das zweiteilige „Waterdances“ stammt aus der Filmmusik zu einem Kurz-Dokumentarfilm von Greenaway und beginnt als sehr ruhiges Pianostück. Im weiteren Verlauf werden Streicher dazugefügt. Ein sehr schönes Stück, das im zweiten Teil durch die Bläser kraftvoller wird und dadurch noch intensiver wirkt. Zum Schluss fühlt es sich jedoch etwas zu langgezogen an, obwohl das Publikum erneut begeistert reagiert. Michael Nyman wurde vor allem von Steve Reich und Philip Glass beeinflusst, was seiner Musik immer wieder anzuhören ist. Auch ist es wenig verwunderlich, dass mindestens ein Album von Brian Eno produziert wurde.

Im Anschluss folgt eine achtteilige Bearbeitung der Filmmusik aus „Das Piano“. Dabei dreht sich nicht alles nur um das bekannte und beliebte Hauptthema des Films. Das Werk funktioniert als großes musikalisches Epos auch ohne die Filmbilder und beeindruckt durch Eleganz und Schönheit. Das ist herausragend komponierte Musik und etwas Besonderes.

Im zweiten Teil erklingt dann das bekannte Hauptthema, das bei mir ein intensives Kribbeln und Gänsehaut auslöst. Es ist etwas Besonderes, wenn ein herausragender Film von ebenso großartiger Musik begleitet wird. So verbinden sich zwei Kunstformen zu einem einzigartigen Erlebnis.

Der dritte Teil mit dem Titel „Here to there“ präsentiert zunächst schöne Folkmusik, die sich dann zu großartiger Orchestermusik entwickelt.

„Lost & Found“ macht die Musik wieder ernster, ohne dabei an Schönheit zu verlieren. „All Imperfect Things“, dessen Titel ich schon wunderschön finde, ist schlichtweg Musik in ihrer reinsten und schönsten Form.

Mit „Dreams of a Long Journey“ gewinnt die Musik wieder an Schwung. Hier wird deutlich, dass klassische Instrumentalmusik meist eine tiefere Wirkung entfaltet als andere Formen instrumentaler Musik, egal ob elektronische, akustische, Jazz-, (Art)Rock- oder Popmusik. Die geballte Kraft eines Orchesters und symphonische Klangwerke haben eine ganz besondere Wirkung auf die Zuhörenden. Ich höre solche Musik meist nur als Filmmusik oder wenn ein Orchester in einem anderen Musikgenre zum Einsatz kommt.

Von der Euphorie des Publikums angetrieben, belohnen die Musiker diese Stimmung mit einer Wiederholung von „Here to There“.

Mit „The Upside Down Violin“ in drei Teilen bietet das Live-Album zudem eine Neukomposition, die bisher auf keinem anderen Album von Nyman zu finden ist.

Durch die Percussion und den Anfang des Stücks wird der Hörer in den Orient entführt, vielleicht sogar in die Welten von „1000 und eine Nacht“. Die Musik klingt sehr schön, und man fühlt sich wie Teil einer Karawane, die durch die Wüste zieht.

Das Gefühl des „Orients“ bleibt auch im schnelleren zweiten Teil „Faster“ erhalten. Wer gute Weltmusik schätzt, wird auch diesen Teil lieben. Mir bereitet der musikalische Ausflug in den Orient sehr viel Freude. Hinzu kommt, dass Nymans Komposition niemals kitschig oder anbiedernd klingt, sondern authentisch und ernst gemeint wirkt.

Im dritten Teil von „Upside Down Violin“ gewinnt der orchestrale Anteil deutlich an Kraft und Dynamik, da die Streicher wieder verstärkt einsetzen. So endet das Konzert schwungvoll und mitreißend, was die Begeisterung für diese ganz besondere Konzerterfahrung noch einmal steigert. Man wäre gerne selbst in einer Konzerthalle dabei gewesen. Hiermit verneige ich mich vor dem Ausnahmekünstler Michael Nyman.

04.02.26

New Order – Technique (1989)

Der Weg, den New Order mit „Substance“ eingeschlagen haben, wird auf „Technique“ konsequent fortgesetzt. Die Band setzt weiterhin auf den damals angesagten Clubsound, den sogenannten „Eurodance“. New Order beherrschen den „House“ nach wie vor hervorragend. Damit bleiben sie stets am Puls der Zeit, und ab und zu darf dann doch – wie bei „Fine Time“ – erst ganz am Ende ein Indie-Rock-Bass erklingen.

Zudem bedienen New Order ihre alten Fans mit Indierock-Perlen wie „All the Way“. Dieser Song passt ebenfalls in die Zeit, spricht jedoch ein anderes Publikum an. Die Band schafft damit einen echten Spagat zwischen Clubsound und Indie. Auch „Love Less“ zählt zu den reizvollen Indie-Songs, die mir persönlich sogar mehr zusagen als viele der Clubstücke.

Wer sich am schönen Post-Punk-Bass erfreut, der immer wieder an The Cure und Peter Hook erinnert, denen bietet die Platte mit „Round & Round“ erneut etwas für die Elektro-Dance-Fraktion. Bernard Sumner hält den Song mit seinem Gesang auf typischem New Order-Niveau, und gelegentlich begeistern mich auch die Sounds dieses Stücks.

Eine Indie-Nummer, die nicht ganz funktioniert, ist „Guilty Partner“. Dabei merke ich, dass die Platte doch nicht so voll von „House“- und „Eurodance“-Beats ist, wie ich es in Erinnerung hatte. Der Indiesound scheint fast die Oberhand zu gewinnen, und ich stelle fest, dass ich das Album vermutlich nur selten gehört habe.

Mit „Run“ tauchen wir wieder in diesen sehr ansprechenden Indie-Sound ein. Ein richtig süßer, sehr schöner Song.

Mit „Mr. Disco“ geht es zurück auf die Tanzfläche. Wie bei vielen Stücken von „Substance“ hört man bei solchen Songs das Alter des Albums. Waren die Sounds und Effekte bei Erscheinen noch auf dem neuesten Stand, wirken sie heute recht veraltet. Leider altern solche Songs nicht gut. „Blue Monday“ bleibt ein Klassiker, doch Songs wie „Mr. Disco“ oder „True Faith“ klingen einfach zu sehr nach den 80er Jahren. Das ist der feine Unterschied, und die Indie-Stücke der Platte haben sich schlichtweg besser gehalten.

Bei einigen Songs sind die Sounds allerdings besser gewählt. So funktioniert „Vanishing Point“ als gelungener Mix aus Dance- und Indie-Elementen deutlich besser. Sicherlich erfüllt dieser Song auch eine Blaupausenfunktion für spätere Hybrid- oder Crossover-Stücke der Genres Indie/Alternative und Clubsounds.

Am Ende wartet noch ein ordentlicher Pop-/Rock-Song: „Dream Attack“.

Also sind New Order auf „Technique“ doch eher Pop. Das spielt nun mal eine Rolle. Die Platte begeistert mich nicht mehr so sehr wie die Alben vor „Substance“, doch „Technique“ bietet mehr schöne Indie-Rock-Stücke, als ich zunächst gedacht hatte. Kein Song auf dem Album fällt bei mir wirklich negativ auf.

03.02.26

Randy Newman – Land of Dreams (1988)

Um Fan eines Musikers zu werden, braucht es manchmal nur zwei gute Lieder auf einer Platte, und genau so war es bei diesem Album. Das soll jedoch nicht heißen, dass „Falling in Love“ und „Something Special“ die einzigen guten Songs auf „Land of Dreams“ sind. Da ich, wie bei so vielen CDs, diese Platte aber auch sehr lange nicht mehr komplett gehört habe, bin ich gespannt, welche weiteren Schätze sich neben den beiden Lieblingssongs noch entdecken lassen.

Kindheitserinnerungen gibt Randy Newman in dem schönen „Dixie Flyer“ preis. Der Song erinnert mit seinem schwungvollen Pianospiel an Stücke von Bruce Hornsby und verbindet meisterhaftes Songwriting mit mitreißender Musik zu einem gelungenen Ganzen.

Im Süden der USA bleibt das Album auch mit „New Orleans Wins the War“. Dieser wunderbare Singer-Songwriter-Song klingt nach mehr – denn der sich nach diesem Album meist auf die Komposition von Filmsoundtracks konzentrierende Musiker hätte sicherlich auch ein großartiger Musicalautor sein können. Irgendwie sind Randy Newmans beste Lieder immer großes Kino.

Mit kräftigem Sound bewegt sich „Four Eyes“ mehr in Richtung Art-Rock. Diese Vielfalt erinnert mich – und bei beiden handelt es sich wohl unumstritten um Musikgenies – an Frank Zappa. Während Zappa seine Kunst vor allem mit der Gitarre unterstrich, bringt Newman diese eher mit seinen Worten zum Ausdruck. Beide zeichnen sich durch ihre Furchtlosigkeit aus. Außerdem erinnert „Four Eyes“ auch an Kate Bush, ebenfalls ein Genie. Es ist wirklich schön, diesen Song nach vielen Jahren wieder neu zu hören und zu würdigen.

Randy Newman habe ich aber besonders wegen der Songs „Falling in Love“ (mit der Leichtigkeit eines guten Huey Lewis and the News Songs) und „Something Special“ (ein toller Lovesong) schätzen gelernt und tue das bis heute. Bei „Falling in Love“ hört man zudem deutlich die Mitwirkung von Jeff Lynne heraus. Viele der anderen Songs wurden von Mark Knopfler produziert, während „Something Special“ von James Newton Howard produziert wurde, der ebenfalls in der Filmmusikbranche tätig ist.

Auch ganz großartig, wenn auch wieder ernster, ist der Song „Bad News from Home“. Bei jedem Lied überträgt sich der Stimmungswechsel direkt auf den Hörer.

Wieder mit Musicalcharme präsentiert sich „Roll with the Punches“. Man könnte diesen Song auch einfach Jazz nennen. Es wäre spannend, Randy Newman einmal zusammen mit Lyle Lovett spielen zu hören. Beide Musiker verbindet die Kunst, Musik zu etwas Besonderem zu machen, und beide haben im Kino gearbeitet (Lovett auch als Schauspieler).

Bei „Masterman und Baby J“ rappt Newman sogar – das ist witzig, aber auch ein wenig zu viel des Guten. Dennoch macht es Spaß, denn wie bereits erwähnt, ist Newman furchtlos.

Danach folgt ein weiterer Art-Rock-Song im Zappa-Stil: „Red Bandana“. Er erinnert mich einfach an die Zappa-Platte „Broadway the Hard Way“.

Eine schöne Ballade ist „Follow the Flag“. Darauf folgt der Hit der Platte: „It’s Money That Matters“. Dieser Song funktioniert einfach immer und macht großen Spaß. Die Gitarre von Mark Knopfler ist dabei ebenfalls großartig und erinnert an einen guten John Hiatt-Song.

Das traurig-schöne Liebeslied am Ende heißt „I Want You to Hurt Like I Do“.

Insgesamt ist „Land of Dreams“ ein außergewöhnlich gutes Album, denn Randy Newman ist einfach ein Ausnahmekünstler und etwas ganz Besonderes. Punkt.(657)

02.02.26

Dot Allison – Afterglow (1999)

Ein wenig Indie-Rock, gemixt mit Blues und elektronischen Klängen, dazu Dot Allisons etwas ungewöhnliche Stimme – das erinnert mich ein wenig an Joan as a Policewoman, nur klingt Dot Allison insgesamt mehr nach Art-Pop und Trip-Hop. Aber „Colour Me“ ist gut gemacht, und ich bin erst einmal beeindruckt. Vor dem Album war Dot Allison Mitglied der Band "One Dove" und hatte einen Gastauftritt bei „Death by Vegas“.

Sanfter Dreampop, gemischt mit sehr zurückhaltender Singer-Songwriter-Musik: „Tomorrow Never Comes“ – schön verträumt und gekonnt.

Dance-Pop, der etwas an Kylie Minogue erinnert, aber durch einen Chemical Brothers-Beat geprägt ist: „Close Your Eyes“ im Mix von Steve Lironi. Das Album bietet dadurch eine angenehme Vielfalt.

Elektronische, eher sanfte Klänge – und damit wieder eher im verträumten (Brit)Pop-Modus, bei dem der Gesang mehr im Hintergrund bleibt: „Message Personnel“.

Schräge Klänge treffen auf sanften Gesang: „I Wanna Feel the Chill“. Ein schräger Traum.

Mit „Morning Song“, das in der ersten Hälfte als Instrumentalstück funktioniert, überzeugt Dot Allison als Grenzgängerin, die gekonnt mit Pop- und Trip-Hop-Elementen umgeht. Für mich ist es bis dahin das stärkste Stück der Künstlerin. Damit könnte sie im Vorprogramm von Radiohead auftreten.

Danach folgt wieder etwas Verträumtes, wodurch sie mich langsam etwas langweilt: „Did I Imagine You?“

Dann lieber weiter Pop und Trip-Hop gemischt, diesmal mehr im Popmodus: „Mo’ Pop“ – das etwas kitschig geraten ist, aber auch an französische Chansons erinnert.

Melancholischer Dreampop, mal laut, mal ganz leise: „Alpha Female“.

Am Ende etwas Pop-Drama mit einem Song, der erneut an Kylie erinnert: „In Winter Still“.

Ich glaube, dies ist ein Album für Freunde von Saint Etienne. Für mich sind nur die Songs „Colour Me“ und „Morning Song“ echte Highlights. Der verträumte Pop-/Trip-Hop-/Chanson-Mix ist weniger mein Geschmack. Ich werde aber wohl noch mehr von der Musikerin Dot Allison hören, da ich wissen möchte, in welche Richtung sie sich auf den kommenden Alben (von denen es mehrere gibt) weiterentwickelt.

30.01.26

The Black Sorrows – Harley & Rose (1990)

So richtig weiß ich gar nicht mehr, was mich zum Kauf dieser CD bewogen hat. In Australien sind The Black Sorrows zwar schon seit Jahren erfolgreich, doch im übrigen Teil der Welt blieben sie eher unbekannt. Kopf der Band ist der Musiker Joe Camilleri, der die Band als Soloprojekt mit wechselnden Mitmusikern bis heute anführt. Zur Zeit der Aufnahmen von „Harley & Rose“ war ein Markenzeichen der Band der Co-Lead- und Backgroundgesang der Schwestern Vika und Linda Bull. Musikalisch bieten The Black Sorrows handgemachten Rock mit Blues- und Folkelementen.

Mit siebzig Minuten Laufzeit und sechzehn Songs ist die CD gut gefüllt.

Guter Singer-Songwriter-Song und leichter Folk-Rock mit Country-Einschlag – erinnert mich an eine Mischung aus BoDeans und Hothouse Flowers, weshalb ich den Titelsong „Harley & Rose“ schon immer gerne mochte.

Bluesrock, gesungen von den Bull-Schwestern, zeigt sich bei „Never Let Me Down“. Der Song erinnert etwas an die Musik der „Commitments“, doch der Sound der Australier bleibt sehr amerikanisch. Die Bull-Schwestern haben nach ihrem Ausstieg bei den Black Sorrows eine erfolgreiche Karriere als Duo hingelegt, denn Solo kann man das ja nicht wirklich nennen.

„Love Goes Wild“ ist wieder eher Folkrock und ein richtig schöner Track. Sanfte Ballade: „Hold Up to the Mirror“ – sehr schön und wird zum Ende hin noch richtig hymnisch.

Mit Geige begleitet und dadurch wieder im Folksong-Modus: „Carried by the Light“. Wer amerikanisch klingenden Folkrock mag, wird die Musik der Black Sorrows mögen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gab es zum Beispiel die Counting Crows noch nicht. Die Platte ist zum Glück gut gealtert und macht mir nach langer Zeit des Nichthörens wirklich sehr viel Spaß.

Mit Hitparadenqualität wegen seines schönen Popsong-Gefühls: „Angel Street“. Sanft und schön: „Tears for the Bride“. Bisher hebt sich nur das Blues-Rock-Stück, gesungen von den Bull-Schwestern, stilistisch von den ansonsten von Joe Camilleri gesungenen Folkrock-Songs ab, die mir persönlich besser gefallen.

Der leichte Folkrock der Band ist aber auch einfach zu gut, wie etwa bei „Small Changes“. Hier singt Camilleri fast wie Van Morrison, und natürlich erinnert die Musik der Black Sorrows auch an die Songs des Altmeisters, besonders an die Stücke, die Morrison ab Ende der 80er Jahre gemacht hat.

Ich glaube, ich mag diese Musik heute sogar noch ein wenig mehr als damals, als ich sie zum ersten Mal hörte. Manchmal muss man erst die richtige Erfahrung sammeln, um bestimmte Musik wirklich wertzuschätzen – das stelle ich immer wieder fest.

Sanfter Rock: „Soul on Fire“. Country-Rock-Nummer: „Calling Card“. Poprock mit Van-Morrison-Charme: „Cannonball Cafe“. Sehr schöner Folksong: „Rise and Fall“.

Country-Rock: „House of Light“ – vielleicht dann doch etwas zu kitschig. Das änderte aber nichts an dem guten Eindruck, den die Platte bisher auf mich gemacht hat. Und richtig schlecht ist der Song auch nicht – im Refrain ist er sogar wieder sehr mitreißend und entwickelt zum Ende hin eine ganz eigene Qualität. Niemals einen Song schon nach den ersten Takten aufgeben – das muss ich manchmal auch noch lernen.

Folksong, eigentlich schon Roots: „Baby It’s a Crime“. Zydeco- und Cajun-Musik mischen die Black Sorrows ebenfalls ab und an ein.

Ein wenig außergewöhnlich für den Sound der Platte, aber überhaupt nicht schlecht, ist „Deadline Blues“ geraten. Das Stück erinnert an Produktionen von Daniel Lanois, was vor allem an den Percussions und dem stärker am Blues orientierten Gesang liegt. Eine schöne Abwechslung fast zum Ende des Albums.

Zum Abschluss gibt es noch eine kitschige, sanfte Country-Ballade: „Lay Your Head Down“.

Überraschend gutes Album. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich dieser Platte noch so viel abgewinnen kann. Es war also gut, sie mal wieder zu hören. Es lohnt sich wirklich, alte Regalleichen gelegentlich neu aufzulegen – so ist es wirklich.

29.01.26

The Nits – New Flat (1980)

Titelstück „New Flat“ klingt wie was von Devo. Die New Wave-Wundertüte geht also auch mit Album Nummer Zwei in eine weitere Runde und bei vierzehn Stücken ist diese Wundertüte auch sehr gut gefüllt. 

Mit „Holiday on Ice“ kommt ein besonderer Rocksong in den Mix. Das ist dann wieder eher Art-Rock – aber eben mit starken New Wave/Post Punk-Einschlag – klingt dann fast wie Gary Numan – aber eben von den Nits.

Und fast dann echter Postpunk: „Saragossa“. Und so bleibt der Mix auch bei dem Song „Office at Night“ undefinierbar – teils Rock, teils Post Punk, teils Artrock. Und das macht für mich die Nits immer schon zu etwas ganz besonderen.

New Wave-Nummer: „Uncle on Mars“ – klingt aber auch immer ein wenig sogar nach Punkrock. So ein gewisser „Clash“-Faktor ist in der Musik auch drin. Mag aber auch an die fürs Musikgenre ungewöhnliche Stimme von Henk Hofstede liegen, die ein wenig an Joe Strummer erinnert. 

Post Punk-Nummer: „Statue“. Klingt auch wieder als ob Gary Numan auf Devo trifft. Frühe Folktronica-Nummer: „His First Objekt“ (und das ist dann genau das was ich von den Nits erwarte. Liegt aber natürlich daran, dass ich sie durch den Song „In the Dutch Mountains“ kennengelernt habe und das Album „Ting“ von 1992 lange Zeit mein einziges Album von der Band war).

Verrückte New-Wave-Nummer: „Different Kitchen“. New Wave im Police-Gewand: „Saftey in Numbers“. Aufgedrehter Punk-Rock: „Bobby Solo“. Experimentell: „Zebra“. New Wave mit Folktronica-Einschlag: „Rubber Gloves“ (richtig gut). Nochmal Post-Punk-Düsternis: „Bite Better Bark“. 

Am Ende: „Aloha Drums“ – leicht schräge Elektronika-Nummer. 

Außergewöhnlich sind die Nits wohl schon immer gewesen – das ist gut so und diese frühen Alben zu entdecken, macht Spaß weil sie einfach musikalische Wundertüten von sehr guter und sehr verspielter Qualität sind. 

28.02.26

BLØF – Helder (1997)

Das zweite Album der Band, diesmal bei einem Major-Label erschienen, ist mit siebzehn Songs gut gefüllt und zusätzlich mit einer Live-Bonus-CD ausgestattet.

Mit „Laten we gaan dan“ beginnt das Album mit einem Rocksongs, der ganz ordentlich klingt, aber sowohl im Sound als auch in der Wirkung stark an einen BAP-Song aus den späten 80ern erinnert. Textlich ist er eher sozialkritisch – eine erfrischende Abwechslung zu den Männer-Liebesliedern des Debütalbums.

Zeitloser und gefälliger präsentiert sich „Zeven Nachten“, das sanfter gerockt ist. „Duizend keer“ ist akustisch gehalten und gefällt durch seine Schlichtheit, auch wenn hier wieder Beziehungsthemen besungen werden.

„Liefs uit Londen“ war der erste große Hit der Band – hier zeigt sich das Gespür für schöne Balladen, die durch einen deutlichen Folksong-Charme überzeugen.

Wieder mehr im Rocksong-Modus, aber mit viel Gefühl von dem wundervollen Pascal Jacobson gesungen, ist „Blik op onoindig“. Ungewöhnlich für die Texte zeichnet hier nicht der Sänger selbst verantwortlich, sondern Bassist Peter Slager. Die Musik entsteht gemeinsam im Bandverbund. Neben Jacobson, der auch Gitarrist ist, und Slager gehören dazu Bas Kennis an den Tasteninstrumenten und Henk Tjoonk am Schlagzeug, der für die Livetour und spätere Platten durch Chris Götte ersetzt wurde (bis zu seinem tragischen Unfalltod 2001).

Rockballaden beherrscht die Band gut, und wenn sie dabei von Bläsern unterstützt werden, gewinnen die Songs zweifellos an Wertigkeit. „Op Handen“ ist dafür ein gutes Beispiel. Solche zeitlosen, ruhigen Rocksongs oder sanfte Singer-Songwriter-Balladen zählen auch zu meinen liebsten Stücken der Band.

Die Band überzeugt aber auch mit eingängigen Rockmelodien, wie bei „Wat waar is on wat niet“. Oft bekomme ich bei BLØF den Eindruck, dass ihre Musik eine Mischung aus BAP und Fury in the Slaughterhouse ist – und das ist wohl auch der Grund, warum ich die Band so sehr mag, neben der Stimme von Sänger Pascal Jacobson. Unkomplizierter, gradliniger Rock, getragen von einer tollen Stimme, der zu etwas Besonderem wird. Mehr brauche ich nicht, um eine Band wirklich ins Herz zu schließen und Fan zu werden.

Beim Stück „Anders“ wird wieder deutlicher, dass die gesamte Produktion – wie schon beim Vorgängeralbum – noch klingt, als wäre die Musik zehn Jahre zuvor aufgenommen worden. Bis die Musik von BLØF ihren zeitlosen Charakter entwickelt, braucht es wohl noch ein oder zwei weitere Alben. „Watermarks“ ist spätestens ein Album, das sich heute noch genauso frisch anhört wie zu seiner Entstehungszeit. Von den meisten Songs des aktuellen Albums kann man das noch nicht behaupten. Dennoch bleibt „Anders“ ein wirklich schöner Song.

Deutlich schwächer geraten ist „Alles met wog“ – das wirkt zu sehr bemüht, ein Hit mit Rock’n’Roll-Charme und Energie zu werden, ist aber nicht wirklich gelungen und klang damals schon aus der Zeit gefallen. Zum Glück fühlt sich mit „Rijden door de nacht“ alles wieder richtig an. Wie schon erwähnt: Rockballaden liegen der Band einfach.

Bei „Neer“ merkt man dann schon Ähnlichkeiten zu den BLØF-Songs späterer Alben – zeitlos gut gerockt, mit sehr guten Gesangsharmonien, hier passt alles. Das gilt auch für „Lieveling“. Haben BLØF während der Produktion dieses Albums bereits ihren charakteristischen Sound gefunden? Es scheint fast so.

Noch einmal flott gerockt wird bei „Komm dichterbij“. „Dit Lied“ ist dagegen eine Piano-Ballade. Der feste Einsatz des Pianospiels als Bandinstrument ist eine Besonderheit von BLØF. Eine weitere Rockballade ist „Taxi voor mijn ogen“, die ebenfalls sehr gelungen ist und am Ende noch einmal richtig rockt.

Das Titelstück „Helder“ ist hingegen wieder sehr sanft und schön geraten. „Ann der Kust“ war bereits auf dem Debütalbum enthalten, entwickelte sich aber erst später zum Hit und wurde deshalb noch einmal neu veröffentlicht. Das Stück handelt von der Heimat der Band an der Nordsee und gehört wohl auch heute bei jedem Livekonzert dazu.

Wer gefühlvollen Pop-Rock mag, ist bei BLØF genau richtig. Urlauber in Holland kommen an dieser Band ohnehin kaum vorbei. Ich bin Fan und freue mich darauf, sie 2026 live erleben zu dürfen. Die Live-CD beginnt ebenfalls direkt mit „An de Kust“. Dabei wird deutlich, wie beliebt die Band bei ihren heimischen Fans war – die Begeisterung des Publikums ist sofort spürbar. So wird auch klar, warum die Band im Laufe der Jahre so viele Livealben veröffentlicht hat. Die Liveaufnahmen klingen zudem deutlich besser als die Studioaufnahmen – der Sound ist klarer, dynamischer und insgesamt sehr gelungen.

Das etwas bluesige „Wat Zou je doen“ war ein weiterer Hit vom Vorgängeralbum und ist auch auf der Live-EP vertreten. Von „Naakt onder de hemmel“ stammt zudem der Song „Schilder me Rood“, ein altmodischer, aber flotter Rocksongs.

27.01.26

Harmonia – Musik von Harmonia (1974)

Eigentlich wollte Michael Rother Hans-Joachim Roedelius und Dieter Moebius (beide „Cluster“) davon überzeugen, ihn bei Livekonzerten seines Projektes „Neu!“ zu unterstützen. Doch bei den gemeinsamen Jamsessions der drei Musiker entstand eigene Musik, die die Welten von Cluster und Neu! auf sehr gelungene Weise miteinander verbindet. Das Stück „Watussi“ ist eine ganz wunderbare Elektronika-Komposition, und sofort bin ich begeistert.

„Sehr komisch“ beginnt ruhig, mit einem gleichbleibenden Trommelrhythmus und einigen elektronischen Klängen. Nach zweieinhalb Minuten ändert sich die Klangfarbe, bleibt jedoch zunächst eher atmosphärisch. Während das erste Stück noch Electronica war, erinnert dieses nun mehr an Schulze und Tangerine Dream.

Danach wird es zum Glück wieder schneller, melodischer und rhythmischer: „Sonnenschein“. Zwar kommt die Melodie nicht so recht vom Fleck, doch bei einer Länge von nur vier Minuten ist das nicht weiter schlimm. Besonders faszinierend ist der treibende, etwas ungewöhnliche Percussion-Rhythmus, der fast maschinell wirkt.

Eine weitere echte Electronika-Nummer ist „Dino“, die mir auch sehr gefällt. Wer „Autobahn“ von Kraftwerk mag, wird diese Komposition sicher ebenfalls zu schätzen wissen.

Verspielt und ungewöhnlich ist „Ohrwurm“. Es ist jedoch zu experimentell, um richtig gefällig zu sein. Sehr sanft und schön hingegen präsentiert sich „Ahoi“.

Mit einer großartigen Sequenzermelodie ist „Veterano“ ein weiteres herausragendes Stück elektronischer Musik. Sobald Sequenzer in der elektronischen Musik hinzukommen, wird das Ganze mehr als nur eine atmosphärische Klanginstallation. Rhythmus macht aus der Musik wieder lebendige Musik.

„Hausmusik“ vereint noch einmal atmosphärische elektronische Klänge und den Electronika-Sound der Band.

Das Album ist, genau wie „Zuckerzeit“ von Cluster, eine schöne Neuentdeckung. Und auch an Rother, Roedelius und Moebius werde ich wohl weiterhin intensiv hören müssen.

26.01.26

Mike Oldfield – Amarok (1990)

Mike Oldfield war zum Zeitpunkt der Entstehung von „Amarok“ nicht mehr zufrieden mit seiner jahrzehntelangen Zusammenarbeit mit Virgin und wollte sich mit diesem Album wieder frei fühlen. Deshalb produzierte er nicht, wie auf dem Vorgängeralbum, eine Reihe von singletauglichen Popsongs, sondern ein einstündiges, instrumentales Einzelstück, das er in monatelanger Arbeit gemeinsam mit seinem Produzenten Tom Newman aus vielen Einzelteilen zusammenfügte. Für mich ist dies das bisher letzte wirklich gute Album von Mike Oldfield. Spätestens nach „Tubular Bells 2“ hatte ich auch das Interesse an Oldfield verloren. Ich werde wohl bald mal „richtig“ hören, was er danach noch gemacht hat. Hineingehört hatte ich in viele dieser Alben bereits, aber eben nicht aufmerksam genug. Das liegt wohl auch daran, dass „Amarok“ an seine frühen Alben erinnert, teils sehr rockbetont und frisch daherkommt. Es ist über weite Strecken einfach gut produziert und musiziert und langweilt trotz der monumentalen Lauflänge des Stücks nicht. Außerdem klingt das Album weniger elektronisch. Wer mich kennt, weiß, dass ich eigentlich Synthesizermusik mag, doch für mich gehört Mike Oldfield einfach an akustische Instrumente oder eben an E-Gitarre oder E-Bass.

Typisch für Mike Oldfield klingt das Album von Anfang an, nur rockt er diesmal endlich mal wieder. Elektronik fehlt in der Musik natürlich nicht, sie ist nur ausgewogener mit den akustischen Instrumenten eingesetzt.

Natürlich wird sich jeder Fan von Oldfield darüber ärgern, dass einige musikalische Passagen, die wirklich sehr gelungen sind, nur ganz kurz eingesetzt werden. Oft folgt auf ein „Wow, super“ ein „Oh, schon vorbei“. Aber eben diese Highlights innerhalb des Stücks begeistern und zeigen, dass Oldfield eigentlich mehr könnte als mittelmäßig erfolgreiches Singlematerial oder in Endlosschleife seine alten Meisterwerke fortzusetzen.

Deshalb genieße ich diese musikalische Reise durch die vielen Einzelstücke von „Amarok“ gerne immer wieder, denn vieles daran gefällt mir nach wie vor. Mit der „QE2“ komme ich dagegen nicht mehr richtig zurecht, denn dort verderben mir die Synthesizer den Hörspaß. Früher habe ich dieses Album sehr geliebt. Die „Platinum“ mag ich aber immer noch sehr. Mein meistgehörtes Oldfield-Album wird wohl „Tubular Bells“ bleiben. Es war meine musikalische Einstiegsdroge – ich bekam es mit etwa neun Jahren von einem meiner älteren Geschwister.

„Amarok“ ist einfach ein vielfältiges, unterhaltsames und etwas experimentelles Instrumental-Rock-Album – und eines der sehr guten.

23.01.25

Ash Ra Tempel – Starring Rosi (1973)

Ashra Tempel, später auch einfach nur Ashra genannt, ist ein Projekt des Gitarristen und Musikers Manuel Göttsching. Wer sich mit Kraftwerk, Tangerine Dream, Neu! und Cluster beschäftigt, kommt an Ash Ra Tempel nicht vorbei. Ich versuche den Einstieg mal mit diesem Album von 1973.

Anders als bei Schulze und Cluster spielt bei Ash Ra Tempel vor allem die Nutzung der E-Gitarre durch Göttsching eine zentrale Rolle, wodurch die Musik keine rein elektronische Musik wird. Damit steht sie eher in der Tradition von „Neu!“ und dem Gitarristen Michael Rother.

Verzerrtes Gelächter eröffnet „Laughter Loving“, danach folgt flotter, leichter Rock. Das hat zunächst wenig mit elektronischer Musik zu tun, sondern klingt wie lockere, instrumentale Rockmusik. Nach einigen Minuten mischen sich jedoch Synthesizerklänge ein, die allerdings nicht dominieren, sondern Teil des Bandgefüges bleiben.

Zu Ash Ra Tempel gehörten bei den Aufnahmen neben Göttsching auch Dieter Dirks und Harald Grosskopf. Ähnlich wie bei Tangerine Dream war Klaus Schulze an diesem ersten Ash Ra Tempel-Album als Schlagzeuger beteiligt. So gibt es eine Vernetzung zwischen den Musikern all dieser Gruppen.

„Day-Dream“ erinnert eher an englischen Psych-Folk und klingt sehr entspannt. Hier hört man den Sprechgesang von Rosi Müller, die wohl auch die im Albumtitel genannte Rosi ist. Man könnte den Song als sanften Kraut-Rock bezeichnen.

Wegen der Gitarrenarbeit und des Sounds erinnert „Schizo“ nicht nur an Krautrock, sondern auch an den Prog-Rock von Pink Floyd. Es ist eine gute Instrumentalrock-Nummer, die dabei recht kurz gehalten ist.

Das noch kürzere „Cosmic Tango“ klingt ganz anders, etwas eigenwillig im Stil von CAN, aber mit frühen Dub-Effekten.

Damit ist dieses Album, ähnlich wie „Zuckerzeit“ von Cluster, sehr abwechslungsreich und unterscheidet sich deutlich von der Musik von Klaus Schulze und Tangerine Dream.

Doch auch „Interplay of Forces“ klingt überraschend fast wie eine Schulze-Nummer. Rosi Müller spricht über mystische Klänge, bevor das gut neunminütige Stück nach vier Minuten rockig wird – genau zur rechten Zeit, wie ich finde. Diesen rockigen Teil mag ich sehr, er erinnert stark an „Neu!“.

Verträumt und daher etwas folkiger klingt „The Fairy Dance“, das an Mike Oldfield erinnert.

Zum Abschluss gibt es noch einen flotteren Rocksong: „Bring Me Up“.

Bei dem Album hat man das Gefühl, dass es schön war, es einmal gehört zu haben, doch das reicht auch schon. Ein richtig besonderer Song fehlt, und obwohl die Musik nicht schlecht ist, bleibt das Album insgesamt nicht nachhaltig im Gedächtnis.

22.01.26

Cluster – Zuckerzeit (1974)

Nach zwei Alben von Klaus Schulze höre ich nun endlich auch etwas von der zeitgleich aktiven Band „Cluster“. „Cluster“ ist ein Trio bestehend aus Conrad Schnitzler, Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius. Im Vergleich klingt das erste Stück auf der Platte „Hollywood“ deutlich schneller als die Musik von Tangerine Dream und Klaus Schulze und erinnert eher an Kraftwerk und Neu! als an Tangerine Dream – was ich nach den ersten beiden Alben von Schulze als geradezu erholsam empfinde. Das ist frühe elektronische Musik, die zum Tanzen einlädt und nicht nur Atmosphäre schafft. Sie hat Rhythmus, Melodie und ist auch sehr gut gespielt – das gilt ebenso für das Stück „Caramel“.

Mit knapp über sechs Minuten ist „Rote Riki“ das längste Stück der Platte und wirkt etwas experimenteller, jedoch im verspielten Sinne. Deshalb lässt es sich ebenfalls sehr gut hören und erinnert an den Klassiker der elektronischen Musik „Pop Corn“.

Das Stück „Rosa“ erinnert dann doch ein wenig an Tangerine Dream – die allerdings erst Jahre später so klangen. Da es nur etwas über vier Minuten dauert, ist es sehr gut konsumierbar.

Auch „Caramba“ zeigt, dass Cluster schon etwas weiter oder eben verspielter waren. Sie nahmen sich bei dem Album nicht allzu ernst und machten echte Songs – keine Kunstklänge fürs Kopfkino von New-Age- oder Ambient-Liebhabern.

„Fotschi Tong“ ist ebenfalls sehr rhythmisch, und ich bin wirklich begeistert von diesem Album. Hätte ich mich früher mal darauf einlassen sollen. Das ist frühe elektronische Musik, die schon alles enthält, was ich heute noch an Electronica und elektronischer Musik im Allgemeinen schätze.

Sehr schön ist auch die Abwechslung auf dem Album – „James“ ist verspielt und experimentell zu gleichen Teilen, fast wie ein Folksong klingt dagegen „Marzipan“.

Wieder verspielt und geradezu ausgelassen ist „Rotor“, wobei es auch ziemlich albern wirkt. Zum Schluss gibt es mit „Heisse Lippen“ noch ein echtes Highlight.

Schöne, unterhaltsame elektronische Musik. Ganz großartig. Eine tolle, wenn auch verspätete Entdeckung.

21.01.26

Klaus Schulze – Blackdance (1974)

Mit „Ways of Change“ beginnt das Album wieder sehr ruhig. Der Einsatz der Gitarre verleiht dem Song jedoch einen breiteren Klang, ähnlich wie bei zeitgleich musizierenden Gruppen wie Ash Ra Tempel oder Harmonia. Durch die Gitarre konnten schnellere Melodien gespielt werden, und mit der E-Gitarre waren auch Sequenzer-Melodien möglich. Ein Vorbild dafür ist das Album „Neu!“ von Neu! Auch das Schlagzeug eröffnet deutlich mehr musikalische Möglichkeiten, die mit den damals verfügbaren elektronischen Synthesizern und Sequenzer noch nicht erreichbar waren. Gerade die Percussion bringt Tempo und Spannung in das Stück. Allerdings ist das Stück wieder viel zu lang geraten, sodass es zwar ein atmosphärisch dichtes Hörerlebnis bietet, das diesmal auch mit Melodien versehen ist, aber weiterhin viel Geduld vom Hörer verlangt – besonders, da die Keyboardklänge erneut sehr „kirchlich“ klingen. Einige gute Soundeffekte sind hingegen zu hören.

„Some Velvet Phasing“ steigert das Tempo der Platte ebenfalls nicht und beginnt eher minimalistisch. Eine große Weiterentwicklung ist das Album daher anscheinend nicht, denn „Cyborg“ klingt nicht wesentlich anders. Die Musik bleibt im ruhigen Ambient-Genre, bietet dabei jedoch weniger Kopfkino als noch bei „Cyborg“.

Über den Gesang des Opernsängers Ernst Walter Simeon lässt Schulze seine synthetischen Klänge im dritten und letzten Stück „Voices of Syn“ verlaufen. Das Stück ist experimentell und verstärkt den sakralen Eindruck noch einmal. Letztlich wird es jedoch nicht mehr als ein experimentelles Drone-Musik-Stück. Das ist wirklich nicht mein Geschmack, da man sich dafür schon sehr auf Avantgarde und Kunst einlassen können muss und weniger an eingängiger Musik interessiert sein sollte. Auch ist das Album nicht für meine Sammlung geeignet, sondern bleibt ein einmaliges Hörerlebnis.

20.03.26

Klaus Schulze – Cyborg (1973)

Frühe elektronische Musik ist noch verhältnismäßig begrenzt, da die Sequenzertechnik sich entweder in einem experimentellen Frühstadium befand oder noch nicht richtig entwickelt war. So erinnert die Musik von Klaus Schulze aus dem Jahr 1973 trotz futuristischer Titel eher an sakrale Kirchenmusik und legt großen Wert auf Atmosphäre. Die Stücke sind alle bereits auf die Länge ganzer Plattenseiten ausgedehnt, was Geduld und Konzentration erfordert. Alternativ kann man einfach zuhören und sich von der Langsamkeit der Melodien und den Tonüberlappungen gefangen nehmen lassen. Hört man genau hin, entstehen im Kopf vielleicht Science-Fiction-Bilder: Raumschiffe, die durch die Weiten des Weltraums schweben, oder geheimnisvolle Landschaften auf unbekannten Welten. Sobald sich langsam effektvolle Klänge hinzugesellen, wächst die Spannung sogar noch. Gute elektronische Musik ist stets auch Soundtrack für das eigene Kopfkino, und das erste Stück „Synphäre“ erfüllt diese Funktion sehr gut.

Wie bei den bekannten Alben der 1970er Jahre von Jean-Michel Jarre kommt jedoch manchmal das Gefühl auf, dass die nächste Veränderung innerhalb eines Titels zu lange auf sich warten lässt. So flott wie „Autobahn“ von Kraftwerk war elektronische Musik in den 70er Jahren selten. Vielmehr handelte es sich oft um New-Age- oder Meditationsmusik beziehungsweise um das Filmische für das Kopfkino. Nach der Hälfte der Liedlaufzeit denkt man sich jedoch, dass die Stücke ruhig etwas kürzer sein könnten. So geduldig mit sich wiederholenden Klängen bin ich dann auch nicht.

„Conphäre“ beginnt mit einem spannenden und ungewöhnlichen Klangbild, das tatsächlich schon nach Sequenzer-Abfolgen klingt. Die Geräuschkulisse steigert sich ganz langsam, was ebenfalls Spannung erzeugt. Dabei fehlt zwar eine Melodie, doch es gibt einen treibenden Maschinenrhythmus. Empfindliche Gemüter könnten davon auf Dauer Kopfschmerzen bekommen. Ich persönlich finde das eher spannend und habe den Eindruck, Drone-Musik gefällt mir besonders, wenn sie, wie hier, eine gewisse Bedrohlichkeit vermittelt. Das ist wieder spannend – eben Soundtrack fürs eigene Kopfkino –, obwohl nicht viel passiert. Später gesellen sich die sakralen Synthesizerklänge hinzu, die wir bereits aus dem Vorgängerstück gut kennen. Dadurch wird es etwas anstrengend, die Aufmerksamkeit durchgehend zu bewahren. Dennoch finde ich den bedrohlichen Grundton des Stücks sehr beeindruckend. Auch hier empfinde ich die Länge von über fünfundzwanzig Minuten als zu lang. Sobald sich die Synthesizer jedoch zurücknehmen und der Sequenzer dröhnt, entsteht wieder ein wirklich berauschendes Stück.

Ich bezeichne diese Art Musik gerne als elektronische Klang-Installationen, da sie oft ohne klare Melodie und Harmonien auskommt. Es passiert nicht viel, vielmehr geht es darum, mit den Klängen zu schweben und Schwingungen wahrzunehmen. Beim dritten Stück „Chromengel“ klingen die Synthesizer schon fast wie melancholische Streicher, und auf späteren Platten wird Schulze teilweise sogar richtig symphonisch und schreibt Orchesterstücke („X“). „Chromengel“ ist somit ein frühes, trauriges Ambientstück, das meine Geduld jedoch etwas überstrapaziert. Deshalb wechsle ich zum vierten Stück der Platte, „Neuronengesang“. Auch hier passiert nichts wirklich Neues oder Aufregendes, und damit habe ich von dieser Platte genug gehört.

Für mich ist es eher ein Album, das man gehört haben sollte, um Schulzes frühen Solo-Stil kennenzulernen. Nun bin ich gespannt, ob er sich auf „Blackdance“ bereits weiterentwickelt hat und ob dort mehr Melodie oder intensivere Sequenzen zu hören sind. Ich werde es bald herausfinden.

19.01.26

Temple of the Dog – Temple of the Dog (1991)

Noch ein Lieblingsalbum und eines der besten Rock-Alben überhaupt. Der Grund für die Gründung von Temple of the Dog war ein trauriger. Andrew Wood, Frontmann der Band „Mother Love Bone“, war an einer Überdosis Heroin gestorben. Sein Mitbewohner Chris Cornell (Soundgarden) schrieb daraufhin zwei Songs, die er nicht auf einem Soundgarden-Album veröffentlichen wollte. Gemeinsam mit seinem Schlagzeuger Matt Cameron und den beiden ehemaligen Mother-Love-Bone-Mitgliedern Jeff Ament, Stone Gossard sowie dem Gitarristen Mike McCready, die sich zur gleichen Zeit für Aufnahmen des ersten Pearl-Jam-Albums im selben Studio befanden, begann er, diese Songs sowie weitere Stücke aufzunehmen. Bei dem Song „Hunger Strike“ war auch Pearl-Jam-Sänger Eddie Vedder als Gast aktiv, außerdem ist er im Background einiger Stücke zu hören. Live wurde das Album nur einmal komplett gespielt. Zum 20-jährigen Bandjubiläum von Pearl Jam wurden einige Songs nochmals live aufgeführt. Neben den Pearl-Jam-Alben „Ten“ und „Vs.“, Nirvanas „Nevermind“ sowie dem Soundtrack zum Film „Singles“ gehört diese Platte auch zu meinen Lieblings-Grunge-Alben. (Okay, das Soundgarden-Album „Badmotorfinger“ gehört da auch irgendwie dazu.)

„Say Hello 2 Heaven“ erinnert an einen Song von Alice in Chains, aber mit diesem unglaublichen Gesang von Chris Cornell, der für mich wirklich der beste Rocksänger aller Zeiten ist, weil er eine Rockröhre mit ganz viel Seele ist. Außerdem definiert dieser Song den Sound des Grunge sehr gut – oder wie jemand einmal sagte: „Der Blues des weißen Mannes“.

Ein absoluter Rocksong-Knaller, besser geht es nicht: „Reach Down“. Darauf folgt das unwiderstehliche beste Zusammenspiel von Chris Cornell und Eddie Vedder: „Hunger Strike“. Bei diesem Lied bin ich von der ersten gespielten Note an sofort im Song, selig, glücklich und begeistert. Eine Rockhymne für Grunge-Fans oder einfach ein verdammt guter Song.

Es folgt der nächste sehr gute Rocksong: „Pushing Forward Back“, der ebenfalls einfach nur mitreißend ist.

Bluesrock sorgt „Call Me a Dog“ für eine kleine Atempause. „Times of Trouble“ nimmt mich ebenfalls von der ersten Sekunde an mit. Ich habe mir zwar nie den Titel des Liedes gemerkt, aber immer wenn ich es höre, bin ich begeistert – fast schon eine Rockballade, aber was für eine!

Darauf folgen mit „Wooden Jesus“ und „Your Savior“ zwei weitere unglaublich gute Songs. Deshalb ist dieses Album einfach ein Werk für die Ewigkeit – und eins, das man sich immer und immer wieder anhören möchte. Danach sollte man eigentlich unbedingt die Alben „Badmotorfinger“ und „Ten“ anhängen. Ich weiß inzwischen, warum ich seit diesen Alben und Nirvanas „Nevermind“ viel mehr laute Rockmusik höre als in den Jahren zuvor.

Mit ganz viel Blues und Seele überzeugen auch „Four Walled World“ sowie „All Night Thing“.

Allein wegen „Reach Down“, „Hunger Strike“, „Pushing Forward Back“, „Times of Trouble“, „Wooden Jesus“ und „Your Savior“ verdient dieses Album für mich höchste Verehrung.

16.01.26

Kettcar – Du und wieviel von Deinen Freunden (2002)

Das ist ein Lieblingsalbum mit einer perfekten ersten Plattenseite – nur tolle Songs. Es sind nicht die Texte allein, sondern die Kombination aus hervorragender Musik, häufigen Rhythmuswechseln innerhalb der Stücke und der einfach großartigen Grundstimmung des Albums. Dazu kommt noch deutschsprachige Musik für Menschen, die das Teenageralter längst hinter sich gelassen haben, aber immer noch gerne auf Partys gehen und sich dem „echten“ Leben stellen. Irgendwie passt die Musik von Kettcar immer zu meinem Lebensgefühl und fühlt sich richtig an. Gleiches gilt auch für den Labelkollegen Thees Uhlmann und die Band, deren Frontmann er einmal war – Tomte –, die zusammen mit Kettcar der deutschsprachigen Rockmusik eine Prise neue Kraft einhauchten, nachdem die Hamburger Schule an Einfluss verloren hatte. Aber es blieb dabei, dass das Gute aus Norddeutschland und Hamburg kam: Musik direkt von den Landungsbrücken.

Schön und ruhig beginnt das Album mit „Volle Distanz“. Ich höre aber auch einfach gerne die Stimme von Markus Wiebusch und dazu diese ruhige Rockmusik – einfach schön.

Das Tempo wird auf Partylaune angehoben mit „Ausgetrunken“ – tollem deutschen Indie-Rock, der mit großartigen Tempo- und Melodiewechseln ausgestattet ist. Da kommt sogar Punkrock-Stimmung auf (Kettcar entstand ja aus der Punkband namens „But Alive“).

Der nächste Knaller folgt mit „Money Left to Burn“ – Gitarrenriffs, die einen sofort einfangen, tolle Gesangsharmonien, ein super Song.

Danach folgt die Indie-Rock-Ballade „Wäre er echt“. Einfach nur gute Songs, da stimmt alles. Diese Lieder begeistern mich bei jedem Hören.

Ein Knaller-Song und zugleich Hamburg-Hymne ist „Landungsbrücken raus“. Bei „Balkon gegenüber“ vermisse ich immer die zweite Strophe, die Markus Wiebusch mal auf seiner Solotour gesungen hat. Doch dieser kurze Song ist auch so ein kleiner großer Songdiamant.

Dass die Platte 23 Jahre alt ist, hört man überhaupt nicht heraus. Sie klingt immer noch frisch, als wäre sie erst gestern aufgenommen worden.

Die zweite Seite habe ich tatsächlich viel seltener gehört als die erste, weil mich die erste Seite immer so umgehauen und begeistert hat. Nach dem Hören war ich immer so glücklich, dass ich die zweite Seite nicht mehr abgespielt habe – es konnte einfach nicht besser werden (ja, ich bin manchmal komisch). Natürlich tue ich den Songs der zweiten Seite damit total unrecht und schreibe jetzt hier: Die zweite Seite ist genauso gut.

Sanfterer Indie-Rock findet sich bei „Jenseits der Bikinigrenze“. Allerdings ist mir dieser Song viel weniger geläufig als die zuvor gehörten Stücke. Flotter gerockt wird bei „Lattenmessen“. Mitsing-Refrains gibt es von Wiebusch und Band auch viele. Obwohl die Texte oft nur aus Satzfragmenten bestehen, die schön stimmig aneinander gereiht sind. Eine richtige Handlung wie bei „Balkon gegenüber“ gibt es eher selten – es handelt sich vielmehr um Lebensphilosophie und Erfahrungen für mittelalte Menschen. Jeder kann für sich herausziehen, was er möchte, denn die Dichtung des Sängers passt auf vieles im Leben – vor allem von mittelalten Menschen, die immer älter werden.

Rockballaden kann die Band aber auch wirklich gut: „Im Taxi weinen“ überzeugt mit einem besonders schönen Refrain.

Ein weiterer richtiger Hit ist „Hiersein“. Diesen anschmiegsamen Pop-Rock-Sound haben Kettcar wirklich perfekt drauf. Man ist ab dem ersten Takt sofort im Lied – und der Rest wird auch nicht schlechter. Gleiches gilt für „Ich danke der Academy“, das allerdings ein etwas lauteres Stück zum Schluss ist.

Ein ganz tolles deutschsprachiges Rockalbum. Mein Lieblingsalbum mit vielen Lieblingssongs.

15.01.26

Klaus Schulze – X (1978)

Ich mag Tangerine Dream, vor allem die Alben aus den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren (ich kenne die Platten bis „Le Parc“). Auch Klaus Schulze war mir bekannt, allerdings hatte ich mich bisher nie intensiv mit seiner Musik beschäftigt, obwohl sie eigentlich gut zu meinem Geschmack passt. Ähnlich wie bei Kraftwerk und Tangerine Dream gilt auch für Schulze: Die ganz frühen Werke kann man überspringen, ab etwa 1975 lohnt es sich, die Alben zu hören und zu entdecken. Seine Musik vereint Ambientklänge mit Rock-Elementen, und besonders bei „Friedrich Nietzsche“ gefällt mir, dass die Musik auch rhythmisch gestaltet ist. Dadurch kann ich mich besser auf die Melodie einlassen, die sich dabei kaum verändert. Diese Art der Musik ist bekannt dafür, dass sie – etwa durch die Radiosendung „Schwingungen“ – den treffenden Oberbegriff erhalten hat.

Meditativ, New Age, Berliner Schule – so lässt sich diese Form elektronischer Musik beschreiben. Neben Tangerine Dream gab es natürlich auch den Franzosen Jean-Michel Jarre, der aber nicht zur Berliner Schule zählt. Ich finde, dass die elektronische Musik von Tangerine Dream und Schulze, besonders auf ihren späten Siebziger-Alben, besser gealtert ist als die von Jarre. Letztere wirkt oft wie endloses Klanggeplätscher, in dem man erst geduldig verweilen muss, bis ein paar „Hits“ auftauchen, die im Effektgewitter versteckt sind.

Mir gefällt „Friedrich Nietzsche“ besonders, da mich der Song trotz seiner Länge gut unterhält. Die Schlagzeugarbeit von Harald Grosskopf ist beeindruckend und verleiht dem sonst elektronischen Song das gewisse Etwas.

„Georg Trakl“ ist ruhiger und kürzer als das erste Stück, während bei „Frank Herbert“ Spannung aufkommt. Dem bekannten Science-Fiction-Autor und dessen Hauptwerk widmete Klaus Schulze ein Jahr nach diesem Album mit „Dune“ sogar eine ganze Platte. Doch auch „Frank Herbert“ mit seinen treibenden Klängen ist sehr gelungen. Natürlich muss man Musik mit etwas eintönigen und langen Stücken mögen. Bei Schulze stimmt die Rhythmik, sodass ich gerne auch längere Zeit zuhöre. Das ist für mich unterhaltsamer als manche moderne Drone-Musik, bei der sich rhythmisch kaum etwas tut und Töne nur leicht verschoben werden. Solche Musik ist eher Klangkunst als Musik im herkömmlichen Sinne.

Das Stück „Friedemann Bach“ erinnert mit seinem Sound vielleicht an die barocke Musik, die wohl der Sohn von Johann Sebastian Bach gespielt hat. Schulze nahm es – ebenso wie „Ludwig der II. von Bayern“ – mit dem „Kleinen Streichorchester“ des Hessischen Rundfunks auf. Ich mag die etwas düstere Atmosphäre des Stücks und die effektvollen, sparsamen Spielereien, die sehr gelungen sind. Hier zeigt Schulze, dass er schon damals mehr als ein Komponist reiner Elektronik war und auch zeitgenössische Musik schuf.

„Ludwig II. von Bayern“ ist ein fast halbstündiges Werk, das etwas Zeit braucht, um melodiös zu werden. Es bietet dann aber eine gelungene Mischung aus natürlichen Streichern und elektronischen Klängen. Schulze beweist erneut sein Talent, größere Werke zu komponieren. Das fast fünfzig Jahre alte Werk namens „X“ beeindruckt mich immer mehr. Ich hörte es zunächst im Stream und besitze inzwischen die CD. Besonders schätze ich gute Streicherpassagen, die „Ludwig II. von Bayern“ reichlich bietet. Die Musik und die Melodien verändern stets ihre Stimmungen.

Teilweise zieht sich das Stück mit fortschreitender Länge, denn die Melodien erreichen – wie oft bei elektronischer (New Age) Musik – eine Art Stillstand. Über viele Minuten entsteht ein Teppich aus Klängen und Stimmungen, der eher zu einer Rauminstallation zu passen scheint als zur Platte oder CD. Umso beeindruckender waren die zuvor gehörten Streicherpassagen. Vermutlich befand sich Ludwig eine lange Zeit in einem Schwebezustand. Ab etwa Minute 19 wird das Stück wieder rhythmisch, was sofort sehr gut wirkt. Wenn die Streicher verstummen, folgt ein elektronischer Part, der erneut überzeugend ist, aber etwas zu lang geraten scheint. Das Stück hätte man gut um zehn Minuten kürzen können.

Als letzte musikalische Vertonung eines Lebenslaufs wählte Klaus Schulze „Heinrich von Kleist“. Auch dieses dreieckcmintige Stück beginnt sehr verhalten und erinnert an Ambient-Klänge von Jarre oder Schulzes frühen Platten. Viel passiert nicht, es sind elektronische Schwingungen mit Streichern. Hier braucht man viel Ruhe oder die Bereitschaft, sich auf wenig Melodiöses und eher auf Hintergrundrauschen mit Effekten einzulassen. Gelegentlich durchbrechen lautere Klänge die Klanglandschaft, ansonsten ändert sich wenig. Nach fast fünfzehn Minuten klingt das Stück fast ganz ab, und Effekte sowie reine Klänge übernehmen die Führung. In dieser Geräuschkulisse entdecken sich einige bemerkenswerte Klänge, die das Zuhören interessant machen. Danach hebt ein Chor das Stück in erhabene Gefilde – Schulze entdeckt das Himmelreich. Am Ende darf auch Schlagzeuger Harald Grosskopf die Komposition gemeinsam mit ihm ausklingen lassen.

Ich bin von dieser Platte sehr begeistert, weil sie mehr ist als bloße New-Age- oder Elektronikmusik. Sie ist vielmehr zeitgenössische Komposition, wie sie heute von Musikern wie Hauschka, Nils Frahm und anderen weitergeführt wird. Elektronische Musik, die zu großer Kunst wird. Auch der Schlagzeuger Harald Großkopf ist nun ein Musiker, den ich künftig stärker beachten werde. Es lohnt sich, ihn zu entdecken.

14.01.26

Chicago – Chicago III (1971)

Auf dem dritten Album wird der Stil des Vorgängeralbums mit sogenannten Suites (zusammenhängenden Stücken, die ein Ganzes bilden) und Einzelstücken fortgeführt. Vor den drei Suites – „Travel Suite“ (acht Songs), „An Hour in the Shower“ (fünf Songs) und „Elegy“ (sechs Songs), die jeweils eine Plattenseite füllen – sind auf der ersten Seite vier Einzelsongs zu hören, außerdem zwei weitere vor „An Hour in the Shower“.

Das Songwriting teilen sich die Bandmitglieder; jeder darf mal, doch die Hauptarbeit übernehmen Peter Cetera (Vocals, Bass), Terry Kath (Vocals, Gitarre) und Robert Lamm (Vocals, Keyboard) auf den ersten drei Plattenseiten. Bei „Elegy“ gibt der Trompeter James Pankow den Ton an.

„Sing a Mean Tune“ setzt den mit Blues aufgeladenen Funkrock der Vorgängeralben fort und fordert den dreiköpfigen Bläsersatz der Band stark. Dennoch springt der Funke für mich nicht so über wie beim Debütalbum, etwa beim Song „Introduction“. Der Funkrhythmus ist leider nicht mitreißend genug oder ich habe Ähnliches schon zu oft gehört – zudem bin ich kein großer Funk-Fan. Selbst das Gitarrensolo von Kath überzeugt mich diesmal nicht vollständig. Alles klingt, als hätte man es schon einmal gehört. Tritt die Band nach drei Alben etwa auf der Stelle?

Swingender Jazz ist da viel angenehmer zu hören und macht wirklich Spaß, wenn auch nur kurz, wie beim Stück „Loneliness is just a Word“.

Country-Rock gibt es diesmal ebenfalls: „What Else Can I Say“ – auch sehr gelungen. Die Band tritt also doch nicht auf der Stelle.

Bluesrock, diesmal eher rockig als funkig, findet sich in „I Don´t Want Your Money“.

Die „Travel Suite“ besteht aus acht einzelnen Stücken, die von den Reisen und dem Tourleben der Band geprägt sind und ein weiteres musikalisches Gesicht zeigen. „Flight 602“ erinnert an den Singer-Songwriter-Rock aus L.A. und ist eine wirklich nette Abwechslung.

„Motorboat to Mars“ ist ein Schlagzeugsolo – auch mal etwas anderes. „Free“ bringt kurz einen Ausbruch von Hippie-Rock-Nostalgie.

Von einer Suite hätte ich eigentlich erwartet, dass die Songs ein langes Stück bilden, doch das ist hier definitiv nicht der Fall.

Pianoklänge und Flöte erzeugen sanfte bis experimentelle Töne, die zwischen Jazz, Folk und Prog pendeln: „Free Country“. Darauf folgt klassischer 70er-Rock mit Singer-Songwriter-Einschlag: „At the Sunrise“.

Den Abschluss der „Travel Suite“ bildet „Happy ’Cause I’m Going Home“ – ein unwiderstehlicher Song, der das außergewöhnliche musikalische Können der Band „Chicago“ eindrucksvoll zeigt. Ich glaube, solche Musik entsteht nur durch jahrelanges Zusammenspiel der Bandmitglieder. So klingt nur eine eingespielte Liveband. Ein ganz starker Song.

Es folgen zwei Einzelsongs: „Mother“ ist ein flotter Rocksong im Westcoast-Stil, doch der Bläsersatz hebt ihn über das Gewohnte hinaus und verwandelt ihn schließlich doch in Jazz-Rock. Eine ziemlich coole Nummer, die einen sanften Abschluss bekommt.

„Lowdown“ ist eine recht soulige Rocknummer und macht ebenfalls viel Spaß. Dieses dritte Album gefällt mir wieder besser als das zweite. Zudem sind wir musikalisch noch immer weit entfernt vom Schmusepop späterer Alben. Beeindruckend ist auch, wie „schwarz“ diese durchweg mit weißen Musikern besetzte Band klingt.

„An Hour in the Shower“ ist eine sehr kurze Songsammlung. In sechs Minuten werden die Stücke „A Hard Risin Morning without Breakfast“, „Off to Work“, „Fallin’ Out“, „Dreamin’ Home“ und „Morning Blues Again“ als Mischung aus Soul, Blues und Beach-Boys-Pop dargeboten, die man auch gut als Einzelsongs durchgehen lassen könnte.

„Elegy“ besteht aus vier ebenfalls sehr kurzen Teilen mit den Titeln „When All the Laughter Dies in Sorrow“, „Canon“, „Once Upon a Time“, „Progress“ und dem längeren „The Approaching Storm“. Das erste Stück ist gesprochenes Wort. Danach bekommt der Bläsersatz wieder Gelegenheit, eine gemächliche Fanfare zu spielen. Es folgt eine eher zarte, romantische Melodie, die etwas an Tempo gewinnt, um dann in sanftere Gefilde zurückzukehren. Die Bläser dürfen danach alleine ziemlich gekonnt auftrumpfen, doch dann wird das in Verkehrs- und Baustellenlärm überlagert.

Das längere „The Approaching Storm“ ist eine instrumental gehaltene Jazzrock-Nummer, die auch mit Funk-Elementen spielt.

Am Ende des dritten Albums befindet sich das kurze „Man Vs. Man: The End“. Dieser Epilog ist jedoch nicht mehr als das dramatische Ende des Vorgängerstücks.

Chicago erweitern mit diesem dritten Album erfreulich ihre Bandbreite und bieten abwechslungsreiche sowie mutige Unterhaltung. Besonders gefällt mir, dass viele Stücke einfach mal instrumental gehalten sind. Damit präsentieren sich Chicago als eine Band, die mehr kann als perfekten Bluesrock mit Soul zu mischen. Jazz- und Westcoast-Rock-Elemente sind für mich als Hörer eine willkommene Abwechslung. Über die Covergestaltung könnte man allerdings streiten.

13.01.26

New Riders of the Purple Sage – New Riders of the Purple Sage (1971)

Bei New Riders of the Purple Sage spielten Jerry Garcia (der die Band nach dieser Platte wieder verließ) und Phil Lesh von The Grateful Dead mit. Der Sound der Band unterscheidet sich daher nur wenig von dem dieser Band: Country-Hippie-Singer-Songwriter-Rock mit viel kalifornischem Lebensgefühl. Das reicht eigentlich aus, um die ersten Songs der Platte zu beschreiben. Ein Stück wie „Portland Woman“ ist reine Singer-Songwriter-Musik.

Nur ein Stück ist etwas länger geraten, die meisten Songs dauern meist drei bis vier Minuten. Alles ist schön harmonisch und fein musiziert. Bei „Henry“ tritt der Country-Musik-Charakter etwas deutlicher hervor. Das sanfte „Dirty Business“ gefällt mir am besten, weil der Song etwas ganz Eigenes hat. Außerdem ist es der einzig richtig lange Song auf der Platte.

Country-Roots zeigt sich bei „Glendale Train“. „Garden of Eden“ nimmt den Hörer mit seinem leichten Rock sehr gut mit. Wer klassischen Rock der 70er Jahre mag, wird diesen Song schätzen.

Ein feiner Singer-Songwriter-Song ist „All I Ever Wanted“. „Last Lonely Eagle“ erinnert stark an Bob Dylan und The Band, ist aber deutlich sanfter und harmonischer im Gesang. „Louisiana Lady“ schließt das Album mit einem Beat-Gefühl ab.

Kein Must-have-Album, aber eine schöne Ergänzung für alle, die sich für die Musik der amerikanischen Westküste interessieren.

12.01.25

Prefab Sprout (Paddy McAloon) – I Trawl the Megahertz (2003)

Nach einer schweren Augenoperation musste sich Paddy McAloon irgendwie beschäftigen und hörte viel Radio. Dabei entstand die Idee zu einem teilweise orchestralen, fast instrumentalen Album mit nur wenig Worteinsatz. Er nutzte gesammeltes Material, das er von Radiosendungen aufgenommen hatte, und ließ dieses in das Album einfließen. Zunächst wurde das Album als Werk von Paddy McAloon veröffentlicht, kurze Zeit später aber auch unter dem bekannten Namen Prefab Sprout herausgegeben.

Das Titelstück „I Trawl the Megahertz“ füllt bereits eine Vinylseite – es ist orchestral und eine Frauenstimme spricht über die Musik: „This is the Story of my Life...“. Warme Klänge prägen das Stück. Zu dem Orchester kommen Jazzmelodien hinzu, die sehr schön kombiniert sind. Bei gesprochenem Wort über Musik bin ich immer zwiegespalten – wem soll ich lauschen, der Musik oder dem Text? Bei mir gewinnt meist die Musik, weshalb ich den darüber gesprochenen Teil oft als eher störend wahrnehme. Dieses Stück ist eher zeitgenössische Musikkunst als ein Song, dabei ist die Musik, wie beschrieben, sehr schön arrangiert. Dennoch tritt sie bei all dem Schönklang auch auf der Stelle, variiert zwar die Instrumentenzahl, die genutzt wird, doch die Melodie bleibt stets gleich. So bleibt der Eindruck eines musikalischen Hörbuchs stark erhalten. Dennoch klingt es schön, wird aber kein Titel sein, den ich später oft hören werde. Das ist schade wegen der schönen Musik, doch das Stück ist einfach zu lang geraten. Etwas variantenreicher wird es erst nach vierzehn Minuten Laufzeit, was jedoch zu spät ist, um es noch als abwechslungsreich zu bezeichnen. Vielleicht gibt das Stück auch mehr her, wenn man auf den gesprochenen Text achtet.

Symphonischer und mit mehr Tempo präsentiert sich „Esprit De Corps“ – instrumental, aber sehr gute orchestrale Musik. Sie erinnert an Mike Batt und die schnelleren Stücke von Brian Eno. Wer jedoch ein typisches Prefab Sprout-Album hören möchte, sollte lieber mit einem der anderen Alben einsteigen. Dieses Werk unterscheidet sich deutlich von den sonst feingeschliffenen Songperlen von Paddy McAloon.

Kammermusik prägt „Fall From Grace“ – ebenfalls sehr gekonnt. Als Komponist ist Paddy McAloon auf jeden Fall einer, der sein Handwerk versteht. Für die Orchesterarrangements ist David McGuinness verantwortlich. Zehn Musiker waren an den Aufnahmen beteiligt, darunter die Streicher des Robert McFall Orchesters. Bei „We were poor...“ verbinden sich klassische Arrangements mit Jazz – ein schöner Mix.

Die Musikstücke sind toll, einnehmend, mitreißend und begeisternd. Ganz klasse ist auch „Orchid 7“. So mag ich „zeitgenössische Musik“.

„I’m 49“ ist wohl das Stück, in dem einige der von McAloon gesammelten Radio-Samples Verwendung fanden. Es erinnert an das Titelstück, ist aber mit weniger als vier Minuten Länge angenehm kurz.

Das ist schöne Kammermusik, die Klassik, Jazz und versteckten Pop verbindet, man könnte sie auch als Ambient bezeichnen. Bei „Sleeping Rough“ hört man dann die sanft angenehme Stimme von Paddy McAloon, die sich egal wie alt er ist, immer gleich anhört. Sie singt genauso leicht über die Musik wie diese klingt.

„Ineffable“ ist wieder ganz konzentriert gespielte Musik, und mit etwas mehr Tempo endet das Album dann leider mit „...but we were happy“.

Abgesehen vom zu lang geratenen Titelstück ist das ein Album für Musikkenner, die von Musik mehr verlangen als Pop- und Rockmusik im Allgemeinen. Die kürzeren Instrumentalstücke dieser außergewöhnlichen Prefab Sprout-Platte werde ich lange und gerne in Erinnerung behalten und ebenso immer wieder hören.

10.01.26

No Doubt – Rock Steady (2001)

Natürlich war ich großer Fan des Songs „Don’t Speak“, hatte aber nur die Single-CD und nicht das dazugehörige Album. Trotzdem habe ich mir die Band damals sogar live in der Arena Oberhausen angeschaut und war überrascht, wie viele Ska-Punk-Elemente „No Doubt“ in ihrer Musik hatte. Irgendwann gefiel mir wieder eine Single – ehrlich gesagt weiß ich heute nicht mehr genau, welcher Song es war. Deshalb habe ich mir diese CD gekauft, die ich meiner Meinung nach aber nie richtig gehört habe. Es ist also kein Wiederhören, sondern eher ein Neuentdecken.

Nach einem kurzen Intro geht es mit „Hella Good“ auf modernen New-Wave-Pfaden weiter. Solch einen Sound haben sich zum Beispiel „Pink“ oder andere Künstlerinnen und Künstler angeeignet, die rockigen Pop machen. Der Song ist eher tanzflächentauglich als rockig. Schlecht ist er nicht, aber er reißt mich auch nicht vom Hocker – typische Radiomusik eben.

Mit Rock oder Ska-Punk hat „Hey Baby“ wenig zu tun. Das ist eher Pop-R&B und stellt vor allem Frontfrau Gwen Stefani ins rechte Licht. Ich nenne das gerne Produzenten-Pop, weil die aufwendige Produktion die Musik zwar auf Hitparadentauglichkeit trimmt, ihr aber meist die Seele, die Emotionen und die Ehrlichkeit fehlen. Es ist Partymusik.

Dieses Muster zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Platte: Perfekt für die Charts produziert, klingt sie nach der Musik von Pink, Katy Perry und Co. Lupenreiner Pop, neutral in der Ausstrahlung, so auch „Making Out“. Rock und Punk sind hier kaum noch zu finden.

Dann doch lieber Reggae, denn „Underneath It All“ macht richtig Laune. Der Song klingt zwar überhaupt nicht nach der rotzigen, coolen Gwen Stefani, ist dafür aber weniger aufdringlich und funktioniert als Pop-Reggae ganz gut. Vielleicht war das auch die Single, die mich damals zum Kauf des Albums bewegt hat. Sicherlich wirkt Gwen im Video zu diesem Song auch ziemlich verführerisch.

Mit „Detective“ kehrt die Platte zurück zum Pop. Alle typischen Rockband-Elemente sind dem Album jedoch entzogen. Das ist der gleiche Weg, den Fans bei Bands wie „Coldplay“ erlebt haben – erst war es eine Band, heute steht nur noch ein massenkompatibler Frontmann auf der Bühne im überproduzierten Klang- und Bühnenkostüm. Der Kommerz hat der Musik die Seele genommen. „Detective“ ist aber tatsächlich einer der besseren Songs auf der CD, klingt für mich trotzdem nicht mehr wirklich nach „No Doubt“.

Dann gibt es eine positive Überraschung: Bei „Don’t Let Me Down“ rockt es mal wieder. Das macht direkt mehr Spaß und erinnert an Rock der frühen 2000er Jahre.

Bei „Start the Fire“ setzt sich jedoch der Popcharakter der Platte wieder durch, zwar mit einem Hauch von Reggae, aber insgesamt zu viel von zu vielen Einflüssen.

Wäre das ein Gwen-Stefani-Soloalbum, hätte ich weniger zu schreiben, denn da würde mich diese Ansammlung fein produzierter Popsongs nicht so stören. Aber bei einem „No Doubt“-Album habe ich doch mehr oder besser gesagt etwas anderes erwartet.

Als sanfter Popsong ist „Running“ sogar ganz schön, aber…

„In My Head“ wirkt ebenfalls leicht und sprudelt vor Energie – allerdings, wie bei vielen Songs auf der Platte, leider sehr aufgesetzt. Musik, die gemacht wurde, um zu gefallen – und genau das missfällt mir.

Zum Glück gibt es mit „Platinum Blonde Life“ einen zweiten Rocksong auf der Platte, eingeleitet von Gitarren, der sofort viel besser passt. Natürlich, weil ich solche Musik erwartet habe, die ich aber kaum bekommen habe. Die Erwartungshaltung der Hörer sollte man nicht unterschätzen.

„Waiting Room“ ist wieder sehr elektronisch und letzten Endes doch nur ein weiterer Popsong, wenn auch etwas düsterer gehalten. Seltsamerweise wurde das Album nicht, wie oft vermutet, von Rap- und R&B-Produzenten allein auf Pop getrimmt. Es waren einige versierte Künstler als Produzenten beteiligt, darunter Sly & Robbie, Orbital, Prince, Nellee Hooper und Ric Ocasek.

Der Titelsong „Rock Steady“ ist eine Mischung aus Reggae und Pop.

Fazit: Viel zu wenig „No Doubt“, viel zu viel Popmusik. Das reicht mir nicht. Das Album bleibt nicht im Regal.

08.01.26

Muse – The Resistance (2009)

Einfach mal ein Album von Muse kaufen, anhören und dann bewerten, ob das etwas für mich ist. Das war wohl der Beweggrund für den Kauf. Ich kenne wirklich kaum etwas von Muse – sie sind mir eher vom Namen her bekannt als von ihrer Musik. In den frühen 2000er Jahren gab es einfach zu viele Bands im Indie-Rock-Bereich, von denen die meisten bei Major-Labels unter Vertrag standen. Sie klangen zwar wie Indie-Bands, und ich verwechsele Bands wie Maxïmo Park gerne mit anderen, weil mein Gehirn es nicht schafft, sie alle richtig zuzuordnen. Nur The Kooks – dank des Sängers – und Mando Diao – weil ich sie einmal gut fand, später aber nicht mehr so viel damit anfangen konnte – sind mir noch gut im Gedächtnis geblieben. Aber neben Muse und Maxïmo Park gibt es ja auch noch Arctic Monkeys, Kaiser Chiefs, Strokes und viele mehr, die ich bisher nicht richtig abspeichern konnte, sondern nur teilweise und wenig davon kenne. Das ist keine Absicht, aber so ist es nun einmal.

Also einfach mal eine CD von Muse hören. Album Nummer fünf und damit so etwas wie ein Mittelstück ihres Schaffens.

„Uprising“ klingt, als wollten Muse den Sound von Mando Diao elektronisch bearbeiten und daraus Power-Pop-Rock machen, während der Gesang im Refrain melancholisch bleibt und einen Radiohead-Touch erhält. Ich weiß nicht, ob mir das gefallen soll. Irgendwie erscheint es mir zu gewollt. Andere Hörer werden das sicherlich als mitreißend empfinden, aber mich lässt das seltsam kalt.

Ich glaube, wenn ich „Resistance“ mit seinem Stil-Mix nur bei Spotify gehört hätte, wäre ich jetzt an dem Punkt, das Hören abzubrechen. Denn ich glaube nicht, dass ich mit Muse und diesem Album Spaß haben werde. Das ist nicht mein Stil – obwohl viele Zutaten eigentlich stimmen. Aber ich habe das alles schon besser gehört, und was noch wichtiger ist: Ich habe es gehört, ohne dass es mir so aufdringlich erschien.

Da ich die CD jetzt aber höre und mir kein zu schnelles Urteil bilden will, höre ich weiter.

„Undisclosed Desires“ gefällt mir, weil es sich mehr wie ein R&B- und Soul-Pop-Stück anhört und damit einfach Pop ist – nicht aufgesetzte Rockmusik wie die vorherigen Stücke. Der Song bleibt in meiner Playlist.

Sanft beginnt „State of Eurasia (+ Collateral Damage)“ mit einem Klavier, das an „Let it Be“ erinnert. Das Stück wird zunehmend symphonisch und entwickelt sich zu einer Queen-Kopie. Dabei drücke ich bei mir den Moment, in dem ich denke: Das ist zu viel des Guten.

Darauf folgt „Guiding Light“, ein Rock-/Pop-Schlager, den ich ganz unerträglich finde. Bei „Unnatural Selection“ kommt zum Album-Mix eine Hartrock-Nummer hinzu, aber ich verzweifle nur noch an dem, was ich höre, und breche das Stück einfach ab.

„MK Ultra“ ist Power-Rock. Obwohl der Song nicht schlecht ist, lässt er mich kalt. Natürlich bin ich nach dem, was ich zuvor gehört habe, auch genervt, da fällt es schwer, noch objektiv weiterzuhören. Aber ich glaube, der Hauptfehler bei der Musik auf der CD ist, dass sie mich emotional überhaupt nicht packt. Sie ist wie der elektronische Party-Pop, den Coldplay inzwischen macht. Wenn Musik nur noch wie ein Hollywood-Blockbuster konzipiert wird, kann ich damit selten etwas anfangen. Deshalb wird es auch KI-generierte Musik mit mir schwer haben – zum Glück.

Der Anfang von „I belong to you (+ Mon Cœur S'Ouvre À Ta Voix)“ lässt mich aber aufhorchen. Als Mischung aus Chanson und Rock funktioniert das Stück etwas besser und macht auf jeden Fall Spaß zu hören, auch wenn es weniger pompös sein könnte.

Zum Abschluss folgt noch eine dreiteilige Symphonie: „Exogenesis“. Wie befürchtet mag ich auch das nicht besonders. Der pompöse, moderne Rockstil, den Muse pflegen, ist einfach nichts für mich. Ende der Durchsage, die CD wird abgegeben.

Tagline

Alda Reserve – Love goes on (1979)

Ich mag es, Bands zu entdecken, die es nur zu einer Platte gebracht haben. Wenn mir die Band gefällt, muss ich nämlich nichts weiter kaufen, spare Geld und kann mich auf andere neue Musik konzentrieren. Gleichzeitig ärgere ich mich aber auch, dass Alda Reserve keine weiteren Alben veröffentlicht hat, denn ihr New Wave klingt wirklich gut. Vielleicht, vielleicht.

Die New Yorker Formation war bei Sire Records unter Vertrag. Ihr New Wave klingt sehr rockig, zum Beispiel bei „Some Get Away“. Hier mischt sich der New Wave deutlich mit frühem Alternative Rock. Die Aufnahme klingt etwas verhallt, fast wie Garagen-Rock. Die Songs erinnern auch an die Musik von Blondie, wobei der Gesang so klingt, als würden Hüsker Dü bei Blondie mitspielen. Das ist meiner Meinung nach eine sehr ansprechende Kombination. „Dressed for Love“ hat zudem ein bisschen Springsteen-Feeling.

Noch etwas rockiger wird es bei „Cure Me“, das klingt für mich nach den „Pretenders“. Die Vinylplatte wurde gerade über Discogs bestellt. Ich bedauere sehr, dass es von der Band nicht mehr Musik gibt. Dann wäre die Frage auch beantwortet.

„Pain Is Mine“ strahlt ein starkes Rock-’n’-Roll-Feeling aus.

„Overnite Jets“ erinnert ein wenig an Joe Jackson. Es ist eigentlich keine wirklich starke Nummer, aber sehr mitreißend gespielt. Live macht der Song sicher Spaß. Ich wünschte mir, es gäbe Coverbands, die gute Songs von talentierten, aber leider unerfolgreichen Bands spielen. Das fände ich deutlich interessanter als eine Coverband, die nur bekannte Hits spielt.

Blondie, Pretenders, zugänglicher Punk und etwas Rock-’n’-Roll – das ist die gelungene Mischung, die Alda Reserve bietet. So funktioniert auch „Ancient Lies“. Bei „That Was Summertime“ klingt es noch stärker nach Joe Jackson. Musikalisch passen die Elemente aber sehr gut zusammen.

„Whiter Than White“ ist ein gelungener New-Wave-/Rock-Mix. Zum Abschluss wird mit „Loves Gone On“ nochmal ordentlich gerockt.

Ein gutes Album – wer amerikanischen New Wave mag, wird diese Platte schätzen. Ach ja, digital gibt es auch noch das Album „Moon-Joon“, das ich gerade gekauft habe. Von wegen nur eine Platte.

05.01.26

Van Morrison – Wavelength (1978)

Wie die Singer/Songwriter aus Los Angeles kann Van Morrison selbstverständlich auch Musik machen, und genauso klingt das erste Stück der Platte. Erstaunlich ist dabei, dass es im ersten Song „Kingdom Hall“ um Morrisons Kindheit in Belfast geht. Musikalisch wird Morrison unter anderem von Robert Tensch (Jeff Beck Group, Humble Pie), Peter Bardens (Carmel) und Garth Hudson (The Band) unterstützt.

Soul und Folk, wie sie eigentlich nur Van Morrison bringen kann – mit Schwung, Pfiff und so viel Spaß: „Checkin' it Out“.

Ein Singer/Songwriter-Stück mit Soul- und Pop-Elementen ist „Natalia“, das ebenfalls gut gelungen ist. Für mich ist Van Morrison immer besser und interessanter gewesen als Bob Dylan oder Neil Young. Auf jeden Fall ist Morrison der bessere Sänger, und seine Musik wirkt meist zugänglicher – zumindest meiner Meinung nach.

„Venice U.S.A.“ klingt nach einem Arrangement im Stil von Paul Simon. Vielleicht ist es sogar passender, Morrison mit Paul Simon zu vergleichen, statt mit Dylan und Young. Dylan und Young fallen mir im Zusammenhang mit Morrison nur ein, weil sie ebenfalls nie aufhören, viele Platten zu veröffentlichen. So erscheint es mir unmöglich, alle ihre Alben zumindest einmal im Leben zu hören. Das, denke ich, ist heute nicht mehr realistisch.

Mit Pop-Sound geht es angenehm weiter bei „Lifetimes“. Es ist verständlich, dass dieses leichtfüßige, aber sehr gute Album bis dahin das erfolgreichste in seiner Karriere wurde. Ich habe es erst beim Durchblättern einer alten Musikzeitschrift entdeckt – was gut ist, denn so wie auf diesem Album mag ich Van Morrison wirklich gerne.

Die zweite Plattenseite eröffnet sehr gefühlvoll mit „Wavelength“, das nach einem ruhigen Introteil zu einem flotten Pop-Rock-Stück wird.

Das Album gefällt mir wirklich gut, ebenso wie das etwas ruhigere, sehr gefühlvoll gesungene „Santa Fee/Beautiful Obsession“. Auch „Hungry for Your Love“ ist sehr schön, gefühlvoll und hervorragend musiziert.

Vielleicht ist „Take It Where You Find It“ am Ende etwas zu schmalzig. Zudem zieht sich das Stück mit acht Minuten Länge etwas, doch weil es Van Morrison singt, hat es trotzdem seinen Reiz. Allerdings fehlten der zweiten Seite insgesamt einige schwungvollere Stücke.

Trotzdem ist „Wavelength“ sicherlich eines der besten Alben, das ich bisher von Van Morrison gehört habe. Wie schon geschrieben: Ich bräuchte wohl zwei Leben, um mir sein Gesamtwerk anzuhören – geschweige denn das von Dylan und Young. Vielleicht bin ich dafür auch schon zu alt.

02.01.25

Say She She – Cut and Rewind (2025)

Noch eine gute Neuentdeckung gewünscht? Gerne. „Say She She“ ist ein Trio aus Piya Malik, Sabrina Mileo Cunningham und Nya Gazelle Brown. Während das Titelstück „Cut and Rewind“ kraftvollen New Wave bietet, der keinesfalls altbacken klingt, wechselt der Stil bei „Under the Sun“ zu Retro-Soul. Beides klingt gekonnt und macht großen Spaß beim Hören. Die drei Damen aus New York und London arbeiten hart an ihrem Durchbruch – dies ist ihr drittes Album in ebenso vielen Jahren.

Ich freue mich über einen weiteren Treffer, denn so traue ich mich endlich wieder an Musik aus dem Jahr 2025 heran. Ein erster Versuch im Sommerurlaub war gescheitert: Damals hatte ich mein Glück versucht, einige neue Platten zu hören, fand aber nichts Passendes. Kürzlich erging es mir ähnlich bei dem Versuch, Neues aus dem Jahr 1978 zu entdecken. Aus Trotz habe ich daraufhin einigen Platten aus 2025 eine Chance gegeben.

Disco – und auch das klingt, so wie Say She She es spielen, richtig gut: „Disco Life“. Funk können die Damen ebenfalls, zum Beispiel mit „Chapters“. Dabei mischt sich der Funk mit viel Soul und wirkt sehr verführerisch.

Das Gute ist, dass Say She She zwar Keyboards einsetzen, ansonsten aber auf „echte“ Instrumente setzen. Das macht viel aus, denn so klingt alles kantiger und kraftvoller – fast wie ein Ausflug in die späten Siebziger. Beim Neo-Soul stimmt dann einfach das Songmaterial. Es ist wirklich gut und klingt nicht nach Kopie, sondern nach neuer und hochwertiger Musik. Bei „Possibilities“ erinnere ich mich an den Dancepunk von „Gossip“ – und zwar auf gute Weise.

Das Neo-Soul-, Funk- und Disco-Gemisch setzt sich mit „Take it All“ fort. Auch hier macht es einfach Spaß, sich dieser Musik hinzugeben. Die Tanzfläche im Kopf und der Rhythmus im Blut – es ist funky und ich genieße es, weil die Produktion und das Spiel mitreißend sind. Dabei fühle ich mich ein wenig so, wie damals, als ich „Parcels“ zum ersten Mal live erlebt habe – Disco kann wirklich großartig sein.

Vielleicht braucht es gerade jetzt eine Band, die die Disco-Ära wiederbelebt. Die jungen Leute haben ja keine Lust mehr, in die Disco zu gehen. Also erobern wir, die für Disco zu jung waren, die Tanzfläche zurück. Mit Songs von der Qualität wie „She Who Dares“ ist das kein Problem.

Eine Richtung experimenteller, und dann landen wir doch wieder beim Dancepunk – das Discofeeling bleibt dabei bestehen, wie beim Stück „Shop Boy“. Soul-Pop gibt es bei „Bandit“, Neo-Soul bei „Little Kisses“, Soul-Funk-Disco bei „Do All Things with Love“ und Psych-Disco-Neo-Funk bei „Make it Know“.

Das Album hat mir sehr gut gefallen. Die Damen von Say She She sind mindestens genauso gut wie ihre Vorbilder, vielleicht sogar schon besser als einige von ihnen es jemals waren.

01.01.26

The Barr Brothers – Let it Hiss (2025)

Nach einer langen Pause veröffentlichen die Barr Brothers ihr viertes Album. Ihr Debütalbum habe ich gefühlt schon immer in meiner Playlist, und die Songs höre ich sehr gerne.

Beim aktuellen Werk klingt der erste Song „Take it from me“ wie eine Mischung aus Neil Young und Paul McCartney. Die Qualität des Stücks ist geradezu beeindruckend. Es wirkt zwar ein wenig „aus der Zeit gefallen“, aber auf sehr angenehme Weise. Da ich gerade versucht habe, in der Musik verschiedener mir unbekannterer Bands aus dem Jahr 1978 Gutes zu entdecken, dabei jedoch bei meinem Stichprobenhören diesmal richtig schlecht abgeschnitten und nichts gefunden habe, finde ich den bodenständigen Sound, den die Barr Brothers produzieren, umso erfrischender. Dieses Gefühl setzt sich noch stärker beim zweiten Stück „Let it Hiss“ fort, das rockiger ist und mit elektronischen Klängen versehen wurde – einfach großartig. Habe ich nach „The Belair Lip Bombs“ mit meiner Musikauswahl erneut Glück gehabt? Es scheint so. Die kanadische Band um die Brüder Brad und Andrew Barr liefert wirklich Fantastisches ab. Das ist nicht nur Indie-Folk, das ist verdammt gute Rockmusik.

Bei „English Harbour“ unterstützen Jim James und Arc Iris, und das ist moderner Folk, wie wir ihn in den letzten Jahren von Bon Iver und Co. viel zu oft gehört haben. Das Stück wirkt sehr entspannend, beinahe einschläfernd – schön, aber mehr auch nicht.

Besser gelingt der Band das Rocken. Bei „Run Right Into It“ klingen sie allerdings stark nach Lord Huron. Im Genre des modernen Folk-Pop-Rock muss man sich wirklich etwas einfallen lassen und besonders gelungene Songs bieten, um nicht in der „schon so oft gehört“-Schublade zu landen. Dieser Song gehört in diese Schublade.

Wenn sie dann aber eher nach 70er-Jahre-Rock klingen und zudem von Klô Pelgag gesanglich großartig unterstützt werden, wird aus einer einfachen Folk-Rock-Ballade etwas ganz Besonderes: „Moonbeam“.

Schwungvoll wie beim zweiten Stück sind die Barr Brothers auch bei „She Doesn´t Sleep with the Covers On“. Hier klingt es wie bei Vampire Weekend – macht aber richtig Laune.

Dafür gibt es auch einen dicken Pluspunkt, denn die Platte ist schön abwechslungsreich.

Klassischer, ruhiger Rock findet sich bei „Naturally“ – nett und nach hinten heraus richtig klasse. Auch hier sind diese Paul-McCartney/John-Lennon-Harmonien zu hören. Gleiches gilt für „Owning Up to Everyone“.

Bei „Another Tangerine“ kehrt dann das schon oft gehörte Gefühl zurück, das erneut stark an Lord Huron erinnert. Wenn einen das nicht stört, ist der Song dennoch ganz schön.

Zum Schluss schenken uns die Barr Brothers noch eine fulminante Retrorock-Nummer – die Imitation ist so gut gelungen, dass es einfach nur Spaß macht.

Ein gutes Album also, mit ein paar wenigen Stücken, die eben schon zu bekannt klingen. Doch die wirklich starken Songs lassen einen darüber problemlos hinwegsehen.

31.12.25

Feeder – Comfort in Sound (2002)

Ob leichter Punkrock oder Emocore – Feeder präsentieren melodischen, emotionalen Rock. Der Grund für die Tiefe der Gefühle liegt wohl auch darin, was vor den Aufnahmen der Platte passiert ist: Schlagzeuger Jon Lee hatte Selbstmord begangen. Die restlichen Bandmitglieder machten weiter, spielten Festivalauftritte und brachten schnell dieses Album heraus, das ihr erfolgreichstes wurde.

Wer melodiösen und emotionalen Rock mag, wird Stücke wie „Just the Way I´m Feeling“ schätzen. Etwas rockiger ist „Come Back Around“. Ich wollte schon lange hören, wie Feeder klingen, jetzt weiß ich es, und ich mag es. Seltsam, dass ich ihre Musik – die ja wie für mich gemacht scheint – nicht früher wahrgenommen habe, obwohl mir der Name der Band schon lange bekannt war.

Für eine britische Band klingt der Rock von Feeder wieder auffallend amerikanisch. Doch so wie das Trio, bestehend aus Grant Nicholas, Taka Hirose und Mark Richardson, spielt, macht das wirklich viel Spaß zu hören. Das ist Rock mit einem leichten Punkrock-Feeling, aber immer auch nah an der Hitparadentauglichkeit. Ein bisschen wie Green Day, und die Produktion von Gil Norton verleiht dem Ganzen einen klaren, dynamischen Klang. „Helium“ funktioniert auf diese Weise ebenfalls gut.

„Child in You“ ist eher eine Rockballade.

Alles Hits: So auch das Titelstück „Comfort in Sound“. Kritiker mögen es als zu weich gespült oder als „Ohne-Ecken-und-Kanten-Rock“ bezeichnen. Aber so viele Songs mit Hitpotenzial herauszubringen und dabei auch noch richtig gut zu sein, ist beachtlich und lobenswert.

Schöne Gesangsharmonien gibt es ebenfalls, zum Beispiel bei „Forget About Tomorrow“.

Leicht melancholisch, aber sehr melodisch ist „Summer's Gone“, das sicherlich Single-Potenzial hat. Solche Songs gibt es viele, und sie funktionieren bei mir immer.

Härter können Feeder aber auch rocken, zum Beispiel bei „Godzilla“. Sanfter, wie bei „Quick Fade“, mag ich sie jedoch lieber. Pop-Rock-Balladen, das können Feeder.

Flott und sehr radiotauglich ist „Find the Colour“. Das ist zwar alles sehr massenkompatible Popmusik, aber wenn sie so rockig und gut gemacht ist, stört mich das gar nicht.

Ein Hit folgt dem nächsten, es könnte ein Best-of-Album sein, so hitparadentauglich klingt alles, etwa bei „Love Pollution“.

Das Ende der Platte klingt mit „Moonshine“ sanft aus. Wer seinen Emocore gern mit etwas Pop-Feeling garniert mag, macht mit dem Album nichts falsch. Zwar klingt vieles ähnlich, aber fast jeder einzelne Song könnte ein Hit gewesen sein.

30.12.25

Emma Swift – The Resurrection Game (2025)

Die Australierin Emma Swift wurde durch zahlreiche Coverversionen anderer Künstler bekannt. Nun ist ihr erstes Album mit eigenem Material erschienen.

„Nothing and Forever“ ist ein Singer-Songwriter-Album, das an Lana Del Rey erinnert, dabei aber leichter und zugänglicher wirkt – fast schwerelos, traumhaft, ohne dabei traumatisch zu sein. Sanft, ohne weichgespült zu wirken – also alles richtig gemacht. Die Musikerin, die mittlerweile in Nashville lebt, hat sich dort für dieses Album mit lokalen Musikern zusammengeschlossen, unter anderem mit Spencer Cullum („Coin Collection“).

Sehr viel schwungvoller, aber trotzdem irgendwie überirdisch und traumhaft klingt „The Resurrection Game“. Warum ich Emma Swift hier so viel besser finde als Lana Del Rey, kann ich nicht genau sagen. Vielleicht mag ich die Stimme von Del Rey einfach nicht. Ich kann ja auch mit Mazzy Star nichts anfangen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass diese Art verträumter Musik bei Emma Swift mehr geerdet ist und die Songs einfach musikalisch besser umgesetzt sind. Vielleicht, weil ich „herzerwärmend“ mehr abgewinnen kann als ewiges Versinken in Melancholie. Leben heißt auch, Freude zu empfinden, und gerade bei Musik will ich das spüren.

Ja, es ist schön, wie Emma Swift Musik macht. Es ist nicht super originell. Einen Song wie „No Happy Endings“ habe ich schon oft gehört. Was soll’s – wenn der Song trotzdem schön ist, nehme ich ihn als einen von zehn einfach mit. Ich merke, dass ich dieses Album einfach gut finden will, weil ich es gerade irgendwie brauche: eine neue Künstlerin zu entdecken, ein aktuelles Album zu hören, das zeigt, dass Musik, egal wann produziert – gestern oder heute – in mir etwas auslöst. Selbst wenn es nur bedeutet, dass ich verträumter Singer-Songwriter-Musik endlich etwas abgewinnen kann.

Roots, Country, Folk, Singer-Songwriter – all das passt zu „Going Where the Lonely Go“. Hier erinnert sie auch an die ruhigen Stücke des letzten Feist-Albums. Ebenso zählt das Stück „Beautiful Ruins“ dazu.

Dann wird es allerdings etwas einseitig, weil auch die am Klavier gespielte Ballade „Catholic Girls Are Easy“ keine neue Abwechslung bringt. Auch schön, aber ein wenig mehr Tempo würde dem Album gut tun.

Etwas folkiger, aber trotzdem zart erscheint „Impossible Air“.

Tempo will einfach nicht aufkommen – man muss sich in die Schönheiten der verträumten Balladen verlieren. Eine Platte zum Rocken ist das nicht, dafür wird der Hörer mit viel Schönheit konfrontiert. Das verleiht jedem einzelnen Song in einer Playlist eine stärkere Wirkung. Songs wie „How to Be Small“ und „For You and Oblivion“ sind einfach schön.

Auch der letzte Song „Signing Off with Love“ hält das angestimmte Niveau, das nur vom zweiten Stück „The Resurrection Game“ kurzzeitig mit mehr Schwung durchbrochen wird. Etwas mehr Lieder in der Art von „The Resurrection Game“ hätten dem Album gutgetan. Aber „schöne Musik“ findet sich auf diesem Album – für Tag- und Nachtträumer.

29.12.25

Bobby McFerrin (mit The Saint Paul Chamber Orchestra)– Paper Music (1995)

Ich liebe Bobby McFerrin. Nicht nur als Solo-Musiker, der scheinbar ganze Klangwelten allein durch den Gebrauch seiner Stimme zum Leben erwecken kann, sondern auch als großer Künstler, der sich zusammen mit anderen Musikern immer wieder auf neue Musik einlässt. Bei diesem Album fungiert er als Sänger und Dirigent eines Kammerorchesters und spielt ausgewählte klassische Musikstücke von Mozart, Luigi Boccherini, Gabriel Fauré, Igor Strawinsky, Antonio Vivaldi, Felix Mendelssohn, Johann Sebastian Bach und Peter Iljitsch Tschaikowski. Mit diesem Werk wagt sich McFerrin an die großen Namen der klassischen Musik heran.

Bei „La Nozze di Figaro (Ouvertüre)“ merkt man, was für Popmusiker die Komponisten der Klassik waren. Obwohl das Stück vielleicht selten und möglicherweise nicht bewusst gehört wird, kennt man das Hauptthema der Ouvertüre von „Die Hochzeit des Figaro“ einfach. Bei diesem Stück übernimmt McFerrin ganz die Rolle des Dirigenten und überlässt das Spielen der Instrumente dem Saint Chamber Orchestra.

Luigi Boccherini ist zwar nicht einer der bekanntesten Namen der klassischen Musik, doch „String Quintet In E, Op. 11/5, G 275 – Minuet“ kennt jeder. Dieses wunderbare Stück bietet auch Bobby McFerrin einen Gesangspart, der jedoch keinen Gesang im herkömmlichen Sinne darstellt, sondern einen Instrumentenpart gesanglich übernimmt. Eine sehr schöne Nummer.

Alle Stücke sind bekannte Klassiker der Musikgeschichte, so auch „Pavane, Op. 50“ von Gabriel Fauré. Ich kann zwar nie genau sagen, wann ich die Stücke gehört habe – vermutlich als Filmmusik oder in einer Serie – doch das ändert nichts daran, dass es meisterhafte und sehr bekannte Musik ist, die man durchaus als Popmusik bezeichnen kann. Hier wird das Orchester von Bobby McFerrin gesanglich begleitet, allerdings nur in kleinen und sehr zurückhaltenden Passagen. Eine kluge Entscheidung.

Eigentlich dient McFerrin auf dieser CD vor allem als Vermittler, der seine Fans an die Schönheit der klassischen Musik heranführen möchte. Doch um auch seinen Fans etwas Besonderes zu bieten, hilft er an manchen Stellen stimmlich mit. Ich glaube allerdings, dass er lieber nur Dirigent geblieben wäre. Das war den Plattenfirmen wohl zu gewagt, wenn man das Album vorrangig als Bobby-McFerrin-Werk vermarkten wollte. Auf jeden Fall gelingt ihm die Rolle des Vermittlers bis hierhin sehr gut, denn die Musik ist einfach großartig.

Etwas unbekannter ist vielleicht Strawinskys „Pulcinella Suite - Minuetto & Finale“, das aber ebenso wie die vorherigen Stücke gut als Filmmusik zu Kostümfilmen passen könnte. Unweigerlich stellt man sich die Frage, welche Musik diese Komponisten heute machen würden, wenn sie zu den aktuellen Musikern gehören würden. Eine Antwort darauf gibt es nicht.

Dreiteilig ist Vivaldis „Concerto In G Minor For 2 Cellos, RV 531“. Hier wird ebenfalls die Stimme eingesetzt, doch die Hauptarbeit liegt bei den Streichern. Die drei Teile sind wie folgt unterteilt: 1. Allegro, 2. Largo, 3. Allegro. Dieses Stück ist mir persönlich unbekannt, doch ich glaube, ich habe diese Fassung bereits als Filmmusik gehört. Allerdings kann ich mich auch irren, denn vieles in der klassischen Musik klingt einander ähnlich. Das Largo ist mir ein wenig zu langweilig und wirkt etwas zu sehr wie Kirchenmusik. Mit dem zweiten Allegro kommt allerdings wieder Schwung in das Stück.

Sehr dramatisch klingt „Mendelssohn: Midsummer Night's Dream, Op. 61 – Scherzo“ – hier ist viel Tempo vorhanden. „Bach: Violin Concerto #1 In A Minor, BWV 1041 - 1. Allegro“ ist wieder nett und sehr gediegen – großartige Musik für einen Film über Adelige mit Perücken und Intrigenspiel. Beim Hören habe ich jedoch langsam das Gefühl, dass McFerrin die Highlights alle am Anfang der CD platziert hat und sich die weiteren Stücke etwas ähneln. Das ist zwar schön, wird aber beim Durchhören an dieser Stelle etwas eintönig.

Doch mit dem allbekannten „Eine kleine Nachtmusik“ von Mozart folgt zum richtigen Zeitpunkt wieder ein echter Hit der Klassik. Von „Eine kleine Nachtmusik“ hören wir dann auch direkt vier Sätze. Mozart funktioniert eben fast immer.

Am Ende erklingt noch „Tschaikowski: String Quartet #1 In D, Op. 11 - Andante Cantabile“. Hier finde ich Bobby McFerrins Einsatz als Sänger besonders passend. Das ist sehr schön und stellt einen gelungenen Abschluss der CD dar.

Wer nur selten Ausflüge in die klassische Musik unternimmt, wird wohl genauso überrascht sein, wie sehr diese Musik begeistert und wie allgegenwärtig diese Werke sind. Gerade die Evergreens der Klassik, die Bobby McFerrin für diese Aufnahmen ausgewählt hat, machen deutlich, dass es neben Pop, Rock und Jazz noch ganz andere Musikwelten zu entdecken gibt. Für mich werden es wohl weiterhin gelegentliche, kurze Ausflüge bleiben, aber ab und zu werde ich mir diese Musik sicher anhören.

25.12.25

CAN – Live in Stuttgard 1975 (2021)

„Live in Stuttgart“ ist die erste kuratierte Veröffentlichung eines Konzerts von CAN aus dem Jahr 1975. Viele weitere Konzertmitschnitte werden darauf folgen. Das Konzert ist in fünf Teile unterteilt, die jeweils keinen eigenen Titel tragen.

Die Band, bestehend aus Irmin Schmidt, Holger Czukay, Jaki Liebezeit und Michael Karoli, eröffnet das Konzert mit atmosphärischen Klängen. Orgel, leichtes Saitenzupfen und ein leiser Schlagzeugeinsatz schaffen eine ruhige Grundstimmung. Bass und Gitarre sind zurückhaltend gespielt. Die Intensität steigt langsam an, bis der eindringliche Schlagzeugrhythmus des von mir sehr geschätzten Jaki Liebezeit den Song trägt, begleitet von Bass und Gitarre.

Es macht riesigen Spaß, dem zuzuhören, weil es so gut gespielt ist und die Spannung stetig zunimmt. Dabei unterscheidet sich die Musik deutlich vom herkömmlichen Rock der siebziger Jahre, da sie eine Mischung aus Krautrock und Progressive Rock darstellt. Für mich ist es schlicht Alternativrock, fast schon Postrock, wie ihn auch heute noch Thurston Moore spielt. Die Doors klangen bei ihren Livekonzerten ebenfalls ein wenig so. Die Aufnahme dieses Livekonzerts ist von hervorragender Qualität – alles klingt sehr authentisch. Dass das Stück 20 Minuten lang ist, stellt für mich kein Problem dar, denn sobald man vom Rhythmus gefangen ist, möchte man sich darin verlieren. Jede Variation, jedes Detail im Zusammenspiel der Band und jede Ergänzung durch Klangelemente machen das Stück zu großartig gespielter Musik.

Der vierzehnminütige zweite Teil wirkt von Anfang an beschwingter und leichter. Die Gitarre klingt fast fröhlich, und auch Schlagzeug- sowie Bassrhythmus verleihen dem Stück eine angenehme Leichtigkeit. Can laden zu einem Tänzchen ein. Dann wird es ruhiger: Das Schlagzeug setzt kurz aus, während die Stimmung durch einen intensiveren Gitarreneinsatz rockiger wird. Auch das steigert meine Begeisterung für das Konzert weiter. Nach sechs Minuten nimmt die Musik progressivere Züge an und entwickelt sich bis zum Finale in ungestüme Klangwelten. Mir gefällt die Musik bis zur sechsten Minute zwar besser, doch als Rockmusik der siebziger Jahre funktioniert das Stück dennoch sehr gut.

Der dritte Teil dauert mehr als dreiunddreißig Minuten und beginnt sehr dynamisch und kraftvoll. Die Klänge bilden ein Soundbild, das damals außergewöhnlich war und heute Indie-Rock, Alternative-Rock, Postrock und Jazz in sich vereint. Deshalb sehe ich CAN eher in den Genres Indie und Alternative als im Krautrock. Das geniale Instrumentenspiel mit seinen großartigen Rhythmen könnte ich mir sogar noch länger als dreiunddreißig Minuten anhören, sofern es in der hier gezeigten Qualität gespielt wird – das liebe ich einfach. Im Mittelteil nimmt das Stück einen Prog-Rock-Charakter an. Bis dahin wird es vor allem vom Schlagzeug und Bass getragen, in der Mitte übernehmen Gitarre und Orgel mehr Verantwortung und verlängern das Stück für meinen Geschmack etwas zu sehr. Doch wie konsequent CAN dabei sind, ist wiederum beeindruckend. Qualitativ ist alles hervorragend gespielt. Daher ist diese neue Reihe von Live-Alben von CAN für mich ein Pflichtkauf, denn so etwas höre ich viel zu selten, und aktuelle Künstler bieten so etwas kaum noch an. Auch das Ende des Abschnitts zieht sich für mich etwas zu lange, doch hier beeindruckt erneut die Furchtlosigkeit von CAN. Es ist zu viel, aber bei CAN auch zu viel Gutes.

Der vierte Teil beginnt als sanfte Rocknummer. Wenn das so bliebe, wäre ich begeistert, denn trotz der etwas unausgewogenen Aufnahmequalität gefällt mir die Musik sehr. Doch das Stück dauert ebenfalls zehn Minuten und entwickelt sich schon zur Hälfte der Spielzeit zu einem stürmischen Finale. Auch hier wird es gegen Ende hin wieder anstrengend. Bei CAN scheint es bei ihren Live-Darbietungen so zu sein, dass sie ihre Stücke nach einem guten Beginn am Ende oft in haltlose, unmelodische Improvisationen verlieren. Trotz des großen Spaßes, den ich am Stück habe, bleibt das Gefühl, dass alle Stücke kürzer hätten sein können, ohne darunter zu leiden.

Der fünfte Teil ist sogar unter zehn Minuten lang und könnte vom Rhythmus her als Krautrock-Blues bezeichnet werden. Es ist eher Jazzrock, und irgendwie scheint auch beim letzten Stück der Schwung ein wenig nachgelassen zu haben, da das Tempo zunächst recht gedrosselt ist, später aber nach etwa fünf Minuten nochmals anzieht. Wir nähern uns dem großen Finale des Abends.

Insgesamt ist ein CAN-Konzert etwas Besonderes. Die Musiker beherrschen ihre Instrumente hervorragend und sind in vielerlei Hinsicht Wegbereiter des Alternativen Rocks. Dass ihre Konzerte damals völlig instrumental waren, war mir bisher nicht bekannt. Gerne höre ich mir auch weitere Liveaufnahmen aus dieser neuen Reihe von CAN-Veröffentlichungen an, von denen es mittlerweile schon eine ganze Menge gibt.

22.12.25

Bivouac – Full Size Boy (1995)

Das Trio aus Derby (England) nennt Husker Dü, Sonic Youth und Pixies als Vorbilder und hat den amerikanischen Alternative-Rock-Sound so gut verinnerlicht, dass es selbst Musik macht, die nach Grunge, Emocore und Punkrock klingt. Ihre besten Songs erreichen die Qualität guter Smashing Pumpkins-Stücke und können durchaus mithalten.

„Full Size Boy“ ist leider das zweite und zugleich letzte Album der Band, was ich sehr bedaure. Denn Songs wie „Not Going Back There Again“ und „Monkey Sanctuary (Cynic)“ gehören für mich zu den Lieblingsstücken des Alternative-Rock-Genres.

Das Album beginnt direkt mit „Not Going Back There Again“. Wie bereits erwähnt, ist das einfach guter, hymnischer Alternative Rock – ein Song für Fans von Smashing Pumpkins und Jimmy Eat World.

Ein weiterer Höhepunkt ist „Thinking“, ein großartiger Alternative-Rock-Song, der dabei schön rau klingt. Auch Dinosaur Jr. und Buffalo Tom-Fans dürften Gefallen daran finden. Der Song lässt angestaute Aggressivität nach hinten heraus, vergisst dabei aber nicht die eingängige Melodik. Die Band um Frontmann Paul Yeadon begeistert mich beim Hören erneut, und es ist wirklich schade, dass dies das letzte Album des Trios blieb. 2016 gab es zwar ein kurzes Lebenszeichen, daraus entwickelte sich jedoch offenbar nichts Weiteres.

Ein kurzes Zwischenspiel bildet „Gecko on Skink“.

Danach folgt mit „Monkey Sanctuary (Cynic)“ wohl der bekannteste Song der Band. Wie gesagt: Die Smashing Pumpkins hätten es nicht besser hinbekommen.

Mit „My Only Safe Bet“ zeigt die Band erneut ihre Grunge-Rock-Stärke. Der Song ist exzellent gespielt und richtet sich an Fans von Silverchair und Bush.

Auch „Familiar“ ist im Grunge- und Alternative-Rock verwurzelt. Die Band beherrscht den Grunge-Sound und den amerikanischen Alternative-Rock so perfekt, dass ich bis heute nicht verstehe, warum sie sich mit diesem Album nicht durchsetzen konnte. Für mich zählt es nach wie vor zu den besten Alben dieses Genres, da es keine Durchhänger hat und keineswegs einfach nur die Stile anderer Bands kopiert, die damit außergewöhnlichen Erfolg hatten.

Bei „Mainbreak“ wird die Musik noch etwas aggressiver und zorniger – ebenfalls gelungen. Auch „Bing Bong“ ist ein guter Song, auch wenn der Titel zunächst vermuten lässt, es handle sich vielleicht nur um eine spaßige Nummer.

Etwas sanfter präsentiert sich „Lounge Lizard“, das zwischendurch jedoch härter rockt und gegen Ende einen sehr guten Instrumentalteil bietet.

Das Album endet mit „The Ray Is Related to the Shark“. Der Song beginnt mit einem kräftigen Schuss Psychrock und gefällt mir ebenfalls sehr gut.

Ein tolles Album – für Alternative-Rock-Fans eigentlich ein Muss!

18.12.25

The Call – Reconciled (1986)

Auf „The Call“ bin ich durch das Lesen einer alten Musikzeitschrift gestoßen – Peter Gabriel hielt große Stücke auf diese amerikanische Rockband und nahm sie in den frühen 80ern mit auf Tour. Bei diesem Album ist er neben Robbie Robertson und Jim Keer als Gastmusiker dabei. Dieses vierte Album gilt als das erfolgreichste der Band, die sich nach ihrem neunten Album im Jahr 2000 auflöste.

Die Band bestand bis zur Auflösung aus Michael Been (Gesang, Bass, Keyboard), Tom Ferrier (Gitarre), Scott Musick (Drums) und John Goodwin (Keyboards).

Im Jahr 2024 sicherte sich die Band die Rechte an diesem Album sowie am ein Jahr später erschienenen Album „Into the Woods“ und veröffentlichte beide über Bandcamp erneut. Das Frühwerk der Band (1980–1985) ist dagegen mittlerweile schwieriger zu bekommen und nur noch über den Gebrauchtmarkt erhältlich.

Leider habe ich den Fehler gemacht, kurz vor dem Schlafengehen mal in die Platte hineinzuhören, bevor ich richtig mit dem Durchhören begonnen hatte – auch weil ich etwas zu neugierig war. Dabei war ich überrascht, fast erschrocken, dass die Lieder, in die ich kurz hineingehört hatte, für mich alle nicht funktionierten. Das irritierte mich, da ich wusste, dass es Songs von der Band gab, die mir gefallen hatten.

Also hörte ich bei Spotify eines der früheren Alben noch einmal komplett durch, das ich nach dem Lesen des Artikels in der Zeitschrift „Sounds“ über The Call bereits kannte. Deshalb wird das hier eine Mehrfachbesprechung:

The Call – Modern Romans (1983)

Interessant an The Call ist, dass sie als amerikanische Band den damals englischen New Wave vollkommen verinnerlicht hatten und diesen mit dem Schwung von Rock und Pop vermischten. So ist „The Walls Come Down“ ein Partysong für New Wave-Fans. Der Song nimmt mit und ist für 1983 gut produziert.

Man hört deutlich, dass Michael Been ein geborener Frontmann ist, der sich dabei fast schon punkig ungestüm anhört. Sein Gesang könnte an manchen Stellen etwas zurückhaltender sein, funktioniert jedoch bei dem Post-Punk-Stück „Turn a Blind Eye“ grandios.

Es folgt eine weitere New-Wave/Rock-Nummer, bei der allerdings nur der Refrain nicht ganz funktioniert: „Time of Your Life“. Ein Rocksong mit Punkattitüde: „Modern Romans“.

Atmosphärisch gehalten und eher dem Post Punk zuzuordnen ist „Back from the Front“. „Destination“ ist zwar recht rockig, aber als fast instrumentales Stück doch sehr simpel geraten und hat die Zeit nicht so gut überstanden wie das zuvor gehörte Material.

Das langsame „Violent Times“ gefällt mir wieder eher. Das ist schon Artrock.

Wenn es schon nach Punkrock klingt, entwickelt die Band eine beachtliche Energie, die viel Freude beim Hören macht – so auch bei „Face to Face“. Der Mix aus Alternative-Rock, Punk und Post Punk macht The Call zu etwas Besonderem, was auf diesem Album sehr gut funktioniert.

Der eher gradlinige, aber etwas härter gespielte Rock bei „All About You“ funktioniert gut als Single, da er ein breiteres Publikum anspricht.

Das Album funktioniert noch immer gut und macht besonders Fans der 80er-Rock- und New-Wave-Szene viel Spaß.

Ein Jahr später erschien das Album „Scene Beyond Dreams“ (1984). Gleich beim Titelstück fällt auf, dass die Melodie viel poppiger ist als alles vom Vorgängeralbum, lediglich der ungestüme, überbetonte Gesang von Michael Been ist geblieben. In der Kombination beginnt das jedoch zu nerven, weil Been seine Theatralik übertreibt.

Bei „The Burden“, das wieder mehr im rockigen New-Wave-Modus gehalten ist, funktioniert der Rock von The Call besser, und die Keyboardmelodie ist sehr mitreißend. Man muss jedoch den Sound der 80er mögen, um das genießen zu können: Die Effekte wirken oft übertrieben und sind schwer aus der Zeit gefallen. Viele Songs aus den 70ern haben da besser gealtert.

Das Poprock-Stück „Tremble“ funktioniert gut, denn mit Musikalität und Können an den Instrumenten punkten The Call hier. Der Song hat durchaus Hitpotenzial. Tatsächlich scheinen die Songs dieses Albums ein breiteres Publikum anzusprechen. Auch „Delivered“ ist wieder mehr Rock mit einem eher popigen New-Wave-Anteil. Hier hört man nun auch etwas von „New Romantic“, das The Call sehr rockig präsentieren.

„Heavy Hand“ hat einen fast schon leichten Poprock-Ansatz, doch das Soundbild der frühen 80er bleibt unverkennbar. Leider wird „Heavy Hand“ zum Teil zur Karikatur seiner selbst, da versucht wird, amerikanischen Partyrock mit Synthpop der 80er zu verbinden, was am Ende nicht gut gelingt.

Popige Synthesizermusik und munteren Partyrock bietet auch „Promise and Treat“. Dort funktioniert die Mischung besser, und der Song macht beim Hören schon noch Spaß – wenn man diesen Stil mag.

Etwas Melancholie tut den Songs von The Call einfach gut. Wenn es fast wie Düsterrock klingt, funktioniert der Gesang von Michael Been am besten. Das erinnert an Bands wie „Twilight Sad“ und „Joy Division“ – ein gewisses Maß an Wahnsinn gehört einfach dazu, um außergewöhnlich zu wirken. So ist „One Life Leads to Another“ wirklich der stärkste Song des Albums.

Vom Titel her müsste auch „Apocalypse“ gut funktionieren. Dahinter verbirgt sich jedoch ein zu Anfang mit Akustikgitarre gespielter Singer/Songwriter-Song, mit dem wohl kaum noch jemand gerechnet hätte. Da Been hier wie ein Folksänger singt, ist das aber nicht schlecht und vielleicht der zeitloseste Song des Albums.

„Notified“ schließt das Album schließlich noch einmal mit New Wave-Rock ab. Auch dieses Album ist durchweg kurzweilig und gut zu hören.

Dann sind wir bei „Reconciled“ (1986) angelangt. „Everywhere I Go“ startet als Rocksong mit Keyboards mitreißend. Der Gesang gefällt mir ebenfalls sehr gut und erinnert an den Sound von „Twelve Drummers Drumming“ – jener deutschen Band, die wie The Call mit New-Wave-Stücken begann, um dann mit dem zweiten Album eher wie Simple Minds zu klingen. Diesen Weg versuchen The Call mit dieser Platte ebenfalls. Zwar nicht immer deutlich, doch bei „Everywhere I Go“ singen Jim Keer und Peter Gabriel mit.

Der wohl größte Hit der Band ist „I Still Believe (Great Design)“, hier wird wirklich im Stil der Simple Minds gerockt. Man muss sich offenbar nur an Michael Beens Gesang gewöhnen, was mir gelungen zu sein scheint, denn gerade macht mir das Album und die Songs richtig Spaß. Meine Empfehlung: Erst etwas 80er-Feeling tanken und dann diese Platte hören. Was beim ersten kurzen Hineinhören noch fast unerträglich veraltet klang, zeigt jetzt ganz eigenen Charme. Daher muss ich die CD nicht direkt wieder verkaufen.

Bei „Blood Red (America)“ klingt es fast schon eher nach Duran Duran als nach Simple Minds.

Sehr gradlinig gerockt ist „The Morning“; „Oklahoma“ klingt richtig amerikanisch und bringt fast die Power eines INXS-Songs mit.

Der eher gradlinige, aber kraftvolle Rock bleibt auch bei „With or Without Reason“. Hier sind die Instrumentalparts sehr beachtlich.

Stark rockenden Bass hört man am Anfang von „Sanctuary“, der Song klingt nochmals nach New Wave und ist ein richtig guter Titel.

Poprock bietet „Tore the Old Place Down“ – mit einem Touch der Hooters.

Den New-Wave-Rock-Mix, für den The Call bekannt sind, gibt es am Ende der Platte mit „Even Now“ noch einmal zu hören. Ich bin beruhigt, dass ich mich beim ersten Hören nicht getäuscht habe: Das ist wirklich Musik für mich. Man muss sich nur ein bisschen stärker auf den Sound der frühen 80er einlassen.

Wer dann immer noch nicht genug hat, kann auch das Debütalbum von 1980 hören: „The Call“.

Wenn einem das zuvor Gehörte gefallen hat, macht auch das Debütalbum genauso viel Spaß wie die drei Alben danach.

So klingt bereits der erste Song „War-Weary World“ vielversprechend. Doch folgt mit „There’s a Heart Here“ ein lupenreiner 80er-Poprocksong von der Sorte, von der es einfach viel zu viele gibt. Sicherlich war er damals hitparaden- und singlefreundlich – doch eben auch nur ein Song von vielen.

„Doubt“ ist eher ein Rocksong und ganz gut gelungen, fast schon Blues. Schwungvoll und etwas im Partymodus ist „This Is Life“ – erinnert mich an die Hooters.

Eher gradliniger Rock ist „Fulham Blues“. Etwas Reggae gesellt sich bei „Who’s That Man“ hinzu – hier zeigt sich der Hang zum eher britischen Sound der frühen 80er. Deshalb nahm die Band ja auch das Debüt in England auf und ging dort auf Tour.

Danach geht es mit gradlinigem Rock weiter: „Upperbirth“ – das bestätigt für mich, dass es die richtige Entscheidung war, mich mit dem zweiten Album an The Call heranzutasten, denn dort klingen sie deutlich interessanter und vielfältiger. Ich weiß nicht, ob ich nach Durchhören dieses Albums noch sofort Lust gehabt hätte, die drei weiteren zu hören.

Einfach nur Rock bietet „Bandits“, und mit „Flesh and Steel“ zeigt sich sogar ein sehr amerikanischer Sound.

„Unbearable“ überrascht mit seiner Nähe zum Punkrock – ein kurzer, kraftvoller Song, der noch einmal Spaß macht.

Mit „Waiting for the End“ wartet zum Abschluss ein echtes Bandhighlight. Damit erhält dieses eher durchschnittliche Debütalbum doch noch ein sehr gutes Ende.

17.12.25

Neko Case - The Worse Things Get, the Harder I Fight, the Harder I Fight, the More I Love You (2013)

Schwer einzuordnen ist die Musik von Neko Case. Ihr sechstes Album wurde als „Bestes Alternative Album“ bei der 53. Grammy-Verleihung nominiert. Ich habe das Album bisher, glaube ich, noch nie komplett durchgehört, aber einige Songs liefen in meiner Playlist, wobei nur wenige dort blieben. Möglicherweise hat mir das Songmaterial daher nicht ganz zugesagt. Vielleicht ergibt sich beim konzentrierten Hören jetzt eine andere, zweite Meinung.

Viele loben die eindrucksvolle Stimme von Neko Case, die besonders im Song „Night still comes“ gut zur Geltung kommt. Ihre Stimme klingt zugleich sanft und kraftvoll und wirkt sehr ausdrucksstark. Der Song funktioniert als Indie-Singer/Songwriter-Nummer ganz gut und hat auch ein angenehmes Popsong-Feeling. Diesen Song mag ich schon jetzt sehr. Er wird wohl tatsächlich eine echte Neuentdeckung auf diesem Album werden.

Schwungvoll und rockig präsentiert sich „Man“. Mit so einem Song kann man bei einem Festival-Auftritt sicher gut punkten. Auch dieser Titel ist mit einem gewissen Indie-Charme versehen.

Sanft und kraftvoll ist auch das akustisch gehaltene „I’m from Nowhere“. Auch dieser Song gefällt mir sehr gut.

„Bracing for Sunday“ ist eine Indie-Power-Pop-Nummer. Solche Songs hört man öfter, doch in der Interpretation von Neko Case erhält das Stück eine ganz besondere Qualität.

Die Songs sind allesamt eher kurz gehalten, manchmal fast in Punkrock-Länge. Das macht den teils experimentellen Indie-Pop-Rock sehr unterhaltsam. Das a-cappella-Stück „Nearly Midnight, Honolulu“ erinnert dabei an Kat Frankie.

Wie konnte ich mich so mit einer CD täuschen und warum hatte ich die Songs bei meinem MP3-Player nicht gut gefunden? Dafür finde ich jetzt keine Erklärung, denn „Calling Cards“ ist richtig gut. Ein Singer/Songwriter-Stück mit einer ganz eigenen Note.

Power-Singer/Songwriter-Pop-Rock und sehr gelungen ist „City Swan“. Sanft und zurückhaltend dagegen ist „Afraid“, das einem schönen Einschlaflied sehr nahekommt. Etwas kraftvoller und leidenschaftlich vorgetragen ist „Local Girl“.

„Where did I leave that Fire“ beginnt experimentell – erst als Folksong, der sich später zu einem Artrock-Stück entwickelt. Bei Neko Case weiß man nie genau, was als Nächstes passiert.

Ein toller Pop-Rocksong zum Abschluss ist „Ragtime“.

Alles in allem hat mir das Album wirklich gut gefallen, und ich möchte noch viel mehr von Neko Case hören, denn es gibt noch einiges zu entdecken.

13.12.25

Counting Crows – Recovering the Satellites (1996)

Dies ist das zweite Album der Band um ihren Frontmann Adam Duritz. Nachdem sie mit Songs wie „Mr. Jones“ bereits mit ihrem Debütalbum „August and Everything After“ in den USA große Bekanntheit erlangt hatten, erreichte dieses Album bei Veröffentlichung direkt Platz 1 der Albumcharts.

Den Stil ihres Debüts hat die Band auch auf das zweite und die folgenden Alben übertragen: zeitloser Singer/Songwriter-Rock mit starken Wurzeln im Sound der siebziger Jahre, geprägt von Bands, die rund um Los Angeles beheimatet waren. Dabei schaffen Duritz und seine Mitstreiter es sehr gut, jeden Song – egal ob leise oder laut – eingängig und mitreißend klingen zu lassen. Gleichzeitig gefallen sie auch anspruchsvollen Musikhörern. So erschließen sie sich gekonnt einen recht großen Hörerkreis.

Ich mag wirklich diesen zeitlosen Sound, die Emotionalität und das sanft Rockende an Songs wie „Catapult“. Für mich ist das Musik, die wie für mich gemacht ist, weil ich daran alles mag. Auch wenn die Songs der Counting Crows alle etwas ähnlich angelegt sind, nimmt mich jeder einzelne mit, und ich fühle mich nie gelangweilt.

Die Band bestand zu dieser Zeit aus David Bryson (Saiteninstrumente), Adam Duritz (Gesang, Keyboards), Charlie Gillingham (Keyboards), Matt Malley (Bass), Ben Mize (Schlagzeug) und Dan Vickrey (Gitarre).

„Angels of the Silences“ rockt von Anfang an und ist dabei etwas schwungvoller als das, was wir auf dem Debütalbum gehört hatten. Der Song klingt emotional, dynamisch und nicht hart.

Singer/Songwriter-Rock, der nach Kalifornien, Los Angeles und San Francisco klingt – wie so viele Songs dieser Band: „Daylight Fading“. Hippiepop.

Damit ist eigentlich schon alles über den Sound der Platte gesagt – Singer/Songwriter-Rock im Hippie-Rock-Stil, sehr amerikanisch, aber mitnehmend. Psychrock möchte ich es wirklich nicht nennen, weil die Musik bei den Counting Crows so leichtgängig wirkt. Gibt es Psychpop?

So funktioniert auch das etwas sanfter angelegte „I’m Not Sleeping“, das im Refrain jedoch etwas lauter wird und mitreißt. Eine sanfte Ballade folgt mit „Goodnight Elisabeth“, die ich sehr schön finde.

„Children in Bloom“ weist sogar einen leichten Alternative-Rock-Ansatz auf und erinnert mich an Songs von Pearl Jam und The Tragically Hip – also voll mein Sound. Eine sehr gute Nummer, die aber in der Fülle der guten Songs etwas schnell in Vergessenheit gerät. Ich versuche, sie länger wertzuschätzen.

Solide gerockt ist „Have You Seen Me Lately?“. Damit haben wir erst die Hälfte der Songs des Albums gehört.

Eine sanfte Ballade ist „Miller’s Angels“. Diese Art fein ausbalancierter und emotionaler Stücke schätze ich sehr, weil sie bei aller Sanftheit mitreißen und trotzdem leicht rocken.

Bei „Another Horsedreamer’s“ stellt man erschreckend fest, wie einfach es eigentlich ist, mich mit einem Song direkt am Anfang zu begeistern. Die Zutaten dafür sind seit Jahrzehnten die gleichen: einfach gute Musik. Es braucht nicht einmal Text oder eine komplizierte Rhythmik. Wichtig ist nur, dass es stimmig und mitreißend ist. Ganz egal, wie oft ich Ähnliches schon gehört habe, es funktioniert bei mir immer.

Das Titelstück „Recovering the Satellites“ ist ein weiterer gelungener, sanfter Rocksong. Man hört darin auch die Verbindung zum Folkrock und Roots-Rock deutlich heraus. Amerikanische Traditionen werden von den Counting Crows sehr gut in die Gegenwart übertragen.

Kürzere Rockstücke können sie ebenfalls: „Monkey“ und „Mercury“. Der größte Hit des Albums wurde „A Long December“ – ein wirklich schönes Musikstück. Als kurzes Rausschmeißer folgt „Walkaways“.

Zeitlos entspannte und emotionale Rockmusik – mehr will ich manchmal nicht. Deshalb sind die Counting Crows für mich immer noch eine Lieblingsgruppe.

11.12.25

Shawn Colvin – Fat City (1992)

Die Sängerin und Songwriterin Shawn Colvin feierte mit diesem zweiten Album ihren Durchbruch, obwohl sie bereits mit ihrem Debütalbum „Steady On“ (1989) einen Grammy für das beste Folk-Album gewinnen konnte. Ich habe zwar die Alben nach „Fat City“ immer direkt bei Erscheinen gekauft, aber von ihrem Debütalbum habe ich erst heute beim Recherchieren für diesen Text erfahren. Bis jetzt hatte ich immer geglaubt, dass „Fat City“ ihr Debütalbum gewesen sei („Steady On“ habe ich aber sofort nachbestellt).

Shawn Colvins Stil ist sehr amerikanisch – vor allem handelt es sich um schöne Singer-Songwriter-Lieder, aber manchmal klingt es auch nach kargen amerikanischen Landschaften und abgelegenen Ortschaften. Da ich Shawn Colvin fast gleichzeitig mit Chris Whitley entdeckt habe, passten die beiden Musiker für mich immer gut zusammen. Tatsächlich hört man beim Stück „Set the Prairie on Fire“ Chris Whitley auch auf diesem Album an der Steel-Gitarre. Das liegt vielleicht auch daran, dass beide Künstler beim selben Label unter Vertrag standen.

Neben den Singer-Songwriter-Stücken gibt es auch schöne Folk-Pop-Songs auf diesem Album zu hören. Kein Lied ist wirklich schlecht, und das Album gehört für mich zu den oft gehörten Highlights meiner Sammlung. Allerdings habe ich es schon viel zu lange nicht mehr gehört – das werde ich jetzt ändern.

Bei „Polaroids“ hört man heraus, dass Shawn Colvin als Backgroundsängerin für Suzanne Vega gearbeitet hat und sich beim Songschreiben etwas von ihr abgeschaut hat. „Polaroids“ besitzt die gleiche beeindruckende Singer-Songwriter-Qualität.

Dass Larry Klein, ein musikalischer und privater Partner von Joni Mitchell, das Album produziert hat, erklärt die stimmige Produktionsweise, die mich in ihrer Qualität und Konzentration an den Produzenten Daniel Lanois erinnert. Das könnte auch daran liegen, dass beide Produzenten zur gleichen Zeit sehr aktiv waren.

Die musikalische Qualität von Stücken wie „Tennessee“ ist es auch, die mich immer wieder dazu bringt, dieses Album aufzulegen. Hier rockt es richtig gut, und die Qualität reicht fast an die einer Joni Mitchell heran. So sorgt man für Aufsehen.

Wenn man neben vielen anderen Musikern wie Bruce Hornsby, David Lindley, Jim Keltner und Richard Thompson auch Joni Mitchell während der Aufnahmen im Studio hat, was soll da noch schiefgehen? Und Joni sorgte mit Percussion für den besonderen Rhythmus.

„Tenderness on the Block“ ist ein Lied von Warren Zevon, den ich mir auch noch näher anschauen möchte. Er schrieb den Song zusammen mit Jackson Browne. Wer im Singer-Songwriter-Geschäft etwas zu sagen hat, ist irgendwie auf dem Album vertreten. Den Song mag ich besonders gern, vielleicht weil er klingt wie ein guter Paul Simon-Song.

Mit Pop-Song-Feeling, weil schön schwungvoll: „Round of Blues“ – so ein Feel-Good-Song, den wir in diesen Zeiten auch brauchen.

Eine ruhige, liebevolle Ballade folgt mit „Monopoly“, die bei vielen Musikerinnen oft kitschig klingt, hier aber einfach wunderschön ist.

Ein weiterer guter und sanfter Singer-Songwriter-Song ist „Orion in the Sky“. Etwas schwungvoller und als Pop-Song funktionierend ist „Climb On (A Back That’s Strong)“ – es hat schon das Potenzial, eine Hymne zu werden.

Ein Meisterstück ist „Set the Prairie On Fire“ – ein ganz starker Song für die Ewigkeit und ein außergewöhnlicher Rootsrock-Song.

Schwungvoll und gekonnt ist „Object of My Affection“ – das hat auch etwas von einem Fleetwood-Mac-Song.

Mit „Kill the Messenger“ taucht fast am Ende noch ein sehr guter Song auf, der dem hohen Niveau der anderen Lieder gerecht wird.

Sanft und melancholisch rundet „I Don’t Know Why“ das Album ab.

Mit diesem Album musste Shawn Colvin ihren Durchbruch einfach schaffen, denn alles andere wäre ungerecht gewesen. Mit vielen Mitwirkenden im Studio und wohl auch dem Willen ihrer Plattenfirma ist ihr dieser Erfolg zu Recht gelungen. Ein ganz tolles Album.

10.12.25

M. Walking on the Water – Master Series (1998)

Wer ein wirklich gut zusammengestelltes Best-of-Album von „M. Walking on the Water“ sucht, liegt mit diesem Album genau richtig. Es ist mit siebzehn der besten Stücke der Band vollgepackt und macht viel Spaß. Nach dem Hören bleiben viele Songs noch lange im Kopf.

Die Band wurde in Krefeld von Markus Maria Jansen, Mike Pelzer und zwei weiteren Musikern gegründet. Das Genre der Band wird als Indie-Folk oder Punk-Folk bezeichnet. Ihr selbstbetiteltes Debütalbum gilt als bestverkauftes Indie-Album seiner Zeit (1988).

Bis 1998 nahm die Band sieben Alben und einige EPs auf. In der Bandgeschichte gab es längere Pausen von bis zu 13 Jahren. Zum 40-jährigen Jubiläum ist die Band wieder aktiv – neben einer absolvierten Jubiläumstour wurde auch ein neues Album veröffentlicht. Die alten Songs funktionieren heute noch genauso gut wie damals.

Die erste Single der Band, „Party in the Cemetery“, eröffnet die Zusammenstellung schwungvoll und mit viel Partylaune. Akkordeon und Violine gehören ebenso zu den Hauptinstrumenten wie Keyboard, Gitarre, Bass und Schlagzeug. Vielleicht der größte Hit der Band ist der Song „Poison“ – und das zu Recht – obwohl er für einen Hit fast schon zu gut ist. Der Song nimmt einen von der ersten Bassnote an mit. Ein Supersong. Einmal gehört, bleibt er für immer im Kopf – vielleicht in einem hinteren Hirnwinkel –, aber richtig vergessen wird man ihn nie.

Ein echter Indiesong und sogar etwas für die Düsterfraktion, der nicht weniger mitreißend ist als „Poison“, ist „Holy Night of Rosemarie“. Die Band hat wirklich viele dieser echten Hits – das merkt man auch auf ihren Konzerten.

Auch „Misery“ reißt mit und ist dabei etwas fröhlicher. Musik, die wirklich Spaß macht. Den Gesang teilen sich Markus Maria Jansen und Mike Pelzer. Die von Pelzer gesungenen Stücke gefallen mir persönlich oft ein wenig besser, aber ich mag seine Stimme auch einfach sehr gern.

Schwungvoller Anarcho-Folk erklingt in „Anymore“ – sogar mit Trompete. Mal etwas ruhiger, zurückhaltend und melancholisch schön ist „Day to Day“. Rock gibt es im New Wave Folk-Format bei „Linda Lee“. Wunderbarer Folk-Rock-Pop-Song ist „Island in the Sun“. „Lovemachine“ erinnert an einen Philip Boa Song („Containerlove“) und reißt als Indie-Rock mit.

Ein Stück mit etwas zu viel Jahrmarktklamauk ist „Melitaah“ – vielleicht eignet es sich als kleine, temporeiche Pausenmusik zum Durchatmen nach so vielen guten Songs.

Wie gut M. Walking on the Water Rock und Folk mischen können, beweist „Hole“. Die Rhythmusgruppe funktioniert bei dieser Band einfach gut, und so nehmen einen die Songs mit. Wenn sie dann noch so gut sind wie „Elysian“, macht Musik einfach Spaß – ohne reine Partymusik zu sein.

„Trouble“ fängt mit seiner Folk/Rock/Indie-Mischung auch sofort ein. Noch so ein richtiges Highlight der Band.

Der Song „Pluto“ setzt mehr auf Atmosphäre. Er ist zwar spannend, aber ein wenig zu lang geraten.

Eine Downtempo-Nummer ist „The Sea“, fast im Stil der Siebziger Jahre, aber M. Walking on the Water haben ja auch einmal eine EP mit Prog-Rock-Coverversionen gemacht. Die schnelleren Nummern machen doch mehr Spaß, so auch „Caress Days“, der noch einmal richtig gut funktioniert. Und natürlich gilt das auch für den wunderbaren Walzer „Satellite Walz“ – ein schöner musikalischer Ausklang am Ende.

Viele der Songs werden mir nie wieder aus der Playlist fallen. Musik fürs Leben.

09.12.25

Console – Mono (2006)

Matthias Gretschmann hat bereits während seiner Zeit als Mitglied von The Notwist unter dem Namen Console Platten veröffentlicht, darunter auch gemeinsame Arbeiten mit Andreas Ammer. Zudem erweiterte er das Projekt zu einer Band. „Mono“ könnte auch „solo“ bedeuten, doch darüber gibt das Album keine Auskunft, da es kein Booklet enthält.

Die Musik ist ruhige Electronica, also eher sanfte elektronische Klänge, die nicht steril oder hart, sondern vielmehr wie akustisch aufgenommene Musik wirken. Auch der Begriff Ambient passt gut dazu – das Album beginnt mit dem Stück „City of Dog“.

Auch „To catch a Beat“ besticht durch sanfte Klänge. Tanzbeats bietet das Album zunächst nicht, es scheint eher zum „Hören“ und nicht zum „Tanzen“ gedacht zu sein. Elektronische Musik zum Genießen. Selbst wenn später ein Schlagzeugbeat hinzukommt, bleibt die Melodie von einer schönen Atmosphäre geprägt. Console gehört somit neben b.fleischmann zu meinen Favoriten im Bereich elektronischer Musik, weil ich genau diese Art sehr schätze. Es ist Musik für CD und Vinyl – zum bewussten Hören gedacht.

Vielleicht möchte Matthias Gretschmann auch als ernsthafter Komponist wahrgenommen werden, was ihm wohl gelingt, da er inzwischen auch Musik für Theaterinszenierungen komponiert hat. Dieses nicht gerade kleine Werk führt er derzeit hauptsächlich als Acid Pauli fort. „Foster Kane“ ist eine Melodie, die sich ebenso als Filmsoundtrack eignet und, wie es Liebhaber kultureller Musik gern sagen, „zeitgenössisch“ klingt. Allerdings finde ich, dass der Begriff „zeitgenössisch“ wenig über die Art der Musik aussagt, die darunter läuft. Festivals für zeitgenössische Musik oder Gegenwartskultur sind zwar üblich, aber ist das nicht ein zu großer Oberbegriff? Denn nicht jede aktuell geschaffene Musik oder Kunst ist automatisch Gegenwartskultur.

Nahtlos geht der Film in das Stück „Houwelandt“ über, das eher nach orchestraler Musik klingt. Von den Clubbeats, die auf den Alben „Herself“ und „Reset the Preset“ zu hören sind, findet man auf diesem Album bisher nichts. Das ist aber keineswegs schlimm, sondern einfach anders – und immer noch sehr gut. Es ist Musik mit Anspruch, die zum genauen Zuhören einlädt und nicht zum Abtanzen.

Doch gesungen wird auch, wenn auch sehr zurückhaltend und schön, wie bei „By this River“. Für ein elektronisch geprägtes Album sind die Stücke mit einer Länge wie „normale“ Popsongs erfreulich kurz, was dazu beiträgt, dass das Album an keiner Stelle langweilig wirkt.

Atmosphärische Ambient-Krautrockmusik findet sich in „Formicula“ – elektronische Soundtrack-Musik, die an die frühe elektronische Musik der 1970er Jahre erinnert. Das Stück „Magnolia“ setzt diese entspannte Stimmung fort; durch den einsetzenden Gesang entwickelt es sich zu einem verträumten Song.

„Hibernating“ beginnt mit einem beschwingten Grundton, der Hoffnung auf etwas mehr Tempo weckt, bleibt aber dem Ambient-Stil treu, den man von den vorherigen Stücken kennt. Hier verbindet Console Electronica und klassische Synthesizer-Musik gekonnt miteinander.

Auch „Men with a Web Camera“ behält die ruhige Stimmung bei, ebenso wie „Lost in Sensation“.

Der Titel „Starpower“ weckt Erwartungen an einen eventuell tanzbaren Song. Tatsächlich ist es jedoch eine fast altmodisch anmutende Instrumentalnummer, sehr entspannt. Die „Power“ fließt hier eher ruhig durchs Weltall. Wie der Rest des Albums ist auch dieses Stück sehr schön.

Insgesamt ist es ein schönes Album mit einer warmen Klangfarbe, das dem Hörer einen Ruhemoment in einer zunehmend verrückten Welt schenkt – so etwas brauchen wir heute mehr denn je. Einige Gesangsparts, die vermutlich, wie auch bei allen anderen gesungenen Stücken der Platte, von Miriam Osterrieder stammen, sind auch bei „Starpower“ zu hören.

05.12.25

Temple Fang – Lifted from the Wind (2025)

Ich habe spontan eine aktuelle Platte einer mir unbekannten Band vom Stickman-Records-Label geholt. Nach der Länge der Songs zu urteilen, könnten das wieder alles Prog-Psych-Post-Rock-Stücke sein. Ich bin gespannt, in welche Richtung es bei Temple Fang dann wirklich oder meistens geht. Die Band stammt aus Amsterdam und macht Rock, der nach den 70ern klingt, diesen aber mit härteren Tönen mischt.

Der Anfang des Stücks „The River“ klingt mehr nach Post-Rock, erinnert an Explosions in the Sky und Elder, rockt aber auch ziemlich wuchtig. Über Produktion und die Fähigkeiten der vier Musiker der Band gibt es nichts auszusetzen. Als der Gesang einsetzt und mich die Stimme von Dennis Duijnhouwer an die Hard- und Progrocker von „Rush“ erinnert, wird der Song zunehmend rockiger. Die Beschreibung „Prog mit der Wucht von Monster Magnet“, die ich irgendwo gelesen habe, passt da wirklich sehr gut. Das plattenseitige Stück wechselt nach acht Minuten den Stil und bietet dann einen Part, der stark an Pink Floyd erinnert und mir sehr gut gefällt. Fans guter klassischer, vom Progrock beeinflusster, aber auch härterer Rockmusik sind bei Temple Fang genau richtig. Kurz vor Schluss erhält der Song noch einen atmosphärisch starken Epilog. Mit diesem Stück haben mich „Temple Fang“ bereits überzeugt.

„Once“, mit über einundzwanzig Minuten noch etwas länger als der erste Song, beginnt mit kräftigem Trommelspiel, dann setzen ebenso kraftvoll die Gitarren von Jevin de Groot und Ivy van der Veer ein. Dies geschieht in gemächlichem, aber wirkungsvollem Stil. Was mir beim Progrock von Temple Fang besonders gefällt, ist die Melodiösität und die eher gradlinige Komposition. Progrock nervt mich oft, wenn er zu experimentell wird und Rockmusik versucht, mit Jazz oder Klassik zu konkurrieren. Diese Versuche empfinde ich meist als anstrengend. Rockmusik soll mich mitnehmen, und das Stück „Once“ gelingt dies auf ganz großartige Weise. Vor allem das Schlagzeug von Daan Wopereis, aber auch der Rest der Band, schafft es, mich schon beim zweiten Song zu begeistern. „Once“ ist eher starke Post-Rock-Musik als Prog, aber bei Bands wie Elder, Motorpsycho und eben Temple Fang (sowie anderen Bands des Stickman-Records-Labels) verschmelzen Psych-, Prog- und Post-Rock häufig zu einer Einheit. Für mich ist das einfach gute Rockmusik. In der zweiten Hälfte rockt das Stück noch einmal richtig und wird zu einer echten Knallernummer.

Weil das alles so lange Stücke sind, höre ich die CD nicht am Stück, sondern in Einzelteilen mit Pausen dazwischen. So wird das Hören nicht langweilig. Das wäre aber wohl auch beim Durchhören nicht der Fall, denn der Rock von Temple Fang ist atmosphärisch dicht, und die Rhythmen sowie die Musik nehmen einen gut mit – das funktioniert auch sehr gut bei „Harvest Angel“.

Ein schnellerer Schlagzeugrhythmus eröffnet das etwas kürzere Stück „The Radiant“ (7:25), das noch mehr an Tempo zulegt und richtig gut rockt. Gute klassische Rockmusik.

Zum Abschluss folgt ein fünfzehnminütiges Stück: „Josephine“. Es beginnt als Rockballade und gewinnt dann – wie zu erwarten – an Kraft und Tempo. Klassischer Rock, wunderbar in die Gegenwart katapultiert. Der Sound von Temple Fang reißt einfach mit.

Eine sehr gute Entdeckung. Klassische Rockmusik zwischen Kraut-, Post- und Progrock, dabei immer unterhaltsam, nie verkopft oder kompliziert – hier wurde alles richtig gemacht.

04.12.25

Johnny Cash – Unchained (1996)

Die von Rick Rubin produzierten American Recordings sind ein bedeutendes Musikereignis. Sie markieren einen wirklich krönenden Abschluss der langen Karriere von Johnny Cash, die in den Achtzigerjahren fast zum Erliegen gekommen wäre. Während das erste Album der Reihe noch fast ein reines Solowerk mit Stimme und Gitarre war, wird Johnny Cash bei den Aufnahmen von „Unchained“ von Tom Petty und seinen Heartbreakers begleitet. Außerdem sind bei den Aufnahmen Gastmusiker wie Flea, Mick Fleetwood und Lindsey Buckingham dabei.

Bis auf drei Songs, die Johnny Cash selbst geschrieben hat, besteht das Album aus Coverversionen. Die meisten Stücke – und das spricht für die Songauswahl – klingen so, als seien sie für Johnny Cash geschrieben worden. Nach diesem Album sind sie untrennbar mit ihm verbunden.

Den Anfang macht „Rowboat“ (im Original von Beck). Leicht verspielter Country, vielleicht etwas zu verträumt – so könnte man den Song beschreiben. Eigentlich ist das kein wirklich gelungener Einstieg ins Album.

„Sea of Heartbreak“ (im Original von Don Gibson) trifft da eher meinen Geschmack. Der Song funktioniert genau so, wie ich mir einen guten Johnny Cash-Song vorstelle: eingängig, mitreißend und er zaubert dem Hörer ein Lächeln ins Gesicht.

„Rusty Cage“ (im Original von Soundgarden) ist eine großartige Coverversion. Song und Musiker verschmelzen und profitieren voneinander – super! Zudem rockt es auf ganz eigene Weise.

„The One Rose (that´s left in my Heart)“ (im Original von Jimmy Rodgers) klingt, als würde der alte Mann der Countrymusik ein sanftes Liedchen ins Gesicht säuseln. Irgendwie süß.

Mit „Country Boy“ nimmt das Tempo zu, es wird ordentlich gerockt und Rock ’n’ Roll gespielt, als gäbe es kein Halten. Das sorgt für Abwechslung.

„Memories Are Made of This“ (im Original von Dean Martin) spielt Johnny Cash so, als gehöre der Song schon seit Ewigkeiten zu ihm.

„Spiritual“ (im Original von Spain) ist einfach großartig – ein sehr schöner Song. Vielleicht sollte ich der Band „Spain“ eine zweite Chance geben. Ich hatte zwar schon einmal ein Album der Band gehört, konnte damals aber nicht viel damit anfangen. Ein zweiter Versuch wäre jetzt wohl lohnenswert.

„The Kneeling Drunkard’s Plea“ (im Original von den Carter Sisters) passt besonders gut, da Johnny Cash mit June Carter von den Carter Sisters (eine Familie) verheiratet war. Es ist wohl kein Zufall, dass Cash gerade diesen Song ausgewählt hat.

„Southern Accents“ (im Original von Tom Petty & The Heartbreakers) dürfte der Begleitband keine Probleme bereitet haben.

Mit „Mean Eyed Cat“ wird das Tempo nach den zwei wunderschönen Balladen wieder angezogen, und es entsteht ein guter Country-Blues.

Die beeindruckendsten Songs des Albums sind jedoch eindeutig die zurückgenommenen, ruhigen Stücke. Fast jeder einzelne nimmt einen mit – das ist diese besondere Emotionalität, die auf den Hörer überspringt, auch bei „Meet Me in Heaven“.

„I Never Picked Cotton“ (im Original von Roy Clark) funktioniert ebenfalls sehr gut. Country-Folk, der Spaß macht und mit dem Refrain auf jeden Fall begeistert.

„Unchained“ (im Original von Jude Johnston), das Titelstück, ist ebenfalls eine ruhige Nummer, wirkt allerdings etwas kitschiger als die anderen – vermutlich wegen des Einsatzes der Streicher.

Mit „I’ve Been Everywhere“ (im Original von Lucky Starr) schließt das Album ab. Diesen Song liebe ich, da geht man gerne mit Johnny Cash auf eine musikalische Reise.

Ein großartiges Album eines großen Künstlers.

02.12.25

Clueso - Weit weg (2006)

Von seinen Anfängen als Rap-Sänger entfernt sich Clueso mit dem dritten Album noch etwas stärker, als er es bereits mit seinem zweiten Album getan hatte. Die Songs bewegen sich eher im Bereich „deutschsprachiger Pop“. Das ist nicht schlimm, solange es gut gemacht ist. Bei Clueso stimmen meist die Zutaten, von gut gespielter Musik bis zu überzeugenden Texten.

Musikalisch bietet das Intro von „Frische Luft“ schon einiges. Es ist gelungen und geht in einen leichten Popsong über. Ganz ohne Rap kommt es in Cluesos Songs allerdings nicht aus, jedoch auf sympathische Weise. Mir sind die sympathischen Rapper immer lieber als die Rüpel-Gangster-Rapper, mit denen ich überhaupt nichts anfangen kann.

Funk-Rock gibt es im Intro von „Sterblich“ zu hören, bevor der Song ebenfalls zum Popstück wird. Trotz einiger Abwechslung kann mich das Stück nicht ganz überzeugen.

Das leicht akustisch gehaltene „Mach´s gut“ trifft dafür ganz meinen Geschmack. Es wirkt schön lässig und entspannend – wirklich gelungen.

Das Stück „Bleib hier“ orientiert sich näher am Reggae-Dub und funktioniert bei Clueso sehr gut. Das Titelstück „Weit weg“ zusammen mit den New Telephatics ist zwar recht kurz, enthält aber eine leichte Rap-Note und wirkt dabei zugleich entspannt und tiefgründig.

Der Titel „Weit weg“ weckt natürlich Hoffnung auf Urlaubsgefühle. Das Album hält davon tatsächlich einiges bereit. Es ist ein Urlaub für die Seele und die Ohren, weil Songs wie „Viel gesehen“ einen für kurze Zeit aus dem Hier und Jetzt entführen und Urlaubsgefühle schenken.

Leichte Melancholie findet sich ebenfalls: „Winter Sommer“. Sehr kurz ist das Zwischenspiel „ey tino!“. Pop-Balladen beherrscht Clueso ebenfalls sehr gut, etwa mit „Überall bist Du“.

Gemeinsam mit Max Herre entstand der Song „Da wohnt so ’n Typ“. Obwohl er wieder recht rockig klingt, gehört er nicht ganz zu meinen Favoriten. Mit Max Herres Gesang komme ich persönlich nicht so gut zurecht. Seine Frau Joy Denalane hingegen höre ich beim Singen sehr gern zu.

Indie-Rock zeigt sich bei „Hirn ein“. Gekonnt umgesetzt, aber auch nicht ganz mein Fall. Da das Album mit siebzehn Stücken sehr umfangreich ist, finde ich es jedoch gut, dass das musikalische Spektrum oft wechselt – dadurch kommt beim Hören keine Langeweile auf.

Fast durchgerappt kommt „Crash“ daher. Die heute vielleicht nicht mehr ganz aktuelle Jugendsprache stört mich beim Hörgenuss allerdings ein wenig.

Sanfter wird es noch einmal bei „Schwer“. Ein gelungener Hit der Platte ist „Chicago“, obwohl das Thema Drogensucht behandelt wird.

Mit Immo wird „Morgen Gestern“ zu einem gekonnten Funk-Pop-Stück. Hier vereint sich der Abwechslungsreichtum der Platte in einem Song, was auch sehr deutlich macht, wie viel Spaß ein Livekonzert machen muss.

Bei „Mein Bestes“ merkt man, und das nicht zum ersten Mal, wie gut das Album produziert ist. Cluesos Gesang erinnert mich dabei an Henning May, was mich an AnnenMayKantereit denken lässt. Musikalisch ist das zwar nicht ganz vergleichbar, doch im Geist liegen die Interpreten nah beieinander.

Zum Ende wird mit „Out of Space“ ein Song einfach mal rausgehauen und locker gerockt.

Für mich ist Clueso eines der Glanzlichter im deutschsprachigen Pop. Er macht Popmusik mit Seele, die Spaß macht und sowohl musikalisch als auch textlich einiges zu bieten hat. Kurz gesagt: „Gute Musik!“

Nach etwas Stille folgt nach „Out of Space“ noch ein kleiner Funk-Pop-Song als Hidden Track.

01.12.25

Buffalo Tom – Birdbrain (1988)

Wie schon beim Debütalbum wirkt J. Mascis bei den Aufnahmen als Co-Produzent mit und ist im Titelstück „Birdbrain“ zu Anfang der Platte auch als Gitarrist mit einem Solo beteiligt.

Der Titeltrack „Birdbrain“ ist ein eingängiger, schneller Rocksong. Sanfter Alternative-Rock ist bei „Skeleton Key“ zu hören, der klingt wie eine Mischung aus R.E.M. und der Atmosphäre des ersten Pearl-Jam-Albums „Ten“. Hat sich die Band aus Seattle hier vielleicht etwas abgeguckt? Das ist schon eine richtige frühe Grunge-Nummer, obwohl dieser Stil erst drei Jahre später entstanden ist.

Das Album bietet viele Vorlagen für den Grunge. „Caress“ klingt, als wäre es ein Stück der Post-Grunge-Band „Bush“, nur nicht so glatt produziert. Das Album beeindruckt mich schon jetzt wieder.

Rauer, ungeschliffener Alternative-Rock, gelegentlich etwas punkiger, hört man bei „Guy Who Is Me“. Danach wird es wieder sanfter, aber dennoch kraftvoll gerockt bei „Enemy“. Damals wurde das als Collage-Rock bezeichnet – dazu zählten Bands wie R.E.M., Dinosaur Jr. und andere. Ich mag, was ich auf dem Album höre, und deshalb gefällt mir wohl auch jede Phase der Band – diese Frühphase, die bekanntere mit dem Nachfolgealbum „Let Me Come Over“ und die späte Phase mit Platten wie „Quiet and Peace“. Das Trio, bestehend aus Bill Janovitz, Chris Colbourn und Tom Maginnis, liefert einfach guten, emotionalen und melodischen amerikanischen Alternative-Rock, und das schätze ich sehr. So mag ich „Crawl“ und noch mehr das rockige „Fortune Teller“.

Sehr grunge-lastig klingt „Baby“ – ähnlich wie die Songs des von mir geliebten Albums „Temple of the Dog“.

Auch wenn es bei Buffalo Tom gelegentlich punkrockiger zugeht, gefällt mir das gut, weil die Musik immer kraftvoll rockt, zum Beispiel bei „Directive“.

„Bleeding Heart“ klingt dann schon so, wie sich die Band auf „Let Me Come Over“ meist anhört – vor allem, wenn sie im Tempo zulegen.

Als Bonus gibt es auf der CD noch zwei live-akustische Tracks: „Heaven“ und „Reason Why“. Hier hört man, dass die Band auch als Singer/Songwriter-Folk-Trio gut funktionieren kann.

Ein sehr gutes Album – die Buffalo-Tom-Discographie hätte ich schon früher mal vollständig durchhören sollen.

27.11.25

Ryuichi Sakamoto – Merry Christmas Mr. Lawrence_Soundtrack from the Motion Pichture (1983)

Dies ist die erste Filmmusik, die Ryuichi Sakamoto komponiert hat. Sie besteht aus achtzehn kleineren Instrumentalstücken und dem Song „Forbidden Colours“, gesungen von David Sylvian. Gerade „Forbidden Colours“ ist wohl der Hauptgrund, dieses Vinyl zu besitzen – obwohl ich die Single sogar auch als Maxi-Version habe.

Wie bei vielen Filmen gibt es auch hier ein Grundthema, das oft in verschiedenen, manchmal nur leicht veränderten Variationen im Film mehrfach verwendet wird. So ist das Titelthema „Merry Christmas, Mr Lawrence“ eine instrumentale Fassung von „Forbidden Colours“. Der Film ist, wie viele wissen, prominent mit David Bowie besetzt, und auch Ryuichi Sakamoto spielt eine wichtige Hauptrolle. Als Schauspieler war Sakamoto jedoch später seltener zu sehen als David Bowie.

Die Songminiaturen dieser Filmmusik gehen oft ohne Pause ineinander über und wechseln manchmal sogar ohne Titelsprung die Stimmung und das musikalische Gewand. Dabei wechseln sich Streicher mit Synthesizerklängen, elektronischen Trommeln und Orchestersound ab – ebenso wie das Tempo und die Ausdrucksweise variieren. Das macht das Hörerlebnis abwechslungsreich, erschwert jedoch die Zuordnung der Musikstücke zu den einzelnen Titeln. Ich habe das anfangs falsch versucht und werde es jetzt einfach lassen – denn beim Hören werden aus sieben kurzen Filmmusikstücken plötzlich vierzehn.

Das erste Stück der zweiten Plattenseite verwendet das Titelthema noch einmal leicht verlangsamt. Natürlich dient Filmmusik immer dazu, die Stimmung zu verstärken, und Stücke wie „Dismissed!“ verdeutlichen durch ihren Ton die Spannung und Bedrohung, die im Film zu erleben sind. Dasselbe gilt für das Stück „Assembly“: ein kurzes, düster gehaltenes Zwischenspiel, gefolgt von melodiöseren und wirklich guten Passagen des Soundtracks, auch wenn hier ein Thema wiederholt wird, das bereits in der zweiten Hälfte der ersten Plattenseite auftaucht, nämlich „Sowing the Seed“.

Ähnlich, nicht nur im Titel, sondern auch in der Stimmung, ist „The Seed“ ein weiteres Highlight gegen Ende der zweiten Seite. Darauf folgt „Forbidden Colours“, ein Song für die Ewigkeit.

Ein abwechslungsreicher Soundtrack mit vielen kleinen Songminiaturen, bei dem man deutlich hört, wie Ryuichi Sakamoto sich vom Popmusiker immer mehr zu einem echten Komponisten entwickelt. Ein Grenzgänger – und solche Musiker gehören zu meinen liebsten.

24.11.25

Marianne Faithfull – Marianne Faithfull (1965)

Das ist das zweite Album der Sängerin und eine Mischung aus Chansons (in englischer Sprache), Schlagerpop, frühem Pop und sogar klassischer Musik. Die Songs stammen von bekannten Musikern wie Jackie DeShannon, Lennon & McCartney sowie Jagger, Richard und Loog Oldham.

Das Album wurde mehrfach veröffentlicht, teilweise mit unterschiedlicher Songreihenfolge oder einigen zusätzlichen Titeln. Ich orientiere mich an dem Remaster von 2025. Marianne Faithfull brachte 1965 noch zwei weitere Alben heraus: Zuvor die Platte „Come My Way“ und nach diesem zweiten Album „Go Away from My World“.

Die bekanntesten Stücke, wie „Down Town“ und „Plaisir D´Amour“, fallen beim Durchhören der vierzehn kurzen Songs am meisten auf. Doch es gibt auch einige nette Überraschungen, zum Beispiel das etwas folkige „Time Takes Time“ und das flotte „Can’t You Hear My Heart Beat“.

Die meisten Songs ziehen eher unauffällig vorbei und sind zarte, von einer sanften Stimme gesungene kleine Popsongs der Sixties.

Das im Kammermusik-Stil gehaltene „Paris Belle“ bleibt jedoch im Ohr, weil es etwas Eigenes hat. Zuckersüß und sehr nett ist auch „They Never Will Leave You“. Es kann aber auch sein, dass ich mich nach zehn Liedern einfach schon in diesen Sixties-Sound eingegroovt habe.

Typischer können die Sechziger kaum klingen als beim Stück „In My Time of Sorrow“. Allerdings hört man am Sound, dass es nicht zur ursprünglichen Veröffentlichung des Albums gehört.

Schlager und Rock vereinen sich beim Stück „I’m a Loser“ – ein netter Abschluss der Veröffentlichung.

Kein Album, das lange nach dem Hören nachwirkt und nicht unbedingt etwas für meine Sammlung. Aber als kleine musikalische Geschichtsstunde ist es durchaus nett anzuhören.

23.11.25

The Belair Lip Bombs – Again (2025)

Indierock aus Australien. Maisie Everett, Sängerin und Gitarristin der Band, und ihre Band, bestehend aus Mike Bradvica (Gitarre), Jimmy Draugthon (Bass), Daniel Davlin (Drums) sowie Studiogastmusiker und Co-Produzent Nao Anzai (Keyboards und Violine), scheinen mit ihrer zweiten Platte das Potenzial zu haben, ganz groß rauszukommen. Denn der Indierock der Band nimmt einen mit und ist so überzeugend, dass er sich deutlich von vielen anderen Gruppen abhebt, die denselben Musikstil verfolgen.

Das Eröffnungsstück „Again and Again“ macht mit kräftigen Gitarrenriffs keine Gefangenen, sondern reißt mich sofort mit. Statt Garagenrock geht der Song dann allerdings in eine leichte Indie- und Alternative-Rock-Richtung weiter. Großartig, und schon bin ich Fan. Da ich das Album zunächst nur gestreamt habe – weil es Platte des Monats im Uncut-Magazin ist – habe ich es direkt zusammen mit dem Debütalbum bestellt. Solche gelegentlichen Überreaktionen habe ich manchmal, wenn mir etwas wirklich gefällt. Und das, was ich hier höre, begeistert mich.

Leichter gerockt, etwas poppig und allgemein zugänglich, dabei aber immer noch sehr überzeugend: „Don’t Let Them Tell You (It’s Fair)“.

Das sind einfach tolle Melodien und rockig dazu – richtig gut: „Another World“ wird live sicher eine großartige Nummer sein.

Wieder eingängiger, aber trotzdem tanzbar: „Cinema“ – auch genau mein Ding. Indie-Pop-Rock vom Feinsten.

Jack White hat die Australier in sein Label Third Man Records aufgenommen, sodass sowohl das erste Album „Lush Life“ als auch das neue Werk nun international vermarktet werden.

Dennoch, und das ist ja auch ein Markenzeichen von Jack White, klingt alles authentisch handgemacht, ohne dabei an Anziehungskraft zu verlieren. Bei „The Belair Lip Bombs“ macht vor allem die Mischung aus Powerpop, Rock und Indie den Reiz aus. Da darf sich jeder in die Band verlieben.

Songs wie „Hey You“ gibt es viele, doch sie funktionieren oft perfekt. Gute Gitarrenwände, die mitreißen, und ein eingängiger Refrain – mehr braucht es nicht für einen Hit. Auf Spotify wurde der Song bereits über eine Million Mal gestreamt. Manchmal kommt es mir beim Wiederhören so vor, als würden Indierocker wie „Kings of Leon“ auf „Taylor Swift“ treffen – und genau das erklärt wohl die starke Anziehungskraft ihrer Musik.

Alles in allem gefällt mir, was ich höre, und es ist schön abwechslungsreich. Ich bin wieder mal verliebt. Eine solche Platte habe ich auch gebraucht, denn in letzter Zeit war ich beim Hören fast schon in einen Automatismus verfallen und zweifelte, ob ich nach über 600 Alben nicht mal eine Pause machen und es etwas langsamer angehen sollte. Aber mit so guter Musik macht alles wieder Sinn und vor allem viel Spaß. Besonders gefallen hat mir auch „If You’ve Got the Time“, sehr lässig, fast im Stil des 70er-Rock.

Leichter, schöner Rock: „Smiling“. Fast schon eine Ballade: „Burning Up“. Und mit „Price of a Man“ endet das Album leider schon. Aber es gibt ja noch das Debütalbum. Eine schöne Entdeckung, zur richtigen Zeit – und wirklich richtig gut!

19.11.25

Blancmange – Mange Tout (1984)

Beim zweiten Album darf das Synth-Pop-Duo, bestehend aus Neil Arthur und Stephen Luscombe, bei der Produktion mehr wagen. So sind zahlreiche Gastmusiker auf dem Album zu hören, darunter David Rhodes an der Gitarre. Das Album klingt deshalb bereits nach etwas mehr als reinem Synth-Pop. Dennoch ist bei Stücken wie „Blind Vision“ der ursprüngliche Sound erhalten geblieben.

Ich bin gespannt, ob ich neben den Hits „Don’t Tell Me“ und „Blind Vision“ noch weitere gute Stücke finden werde.

„Don’t Tell Me“ ist mein Lieblingssong der Band. Ich mag sogar die Maxi-Fassung immer noch sehr gern. Der Song ist einfach gut und hat die 80er Jahre gut überdauert.

Der melancholische, düstere Synth-Pop-Song „Game Above My Head“ fällt ebenfalls ins Auge. „Blind Vision“ zählt zu den bekanntesten Stücken von Blancmange, hat die Zeit aber nicht so gut überdauert wie „Don’t Tell Me“. Der Song wirkt mittlerweile doch etwas zu sehr nach 80er Jahren und überzeugt mich nicht mehr so sehr wie damals, als er herauskam.

Mit einem kleinen Orchester aufgenommen, besticht „Time Became the Tide“ mehr durch seine Kammermusik als durch seine songschöpferischen Qualitäten, da es etwas zu sehr auf Drama und Pathos setzt.

Die Synth-Elektric-Disco-Nummer „That’s Love That It Is“ ist ebenfalls nicht mein Fall. Aus irgendeinem Grund will bei mir vieles auf dem Album nicht richtig funktionieren. Die Musik erreicht mich irgendwie nicht. Ich hoffe, auf der zweiten Seite des Albums noch auf etwas Gutes oder zumindest auf Musik zu stoßen, die mich mitnimmt.

Auch das stark produzierte und recht ausgeklügelte Synth-Pop-Stück „Murder“ erreicht mich nicht. Es ist wirklich merkwürdig, dass ich auf viele Songs so gut anspreche und sie mag, während mich einige Stücke beim Hören völlig kalt lassen. Diese Musik lässt mich unbewegt zurück, was fast schon zum Verzweifeln ist.

Als kleine Überraschung zur rechten Zeit kommt „See the Train“ als A-cappella-Stück und leichter Gospel daher.

Auch „All Things Are Nice“, fast ein reiner Elektronik-Dance-Song, verziert mit ein paar Samples, funktioniert noch ganz gut. Es ist also nicht alles schlecht auf diesem Album.

„My Baby“ hingegen gefällt mir überhaupt nicht. Ich finde den Song fast schrecklich.

Und als es kaum noch schlimmer werden konnte, covern sie am Ende noch Abba mit „The Day Before You Came“.

Nein, kein gutes Album. Aber „Don’t Tell Me“ bleibt für mich ein Song für die Ewigkeit.

18.11.25

Ásgeir – Afterglow (2017)

Ásgeir Trausti ist ein isländischer Musiker, der meist melancholischen Indie-Pop macht. Seine Alben bringt er meistens in zweisprachigen Varianten heraus, auf Isländisch und Englisch. „Afterglow“ ist sein zweites Album.

Das Album beginnt mit Pianomusik, dazu singt Ásgeir mit hoher Stimme, wodurch er ein wenig an Anohni erinnert. Der Song entwickelt sich fast zu einer orchestralen Hymne, bevor er im leichten Indie-Pop-Stil weitergleitet. So verbindet Ásgeir Drama und Leichtigkeit in einem Stück. Zwar fehlen dem Song ein wenig die Ecken und Kanten, die man bei dieser Art von Musik manchmal vermisst, doch insgesamt ist das gekonnt umgesetzt.

Schöne elektronische Soundideen prägen das zweite Stück „Unbound“. Es macht Freude, diesen Titel zu hören, auch wenn es eindeutig Popmusik ist – aber eben richtig gut gemachte.

„Stardust“ funktioniert dann auch ohne Melancholie; das ist wohl die isländische Fröhlichkeit, die der Song ausstrahlt. Besonders gefällt mir, dass das Album insgesamt recht abwechslungsreich ist und nicht nur aus melancholischen Pop-Balladen besteht.

Der Pop von Ásgeir ist vielleicht nicht herausragend, denn er richtet sich doch sehr an ein größeres Mainstream-Publikum. Für mich ist das jedoch Musik, die den Alltag schön macht. Musik zum Unter-der-Decke-Hocken, zum Gemütlichmachen, zum Abschalten – und das gelingt den Songs wie „Here Comes the Wave“ ausgezeichnet, die sogar etwas Schwung in den Alltag bringen.

Sehr sakral und erhaben klingt „Underneath It“, wobei die Musik wieder an den leicht verpoppten Bruder von Anohni erinnert. Kurz und ebenfalls ruhig ist „Nothing“, das allerdings etwas überflüssig erscheint, da es dem Album nichts Neues hinzufügt.

Dagegen gefällt mir „I Know You Know“ als guter Popsong viel besser.

Es wäre seltsam, wenn ein Song wie „Dreaming“ nicht verträumt klingen würde, und so ist es dann auch. Verträumtheit scheint bei Ásgeir eine Grundstimmung zu sein. Solche Stücke eignen sich gut für Filme und zur Nutzung als Soundtrack. Besonders beeindruckend ist der Instrumentalteil, der fast orchestrale Züge trägt.

Etwas kitschig gerät die „Feiertagsmusik“ „New Day“. Das Stück ist fast zu schön, aber um diese Wirkung zu erzielen, braucht Ásgeir nicht viel. Seine sanft klingende hohe Stimme und ein bisschen klassisch anmutende Popmusik genügen, und genau das beherrscht der Isländer ganz hervorragend.

„Fennir Yfir“ könnte Ásgeir ohne Probleme als Soundtrackmusik beisteuern. Hier funktionieren Songs wie dieser genau richtig. Zusammen mit „Unbound“ und „I Know You Know“ zählt dieses Stück zu den Highlights des Albums.

Zum Abschluss gibt es noch einmal sakralen Pop mit „Hold“, wovon es auf dem Album tatsächlich einige Stücke zu hören gibt.

Eine Bonus-CD enthält Alternativversionen von „Afterglow“ und „Unbound“, sowie die Coverversion des Pixies-Songs „Where Is My Mind?“ und den unveröffentlichten Song „Trust“.

Die Alternativversion von „Afterglow“ ziehe ich der Originalversion vor, weil sie weniger orchestral klingt und als sanfter Popsong mit guten Soundideen sehr gut funktioniert.

Dagegen ist die Alternativversion von „Unbound“ leider zu glatt geraten, weshalb ich die reguläre, klug arrangierte Variante deutlich besser finde.

Aus „Where Is My Mind?“ macht Ásgeir etwas ganz Sanftes. Das gelingt ihm allerdings weniger gut als bei seiner Version von „Heart-Shaped Box“ von Nirvana auf dem ersten Album. Dennoch ist es mal etwas anderes.

„Hold“ ist eine sanfte Akustiknummer, fast ausschließlich von einer Gitarre begleitet. Dabei erinnert seine Stimme fast an das, was Bon Iver und andere Folkpop-Bands heute liefern.

Als zurückhaltende Popmusik mag ich das, was Ásgeir macht, wirklich gerne. Es würde mich jedoch interessieren, wie er klingen würde, wenn er seine Platten nicht fast vollständig alleine und vor allem mit elektronischen Sounds machen würde, sondern mal mit einer Band. So minimalistisch ausgestattet habe ich ihn damals auch beim Traumzeit-Festival vor vielen Jahren gesehen, und da sprang der Funke direkt auf mich über.

17.11.25

Bløf – Oktober (2008)

Die Band „Bløf“ zog sich nach Irland zurück, um im „Pickering House“ neue Musik aufzunehmen. Dabei entstanden die Alben „Oktober“ und „April“. Im Jahr 2023 wurden diese zusammen mit den Liveaufnahmen der „Pickering Session“ neu auf Vinyl als „Dreier-Vinyl-Ausgabe“ herausgebracht. So höre ich jetzt „Oktober“ als LP 1 von 3.

Herbstlich ruhig, leicht melancholisch, dabei aber doch melodiös werdend: „Oktober“. Der ruhige Singer-Songwriter-Pop-Modus wird auch bei „Eilanden“ beibehalten. Das können Bløf ja sehr gut. Schließlich haben sie mich mit „Dansen an See“ zum Fan gemacht. Besonders an allen Songs der Alben „Oktober“ und „April“ ist, dass es Liveaufnahmen sind, die ohne Overdubs verwendet wurden.

Auch eine ruhige, gefühlvolle Pop-Ballade: „Van veraf was het zu mool“. Das ist die bisher schönste Nummer des Albums – einfach wunderschön.

Etwas leicht rockiger: „Wrj geloven nergens in“. Wieder ruhiger und fast schon ein Blues: „Liefdesbrief“.

Die Platte ist ein Sofaalbum, um sich unter die Decke zu verkriechen. Rockballaden in schönster Bløf-Qualität – so auch „Labrador“, teils im Jazzsound-Gewand.

Anfänglich eine Pianoballade: „Donkerrood“ – schön gespielt, wenn die anderen Instrumente nach und nach dazu kommen. Eine sehr schöne Nummer. Davon gibt es auf dem Album reichlich. Ganz viel zum Zusammenkuscheln.

Ganz großartig, fast schon Indie-Pop-Ballade: „Hoe lang blijf je binnen“. Einfach ganz schöne Lieder sind „Adem in“ und besonders schön „Kouder dan ijs“. Bei all diesen Stücken merkt man, wie gut die Musiker dieser Band geworden sind – sie lieben es, „live“ zu spielen, und das hört man.

Alles Musik fürs Herz: „Vallende Engel“. Von der Party-Pop-Musik des Debüts ist das schon sehr weit entfernt. Und das Gute ist: Trotz vieler Rock-Pop-Balladen ist es niemals kitschig, sondern einfach gut. Das ist nicht nur meine liebste niederländische Band, sondern mittlerweile eine meiner Lieblingsbands.

Der passende Titel zur Platte: „Zo mooi, zo mooi“ („So schön, so schön“). Da kann ich nichts hinzufügen.

Matt Berninger – Serpentine Prison (2021)

Der The National-Sänger bringt ein Soloalbum heraus. Für ihn etwas ungünstig fällt diese Veröffentlichung in die Corona-Zeit, was den Musiker auch in eine persönliche Krise stürzt und die Arbeit am nächsten The National-Album erschwert. Doch kommen wir jetzt zum Inhalt dieses Debüts.

Sanfte Singer/Songwriter-Musik, leicht verhallt, sodass sie auch nach Indie-Pop klingt – so ist der Stil der ruhigen Nummern „My Eyes are T-Shirts“ und „Distant Axis“. Das ist schön anzuhören und nimmt einen mit, ist aber auch etwas einfach geraten. In einer intimen Live-Umgebung wäre das sicherlich sehr reizvoll gewesen, wenn eben nicht Corona das Konzerterlebnis zum Erliegen gebracht hätte. Von daher verstehe ich gut, warum Matt Berninger in eine Krise geriet.

Den sanften Grundton behält auch „One more second“ bei. Das ist schon schön, aber mir fehlt immer noch etwas, das mich richtig packt. Ich möchte die Produktion nicht als zu glattgebügelt bezeichnen, doch es klingt halt nach viel von dem, was man im Radio hört. Man wippt beim Refrain mit, aber der Song ragt nicht aus der Menge heraus. Der gleiche Titel, gespielt von Robbie Robertson, hätte einfach mehr Blues oder Rock sowie mehr Ecken und Kanten.

Bei „Loved so little“ klingt der Gesang ein wenig so, als versuche Berninger Nick Cave zu kopieren, und der Song wirkt dann auch, als wäre er von Daniel Lanois produziert – und das gefällt mir deutlich besser. Das passt mehr zum The National-Frontmann. Ein erster beachtenswerter Song der Platte. Produziert wurde das Album von Booker T. Jones, den man von „Booker T & the MG’s“ kennt.

Der leicht atmosphärische Sound prägt auch „Silver Springs“. Ein schönes Duett mit Gail Ann Dorsey, die als Bassistin in den Bands von David Bowie und Lenny Kravitz bekannt wurde.

Das akustisch gehaltene „Oh Dearie“ ist wunderschön. Man musste wohl nur die etwas glatteren Anfangssongs als Hörer hinter sich bringen, um dann doch mit der Platte Freundschaft zu schließen.

Rocken will Berninger solo offenbar nicht. Lieber füllt er das Album mit ruhigen Singer/Songwriter-Balladen, aber das funktioniert gut, wie „Take me out of Town“ zeigt. Live hätte mich das Material der Platte „umarmt“. Ein wenig erinnert das an das letzte Leslie Feist-Album: Ein Musiker, der sich konzentriert auf das Wesentliche der Musik fokussiert und dabei viel Emotionalität auf den Hörer überträgt.

Laut wird es einfach nicht. Ganz ruhig und zurückhaltend ist auch „Collar of your Shirt“, unterlegt mit Streichern und sanftem Gitarrenspiel, das wundervoll klingt.

Getragen von einem Piano und Berningers wie immer toller Stimme, die ich sehr mag – und natürlich wieder ganz ruhig – kommt „All for Nothing“ daher. Dieses Stück wird ergänzt durch Streicher und Blasinstrumente, die zwischendurch ein wenig lauter werden.

Das Titelstück „Serpentine Prison“ setzt den Schlusspunkt des regulären Albums. Auch hier will man nicht überraschen, sondern hält den Stil der zuvor gehörten Songs bei. Doch gerade wegen der gelungenen Produktion (abgesehen von den ersten drei Tracks) werde ich dieses Album in sehr guter Erinnerung behalten. Als Einzelstücke in einer Playlist können einige Songs nochmals richtig glänzen. Ich freue mich schon auf das Wiederhören einiger Stücke.

Doch es gibt noch sechs Bonustitel, das Album ist also noch nicht vollständig gehört.

Das etwas flotter gespielte „European Son“ macht richtig Spaß, auch weil es durch seine fröhlichere Art für Abwechslung sorgt. Das Stück ist wirklich klasse, verdammt, jetzt muss ich mir das Album wegen der Bonusstücke noch einmal holen.

Eine wunderschöne, soulige Piano-Blues-Nummer ist „Then you can tell me goodbye“. Die Deluxe-Version als Download ist bei mir gerade gekauft.

Die Songs hätten als Teil des regulären Albums den Ton etwas stark verändert, doch das wäre eigentlich nicht schlimm gewesen. Die Qualität ist einfach gut. Der sanfte Root-Folk-Song „In spite of me“ funktioniert sehr gut und passt wieder zum bereits erwähnten Robbie Robertson. Er erinnert zudem leicht an Bob Dylan.

Dann wird im Retro-Stil doch mal gerockt. Das klingt ganz stark nach Booker T. & the MG’s. Hier wird dem Produzenten mit einer guten Cover-Version gehuldigt, die Booker T. 1968 mit Eddie Floyd herausgebracht hat: „Big Bird“.

Zum Schluss gibt es gleich noch etwas Sanftes: „Let it be“. Am Ende hört man „The End“, das allein von Benjamin Lanz, einem Mitglied von The National, geschrieben wurde. Bei allen anderen Stücken (außer „Big Bird“) war Matt Berninger Co-Autor. Und bei Benjamin Lanz sowie dem ständigen Einsatz von Blasinstrumenten auf dem Album fällt mir wieder ein, dass ich auch mal mehr von „Beirut“ hören muss – dort ist Lanz schließlich Stammmusiker.

Anfangs tat ich mir mit dem Album etwas schwer, doch ab dem vierten Stück hat es mich gepackt, und jetzt bin ich ziemlich begeistert. Die Deluxe-Ausgabe ist tatsächlich noch einmal deutlich besser als das reguläre Album, weil die Bonustitel einfach allesamt Highlights sind.

12.11.25

Bronski Beat – The Age of Consent (1984/Remaster + Bonusmaterial 1996)

Der Synthpop dieses Albums, geprägt von der einzigartigen Stimme Jimmy Sommervilles und gespielt von drei Musikern, die offen mit ihrer Homosexualität umgehen, hat bis heute einen bleibenden Eindruck in der Popmusik hinterlassen. Songs wie „Why“, „Smalltown Boy“ und „It ain´t nessarity so“ sind aus dem Kanon der modernen Popmusik nicht mehr wegzudenken – Songs für die Ewigkeit, die den Bandnamen „Bronski Beat“ bis heute im Gedächtnis der Hörer halten.

Es ist ein typischer Song der 80er Jahre, das hört man, doch er funktioniert noch immer sehr gut. Auch weil das Stück ein ganz typischer Disco-Song ist, der zudem textlich der homosexuellen Community auf den Leib geschrieben wurde. Gleichzeitig funktioniert er einfach als Tanzflächenhit, obwohl der Text ernst ist und sich mit den Anfeindungen auseinandersetzt, denen homosexuelle Menschen ausgesetzt sind – der Song heißt „Why?“. „It ain´t nessarity so“ war immer einer meiner Lieblingssongs der Band und ist ein besonders wertvoller Titel. Er hat inzwischen fast den Rang eines Jazzstandards. Ursprünglich stammt das Stück aus der Oper „Porgy and Bess“. Mit dem Musiker Richard Coles, der unter anderem an der Klarinette bei diesem Song zu hören ist, gründete Jimmy Sommerville nach seinem Weggang von „Bronski Beat“ das Projekt „The Communards“.

„Screaming“ war für mich der erste Song auf dem Album, der mich, da ich ihn vorher nicht kannte, sehr positiv durch seine spannende Atmosphäre und die Sounds überraschte. Ein sehr guter, düsterer Synth-Pop-Song. Gleiches gilt für „No More War“. Besonders loben möchte ich die Soundtüftler Steve Bronski und Larry Steinbachek sowie Produzent Mike Thorne, denn CD und Musik klingen einfach sehr gut.

„Love and Money“ ist soulig und mit Blues versehen, „Smalltown Boy“ funktioniert immer. Eine kleine „Big Spender“-Variante ist „Heatwave“, das ebenfalls sehr pfiffig ist.

Ein weiterer guter Song ist „Junk“. Langsam glaube ich, dass „Why“ tatsächlich zu den eher schwächeren Stücken des Albums gehört. In der CD-Beilage wird nicht eindeutig klar, wer bei „Junk“ neben Jimmy Sommerville mitsingt oder ob es tatsächlich seine Stimme ist, zumal er hier nicht mit seiner hohen Falsettstimme singt.

Insgesamt ist es ein durchweg hörenswertes Album – nicht nur die Singles überzeugen, auch die übrigen Songs gefallen mir sehr gut. So funktioniert etwa auch „Need a Man Blues“ gut. Viele der Titel haben sicherlich andere Songs ähnlicher Art beeinflusst – man höre nur, was Bands wie Gossip machen.

„I Feel Love“ ist inzwischen ebenfalls ein Klassiker, besonders die Remixversion mit Marc Almond wurde viel gespielt und gehört.

Als Bonusmaterial folgen Remix-Versionen von „I Feel Love“, „Hundreds and Thousands“ sowie die Stücke „Memories“ und „Puit D´Amour“.

Ein überraschend gutes Album.

07.11.25

Maire Brennan – Perfect Time (1998)

Maire Brennan, auch geschrieben als Moya Brennan oder Máire Ní Bhraonáin, ist Mitglied der bekannten irischen Folk- und New-Age-Band „Clannad“. Wie ihre Schwester Eithne (Enya) ist sie seit 1992 auch als Solokünstlerin aktiv und veröffentlicht eigene Alben. Auf sie aufmerksam geworden bin ich durch einen Song auf dem Sampler „Common Grounds“. Erst jetzt habe ich durch Wikipedia erfahren, dass sie bei Clannad mitwirkt – was ich vielleicht früher herausgefunden hätte, wenn ich mir das Album „Legend“ von Clannad einmal genauer angeschaut hätte. Dieses Soundtrackalbum zur Serie „Robin Hood“ befindet sich nämlich schon sehr lange in meiner Sammlung.

Das Stück „The Big Rock“ kommt beim Hören sehr direkt und überfällt einen fast, da es ohne langes Intro mit seinem etwas hochproduzierten Folk-Pop einsetzt. Dieser Song eignet sich sicherlich gut als Abspannmusik für jeden modernen Fantasyfilm, allerdings ist er mir aufgrund des Chorgesangs zu kitschig und erinnert mich stark an die wenigen Lieder, die ich von Enya kenne.

Das Titelstück „Perfect Time“ beginnt dagegen sanfter. Es ist kalkulierter Entspannungs-Folk-Pop. Ich hatte eher darauf gehofft, dass das Album nicht nach „Clannad“ klingt, sondern mehr den ursprünglichen irischen Folk widerspiegelt.

So ist das Album eher eine Platte, die man im Winter oder an einem Feiertag auflegt, um sie als Hintergrundmusik zu hören – zum Beispiel, wenn man auf dem Sofa sitzt und Tee schlürft. Der Song „The Light on the Hill“ klingt dagegen fast wie ein Hit von Celine Dion, also großer Kitsch, hat aber durchaus Hit-Qualität.

Sehr sakral wirkt „Na Páistí“.

So viel Schönklang im kitschigen Folk-Pop-Gewand ist dann doch etwas viel für mich. Als einzelne Songs mag das noch einigermaßen angenehm sein, doch in der Reihenfolge wirkt „Heal the Land“ einfach sehr uninteressant. Beim nächsten Titel frage ich mich, ob ich das Hören nicht ganz abbrechen soll. „Song of David“ ist ein überwältigender, aber völlig seelenlos gespielter Folkkitsch, der nur auf einfache Emotionalität setzt und für den Mainstreamgeschmack wohlgefällig serviert wird – so sehr, dass einem der Song fast schon unangenehm wird.

Ich fasse mich kurz: „Our World“ ist die nächste Nummer im Stil von Celine Dion.

„Doon Well“ macht zumindest Hoffnung, dass doch noch ein Song auf diesem Album funktioniert. Tatsächlich ist diese sanfte Instrumentalnummer recht gelungen. Zwar ebenfalls kitschig wie der Rest, aber mit mehr Zurückhaltung gespielt.

Musikalisch etwas besser gelungen ist „Grá Dé“, das eher leichter Folkrock als Folkpop ist. Zum Abschluss folgt noch eine instrumentale Version von „The Big Rock“.

Bis auf „Doon Well“ und „Grá Dé“ werde ich von der CD nichts behalten. Das Album ist einfach zu wohlgefällig geraten. Gerade zurzeit mag ich alternativen Folk, und dieses Album ist das genaue Gegenteil davon. Wer aber Enya, Celine Dion und Hans Zimmer schätzt, wird bei Maire Brennan bestens bedient.

04.11.25

Brandy – Two Eleven (2012)

Dies ist das sechste Album von Brandy Norwood. Das Genre R&B wird darauf geschickt mit Soul, Rap und Pop von einer Vielzahl an Produzenten vermischt. So entstand ein Album mit zahlreichen Songs, die großes Hitpotenzial besitzen. Es erreichte Platz 2 der Billboard-200-Charts.

Nach einem kurzen Intro, das bereits atmosphärisch Großes erwarten lässt, folgt mit „Wildest Dreams“ ein zunächst leicht melancholischer Popsong. Obwohl dabei nicht an aufwendigen Effekten gespart wird, klingt das Stück zunächst „nur“ nach typisch amerikanischem R&B und Soul, bei dem Brandy mit leicht rauer Stimme singt.

„So Sick“ mit seinen sanften Beats und den verspielten Vocals gefällt mir besser – der Song nimmt mich wie ein guter Popsong mit.

Dank der Rhythmuseffekte wird „Slower“ zusammen mit den Gesangsarrangements zu einem guten Song.

Die Popballade „No Such Thing as Too Late“ ist harmlos, aber eingängig. Bisher ist das Album eher zurückhaltend, was das Tempo angeht. Gefühlvolles, mit Beats unterlegtes Material prägt den Gesamteindruck.

Das Effektfeuerwerk bleibt trotzdem recht chillig, und die Gesangspartien bleiben stark: „Let Me Go“ ist wirklich ein Highlight.

Die melancholisch angelegte Ballade mit Trip-Hop-Beats „Without You“ ist ebenfalls gelungen. Bei „Put It Down“, auf dem Chris Brown als Feature-Gast zu hören ist, steht die Single-Tauglichkeit im Vordergrund. Auch hier dominieren eher langsame Beats, die geschickt mit verschiedenen Stimmungen spielen.

Atmosphärisch ist dies ein spannendes R&B/Soul-Album, weil es sich an vielen Stellen vom Mainstream-Pop-Soul durch starke Arrangements abhebt und eine zwar nicht düstere, aber auch keine reine Partystimmung vermittelt. Damit schafft es das Album, auch Hörer wie mich zu gewinnen, die sonst selten bei charttauglichem R&B aufmerksam werden.

Ebenso wirken „Headley Breathing“ und „Do You Know What You Have“ sehr überzeugend. 

Die Popballade „Scared of Beautiful“ ist ebenfalls ein schöner Beitrag.

Die meisten Songs sind eher „smooth“ – geschmeidig und sanft, ohne zu schnell zu sein. Dafür werden sie mit Gefühl und Leidenschaft vorgetragen, was auch für „Wish Your Love Away“ gilt.

„Paint This House“ fügt sich in diesen unaufgeregten, aber dennoch schön effektvoll gehaltenen Stil ein. Da wir nun am Ende des regulären Albums bei Stück Nummer dreizehn angekommen sind, reicht das eigentlich auch.

Ich besitze jedoch die Deluxe-Edition, bei der noch drei weitere Stücke und das Outro folgen.

„Can You Hear Me Now“ ist kein Stück, auf das ich verzichten möchte, sondern ein echtes Highlight der CD. Die Stimmung, die dieser Song ausstrahlt, ist einfach großartig. Er erzeugt Spannung und eine fast hypnotische Sogwirkung – das mag ich sehr.

„Music“ ist hingegen vielleicht eine Soulballade zu viel. Daran habe ich mich längst sattgehört.

Nochmals wegen der guten Gesangsarrangements sowie des peppigen Sounds und des Abwechslungsreichtums bietet „What You Need“ einen gelungenen Abschluss vor dem kurzen Outro.

Es sind viele gute Stücke auf dem Album, auch den insgesamt elektronisch geprägten Sound des R&B mag ich hier sehr. Interessant wäre es allerdings auch gewesen, einige Stücke von einer Band eingespielt zu hören. Auf ein richtiges Nachfolgealbum musste man lange warten. Die Musikerin ist jedoch auch als Schauspielerin und Jurymitglied in zahlreichen TV-Produktionen aktiv. Ab und zu trat sie auch mal live auf und präsentierte einzelne Songs. Schließlich erschien 2020 auf ihrem eigenen Label das Album „B7“, in das ich wohl auch einmal hineinhören sollte.

30.10.25

Kate Bush – The Red Shoes (1993)

Nach „Hounds of Love“ habe ich noch sehr oft das Best-of-Album „The Whole Story“ gehört. Die LPs, die darauf folgten, habe ich dagegen eher selten bis gar nicht gehört. Daher ist „The Red Shoes“ für mich jetzt eine Neuentdeckung. An diesem siebten Studioalbum hat Kate Bush von 1990 bis 1993 gearbeitet. Es ist ihr erstes digital produziertes Album, was sie im Nachhinein bereut hat. Deshalb wurden mehrere Songs für das Album „Director’s Cut“ neu aufgenommen, und mit Hilfe der Analogmasterbänder in einer neuen Abmischung wiederveröffentlicht.

Das Album basiert auf dem Film „The Red Shoes“ von Michael Powell und auf der Geschichte von Hans Christian Andersen. Kate Bush realisierte zudem einen Kurzfilm mit dem Titel „The Line, The Cross and the Curve“, in dem sechs Songs des Albums zu hören sind.

„Rubberband Girl“ klingt für einen Kate-Bush-Song ungewöhnlich, da er eher an einen Song von Prince erinnert, der auf dem Album ebenfalls zu hören sein wird. Dennoch macht mir der Song jede Menge Spaß – wohl auch, weil ich so etwas von ihr überhaupt nicht erwartet hätte.

Bei „And so is Love“ wirkt Eric Clapton an der Gitarre mit. Musikalisch erinnert der Song an Peter Gabriel, und dagegen habe ich nichts, denn es ist eine wunderbare Art-Pop-Ballade.

Manchmal wirkt das Album vielleicht etwas zu fröhlich, zum Beispiel bei Stücken, die an Samba und afrikanische Musik erinnern. Dabei fällt mir auf, dass die Musik ein wenig zu flach klingt und sich alles zu einem Einheitsbrei vermischt. „Eat the Musik“ ist vielleicht als Single gedacht, doch der Song passt für mich nicht so recht in das Werk von Kate Bush. Trotzdem traut sie sich auf diesem Album einiges zu.

Lieber höre ich wieder sanfte Pianoklänge und Streicher, dazu sanften Gesang wie bei „Moments of Pleasure“. Die anspruchsvollen Balladen funktionieren sehr gut, ebenso „The Son of Solomon“. Das Gospel-Feeling bei diesem Song finde ich besonders eindrucksvoll.

„Lily“ ist ein Art-Rock-Stück. In diesem Stil hat auch Peter Gabriel nach seinem Album „So“ viele Songs gestaltet. Man merkt, wie sehr die beiden Musiker in ihrer Art, Musik zu machen, miteinander verbunden sind.

Es gibt immer wieder Passagen bei Kate Bush, in denen sie irische Folkmusik neu definiert. Das gelingt ihr auch bei „Red Shoes“ erneut, und man wünscht sich, dass sie das öfters tun würde, denn hier passt alles perfekt zusammen.

„Top of the City“ ist Art-Pop-Rock und steht in einer Reihe mit dem Spätwerk von Joni Mitchell. Dabei wird deutlich, wie diese anspruchsvollen Musikerinnen und Musiker für mich ein eigenes Genre definieren. Künstler wie Kate Bush, Peter Gabriel, David Byrne, Laurie Anderson und andere schaffen es, aus Rock und Pop mehr zu machen, ohne dabei ein reines Kunstwerk entstehen zu lassen – sie bieten einfach herausragende Musik.

„Constellation of the Heart“ ist im Soul-Pop-Genre angesiedelt. Das ist zwar, wie bei „Rubberband Girl“, ungewöhnlich für eine Musikerin wie Kate Bush, doch nicht schlecht. Allerdings funktioniert der Song etwas weniger gut als „Rubberband Girl“. In diesem Stück höre ich auch wieder heraus, was Kate Bush ursprünglich am Sound des Albums missfiel. Es erinnert einen daran, wie gut ihr Meisterwerk „Hounds of Love“ klingt.

Ähnlich verhält es sich mit dem Art-Rock-Stück „Big Stripey Lie“. Das klingt bei Peter Gabriel einfach besser, obwohl es die gleiche Art von Song ist.

Bei „Why Should I Love You?“ wirkt tatsächlich Prince mit. Sein Einfluss prägt den Song hörbar. Es ist schon interessant, dass Kate Bush offensichtlich so beeindruckt von seiner Musik war. Doch bei diesem Stück macht die Kombination wirklich viel Spaß.

Abgeschlossen wird das Album mit der anspruchsvollen Ballade „You’re the One“. Gary Brooker von Procol Harum ist an der Orgel deutlich zu hören.

Die größte Überraschung des Albums ist für mich, dass Kate Bush offenbar ein großer Prince-Fan ist, was zu zwei außergewöhnlichen, aber auch guten Songs führt. Ansonsten gibt es viele Stücke, die musikalisch viel mit Peter Gabriel gemeinsam haben. Für mich ist das Material insgesamt deutlich ansprechender als das, woran ich mich vom Vorgängeralbum „The Sensual World“ erinnere – aber vielleicht sollte ich auch dieses erst noch einmal gründlich durchhören, bevor ich hier ein abschließendes Urteil abgebe.

27.10.25

Bruce Cockburn – Big Circumstance (1989)

Der Kanadier Bruce Cockburn bringt bereits seit 1970 Alben heraus („Big Circumstance“ ist sein sechzehntes) und hat sich trotz seltener Hits oder Charterfolge eine treue Fangemeinde aufgebaut. Seine Qualität im Bereich der modernen Folkmusik mit leichtem Rockeinschlag machte ihn dennoch bekannt. 1980 feierte er mit „Dancing in the Dragon’s Jaws“ in den USA einen größeren Erfolg, als das Album Platz 20 der Billboard-Charts erreichte. Ich selbst bin durch den Song „If a Tree Falls“ auf ihn aufmerksam geworden und habe mir daraufhin das Album gekauft, auf dem dieser Titel als Eröffnung zu finden ist. Neben Liedern über den Erhalt von Wäldern und Umweltschutz greift Cockburn auch andere politische Themen auf. Er ist ein politisch engagierter Musiker, der Haltung zeigt.

„If a Tree Falls“ eröffnet, wie bereits erwähnt, das Album. Bis auf den Refrain singt Cockburn in diesem Stück eher in einem Sprechgesang. Entscheidend ist jedoch die Botschaft des Songs, die von einnehmenden Melodien getragen wird und ihn zu einem kleinen Hit macht. Der Mitsing-Refrain und die Rockmelodie, die an J.J. Cale und die Dire Straits erinnern, funktionieren dabei hervorragend. Mich zieht diese Kombination bis heute sofort in ihren Bann. Besonders das E-Gitarrenspiel ist in diesem Stück großartig.

Im Country-Folk-Stil präsentiert sich „Shipwrecked at the Stable Door“. Musikalisch besser und eher dem Art-Folk zuzuordnen ist „Gospel of Bondage“.

Eine sehr schöne Americana-Folk-Ballade ist „Don’t Feel Your Touch“. Immer wieder tauchen auf dem Album anspruchsvolle Kompositionen auf, die an die Alben von Joni Mitchell aus den 1980er Jahren erinnern. So ist auch „Tibetan Side of Town“ ein Art-Rock-Stück auf sehr hohem musikalischem Niveau.

Auch „Understanding Nothing“ überzeugt musikalisch. Allerdings stört mich der „gesprochene Teil“ etwas; durchgängig gesungen wäre das Stück für mich persönlicher angenehmer.

Ein kritischer Rocksong ist „Where the Death Squad Lives“ – sehr schwungvoll. Mit starkem Blues-Einschlag präsentiert sich „Radium Rain“, der allerdings mit 9:26 Minuten etwas lang geraten ist.

Sanfter Rock mit einer Blues-Note bietet „Pags of Love“. Durch den Einsatz der Akustikgitarre passt das sehr gut zum Song.

Ein toller Titel, der direkt mit seinem hervorragenden Gitarrensound begeistert, ist „The Gift“.

Zum Abschluss folgt ein durchaus ungewöhnlicher, melancholischer Country-Rock-Song, in den Klezmer-Musik verwoben ist: „Anything Can Happen“. Allerdings reißt mich der Refrain aus dem Stück heraus.

Insgesamt handelt es sich um ein anspruchsvolles Rockalbum, das gut gemacht ist und seit vielen Jahren in meiner Sammlung steht.

24.10.25

Lyle Lovett – Joshua judges Ruth (1992)

Da mir das Vorgängeralbum „and his large Band“ beim Wiederhören wieder sehr gut gefallen hat, freue ich mich auch auf das erneute Hören dieses direkten Nachfolgealbums. Die Mischung aus Country, Soul, Jazz, Swing, Gospel und Blues ist nach meiner Erinnerung weiterhin präsent. Natürlich gibt es auch eine Ballade mit „She’s already made up her Mind“, die für mich wieder ein Song für die Ewigkeit ist. Unvergessen und fest verankert in meiner Musikliebe. Der Rest des Albums hat sich jedoch kaum in mein Gedächtnis eingebrannt, sodass das Wiederhören für mich ein wirkliches Neuentdecken bedeutet. Ich freue mich darauf.

Erstaunlich ist, dass alle Songs Originalkompositionen von Lovett sind. „I’ve been to Memphis“ klingt zum Beispiel wie ein „Standard“ – ein Song, der seit Jahrzehnten von den unterschiedlichsten Musikern gespielt wird. Das zeigt gleich, was für ein großartiger Songautor Lyle Lovett ist. Der Texaner liefert beständig Klassikermaterial ab, und bei diesem Song swingt es ohne Ende.

Bei den Aufnahmen wurde Lovett von siebenundzwanzig Musikern unterstützt, darunter als Backgroundsängerinnen Ricky Lee Jones und Emmylou Harris.

Es folgt der Gospel „Church“, der mich ebenfalls sofort gefangen nimmt und einfach großartig ist. Die musikalische Umsetzung und Produktion sind herausragend. Das macht richtig Freude beim Zuhören. Ich schäme mich fast, diese CD so lange nicht gehört zu haben, und frage mich, warum das so war.

Der Gospelgesang von Francine Reed ist zwar nur kurz solo zu hören, aber einfach toll. Reed gehört zur Stammbesetzung der Large Band.

Danach wird es ruhiger und sehr schön: die Ballade „She’s already made up her Mind“ – ein zeitloser Song.

Ein ebenfalls wunderbarer ruhiger Titel ist „North Dakota“ mit Rickie Lee Jones.

Blues-Rock bietet „You’ve been so good up to now“. Leicht swingend und eher ruhiger Blues findet sich in „All my Love is gone“. Gospel und Folk sind in „Since the last Time“ vereint. Diese flotte und hervorragend gespielte Gospelnummer ist genauso ein Highlight wie „Church“ zuvor und macht richtig Spaß beim Hören.

Blues und Country werden kongenial verbunden in „Baltimore“ mit Leo Kottke an der Akustikgitarre. Die Country-Ballade „Family Reserve“ hält das Niveau.

Der Song „She’s leaving me because she really wants to“ ist ein sehr kitschiger Countrysong, der stark an den Klassiker „Stand by your Man“ erinnert.

Die Americana-Ballade „Flyswatter/Ice Water Blues (Monty Trenckmann’s Blues)“ ist ebenfalls sehr schön.

Den schwungvollen Abschluss der CD bildet „She makes me feel good“.

Lyle Lovett ist ein Ausnahmekünstler, der das Beste der traditionellen amerikanischen Musik für sich vereinnahmt und in wunderbar zeitlose Songs verpackt.

21.10.24

Pearl Jam – Yield (1998)

Album Nummer fünf, erneut produziert von Brandon O´Brien. Wenn ich mir die Titelliste anschaue, erinnere ich mich am besten an die Songs „Wishlist“ (den ich sehr mag) und die erste Singleauskopplung „Do the Evolution“ (die mir damals etwas zu aggressiv erschien und nicht ganz mein Fall war). Beide Lieder zeigen jedoch gut, wie aus der Grunge-Band mittlerweile eine Rockband mit Balladen und Punkrockstücken geworden ist.

Die Band lebt von ihrer Vielseitigkeit und erreicht damit auch ein ebenso vielfältiges Publikum: Die einen mögen eine Art von Songs lieber, während die anderen eine andere bevorzugen oder einfach alles schätzen, was die Band um Eddie Vedder zu bieten hat.

Punkrock gibt es zum Beispiel bei „Brain of J“. Bei dieser Platte bestand die Band aus der Stammbesetzung Eddie Vedder (Gesang, Gitarre), Jeff Ament (Bass), Stone Gossard (Gitarre), Mike McCready (Gitarre) sowie dem Schlagzeuger Jack Irons (Red Hot Chili Peppers).

Mehr Alternative-Rock gefällt mir persönlich besser: „Faithful“. Die CD habe ich nicht oft im Player gehabt, denn an Songs wie „Faithful“ und „No Way“ fehlt mir jegliche Erinnerung. Dabei sind das beides gute Pearl-Jam-Rocksongs.

Mit „Given to Fly“ und „Wishlist“ bekommt die Platte einen etwas sanfteren Teil – doch „Given to Fly“ enthält auch einen kräftigen rockigen Part, und „Wishlist“ gehört zu den Songs der Band, die lange im Gedächtnis bleiben und immer wieder gern gehört werden. Auch „Pilate“ fügt sich sehr schön in die Reihe der Songs mit sanfteren Anteilen ein und überrascht und begeistert mich. Diesen Song hatte ich überhaupt nicht mehr in Erinnerung und finde ihn jetzt gerade besonders gelungen.

Wieder mehr wild und im Punkmodus geht es weiter mit „Do the Evolution“. Der Song hat zwar einen wirklich guten kurzen Teil, funktioniert für mich aber als Ganzes nicht.

Das Zwischenspiel „Untitled“ wird gefolgt von einem guten Rocksong namens „MFC“. Americana erklingt bei „Low Light“ – wunderschön.

Ich weiß genau, warum Pearl Jam zu meinen absoluten Lieblingsbands gehört: Sie machen Musik, die für mich gemacht ist. Geerdet, rockig, mitreißend, manchmal höchst emotional und manchmal einfach wunderbar losgerockt – und immer eindeutig als Pearl Jam zu erkennen. Was allerdings ihre Praxis angeht, neue Vinylausgaben ihrer aktuellen Platte zu für mich viel zu hoch angesetzten Preisen zu verkaufen oder die Höhe der Konzertticketpreise zu verlangen, haben sie mich als absoluten Fan etwas verloren. Aber wie gesagt: erdiger Rock mit dem gewissen Etwas, immer noch verankert im Alternative- und Punkrock – das gefällt mir immer noch sehr.

So gefällt mir „In Hiding“ sehr gut, und ich sehe „Push Me, Pull Me“ nur als Zwischenspiel (eigentlich überflüssig) an und lasse mir den Rausschmeißer „All Those Yesterdays“ gern gefallen. Früher wäre das einer dieser typischen B-Seiten-Songs der Band gewesen oder ein Titel, den sie nur als Single an ihre Fanclub-Mitglieder verteilt hätten (davon bin ich auch einer). Nach einer Pause wird noch ein wenig locker herumgemusiziert und etwas Jazz improvisiert.

Ein gutes Album mit vielen guten Songs, die ich viel zu selten gehört habe. Das möchte ich hoffentlich jetzt ändern.

20.10.25

Wir sind Helden – Von hier an Blind (2005)

Das zweite Album ist mein Lieblingsalbum der Band, nicht zuletzt, weil es einige meiner liebsten Songs der Helden enthält. Gleich zu Beginn mit „Wenn es passiert“ und „Echolot“ – die live immer zusammen gespielt werden und einfach genial sind –, dann das wunderschöne „Elefant für dich“ sowie die Singles „Von hier an blind“ und „Nur ein Wort“ ergibt all das zusammen mein Lieblingsalbum aus jener Zeit.

Der einfach gute Indie-Pop, den die Helden hier präsentieren, ist wirklich ausgesprochen gelungen. Natürlich hat die Hamburger Schule Ähnliches schon zuvor in ähnlicher Weise vorgelegt, doch ich glaube, dass ich erst durch „Wir sind Helden“ richtig Fan wurde und danach Kettcar und Tomte für mich folgten. Kurz zuvor hatte ich auch Blumfeld gehört, doch deren spätere Alben erschienen mir zu seicht. Natürlich kannte ich auch Die Sterne und Tocotronic, allerdings eher einzelne Stücke als komplette Platten. Stilistisch ähneln Wir sind Helden eher dem lockeren Sound von Die Braut haut ins Auge.

Heute sieht das bei mir teilweise ganz anders aus. Vor allem Kettcar und Thees Uhlmann höre ich häufiger als die anderen genannten Bands, meist sind Songs von ihnen in meiner Playlist, was vor allem daran liegt, dass sie noch aktiv sind. Außerdem mag ich AnnenMayKantereit sehr, ich war sofort verliebt in das Trio, als ich sie beim ersten Clubkonzert im Druckluft in Oberhausen hörte. Bosse schätze ich, weil „Dein Hurra“ einfach ein großes Lied ist. Sportfreunde Stiller haben mit „Applaus Applaus“ beinahe den Status einer Familienhymne. Daneben gibt es noch einige weitere Künstler, die ich zwar nicht zur Musikgattung Indie-Pop zähle, die aber einen gewissen Indiecharme besitzen. Meine ersten deutschsprachigen Lieblingsmusiker waren Herbert Grönemeyer, Wolf Maahn, Bap, Westernhagen, Purple Schulz und Rio Reiser. Heute zähle ich auch Hannes Wader, Wolfgang Müller und Philip Poisel dazu.

Nun zum Album selbst: Wie schon erwähnt, liebe ich „Wenn es passiert“ und „Echolot“. Zwei wunderbare Indie-Pop-Songs, die einnehmend, mitreißend und einfach ein Stück besser sind als viele andere Lieder ähnlicher Art. Bei „Echolot“ stimmt vielleicht noch ein kleines bisschen mehr als bei „Wenn es passiert“. Beide Songs bieten für mich großes Kino und sind echte Klassiker.

Während diese beiden Songs eine gewisse Melancholie ausstrahlen, eignet sich „Von hier an blind“ deutlich mehr zum Feiern und Tanzen – Premium-Pop.

Wie beim ersten Album gibt es auch hier Songs, die nicht ganz meinen Geschmack treffen. „Zuhälter“ erscheint mir vielleicht zu sehr von der Neuen Deutschen Welle beeinflusst.

Danach folgt jedoch „Ein Elefant für mich“ – einfach großartig. Dieses Stück verursacht Gänsehaut und berührt mich emotional tief. Mit diesem Song treffen die Helden mich direkt ins Herz.

Wundervolle Melancholie bietet „Darf ich das behalten“. Songs wie „Wütend genug“, die ebenfalls sehr gut funktionieren, geraten leider etwas in den Hintergrund. Sie sind Opfer der zuvor genannten sehr starken Stücke, die dem Hörer alles geben, was er braucht, um mit einem Album glücklich zu sein. „Wütend genug“ ist ein guter Song, der von den anderen großartigen Titeln auf dem Album verdrängt wird. Beim späteren Wiederhören werden solche Lieder jedoch neu entdeckt und hoffentlich nicht so schnell wieder vergessen – das wäre ihnen zu wünschen.

„Geht auseinander“ ist etwas aggressiver, wirkt auf der Platte aber noch ein wenig zu ungestüm und gewollt. Wie „Zuhälter“ dürfte es live für Stimmung sorgen, doch auf der CD überzeugt es mich weniger.

Songs wie „Geht auseinander“ und „Zieh Dir was an“ konnten Die Braut haut ins Auge einfach lockerer und besser als Wir sind Helden präsentieren – ein wenig lockerer Punk-Pop.

„Gekommen, um zu bleiben“ hat einen gewissen Charme. Der Old-School-Jazzpop ist nett, wirkt aber etwas zu aufdringlich.

Dann ist da noch der Radiohit „Nur ein Wort“, den ich bei jedem Hören mag und zu hören nicht müde werde. Für mich ist er der Soundtrack meines Lebens seit 20 Jahren.

Ganz süß und wunderbar finde ich die Zeilen: „Ich werde mein Leben lang üben, dich so zu lieben, so wie ich dich lieben will, wenn du gehst.“ Gleiches gilt für „Bist du nicht müde“.

Ich schätze die leicht melancholischen Indie-Pop-Perlen der Band sowie die beiden Single-Hits auf diesem Album sehr. Ich liebe diese Songs immer noch genauso wie damals und werde sie auch in Zukunft lieben. Es sind meine Lieblingssongs und mein Lieblingsalbum von Wir sind Helden.

17.10.25

Braid – No Coast (2014)

Das vierte Album der EMO-Band um den Musiker Bob Nanna entstand, nachdem er die Band eigentlich verlassen hatte, um sich intensiver seinem Projekt „Hey Mercedes“ zu widmen. Zum Glück kam es jedoch zu einer Reunion, und so entstand dieses großartige EMO-Album. Emotionaler Alternativerock, der richtig viel Freude macht. Nach dieser Platte wurde es zunächst wieder ruhiger um die Band, doch ein Re-Release des Vorgängeralbums „Frame and Canvas“ weckte neue Hoffnungen auf weitere Aktivitäten. Es bleibt spannend.

Aber zunächst höre ich mir „No Coast“ in Ruhe an. Das Album beziehungsweise die einzelnen Songs kenne ich bisher hauptsächlich als Einzelstücke in meiner Playlist. Lange Zeit habe ich fast ausschließlich nur solche Songs gehört. Dann habe ich mich entschieden, mal wieder komplette Platten durchzuhören. Kurz darauf entstand daraus auch „Power of Song“.

Dieses Album bietet auf jeden Fall gute, leicht rockende E-Gitarren und den harmonisch emotionalen EMO-Core-Sound – hören Sie zum Beispiel nur das Eröffnungsstück „Bang“. Da passt für mich einfach alles. EMO ist ja immer ziemlich nah am Post- und Alternativerock, was man in diesem Song sehr gut hört. Auch der Stimmungswechsel innerhalb des Songs, der nur 3:20 Minuten lang ist, gefällt mir außerordentlich.

Solche Musik ist genau mein Geschmack, was Rock betrifft. Die volle Härte brauche ich meistens nicht. Ich möchte tanzen, Emotionen spüren und mitgehen können. Das gelingt auch bei „East End Hollows“. Wer Bands wie Jimmy Eat World oder Get Up Kids mag, wird „Braid“ lieben. Mit den Get Up Kids haben sie sogar schon Singles geteilt.

„East End Hollows“ ist wirklich ein Genreknaller – so gut.

Das Titelstück „No Coast“ setzt genau dort an. Die Platte ist riesig, und es ist schade, dass dies bisher das letzte richtige Studioalbum der Band ist.

Das Album rockt einfach großartig. Jeder Song hat etwas Besonderes – das sind tolle Melodieideen, hervorragend gespielte Instrumente, und trotzdem klingt es nicht zu glatt poliert. Großes EMO-Kino für die Ohren: „Damages!“

Es macht durchweg Freude, das Album zu hören. Auch Punkrock-Freunde werden an diesem Werk sicherlich viel Gefallen finden, ebenso Fans von Weezer und vielen anderen.

Und es hört einfach nicht auf – zum Glück. So großartig klingen „Pre Evergreen“, „Put Some Wings on the Kids“ und „Lux“.

Für mich ist das wirklich ein perfektes Rockalbum, deswegen erkläre ich es hiermit zu einem meiner Lieblingsalben. Vor dem Anhören war mir die Qualität bereits bewusst, da ich die meisten Songs schon kannte. Doch das Album am Stück zu hören, habe ich wohl erst heute zum ersten Mal getan. Und Songs wie „Doing Yourself In“ sind einfach großartig. Emocore ist für mich ein Genre, bei dem ich kaum etwas ablehne – außer wenn der Screamo-Anteil zu groß wird. Das war tatsächlich ein kleines Problem beim Frühwerk von „Braid“. Doch dieses Album entschädigt das voll und ganz. Es gehört jetzt neben „Clarity“ von Jimmy Eat World zu meinen liebsten Emocore-Alben überhaupt. Hört es euch bitte an, es ist großartig. Auch Stücke wie „Climber New Entry“, „Light Crisis“ und vor allem das fulminante „This Is Not a Revolution“ ändern daran nichts.

Emocore auf höchstem Niveau – ganz großartig. Bestnote. Für immer!

13.10.25

Radiohead - King of Limbs (2011)

Das ist das achte Album der experimentellen Alternativerocker. In meiner Erinnerung hatte ich das Album, ebenso wie kurz vor dem Wiederhören der drei letzten Vorgängeralben, als mehr als nur „anstrengend“ und teils zu elektronisch in Erinnerung – damals wurde mir zu wenig gerockt. Nun will ich hören, ob ich das jetzt ganz anders empfinde und ob die Begeisterung, die mich beim Hören der Radiohead-Alben bisher erfasst hat, weiterhin anhält.

Experimenteller, teils elektronisch klingender Psych-Rock: „Bloom“. Das wirkt schon leicht überfordernd, weil einfach eine Tonebene mit zu vielen Klängen über dem Song liegt. Dennoch funktioniert es als moderner Psychrock, da die Band und ihr Stammproduzent Nigel Godrich das Ganze einfach hervorragend umsetzen.

„Morning Mr Magpie“ gefällt mir besser, weil der Sound wieder etwas mehr rockt und ich dem Gitarren-Bass-Rhythmus direkt verfalle. So liebe ich Radiohead. Gleiches gilt für „Little by Little“ – das ist einfach Radiohead: mysteriös, melancholisch, anders, aber so gut, weil es alle Spielarten von Alternative- bis Prog-Rock grandios vereint.

Ein wenig zu wenig Song, eher ein verlängertes Zwischenspiel, ist „Feral“. Es ist eine Mischung aus Trip-Hop und Dub, aber auf typische Radiohead-Art.

Toll ist wieder der Mix aus experimentellen Klängen und Song bei „Lotus Flower“ – das ist einfach wieder zu gut.

Eine Klavierballade gibt es auch: „Codex“. Fast schon ein „leichter“ Song, und im Bereich experimenteller Folk findet sich „Give Up the Ghost“.

Man kann dem Stück am Ende, „Separator“, nicht allein vorwerfen, dass Radiohead dem Hörer nichts Neues mehr bietet. Das Album bewegt sich mit seinen relativ kurzen Songs auf alten Pfaden – und das gekonnt. Deshalb finde ich das auch gut, denn es enthält Stücke wie „Morning Mr Magpie“, „Little by Little“ und „Lotus Flower“, die einfach nur gut sind. Dennoch ist der Spannungsbogen bei diesem Album etwas schlichter als bei den Vorgängern.

11.10.25

Small Faces – Small Faces (1966)

Wie viele Bands aus jener Zeit, die sich musikalisch zwischen Rock ’n’ Roll und R&B bewegten, haben auch die Small Faces nur relativ wenige Alben veröffentlicht. Dennoch haben sie deutliche Spuren hinterlassen, gerade weil sie sich ebenso wie zum Beispiel die „Yardbirds“ stetig weiterentwickelten und der Rockmusik neue Impulse gaben.

Die Band bestand aus Steve Marriott (Sänger, Gitarrist, Songwriter), Ronnie Lane (Bass, Songwriter), Kenney Jones (Schlagzeug) und Jimmy Winston (Keyboards).

Das Album beginnt mit „Shake“ von Sam Cooke, und sofort hört man die Mischung aus Soul und Blues, die allerdings schon sehr rockig klingt. In diesem Song steckt viel Power. Das ist eher Stones als Beatles, obwohl mich die Stimme von Marriott mehr an die Beatles als an die Stones erinnert.

Noch rockiger ist „Come On Children“. Hier sind wir fast bei Led Zeppelin angekommen, und die Band überrascht mich wirklich damit. So rockig hätte ich sie nicht erwartet. Ich bin beeindruckt.

Mit Rock ’n’ Roll hat die Musik wirklich wenig zu tun. Das ist klarer Rock und sehr überzeugend gerockt, zum Beispiel bei „You Better Believe It“. Dabei sind sie näher an Led Zeppelin dran als am Bluesrock der Stones oder der Yardbirds.

„It’s Too Late“ rockt wie eine gute Nummer von The Who. Marriott singt dabei wie der Prototyp eines klassischen Rocksängers.

Gefühlvolle Stücke gibt es auch, die aber trotzdem immer wieder rocken, wie „One Night Stand“. Dort schleicht sich zudem etwas Rock ’n’ Roll ein. Seltsamerweise erinnert mich der Gesang daran, wie viel später die „Fine Young Cannibals“ klangen.

Mitreißender Soulrock ist „What’cha Gonna Do About It“. Diese Nummer war auch die Debütsingle der Small Faces. In einem ähnlichen Stil geht es mit „Sorry She’s Mine“ weiter, das den damaligen Hitsingles der Beatles sehr nahekommt. Solche Singles waren vom Plattenlabel sicher gern gesehen und wurden herausgebracht.

Herausragend gut gespielt von der gesamten Rhythmusgruppe ist das kurze Instrumentalstück „Own Up Time“. Es ist ein echtes Highlight.

Beim Blues-Rock „You Need Loving“ macht Marriott Robert Plant große Konkurrenz. Wow, was für eine Rockröhre.

Bei Songs wie „Don’t Stop What You’re Doing“ schleicht sich wirklich etwas psychodelische Gelassenheit in den Rock ein.

Einfach guter Rock ist „E to D“. Damit wird widerlegt, dass die Small Faces nur eine Rhythm-&-Blues-Band mit Rock ’n’ Roll-Elementen sind, wie ich anfangs dachte. Für mich sind sie eine sehr gute Rockband. Das Album ist eine gelungene und äußerst positive Überraschung, durch die ich wieder etwas dazugelernt habe.

Mit „Sha-La-La-La-Lee“ endet die Platte schließlich doch noch mit einem stärkeren Rock-’n’-Roll-Vibe. Das ist eben Single-Material.

09.10.25

Michel van Dyke – Reincarnated (1994)

Dies ist das dritte englischsprachige Album von Michel van Dyke, der mich mit der Single „She comes at the End of the Day“ überzeugt hat, die Platte zu kaufen. Der sanft melancholische Singer/Songwriter-Pop mit einer leichten Indie-Musik-Note (aber zu der Zeit bei einem Major-Label unter Vertrag) ist für mich zu einem ständigen Begleiter geworden. Die Platte höre ich, zumindest in Einzelteilen, also seit über 30 Jahren und finde sie immer noch richtig gut.

Obwohl Michel van Dyke mit dem Nachfolgealbum „Kozmetica“ (1996) und dem Song „Womanchild“ einen weiteren kleinen Hit verbuchen konnte, wechselte er danach vom Englischen ins Deutsche und verlagerte seine Musik eher in die Schlager-Popecke. Erfolgreich schrieb er zuvor auch Songs für die Band „Echt“, was vielleicht auch der Grund für den Schritt ist, dass er seither seine Alben in deutscher Sprache produziert.

Zurück zu einer Lieblingsplatte: „Reincarnated“ wurde von Midge Ure produziert. Den Ton melancholischen Pops setzt das Album direkt gekonnt mit dem Song „Maybe I should leave“. Dieser gehört zu den vielen guten Titeln der Platte und ist einer der besten davon. Wie bei den Alben der Jeremy Days finde ich, dass dieses Album einen Britpop-Sound hat – obwohl es nicht von Engländern stammt. Es klingt eben so. Ich schreibe ja auch, wenn Engländer Krautrock machen, dass das so klingt, obwohl Engländer keine Krauts sind. Dennoch macht mir der Song sofort wieder große Freude. Ich liebe ihn.

Den Indie-Alternative-Sound, der dem Album nicht abzusprechen ist, hört man besonders bei Stücken wie „All I ever wanted“.

Eine tolle Single und ein großartiger Song ist „She comes at the End of the Day“ – zurecht einer der Hits von Michel van Dyke.

„Success“ klingt schon sehr im Stil der Jeremy Days, doch auch der Song überzeugt und rockt etwas mehr. Die Begleitband bestand aus Christophe Buse (Drums), Stefan Gade (Bass), Steffen Haeferlinger (Gitarre) und Jan-Christoph Scheibe (Keyboards). Jan-Christoph Scheibe ist heute der Chorleiter des St. Pauli-Seniorenchors „Heaven can Wait“. Die Dokumentation „Heaven can Wait“ zum Chor sollte man unbedingt ansehen. Beim letzten Lied hört man außerdem Bernadette Hengst singen.

Sehr melancholisch ist „I won’t forget“, doch gerade diese Art von Songs bleiben lange in Erinnerung. Nochmals Indie-Sound gibt es bei „Confusing“. Ich finde es sehr schön, wie Michel van Dyke diesen Indie-Touch für seine tollen Popsongs nutzt. Das klingt nach mehr.

Das Album ist mit dreizehn Songs gut gefüllt. Zur Halbzeit folgt mit „Juliet Forever“ ein Liebeslied, natürlich im für das Album typischen melancholischen Popstil.

Dann gibt es doch mal etwas mit mehr Pop und Pep – vielleicht auch der fröhlichste Song der Platte. Bei einem Titel wie „Good Time“ kann wohl selbst ein Dauermelancholiker nicht traurig sein. Auch Michel van Dyke hat mal eine „Gute Zeit“ verdient – und der Hörer mit diesem Song auch.

Das Album hat keinen echten Durchhänger, auch das schwungvolle „Reincarnated“ nimmt einen sofort für sich ein.

Ein weiteres Lieblingsstück ist „If I could cry“ – einfach wunderschön und herzzerreißend.

Ein schöner Song, auch als Einzelstück, ist „When the Waves comes“. Beim Durchhören der Platte gehört er zu vielen großartigen Titeln.

Die ganzen sanften Stücke funktionieren einfach hervorragend, so auch „How to say goodbye“.

Ein oft von mir überhörter Song, aber ebenfalls sehr gut und fein ist „It’s a Crime“.

Wenn ein Album über einen Zeitraum von mehr als dreißig Jahren nie ganz zur Seite gelegt wird, kann es nicht schlecht sein. Tolle Musik und der „Soundtrack of my Life“ seit 1994.

08.10.25

Plan B – Intensified! (1991)
+ The Greenhouse Effect (1989)

Ich hatte „Plan B“ tatsächlich erst 1991/92 mit dem Album „Intensified!“ kennengelernt, und zwar durch den Tipp eines Freundes (Grüße an Oliver). Dabei war die Band um Gitarrist Johnny Haeusler schon seit 1984 aktiv, hatte vor diesem Album bereits drei veröffentlicht und spielte zusammen mit den Ärzten sowie im Vorprogramm von The Clash, Ramones und Duran Duran.

Das Album habe ich lange nicht gehört. Ich habe es hauptsächlich als frühe Crossover-Musik in Erinnerung, die an die Red Hot Chili Peppers erinnert. Es kann aber auch sein, dass ich Plan B im gleichen Kontext wie die zur selben Zeit gehörte beziehungsweise entdeckte Band „Urban Dance Squad“ einordne. Deshalb setzte ich bei diesem Album ganz auf das Wiederentdecken und lasse mich überraschen.

Der Song „Grab it“ klingt nach einem Stück von The Cult. Frontmann Johnny Haeusler beschreibt den Sound des Albums im Nachhinein als sehr amerikanisch und etwas glatt. Trotzdem funktioniert der Song als härtere Rocknummer, zu der man auch tanzen kann.

Hört man dagegen in das Album „The Greenhouse Effect“ hinein, das zwei Jahre zuvor erschienen ist, merkt man, dass dort neben Garagenrock mit ZZ-Top-Gitarren auch noch etwas von der Punkrauheit der frühen Tage spürbar ist, bevor der Vertrag mit einem Major-Label zustande kam. Der erste Song dieses Albums, „Devil’s Train“, verführt mich gerade direkt dazu, weiter in „The Greenhouse Effect“ hineinzuhören. Deshalb widmen wir uns hier im Text erst später wieder „Intensified!“.

Tatsächlich klingt der Sound des Albums nicht weniger amerikanisch als bei „Grab it“. Die Band orientiert sich jedoch eher am amerikanischen Rockstil als am britischen Punk. Die Gitarrenarbeit von Haeusler ist wirklich sehr beeindruckend, auch bei dem Stück „Run for Cover“.

Plan B beherrschen auch die Rockballade gekonnt: „Discontentment“ kann es mit den guten Songs von Fury in the Slaughterhouse aufnehmen. Plan B und Fury waren tatsächlich zwei englischsprachige Rockbands, die in den frühen 90er-Jahren eine willkommene Ausnahme für rockige Popmusik aus Deutschland bildeten – damals gab es nicht viel davon.

Zum Clash-ähnlichen Punkrock kommen Plan B dann mit „Beam me Up, Scotty“. Mit diesem lockeren, starken Partysong fanden sie nicht nur ihr Major-Label, sondern gewannen auch mein Herz. So macht Rockmusik Spaß.

Und tatsächlich verändert sich der Sound des Albums und wird nach und nach zu einer Hommage an den britischen Punkrock. Sehr gut funktioniert auch „This is not a Movie“.

Der temporeiche und vorantreibende Song „Nothing comes for free“ ist ebenfalls gelungen. Fury-Fans hätten sicher ihre Freude daran.

Zurück zum Garagenrock: „Mad World“. Auch ein guter Rocksong ist „No More“. Weil die Rocksongs so gut funktionieren, folgt mit „Stand Up“ der nächste – der sogar etwas von der Tanzflächentauglichkeit eines guten INXS-Songs hat. Das ist schon eine Auszeichnung.

Ein wenig sanfter gerockt, aber ebenfalls gut, ist „The Day to be Jesus“. Plan B machen eigentlich nichts falsch. Ihre Rockmusik verbindet viele Einflüsse in Stil und Sound zu einem massentauglichen Mix guter Rockmusik, der sich zwischen Punkrock, ZZ Top, INXS und The Cult bewegt.

All das hört man auch gut bei „Coming Back for More“ heraus.

Der Punkrock-Rausschmeißer „Class of 1989“ rundet das Album ab.

Beim digitalen Remaster des Albums gibt es noch zwei Bonusstücke: „It’s easy to condemn“ ist ein lockerer, ordentlicher Rocksong. Punkrock-Abschluss Nummer zwei bildet „Haven’t seen the World“.

Kommen wir zurück zum eigentlichen Grund dieses Textes: dem zwei Jahre später erschienenen Album „Intensified!“. Ich hatte festgestellt, dass „Grab it“ etwas zu sehr nach The Cult klang.

Ja, „Wake Up“ klingt jetzt noch stärker nach dem tanzbaren Rock von INXS, im Refrain erinnert er aber auch an Fury in the Slaughterhouse. Rockmusik für ein größeres Publikum, wenn es gelingt, dieses zu erreichen.

Den Song „War Child“ mochte ich früher richtig gern, und auch heute hat er noch etwas. Als Versuch eines frühen Crossover-Songs wirkt er etwas aus der Zeit gefallen. Man merkt, dass 1991 eben auch schon 34 Jahre her ist.

Eine Softrockballade wie „Beggar and King“ bleibt jedoch zeitlos gut. Der Song ist wirklich schön – wer auch The Silencers mag, wird diesen Song auf jeden Fall lieben.

Wer Dan Reed Network kennt, ahnt auch ein wenig, wie der Sound der Platte klingt. Der Refrain von „Couldn’t care less“ hat dann wieder die Qualität der besseren Fury-Songs. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber das trifft einfach zu – und wer kennt nicht die guten Songs von Fury in the Slaughterhouse?

Damit ist die CD nach langen Jahren des Nichthörens in der Kategorie „kann man immer noch gut hören“ einzuordnen. Es sind gute Songs darauf, und ich habe dadurch auch ins Vorgängeralbum hineingehört, das mir sehr gefällt – also alles richtig gemacht.

Der mit Funk garnierte Rock wird auf dem Album verstärkt eingesetzt, etwa bei „Drop Dead“. Das ist etwas für H-Blockx-Fans. Da mir die H-Blockx aber leider auch nicht mehr so ganz gefallen – mit Ausnahme des Songs „Little Girl“ – ist das jetzt nichts für mich.

Dieser 90er-Rock kann aber durchaus funktionieren, was „Like an Indian“ beweist. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob der Titel heute noch politisch korrekt ist. Ist damit ein Inder oder ein Indianer gemeint? Indianer dürfen ja nur noch Indianer selbst sein, andernfalls wäre es kulturelle Aneignung. Wir leben in verrückten Zeiten, in denen man sich über so etwas Gedanken macht, statt einfach respektvoll aufeinander zuzugehen, ganz gleich, wer man ist. Ich handhabe das so und komme damit gut zurecht. Ich schweife ab.

Dann wird es mit „Hypnotize“ doch zu sehr auf amerikanischen Pop-Rock getrimmt. Der Song hätte damals als Single jedoch gar nicht so schlecht funktionieren können.

Im Poprock-Stil geht es weiter mit „Half a Man“, das wieder ordentlich Laune macht. Noch besser gealtert ist mein weiterer Favorit der CD, der etwas weniger rockende Song „Here Comes Jean“. Mit Akustikgitarre kann die Band nämlich auch gut umgehen – aber Vorsicht, sie klingen dann wieder wie Fury.

Danach wird nochmal etwas härter gerockt, allerdings nur in einem Maß, wie es Bon Jovi ebenfalls tun. Der Song bleibt allerdings Mittelmaß. Als Hörer fühlt man sich langsam gesättigt, denn es ist bereits das elfte von vierzehn Stücken.

Ein weiterer echter Hit ist „Stopped by Reality“. Der funktioniert einfach gut und nimmt einen von Anfang bis Ende mit. Geht auch heute noch.

Ganz flott und ganz poprockig ist „Soulfaker“, sehr gut produziert. So sollte man eine CD nicht vor ihrem Ende bewerten – man sollte erst mal alles hören.

Überraschend melancholisch klingt der Abschluss mit „Bomb me Happy“. Der Song entwickelt dann noch etwas Kraft und ist eigentlich ein sehr schöner Schlusspunkt für diese Platte.

Es ist kein zeitloses Album von Plan B, aber den typischen Mainstream-Rock-Sound der 90er Jahre hatten sie schon früh gut herausgearbeitet, fast prophetisch. Einige der Songs funktionieren auch heute noch überraschend gut. Ich hatte Schlimmeres erwartet, bin nun aber sehr positiv überrascht und werde die Platte brav zurück ins Regal stellen – nicht, wie befürchtet, versuchen, sie loszuwerden.

05.10.25

The Tragically Hip - World Container (2006)

Nachdem die Band mit dem Wunschsong-Best-Of-Album „Yer Favorites“ und der dazugehörigen Tour alte Fans zurückgewonnen und neue hinzugewonnen hatte, gingen sie mit Bob Rock, einem der bekanntesten Produzenten Kanadas, ins Studio. Rock, der vor allem für das „schwarze“ Album von Metallica bekannt ist, arbeitet hauptsächlich im Heavy-Metal-Bereich.

Ähnlich wie bei der Zusammenarbeit mit Hugh Padgham wurde die Arbeit an diesem Album erneut dadurch beeinträchtigt, dass Frontmann Gord Downie und Bob Rock viel miteinander besprachen, während der Rest der Band dabei etwas außen vor blieb. Dieses Vorgehen führte bis zur Krebsdiagnose von Gord Downie zu einer Störung im Verhältnis der Bandmitglieder, da die Alleingänge des Frontmanns immer wieder für Spannungen sorgten. Erst als es ernst wurde, fand die Band wieder zusammen.

Mit dem Album erreichten The Tragically Hip erneut den Platin-Status in Kanada, doch in den heimischen Charts erreichte die Platte nur Platz zwei.

Stadion-Rock, aber gekonnt: „Yer not the Ocean“. Kraftvoller, guter Rock, und die Beschreibung „R.E.M. trifft auf Pearl Jam“ trifft nach wie vor gut den Sound der Band. Hören Sie sich nur „The lonely End of the Rink“ an. Dieser Song ist erneut ein echtes Highlight und damit eines von vielen auf dem Album. Innerhalb kürzester Zeit wurde die Band für mich, nachdem ich mich intensiver mit ihr beschäftigt hatte, zu einer meiner absoluten Lieblingsbands – leider erst nach dem Tod Gord Downies und der Auflösung der Band. Doch die Musik der Band werde ich immer wieder hören – das nimmt mir niemand mehr.

Sehr schön und mal etwas sanfter gerockt, aber dennoch mit großem Drive nach vorn: „In View“. Die Produktion von Bob Rock ist klanglich sehr gelungen, nimmt der Band allerdings etwas von ihrem alternativen Charakter. Es fehlt eine gewisse Rauheit, doch bei einem Song wie „In View“ ist das Nebensache, denn er funktioniert genau so, wie er ist.

„Fly“ bewegt sich fast schon im Heartland-Rock-Stil, den die Band auch zuvor schon bedient hat. Mit seiner leichten Lockerheit funktioniert der Song erneut sehr gut. Dieses Album bereitet mir beim Hören wirklich viel Freude.

Ein typischer Song, der von Anfang bis Ende den Stil der Band repräsentiert, die sich nun seit zehn Alben treu geblieben ist: „Luv (Sic)“.

Jeder Song auf der Platte ist wirklich „Single-Material“ und es rockt durchgehend, so auch bei „The Kids don’t get it“.

Und dann kommt sie doch – die Ballade, sogar mit Klavier: „Pretend“.

Danach wird wieder kraftvoll und gradlinig gerockt mit „Last Night I dreamed you didn’t love me“.

„The Drop-Off“ ist ein weiterer unverwechselbarer Song, der eindeutig „The Tragically Hip“ ist – energiegeladen und für einen Rocksong etwas ganz Besonderes.

Im etwas veränderten Grundton, aber dennoch ein guter Song, der für etwas Abwechslung sorgt bei all den zuvor gehörten gradlinigen Rocksongs: „Family Band“. Trotz dieser Variation rockt der Song intensiv weiter und ist einzeln gehört sicherlich eine Riesennummer.

Und schließlich die abschließende Rockballade „World Container“. Hier könnte man glauben, Musiker wie Glen Hansard und Eddie Vedder hätten diesen Song unendlich oft variiert und daraus viele eigene Stücke gemacht – aber wie großartig ist das? Ganz, ganz großartig.

Ein tolles Album, vielleicht mit etwas zu wenig Abwechslung, dafür aber voller guter bis hervorragend funktionierender Songs. Da ist man froh, Fan zu sein. Ganz, ganz großartig.

Ein tolles Album, vielleicht mit etwas zu wenig Abwechslung, dafür aber voller guter bis hervorragend funktionierender Songs. Da ist man froh, Fan zu sein.

04.10.25

Motorpsycho – 
8 soothing Songs for Ruth (1992)

Das zweite Studioalbum von Motorpsycho umfasst die Songs der Mini-LP „Soothie“ sowie Stücke von der Single „3 Songs for Rut“. Musikalisch bewegt sich die Band auf diesem Album, ähnlich wie beim Vorgänger, noch auf Hardrock- und Grunge-Pfaden, doch Prog- und Psychedelic-Elemente sind ebenfalls zu finden. Mit „Lighthouse Girl“ und „Step Inside“ sind zudem zwei längere Stücke auf der CD enthalten. Ich bin gespannt, ob mich diese Platte genauso begeistert wie „Lobotomizer“ zuvor.

Guten, härteren, aber sehr melodischen Rock bietet „Have Fun“ – und das Hören macht riesig Spaß. Können Motorpsycho bitte eine Tour spielen, bei der sie ausschließlich Songs der ersten drei Platten präsentieren? Das wäre, glaube ich, ein Fest. Jetzt erinnere ich mich wieder daran, warum ich damals vom Auftritt im Zentrum Altenberg so begeistert war – weil sie dort einfach großartig gerockt haben. Ihr Hippie-Psych-Rock ist zwar ebenfalls gut, doch mit der Energie solcher Rocksongs überzeugen sie einfach noch mehr.

Auch keine Gefangenen nimmt „Loaded“, dabei enthält der Sound schon alles, was Motorpsycho heute noch ausmacht – nur eben mit etwas mehr Aggressivität gespielt. Vom Können an den Instrumenten und im Songwriting begeistern sie schon mit ihrem Frühwerk.

Dann folgt „Lighthouse Girl“, in dem klare Einflüsse aus Alternative- und Post-Rock zu hören sind. Trotzdem wird in dem Stück gerockt, als gäbe es kein Morgen (wenn auch nicht durchgehend). Das fast zehn Minuten lange Stück bietet zudem einige durchaus schöne, sanfte Passagen – eine wahre Wundertüte voller Motorpsycho-Sounds.

Melodiöser und eher im Grunge-Bereich als im Heavy Metal angesiedelt ist „Sister Confusion“. Auch dieses Stück ist sehr gelungen.

Ein echter Rock-Hammer und einfach genial ist „The Wait“. Das ist die Art Motorpsycho-Song, die ich so sehr liebe – besonders live gespielt.

Leichte Hippie-Klänge sind zu Beginn von „Step Inside“ zu hören, allerdings nur kurz, denn eigentlich rockt der Song einfach nur gnadenlos gut. Das Album reiht sich für mich in eine Reihe mit dem „Temple of the Dog“-Album ein: moderner Rock und einfach großartig. Was Bent Sæther, Hans Magnus Ryan und Håkon Gebhardt an den Instrumenten leisten, ist großes Rockkino. Einfach der helle Wahnsinn.

Zum Abschluss gibt es noch eine Rock-Version von „California Dreamin‘“. Diese spaßige Zugabe macht ebenfalls viel Freude.

Ein Mega-Album – ich freue mich jetzt schon auf das Wiederhören von „Demon Box“ und der „Mountain EP“.

02.10.25

Robbie Robertson – Sinematic (2019)

Das leider letzte Studioalbum des 2022 verstorbenen Musikers Robbie Robertson – einer treibenden Kraft bei „The Band“, mit der er ein großes Kapitel Musikgeschichte geschrieben hat – lässt sich kaum hoch genug einschätzen. Man könnte sagen, er hat das Americana-Genre mitbegründet.

Nachdem sich „The Band“ erstmals aufgelöst hatte, vergingen bis 1987 einige Jahre, bis Robbie Robertson sein erstes Soloalbum veröffentlichte. In dieser Zeit hatte er sich bereits als Filmmusik-Komponist einen Namen gemacht, vor allem durch die Zusammenarbeit mit seinem Freund Martin Scorsese. Scorsese dokumentierte auch das letzte offizielle Live-Konzert von „The Band“ als „The Last Waltz“ für die große Leinwand.

Ich liebe alle frühen Platten von „The Band“ mit Klassikern wie „The Weight“ und „The Night They Drove Old Dixie Down“ sowie vielen weiteren großartigen Songs. Auch seine Soloalben, insbesondere „Storyville“, zählen zu meinen Favoriten und haben mich immer begeistert.

Sein letztes Album beginnt mit einem Duett, das er mit Van Morrison teilt.

Robbie Robertsons Alben sind stets hervorragend produziert, wofür er selbst verantwortlich zeichnet. Ihre Klangqualität übertrifft oft den Durchschnitt, was darauf zurückzuführen ist, dass er im Laufe seiner langen musikalischen Karriere viel von den Arbeitern an den Mischpulten gelernt hat. Der besondere Sound seiner Alben trägt maßgeblich zur Qualität seiner Songs bei.

Das Duett mit Van Morrison, „I Hear You Paint Houses“, ist mitreißend, macht großen Spaß beim Hören und es bereitet Freude, diese beiden großen Musiker gemeinsam singen zu hören.

„Once Were Brothers“ ist eine Hymne auf seine Zeit mit „The Band“. So hat er auch den dazugehörigen Dokumentarfilm benannt, der sehr sehenswert ist. Der Refrain berührt unmittelbar und offenbart die herausragende Qualität eines außergewöhnlichen Songwriters.

Man hat das Gefühl, bei Robbie Robertsons Musik ist Daniel Lanois mit involviert. Tatsächlich scheint diese Verbindung eher auf einer gemeinsamen künstlerischen Geisteshaltung der beiden kanadischen Ausnahmemusiker zu beruhen. Ein Rocksong wie „Dead End Kit“ klingt jedoch nach deutlicher Mitwirkung. Er ist stark komponiert, gespielt und produziert – genau deshalb liebe ich die Musik von Robbie Robertson seit vielen Jahren.

Dieses Album ist auch definitiv etwas für Peter-Gabriel-Fans oder Freunde anspruchsvoller Rockmusik. „Hardwired“ ist großartig, und ich kann bis heute nicht nachvollziehen, warum das Album damals teilweise nur mittelmäßige Kritiken erhielt. Allein die ersten drei Songs hätten ihm ein „überdurchschnittlich“ verdient.

Bei „Walk in Beauty Way“ singt Felicity Williams mit. Es ist eine herzliche Rockballade, die vielleicht etwas zu lang geraten ist, aber dennoch sehr gut klingt.

„Let Love Reign“ zeigt Robertsons Liebe zum Blues, die immer wieder leicht versteckt in seiner Musik mitschwingt. So entsteht ein gelungener Blues-Rock-Song.

Mit „Shanghai Blues“ demonstriert Robbie Robertson erneut sein Können. Für mich funktioniert jeder Song als anspruchsvoller, ruhiger Rock.

„Wandering Souls“ bietet ein wundervolles, kurzes, instrumentales und sanftes Zwischenspiel – einfach schön.

Auf dem Album finden sich viele mit Blues durchsetzte, sanfte Rocksongs, vielleicht etwas zu viele. Beim Hören hintereinander klingen die Stücke dadurch teilweise ähnlich. Doch in dieser Qualität, mit so viel Liebe zum Detail und großer Gefühlstiefe gespielt, bereiten Songs wie „Street Serenade“ mir große Freude; als Einzelstücke sind sie einfach herausragend.

Viel vom Klang des Albums erinnert mich an die zweite Hälfte von Peter Gabriels Schaffen. Ich denke, Gabriel-Fans werden besonders an Songs wie „The Shadow“ viel Freude haben, denn die Produktion ist schlicht unbeschreiblich gut.

Sanfter Rock prägt „Praying for Rain“. Den Abschluss bildet „Remembrance“, die Abspannmusik einer großen Musikerkarriere. Der Titel „Sinematic“ verweist auf den Einfluss von Filmen auf Robertsons Musik und setzt somit einen gelungenen Schlusspunkt sowohl für dieses Album als auch für den Künstler.

An Robbie Robertson lasse ich niemanden heran. Er war ein Gigant und wird von mir auch so behandelt – nicht durch Vergötterung, sondern indem ich sein Schaffen von Anfang bis Ende würdige und immer wieder gerne höre. Denn es sind Musiker wie Robbie Robertson, die Menschen vom bloßen Hörer zu Musikbegeisterten machen.

01.10.25

Joe Jackson – Look Sharp (1979)

Man muss immer bedenken, dass Joe Jackson bei den Aufnahmen gerade einmal 23 Jahre alt war. Für dieses Alter ist das ein beeindruckendes Album. Mindestens „Fools in Love“ und „Is She Really Going Out with Him“ sind zwei „Songs für die Ewigkeit“. Auch „Sunday Papers“, „One More Time“ und „Baby Stick Around“ sind Songs, die man immer wieder gerne hört. Vom Sound her ist das Album etwas ganz Besonderes – eine Mischung aus Jazzrock, Ska-Punk, New Wave, Singer/Songwriter, Soul und noch etwas mehr. Eine Kombination, die man eigentlich eher von einem reiferen Künstler erwartet. Doch genau diese Mischung aus „mit Pep, Können und Mitreißend“ ist es, die mich seit mindestens 44 Jahren an dieser Musik und an Joe Jackson als Künstler bindet. Mit „Steppin’ Out“ hat er mich zum Fan gemacht, und damals war ich gerade einmal 12 oder 13 Jahre alt.

Mit dem flotten „One More Time“ geht es los. Der Song verbindet den New Wave von Blondie mit Rock und funktioniert richtig gut. Der Reggae-Ska-Rhythmus, der dabei sehr poppig klingt, macht „Sunday Papers“ einfach zu einem Riesenspaß.

Steckt man in der Situation, dass das „richtige Mädchen“ mit dem „falschen Kerl“ weggeht, ist „Is She Really Going Out with Him“ der perfekte Song. Außerdem ist er ein absolut gelungenes frühes Meisterwerk von Joe Jackson. Danke für diesen Song.

„Happy Loving Couples“ ist auch ganz nett. Er hat ein leichtes Rock-’n’-Roll-Feeling, gepaart mit einem New-Wave-Bass. Graham Maby, der langjährige Basspartner von Joe Jackson, macht dabei alles richtig. Der Sound des Albums hat durchaus Ähnlichkeiten mit den frühen Police-Alben, aber Songs wie „Throw It Away“ fallen da wieder heraus. Dieser verbindet Rockmusik mit Rock-’n’-Roll.

Allein mit der Musik von Police, Fischer Z, Joe Jackson und etwas Punk von The Clash kann man viele Nächte mit guter Musik füllen.

Hört man „Baby Stick Around“, das einfach immer Spaß macht und die Mischung aus New Wave und Rock-’n’-Roll perfekt zeigt, weiß man, was für ein fantastisches Debütalbum das ist.

Ein wenig „West Side Story“-Gefühl findet man im Titelstück „Look Sharp“ wieder. Ansonsten ist der Stil eher im „leichten“ Ska-Punk angesiedelt.

Der Klassiker „Fools in Love“ beweist, dass Joe Jackson auch für anspruchsvolle Balladen mit dem gewissen Etwas zu haben ist. Ein ganz großer Song.

„Do the Instant Mash“ ist nicht schlecht, fällt bei mir aber immer etwas ab. Dabei ist der Bassrhythmus stark, doch unter so vielen guten Songs sticht dieser nicht hervor. Ich glaube, der Refrain spricht mich einfach nicht so an.

„Pretty Girls“ springt den Hörer immer direkt an, und das ist gut so. Ein toller, zeitloser New-Wave-Rock-’n’-Roll-Mix. Joe Jackson ist für mich der Beweis, dass nicht nur Punks wie die Ramones dem Rock-’n’-Roll einen eigenen Stil verliehen haben.

Ein starkes Bassspiel prägt den Song. Dabei geht er schon fast in den Punkrock über, dann aber doch wieder nicht – oder vielleicht doch. Egal, „Got the Time“ ist ein guter Abschluss.

Das Album funktioniert immer wieder. Der Mix ist einfach gelungen, und es ist viel mehr als nur „New Wave“. Es enthält viele Songs, die bis heute sehr gut funktionieren. Ein echter Klassiker.

26.09.25

Einstürzende Neubauten – Perpetuum Mobile (2004)

Ich kenne einige Stücke des Albums aus meiner Playlist schon lange, habe das Album aber nie komplett durchgehört. Im Gegensatz zu den frühen Werken der Einstürzenden Neubauten empfand ich die Musik hier überraschend hörerfreundlich. Die Songs sind gut, und zur gleichen Zeit hörte ich damals das neue Album von Blixa Bargeld zusammen mit dem italienischen Filmkomponisten Theo Teardo, „Still Smiling“, das ich ebenfalls sehr schätzte. Für mich war Blixa Bargeld damit genauso zu einer gehobenen musikalischen Persönlichkeit gereift, wie es Nick Cave zuvor gelungen war. Zwei unverwechselbare Musiker, vereint in der Qualität dessen, was sie gemeinsam an Musik schaffen.

Von den Neubauten kenne ich hingegen nicht allzu viel, vor allem die frühen Stücke aus den Werksausgaben „Strategies Against Architecture I und II“. Ich müsste lügen, würde ich behaupten, dass mir davon wirklich viel gefallen hat. Ich glaube einfach, die frühen Neubauten muss man sowohl gesehen als auch gehört haben. Nur gehört funktioniert für mich nicht.

Allerdings habe ich im Vorfeld auch kurz in die Alben „Haus der Lüge“ und „Tabula Rasa“ hineingehört. Dort finden sich neben Industrie-Rock auch Songs, die mehr Avantgarde und Kunst sind und sich durchaus für anspruchsvolle Hörer eignen. Da ich mich gerade auch mit „Nine Inch Nails“ beschäftige, passt da gerade viel zusammen. Ich weiß, dass ich noch mehr von den Einstürzenden Neubauten hören werde. Man sollte eine Gruppe niemals völlig bewerten, bevor man nicht ihr Gesamtwerk kennt.

Art-Pop-Rock, ziemlich genial und großes Kino für die Ohren – und das, obwohl „Ich gehe jetzt“ recht einfach gehalten ist. Doch da es die Neubauten sind und Blixa Bargeld am Mikrofon sitzt, klingt es einfach nach mehr. Damit haben mich die Neubauten als Hörer endgültig gewonnen.

Das Titelstück „Perpetuum Mobile“ funktioniert ein wenig als Bindeglied zwischen den alten und den neuen Neubauten, die heute in Philharmonien als große Künstler auftreten dürfen. Avantgarde-Industrie-Art-Rock und trotz einer Länge von fast vierzehn Minuten überhaupt nicht langweilig. Die Sounds und Klänge sind einfach groß und erinnern fast an „Kraftwerk“ und deren „Computerwelt“. Vielleicht erfinden die Neubauten hier den neuen Krautrock.

Eine Ballade wie „Ein leichtes Säuseln“ ist dabei sehr gelungen. Ebenfalls sehr gut mit Industrie-Percussion versehen ist „Selbstportrait mit Kater“. Theater-Rock – Brecht trifft Rock – Kunst. Wenn man kulturinteressierten Menschen die Einstürzenden Neubauten näherbringen möchte, ist dieses Album dafür sehr zu empfehlen.

Wahrscheinlich muss man beim Hören aber auch in der richtigen Stimmung sein. Einige Songs habe ich zuvor wieder aus meiner Playlist entfernt – was allerdings wenig bedeutet, denn ich habe über die Jahre viele Regeln dafür entwickelt, welche Songs in der Playlist bleiben und welche nicht. Diese Regeln habe ich wieder verworfen und neue aufgestellt. Ihr kennt das vielleicht. Dazu gehört auch das kunstvolle „Boreas“. Beim ersten Hören war es mir etwas zu viel Kunst und zu wenig Song, aber inzwischen mag ich es sehr.

„Ein seltener Vogel“ ist hingegen immer in der Playlist geblieben – zu Recht –, denn welch großartiges Stück Art-Rock das ist. Da erhebt sich der Underground zum großen Theater.

„Ozean und Brandung“ ist mir dagegen tatsächlich zu wenig Song und zu viel Klanginstallation. Als solche ist es aber nicht schlecht.

Sehr gut wiederum ist „Paradiesseits“, das den Hörer verzaubert.

Mal auf Englisch: „Youme & Meyou“. Auch hier stimmt das perfekte Soundkostüm auf der gesamten Platte.

Das Wunderbare dabei ist, dass sich die Einstürzenden Neubauten nicht bei der Hochkultur einschmeicheln, sondern einfach mit ihrer Musik zur Kunst werden, ohne dabei Frechheit, Verspieltheit und Eigenwilligkeit zu verlieren. Zum Beispiel ist „Der Weg ins Freie“ frech und gut.

Dagegen eignet sich „Dear Friends (Around the Corner)“ hervorragend, um es in jedem Kulturpalast zu spielen.

Ein industrielles Glockenspiel erklingt zu Anfang des Stücks „Grundstück“ und beendet ein begeisterndes Hörerlebnis.

„Perpetuum Mobile“ ist großes Theater, ohne besonders kompliziert zu sein. Der Underground ist endgültig für die Hochkultur tauglich geworden, und es macht großen Spaß, das zu hören. Ganz toll.

22.09.25

The Clash – The Clash (1977)

Vorher hatte ich nur ein The-Clash-Best-of-Album und „London Calling“. Deshalb höre ich jetzt wirklich zum ersten Mal das erste The-Clash-Album. Ich gebe zu, dass ich „Never Mind the Bollocks“ bisher noch nie vollständig gehört habe – das wird aber irgendwann noch passieren. Von den Ramones habe ich immerhin schon einmal ein Best-of-Album besprochen, und auch ihr erstes Album liegt irgendwann zum Hören auf meinem Stapel.

Ich bin jetzt also gespannt, wie das erste Album klingt, das Mick Jones, Joe Strummer, Paul Simonon, Terry Chimes und Topper Headon eingespielt haben. Es ist ihnen offenbar gelungen, dies ohne Einfluss des Labels zu tun – was dem Label (CBS) zwar nicht gefallen hat, aber wohl die richtige Entscheidung war. Denn so klingt das Album so, wie The Clash auch live klangen. Es ist also ein sehr authentisches Rockalbum.

Was einen Punk-Song ausmacht, hört man bei „Janie Jones“. So klingt ein reiner Punk-Song: Der Rock wird einfach etwas rotziger, frecher und schön unkompliziert gehalten.

Allerdings zeigen The Clash schon ganz am Anfang den nötigen Abwechslungsreichtum und präsentieren mit „Remote Control“ einen Song, der trotzdem mit Witz und guter Musikalität überzeugt. Im Song passiert viel, und eigentlich rockt dieses Punk- und Rock-’n’-Roll-Gemisch richtig gut. New Wave ist ebenfalls schon enthalten – der Song hat also eigentlich alles, was in den nächsten sechs Jahren von Bedeutung sein wird.

Die Gitarren klingen zu Beginn von „I’m So Bored with the USA“ schon recht heavy, aber auch dieser Song erhält wieder den Punk-New-Wave-Touch.

Der richtige „1-2-3-und-direkt-los-Punk“ ist dann „White Riot“. Der Song macht keine Gefangenen.

Ganz anders zeigt sich „Hate & War“, das im Stil-Mix-Modus funktioniert und auf nur zwei Minuten musikalisch alles möglich macht. Wegen solcher Songs sind The Clash für mich einfach mehr als nur Punk.

Stark gerockt wird bei „What’s My Name“. Hier steckt harter Rock drin, aber nicht auf Heavy-Metal-Art, sondern eher im Alternative-Rock- und Hardcore-Stil.

Das Stück „Deny“ wirkt zunächst wie ein heruntergerockter Rocksong, aber auch der hat seinen Reiz. Die Punk-Attitüde klingt dabei immer ehrlich und authentisch – als käme sie direkt vom Herzen, herausgeschrien und herausgerotzt. Ehrlicher Rock geht eigentlich nicht.

Und dann brennt London endlich richtig – The Clash feiern mit „London’s Burning“.

Eine weitere Blaupause für Punk-Songs ist „Career Opportunities“. Es macht nach wie vor sehr viel Spaß, diesen Song zu hören.

Auch „Cheat“ überzeugt mit viel Energie. Ich war und werde wahrscheinlich kein Pogo-Tänzer mehr sein, doch ich verstehe, warum man bei solchen Songs so ausflippen kann. Allerdings bin ich einfach kein Fan vom „Herumschupsen“, auch wenn das meist nett gemeint ist.

Ein weiterer Punk-Song ist „Protex Blue“. Was die Band kann und warum ich sie so mag, hört man deutlich bei „Police & Thieves“. Musikalisch ist der Song hervorragend, er hat Drive, zieht mit, ist ausgesprochen gut gespielt, klingt super, ist abwechslungsreich und macht richtig viel Spaß. Dafür wollte ich Joe Strummer und Mick Jones als Songwriter loben – geht aber nicht, denn der Song ist im Original ein Reggae-Stück von Junior Murvin, produziert von Lee „Scratch“ Perry. Die musikalische Bearbeitung durch The Clash macht diesen Song jedoch einfach zu etwas viel Größerem als zuvor.

Auch die kurzen Punk-Song-Prototypen machen danach wieder Spaß. So rockt „48 Hours“ noch einmal ordentlich und am Ende überzeugt „Garageland“ ebenfalls sehr.

Damit hatten es alle folgenden Punk-Bands schwer. The Clash waren von Anfang an viel mehr als nur eine gute Punk-Band. Sie waren eine richtig gute Rockband, musikalisch vielfältig und wussten genau, was sie taten. Die Genialität von „London Calling“ hört man auf diesem Album schon deutlich heraus. Die Geburt einer Rock-Legende!

19.09.25

The Raincoats – The Raincoats (1979)

Nachdem sie „The Slits“ live erlebt hatten, wollten die Gründungsmitglieder Ana da Silva und Gina Birch eine eigene Band gründen. Zusammen mit Ross Crighton und Nick Turner spielten sie ihr erstes Konzert als The Raincoats. Es folgten zahlreiche Umbesetzungen, doch Ana da Silva und Gina Birch blieben die Konstanten. Nachdem sie von Rough Trade unter Vertrag genommen wurden, nahmen sie zusammen mit Palmolive (The Slits) und der Violinistin Vicky Aspinal dieses Debütalbum auf.

„Fairytale in the Supermarket“ ist ein Stück, das so klingt, als hätten Sonic Youth und viele andere Alternative-Rock-Bands nach dem Hören des Albums gesagt: So will ich auch Musik machen. So wie The Slits für The Raincoats eine Vorbildfunktion hatten, sind The Raincoats sicherlich Vorbilder für viele Bands, besonders wenn es um Alternative-Rock-Girlgroups geht.

Ganz großartig ist „No Side to Fall in“ – wie großartig ist das denn und wie oft wurde es kopiert. Super!

Mit „Adventures Close to Home“ geht es genauso weiter – verspielter Schrammelrock mit einer Prise Psychfolk ist ebenfalls dabei.

Was die Gruppe mit „Off Duty Trip“ anbietet, ist schon Krautpunk. Ich weiß, „Kraut“ steht für „deutsch“ und The Raincoats sind das nicht, aber es ist die beste Beschreibung für den Sound.

Ich habe die Band fast zeitgleich mit Pere Ubu kennengelernt. Beide Bands teilen diese verrückte Verspieltheit, einen gewissen Punk-Anarchismus, ohne die Aggression in den Vordergrund zu stellen, wie zum Beispiel bei „Black and White“.

So klingt auch die Coverversion von „Lola“ – als ob eine Band aus den 90ern, die zu viel Nirvana gehört hat, den Song covern würde. Nur war zu der Zeit der Aufnahme das Jahr 1979, und Nirvana-Frontmann Kurt Cobain wird diese CD hören, wenn er als Jugendlicher mal wieder unglücklich war. Später war er mitverantwortlich dafür, dass die Platte neu veröffentlicht wurde.

Es ist beeindruckend, wie ein Song wie „The Void“ zur Blaupause für viele danach gespielte Stücke wurde. Ja, vielleicht wurde jeder Song, so wie ihn eine Band heute spielt, schon vor vielen Jahren genau so gespielt. Doch deshalb höre ich solche Songs nicht weniger gern. Der Spruch „Die neuen Bands machen es doch nicht anders als die Alten“ gilt für mich nie, weil ich gute Songs einfach liebe – egal, ob es das Original ist oder ein von einem anderen Song beeinflusster Titel. Hauptsache, der Song ist gut!

„Life on the Line“ ist schön chaotisch und hat einen wunderbaren Instrumentalteil – es kann problemlos mit frühen Songs der Talking Heads konkurrieren.

Bei „You’re a Million“ merkt man, warum die Band dem Post-Punk zugeordnet wird, auch wenn der Sound sehr nach Patti Smith klingt und somit an PJ Harvey erinnert, die diesen Stil später wieder aufgreifen und weiterentwickeln wird. Dafür kann man diese Platte einfach nicht genug loben.

„In Love“ ist fast sanft, aber doch nicht ganz – typisch für den Stil der Raincoats. Der Titel erinnert ein wenig an Lou Reed und könnte als verrückte Hommage an The Velvet Underground verstanden werden.

Wer frühen Alternative-Rock hören möchte, sollte diese Platte unbedingt hören und dankbar sein, dass manche Musikerinnen verrückt genug waren, um Musik neu und ausgelassen in neue Bahnen zu lenken. Ob den Raincoats damals bewusst war, was sie da geschaffen haben, glaube ich nicht, aber so ist es.

18.09.25

Craig Cardiff – Great American White Trash Novel (1997)

Liebe auf den ersten Gitarrensaitenanschlag – da springt der Funke von Sekunde eins an direkt zu mir über. Das ist Musik: ehrlich, gutes Handwerk. Der Song „Stabalise“ nimmt mich mit und fängt mich ein. Manchmal entdeckt man auf ganz seltsame Weise einen guten Song, und wie ich diesen gefunden habe, behalte ich erstmal für mich. Jetzt genieße ich ihn einfach.

Zurzeit mag ich authentisch klingende, handwerklich gut gespielte Folk- und Singer/Songwriter-Musik. Mit Craig Cardiff habe ich einen weiteren Musiker gefunden, der mir genau das bietet. Was er spielt, ist wunderschön und einfach. Und so, wie es klingt, ist alles live eingespielt. Song Nummer zwei, „Bellyful“, begeistert mich von Anfang bis Ende. Wieder dieser Gedanke: Es gibt so viel gute Musik, und durch Zufall fällt sie mir einfach in den Schoß. Da möchte man doch gar nicht mit dem Entdecken aufhören. Geht einfach nicht.

Sanft und fein ist „Year of Funerals“. Craig Cardiff ist Kanadier und ein fleißiger Musiker. Seit 1997 bringt er in regelmäßigen Abständen sowohl Studioalben als auch Live-Platten heraus. Er veröffentlicht seine Musik – ähnlich wie Bruce Cockburn – auf True North Records. Da ich Cockburn und kanadische Musikerinnen und Musiker ziemlich mag, habe ich mich gefragt, wer sonst noch auf dem Label vertreten ist. Es sind einige. Auf der Bandcamp-Seite von True North stößt man dann oft auf Craig Cardiff. So kam ich zu dieser Platte. Der Weg führte also über Cockburn, das Label, einem zufälligen Fund eines anderen Künstlers dieses Labels – und ich hatte verdammt viel Freude daran. Das Album ist wirklich großartig. Auch der Song „Great American Trash Novel“ ist ein Highlight. Er erinnert stark an die Musik von Nick Drake und Ryley Walker.

Meine Musik, einfach und wunderschön: „Here there be Tigers“. Mit Cajun-Style-Musik nimmt die Platte beim Song „Fisherking“ an Tempo zu.

Ein romantischer Country-Stil findet sich in „Bullpen“. Doch von Anfang bis Ende ist auch „Dancing with Pierre“ wunderschön. Craig Cardiff kann singen und Songs schreiben – Punkt.

Mit „Everybody“ macht er Ryan Adams Konkurrenz. Und warum habe ich diesen Singer/Songwriter erst heute entdeckt? Grandios ist auch der Abschluss der Platte mit „Memphis, TN“. Und dabei hat er noch 22 weitere Alben veröffentlicht – ich habe wirklich Glück! Freunde guter Singer/Songwriter-Musik, die immer noch nur Springsteen und Dylan hören, sage ich mal wieder: Macht eure Ohren für Künstler wie diesen auf – ihr werdet euch wundern.

17.09.25

Yardbirds – Five Live Yardbirds (1964)

Das erste Album der Yardbirds ist ein Livealbum. Zu dieser Zeit bestand die Band aus Keith Relf (Gesang und Harmonika), Eric Clapton (Gitarre), Jim McCarty (Schlagzeug), Chris Dreja (Rhythmusgitarre) und Paul Samwell-Smith (Bass). Sie spielten Rhythm & Blues und bewegten sich damit eher in Richtung der Rolling Stones als der damals langsam immer populärer werdenden Beatles.

Die Aufnahmen aus dem berühmten Marquee Club beginnen mit „Too Much Monkey Business“ (Chuck Berry), einem handgemachten elektrischen Rock ’n’ Roll. Danach folgt mit „I Got Love If You Want It“ (Slim Harpo) ein Stück mit stärkerem Blues-Rock-Einfluss, bei dem der E-Gitarren-Sound besonders beeindruckt. Der Blues-Impuls setzt sich mit „Smokestack Lightning“ (Howlin’ Wolf) fort, und man merkt, dass es ohne Blues keinen Rock gegeben hätte, denn Rock entsteht direkt aus dem Blues, wie genau solche Nummern und ihre Interpretation zeigen.

Die Mischung aus Rock ’n’ Roll und Blues zieht sich weiter durch Songs wie „Good Morning Little Schoolgirl“ und „Respectable“ (Isley Brothers). Letzterer überzeugt durch mehrstimmigen Gesang und mitreißenden Rhythmus, der ihm fast den Schwung einer guten Beatles-Nummer verleiht. Somit sind die Yardbirds stilistisch doch nicht so weit von den Pilzköpfen entfernt, wie zunächst gedacht.

„Five Long Years“ (Eddy Boyd) ist ein klassischer Blues-Standard. Die Aufnahmequalität variiert, was vermuten lässt, dass die Songs bei unterschiedlichen Auftritten entstanden sind. Tatsächlich stammen jedoch alle Aufnahmen vom 20. März 1964. Bo Diddley’s „Pretty Girl“ bringt echten Rhythm & Blues, und mit „Louise“ – im Original von John Lee Hooker – setzt sich die Blues-Tradition auf eindrucksvolle Weise fort.

Der Blues-Rock erreicht mit „I’m a Man“ seinen Höhepunkt. Dieser Song zeigt, wie gut und kraftvoll Blues-Rock über viele Jahrzehnte funktionieren kann. Zum Abschluss des Albums wird noch einmal das Tempo angezogen und das Publikum mit „Here’This“ stürmisch verabschiedet – eine richtig mitreißende Nummer.

Ein sehr schönes Live-Album, das den Blues-, Rock ’n’ Roll- und Beat-Mix der frühen 60er Jahre auf großartige Weise präsentiert. Drei Songs bleiben besonders im Gedächtnis: „Smokestack Lightning“, „Respectable“ und „Here’This“. Nach diesem Auftritt muss jeder Besucher im Marquee Club verschwitzt, aber glücklich gewesen sein.

16.09.25

Madonna – True Blue (1986)

Mit „Like a Virgin“ entwickelte sich Madonna zum Popstar und nutzte diesen Erfolg, um bei ihren Plattenproduktionen mehr mitzubestimmen. Sie arbeitet nun bevorzugt mit Produzenten zusammen, die sie selbst auswählt – wofür sie auch ein gutes Gespür hat – und ist außerdem als Co-Produzentin tätig. So sind für den Sound und die Tonqualität des Albums der „Into the Groove“-Co-Produzent Stephen Bray sowie Patrick Leonard verantwortlich. Madonna fungiert bei den Songs erstmals auch als Co-Autorin. Das Album wurde von ihrem damaligen Ehemann und Lebenspartner Sean Penn inspiriert. Da ich „Live to Tell“ schon immer mochte und immer noch mag, hat das Album für mich schon jetzt einen wirklich guten Song zu bieten. Ich bin sicher, dass mir dieses Album insgesamt besser gefallen wird als „Like a Virgin“ beim Wiederhören. Trotzdem bin ich gespannt.

„Papa Don’t Preach“ ist nach wie vor eine ordentliche Popnummer, ebenso „Open Your Heart“. Es sind keine Songs, die ich unbedingt täglich oder in meiner Playlist hören müsste, doch als Hintergrundmusik im Radio funktionieren sie gut und wirken nicht störend. Tatsächlich merkt man der Produktion an, dass sie meilenweit von den eher einfachen Discopop-Sounds von Nile Rodgers' Produktion des Vorgängeralbums entfernt ist. Das Album hat mehr Pep und klingt zeitloser, nicht mehr so sehr nach den frühen 80ern. Es legt fast schon fest, wie ein Pop-Album in den folgenden Jahren klingen sollte.

Bei „White Heat“ gilt das Gleiche wie bei den beiden zuvor erwähnten Songs: Es tut nicht weh.

„Live to Tell“, der ebenfalls Filmmusik ist – aus dem Film „Gegen jede Chance“, in dem Sean Penn die Hauptrolle spielte und der übrigens sehenswert ist – finde ich ausgesprochen gut. Das Stück hat viel Gefühl, und die Musik funktioniert wunderbar. Wäre es nicht herrlich, wenn Madonna endlich einsehen würde, dass sie nicht mehr tanzen muss, sondern gemütlich auf einem Hocker sitzend, begleitet von einer wunderbaren Liveband oder vielleicht sogar einem kleinen Orchester, ihre Balladen vortragen könnte? Das würde ihr wirklich gerecht werden. „Live to Tell“ ist für mich das erste musikalische Highlight von nachhaltigem Wert und Gültigkeit.

„Where’s the Party“ ist auch nett, doch zeitlich gesehen nicht mehr besonders wertvoll und klingt noch sehr nach den 80ern. Trotzdem funktioniert der Song live hervorragend, denn damit kann man die Halle richtig aufheizen. Er erinnert ein wenig an eine Lionel-Richie-Nummer – so eine Art „All Night Long“ für Arme.

Vieles auf diesem Album ist jedoch nicht gut gealtert. „True Blue“ ist schon fast eine zu einfache Nummer, eine Mischung aus Schlager und Rock ’n’ Roll.

Aber bitte, „La Isla Bonita“ – der Sommersong – wird doch auch in diesem Sommer noch funktionieren, oder? Trotzdem kann ich mich heute nicht mehr wirklich für diese Songs begeistern. Die meisten haben die Zeit leider nicht überdauert.

Im Rock ’n’ Roll-Power-Pop-Gewand scheitert auch „Jimmy Jimmy“, weil der Song ganz einfach fürchterlich ist. Es ist schon bemerkenswert, was ich früher so gut fand: Nach dem Kauf hatte ich das Album damals an manchen Tagen mehrmals am Stück gehört. Ich war wirklich ein großer Madonna-Fan. Ich habe sie sogar zu einem für heute unvorstellbar günstigen Preis in der Westfalenhalle live gesehen. Ich erinnere mich noch, wie sie zu einer stark veränderten Fassung von „Like a Virgin“ auf einem Bett lag und von dort gesungen hat, mehr weiß ich von diesem Konzert nicht.

Das Album ist deutlich schlechter gealtert, als ich dachte, und ich bin mir sicher, dass es kein Fehler war, vor etwa 20 Jahren die CDs von „Like a Virgin“ und „True Blue“ abzugeben. Damals konnte ich mit der Musik nichts mehr anfangen. Die Ausnahme bildet „Live to Tell“, das ich sowohl als Maxi- als auch als Single-Ausgabe besitze. Ich glaube jedoch, dass es noch Madonna-Alben gibt, die mir gefallen werden. Die kommen noch dran.

15.09.25

Madonna – Like a Virgin (1984/1985 – Europäische Vinyl-Pressung mit „Into the Groove“)

Habe ich die Single und das Album wegen der jeweiligen Coverfotografie gekauft oder weil die Musik so gut ist? Ich verweigere eine klare Antwort – aber ich habe „Material Girl“ und „Like a Virgin“ damals auch oft gehört. Ich war gerade 15 Jahre alt, als sie herauskamen, und das Folgealbum „True Blue“ war wirklich ein großartiges Pop-Album, oder? Das hatte ich auch direkt bei Erscheinen gekauft, und vielleicht schreibe ich bald mehr dazu.

Musikalisch betrachtet habe ich das Album, vielleicht auch weil die Songs so oft gespielt und gehört wurden, gefühlt 30 Jahre nicht mehr aufgelegt. Zwischendurch habe ich aber öfter meine Madonna-Singles wieder gehört, darunter „Like a Virgin“ und „Into the Groove“. Am besten gefallen hat mir allerdings „Live to Tell“. Ich mag ihre Balladen eigentlich sehr gern, und davon gibt es ja zumindest auf diesem Album mit „Love Don’t Live Here Anymore“ eine Covernummer. „Into the Groove“ war nie auf den US-Ausgaben von Vinyl und CD enthalten – aus rein rechtlichen Gründen. In Europa wurde der Song später einfach hinzugefügt.

Es kostet schon etwas Überwindung, mit dem Hören anzufangen. Bei Madonnas späteren Platten, aber nicht den letzten, hätte ich damit weniger Probleme. Vielleicht macht es ja auch viel Spaß, schließlich zählt das Album zu den meistverkauften überhaupt.

Pop und Konsum im leichten Disco-Rock’n’Roll – das ist der Song „Material Girl“, tanzbar produziert von Nile Rodgers. Der Song hat sich allerdings wirklich selbst überholt. Da hilft es auch nichts, dass der Titel und das dazugehörige Video, in dem Madonna sich als neue Marilyn Monroe feiert, zu den bekanntesten Videos der 80er gehört.

Weil es zwar etwas harmloser, dafür aber auch zurückhaltender und weniger aufdringlich ist, gefällt mir das fast vergessene „Angel“ besser. Das ist die Madonna, wie ich sie mag. Irgendwie klingt alles von der Vinylaufnahme jetzt so, als würde sich mein Plattenspieler zu schnell drehen. Will er die Sache schnell zu Ende bringen? Oder dachten die Produzenten, die Songs schneller abgespielt wären tanzbarer und die Stimme würde besser klingen?

Ohne „Like a Virgin“ wäre der Mythos Madonna wohl nie so groß geworden, wie er es damals wurde. Es ist der Beginn einer riesigen Karriere, aber der Song ist verdammt simpel. Trotzdem singe ich beim Refrain im Kopf ganz kurz mit („hey!“). Er gehört irgendwie doch zu „meiner Musik“ – dagegen bin ich machtlos. Wirklich toll finde ich den Song allerdings nicht mehr.

Ich mochte Madonna immer mehr wegen ihrer ruhigen Nummern und verstehe nicht, warum sie ihre Karriere nicht wie eine echte Diva beendet, indem sie sich von guten Musikern begleiten lässt und live nur noch die tollen ruhigen Stücke, still sitzend oder stehend, für ihre Fans darbietet. Stattdessen tut sie ewig so, als könne sie noch mit den „Jungen“ mithalten, und das erschwert es mir, weiterhin Fan von ihr zu bleiben.

Die Mainstream-Radio-Nummern, die nicht als Singles ausgewählt wurden, haben alle besser gealtert als die Hits. Selbst „Over and Over“ funktioniert heute noch einigermaßen als einfache Popnummer. „Love Don’t Live Here Anymore“ ist tatsächlich der Höhepunkt der ersten Plattenseite.

Das lag sicher auch an Madonnas Sexappeal, dass das Album auch von Jungs gekauft wurde. Denn alle Songs sind für Jungsgeschmack eigentlich ziemlich uncool. Balladen und Mainstream-Hits – und trotzdem war „Madonna“ das Postergirl der 80er. Da weiß man dann auch, warum es jemand wie Samantha Fox schaffte, in die Charts zu kommen. Künstlerisch darf man die beiden Damen zwar kaum vergleichen, doch das Marketing war ähnlich.

12.09.25

Propaganda - A Secret Wish (1985) – Vinyl Fassung

Da ich die CD ja schon hier verarbeitet habe, versuche ich mich an einer Kurzversion. Da die Vinyl- und CD-Fassungen der Songs jedoch tatsächlich Unterschiede aufweisen, empfand ich dieses schnellere Wiederhören als durchaus sinnvoll.

Außerdem habe ich im Wikipedia-Eintrag zum Album gelesen, dass das Label, weil Trevor Horn an der Produktion von „Welcome to the Pleasure Dome“ beteiligt war, dem Tontechniker Stephen Lipson und der Band sehr viele Ressourcen zur Verfügung stellte. So sind versteckt als Gastmusiker Steve Howe, David Sylvian, Stewart Copeland und Glenn Gregory mit dabei. Das finde ich schon eine ziemlich beeindruckende Gästeliste.

Eine nette Idee finde ich, den ersten Titel „Dream within a Dream“ als Komponisten nur Edgar Allan Poe zu nennen. Der Titel klingt jetzt auch von der Vinyl-Version wieder richtig gut, kommt mir mit zunehmender Dauer jedoch mit etwa acht Minuten Länge etwas zu lang vor, weil musikalisch dann nicht mehr viel passiert und nur das Grundthema leicht variiert wird. Aber es klingt gut – richtig gut.

„The Murder of Love“ hat einen EBM-Rhythmus, der sich aber in einen Synth-Pop-Song wandelt, wenn auch mit etwas Düsternis, aber auch garniert mit einem feinen Gitarrensolo. Der Song kann mich trotzdem nicht ganz einfangen, da er mir irgendwie zu harmlos erscheint.

„Jewel“ ist die wilde Fassung des darauf folgenden „Duel“ und klingt meiner Meinung nach auf Vinyl etwas besser als auf CD – ein wirklich feiner Elektronik-Body-Punk-Song. Passt, wie EBM ja auch, zur musikalischen Heimat von Propaganda (Düsseldorf). Und statt wie auf CD Claudia Brücken den Text einfach herausschreien zu lassen, bleibt er auf Vinyl instrumental und endet dann leider nur etwas übertrieben in einem Soundgewitter.

„Duel“ mag ich schon immer als 80er-Jahre-Popsong – mehr ist er nicht, aber dafür ein guter seiner Art. Und der eine Instrumentalpart ist einfach wirklich sehr gelungen. Ihr wisst sicher, welchen ich meine, wenn ihr ihn hört.

„P-Machinery“ hat sich in den letzten Jahren zu meinem Lieblingslied der Band entwickelt – perfekter Synthi-Pop-Song.

„Sorry for Laughing“ zeigt nochmal eine EBM-Ausprägung und ist eher nicht so mein Geschmack.

„Dr. Mabuse (First Life)“ ist ein Song, von dem es im typischen ZTT-Modus natürlich eine große Anzahl von Fassungen gibt. Vom Sound her schon ganz typisch 80er Jahre, aber man hört am Hauptrhythmus, warum man dazu ordentlich tanzen konnte. Auf der LP ist die Fassung von der Länge her gut zu ertragen und geht nicht vollkommen im Effektgewitter unter. Ein Hit.

„The Chase“ ist ganz nett, aber ein Musikstück, das man nach dem Hören schnell wieder vergisst.

„The Last World“ ist so etwas wie der Abspann der Platte, aber atmosphärisch sehr gelungen.

Die Vinyl-Fassung gefällt mir sehr viel besser. Gerade weil „Jewel“ instrumental bleibt und „Dr. Mabuse“ nicht ausufernd in die Länge gezogen wird, sind das eindeutige Pluspunkte der Vinyl-Veröffentlichung. Weniger ist eben manchmal doch mehr.

11.09.25

Marching Band – Heart Juwel (2016)

Marching Band ist ein Indie-Pop-Rock-Duo, bestehend aus den schwedischen Musikern Eric Sunbring (Gitarre, Gesang) und Jacob Lind (Gitarre, Keyboards, Gesang). Bei Liveauftritten wurde das Duo von den Musikern Benjamin Forsberg (Gesang, Gitarre), Ludvig Kennberg (Schlagzeug) und Gustav Nygren (Bass) unterstützt.

Ich kenne die Band schon seit einigen Jahren und schätze ihren ganz eigenen Sound sowie die Leichtigkeit, mit der sie Indie-Rock machen, der eine ganz besondere Note hat. Allerdings fand ich den Bandnamen immer etwas unglücklich gewählt, da man bei der Google-Suche nach „Marching Band“ vor allem viele Treffer zu Blaskapellen erhält. Auch in anderen Suchmaschinen führt die Eingabe meist zu ähnlichen Ergebnissen. Man muss die Suche schon mit zusätzlichen Informationen ergänzen, um auf die Band zu stoßen.

Lange Zeit war ihr letztes Album das aktuelle, doch 2024 erschien ein neues Nachfolgealbum. Ich konnte „Heart Jewel“ nur als Import-CD aus Japan bekommen, da das Album dort exklusiv auf CD veröffentlicht wurde. Dieses enthält als Bonus ein zwölftes Stück, das speziell für den japanischen Markt gedacht ist. Abgesehen davon gibt es das Album nur digital über Bandcamp, wo die gesamte Diskografie der Band zu günstigen Preisen erhältlich ist. Das kann ich besonders denjenigen empfehlen, die die Band bisher nicht kennen.

Mit „Creator (And I Notice)“ beginnt das Album wie gewohnt mit leichtfüßigem, akustisch klingendem Indie-Singer/Songwriter-Pop – irgendwo zwischen Beatles und The Byrds, und wieder sehr bezaubernd.

Man könnte die Musik von Marching Band auch als Lagerfeuer-Pop bezeichnen, doch es ist einfach wunderbar. Zum Beispiel ist der Song „Silver Screen“ absolut fesselnd und hat sogar das Potenzial, ein Radiohit zu werden, weil er mit reichlich Power gespielt wird. Er erinnert dabei an „Town of Saints“ (falls hier überhaupt jemand diesen Song kennt).

Den Indie-Sound beherrschen sie ebenfalls, spielen ihn aber mit einer ganz eigenen Note. Auf diesem Album gelingt ihnen das noch ein wenig perfekter als auf ihren Vorgängeralben. Besonders hervorzuheben ist auch der Song „Cocoon“.

Sanfter wird es bei „Come on Baby“, der zuckersüßen Mischung aus Beach Boys und Kings of Convenience. Das Titelstück „Heart Jewel“ hat wieder mehr Power und einen sehr mitreißenden Schwung, den viele Stücke der Band teilen.

„The Days Are Surely Over“ ist etwas verträumter. Die Gesangsharmonien sind einfach toll zu hören und ein weiteres Merkmal der Musik ist, dass sich die Songs immer wieder verändern. Es wird nicht von Anfang bis Ende eine einzige Melodie durchgezogen, sondern verschiedene Ideen werden verarbeitet.

Mir macht dieser unbeschwerte Sound der Band auch einfach Spaß zuzuhören. Es ist, als würde man einen Wohlfühlfilm schauen, nur eben in Form eines sehr guten Indie-Pop-Albums.

Hinzu kommt, dass die Musik zeitlos ist, ohne dabei retro zu klingen, denn sie wirkt frisch. Natürlich kann man Einflüsse heraushören, zum Beispiel bei „Are You Gonna Sing“.

„Sing and Play Guitar“ beginnt mit Synthesizerklängen, was im Nachhinein gegen den Titel spielt. Der Indie-Pop-Song „How Was the Western?“ nutzt im hinteren Teil der Platte zunehmend elektronische Klänge, sodass Folktronica als passende Bezeichnung für einige Songs ebenfalls in Frage kommt.

Zum Abschluss gibt es noch etwas Sanftes mit „Useful Idiot“ und Powerfolk ganz am Ende mit „Divorce Him“.

10.09.25

Simon & Garfunkel – Wednesday Morning, 3 A.M. (1964)

Das wohl bekannteste Duo der populären Musikgeschichte bringt mit fünf Alben eine übersichtliche Diskographie hervor, die sich schnell durchhören lässt. Beeindruckend ist, dass sie nur sechs Jahre brauchten, um zu musikalischen Dauerbrennern zu werden. Da sie jedoch zuvor bereits als „Tom & Jerry“ Musik machten, dauerte ihre Zusammenarbeit tatsächlich noch länger.

Das erste Album „Wednesday Morning, 3 A.M.“ war anfangs kein Erfolg. Erst mit der Veröffentlichung des zweiten Albums „Sounds of Silence“ wurde auch das Debüt finanziell erfolgreich. Da wir uns noch im Zeitalter des Rock ’n’ Roll befinden, sind die Folk-Songs des Duos meist nicht länger als zwei Minuten, sodass man die zwölf Stücke in einer halben Stunde schnell durchhört. Es überrascht nicht, dass sie bereits damals vom Sound Bob Dylans beeinflusst wurden, denn der hatte dank seiner schnellen Veröffentlichungen großen Erfolg. So findet sich mit „The Times They Are a-Changin’“ ein echter Klassiker als Coverversion. Fünf Songs stammen aus der Feder von Paul Simon.

Das Album startet mit Roots-Country-Rock ’n’ Roll-Folk bei „You Can Tell the World“. So leicht, freundlich und zugleich schön arrangiert – die Markenzeichen des Duos zeigen sich hier bereits deutlich. Der klassische Countrymusik-Hörer schien den Produzenten des Albums sehr wichtig zu sein. So erinnert der liebevoll gestaltete Roots-Song „Last Night I Had the Strangest Dream“ an den Stil der Carter Family (ja, ich habe die Dokumentarreihe „Country Music“ von Ken Burns gesehen).

Mit „Bleecker Street“ folgt die erste Eigenkomposition von Paul Simon. Das ist tatsächlich etwas anderes: Singer/Songwriter-Folk vom Feinsten, genau dafür lieben alle Simon & Garfunkel. Zeitlos und schön – das erste echte Highlight. „Sparrows“ kommt einem Bob Dylan-Song nahe, doch mir gefallen die Gesangsharmonien von Paul Simon und Art Garfunkel deutlich besser als die raue, ungeschliffene Art von Dylans Landbewohner-Gesang.

Die Kürze der Songs führt dazu, dass ich beim Schreiben kaum mit dem Hören nachkomme und zwischendurch öfter die Pausetaste drücken muss. „Benedictus“ – warum nicht auch einmal ein Kirchenlied einbinden? Da lernt der Hörer zudem etwas über Gesangsharmonien.

„The Sound of Silence“ wurde in der akustischen Fassung zunächst kein Hit. Erst als Produzent Tom Wilson den Song mit zwölfseitiger E-Gitarre, E-Bass und Schlagzeug ergänzte und als Single neu auflegte, wurde er zum Erfolg und zum Titelstück des zweiten Albums. Diese Bearbeitung erfolgte ohne Wissen von Paul Simon und Art Garfunkel. Paul Simon befand sich zu dieser Zeit in England, um dort sein Soloalbum „The Paul Simon Songbook“ aufzunehmen – viele der darauf enthaltenen Songs wurden später auf den Simon-&-Garfunkel-Alben neu eingespielt.

In der akustischen Version klingt „The Sound of Silence“ deutlich weniger kitschig und ist inzwischen meine bevorzugte Fassung.

Ein weiterer schöner Folk-Song ist „He Was My Brother“. Aus dem traditionellen Stück „Peggy O“ entsteht ein ganz typischer Simon-&-Garfunkel-Song – absolut schön.

Dem gegenüber steht der kitschige Country-Folk-Roots-Traditional „Go Tell It on the Mountain“. Mir gefällt daher das sehr sanfte „The Sun Is Burning“ deutlich besser.

„The Times They Are a-Changin’“ klingt ein wenig so, als würde eine kleine Gruppe Friedensaktivisten am Lagerfeuer singen. Gerade bei diesem Song schien niemand der Beteiligten wirklich Lust zu haben, sich intensiv mit dem Stück auseinanderzusetzen.

Der Titelsong „Wednesday Morning, 3 A.M.“ bringt schließlich alle Stärken des Duos in einem kurzen Song zusammen, sodass man sich schon auf das Hören des nächsten Albums freut.

05.09.25

Ocean Colour Scene – One from the Modern (1999)

Von dem Album „Moseley Shales“ war ich sehr begeistert, also habe ich mir noch eine weitere CD der Band aus Birmingham besorgt. Sie spielen gerne englischen Rock, der an ihren Förderer Paul Weller erinnert – was ja durchaus positiv ist.

„Profit in Peace“ ist vielleicht ein Titel, der gerade heutzutage mit seinem modern klingenden Klassikrock die Massen begeistern müsste. Peace and Rock! Und schon haben sie mich wieder – trotz vielleicht naiver, aber immer noch gültiger Songaussage. Natürlich trägt auch dieser Song wieder den für die Band so typischen Weller-Touch, was ich großartig finde, denn ich mag diesen Stil sehr.

Ich schätze die gradlinige Art dieses Britrock sehr. „So Low“ klingt wie eine aufgeputschte Ballade von Travis – ganz charmant.

Mit „I am the News“ wird dann richtig gerockt. Dass es nicht wie The Who klingt, dafür sorgt die Produktion von Brendan Lynch, der am Effektregler den Song etwas modernisiert und den Sound klar hält. Die Platte klingt insgesamt sehr gut.

Die Balladen sind gelungen, denn ich habe immer gedacht, dass es aus England viel mehr gibt als nur „Blur“, „Pulp“ und eine Band namens „Oasis“. Songs im Paul-Weller-Style, die einfach gut gespielt sind und von Anfang bis Ende mitnehmen – so wie „No one at All“, die total massentauglich sind, ohne sich aufzudrängen – begeistern mich einfach. Punkt.

Die Musik dieser Band macht mir einfach großen Spaß. Ehrlich gesagt ist es mir egal, ob die Texte jetzt „sinnvoll oder sinnlos“ sind – bei englischsprachiger Musik steht bei mir die Musik im Vordergrund, und ich glaube, so geht es nicht nur mir. Wer die Texte genau analysieren möchte, muss sich an anderer Stelle informieren.

Auch die Rockballade „Families“ macht Spaß. Richtig begeistert hat mich das rockige „July“ – eine ganz tolle Nummer. Ich glaube, das ist keine Musik für ernsthafte Kulturkritiker, sondern für alle, die viel Freude an guter Musik haben.

Die nächste Rockballade heißt „Jane she got excavated“. Die Balladen dominieren auf dem Album, sind aber alle sehr gut gelungen, zum Beispiel auch „Emily Chambers“. Gut gerockt und Paul Weller gewidmet ist „Soul Driver“. Damit wird dem Mentor gedankt, und auch der Hörer dankt der Band für diesen weiteren Knaller.

Die Ballade „The Waves“ ist anspruchsvoll eingebettet und dauert sechs Minuten. Das Album schließt mit einer weiteren Ballade ab: „I won´t get grazed“.

Ehrlich gesagt klingt das zwar sehr gradlinig und stark nach Paul Weller, und es sind viele Balladen dabei – aber für mich macht das Hören einfach großen Spaß. Macht ruhig weiter so Musik und bitte viele Nachahmer. Und falls das „altmodisch“ klingen soll, dann bin ich gerne altmodisch.

03.09.25

Charles Mingus – The Black Saint and the Sinner Lady (1963)

Ein wenig Geschichtsunterricht zum Jazz: Charles Mingus spielt Kontrabass und Klavier. Bei den Aufnahmen wird er unterstützt von Jerome Richardson, Dick Hafer, Rolf Ericson, Richard Williams, Quentin Jackson, Don Butterfield (Blasinstrumente), Jaki Byard (Klavier), Jay Berliner (Gitarre) und Dannie Richmond (Schlagzeug). Das Album besteht aus drei Stücken von jeweils etwa sieben Minuten Länge sowie einem Stück, das eine ganze Plattenseite füllt.

„Track A – Solo Dancer“ beginnt nach einem kurzen Schlagzeugeinsatz mit einem relativ kraftvollen Bläsersatz und fängt dann zu swingen an, verliert dabei aber nicht an Intensität. Die Bläser behalten ihren aggressiven Ton bei, während die anderen Instrumente versuchen, mehr Tempo ins Stück zu bringen. Dadurch spielen die Bläser teilweise gegen den Rest der Band an und können dank ihrer Durchschlagskraft leicht die Oberhand behalten. Es gibt jedoch auch einen sanfteren Abschnitt, in dem die Bläser versuchen, sich an die Hörer anzuschmiegen und einzuschmeicheln. Danach folgt ein schöner Swingpart, in dem der Bass von Monk besonders zu hören ist, da er nur gegen eine einzelne Klarinette oder ein Altsaxophon anspielt. Die Intensität steigt wieder an, wobei das Stück spannend und wild bleibt, diesmal aber nicht mehr so bläserdominiert wie zu Anfang. Schließlich endet das Stück unerwartet.

Der Verlauf bei „Track B – Duete Solo-Dancers“ ist sanfter. Hier tanzt man miteinander, lehnt sich an und nähert sich auf intime Weise an. Doch auch hier verändert sich das Stück nach einiger Zeit: Es entwickelt sich zu einem zunehmend wilden Tanz – Langeweile kommt bei diesem Jazz nicht auf. Wer jedoch eher Harmonie und sanfte Hintergrundmusik schätzt, ist bei Charles Mingus falsch. Mingus ist nichts für einfache Gemüter, denn er fordert seinen Hörer heraus. Es geht nicht nur um Swing und Instrumentenbeherrschung, sondern auch um wildes Spiel. Davon bekommt man bei Mingus reichlich. Gleichzeitig holt er den Hörer immer wieder zu den Wurzeln des Jazz zurück. Deshalb ist seine Musik gut geeignet, um ein tieferes Verständnis des Jazz zu entwickeln. Sie verschreckt Neueinsteiger nicht sofort, sondern nimmt sie auf eine höhere Ebene der Möglichkeiten des Jazz mit.

Besonders die Pianoanteile, die auch als Intro für „Track C – Group Dancers“ verwendet werden, fangen den Hörer zunächst leicht ein, konfrontieren ihn aber anschließend mit etwas Neuem. Dieses Stück eignet sich hervorragend für einen ersten Einblick in Mingus’ Musik.

Die zweite Seite besteht aus dem Medley „Mode D – Trio and Group Dancers, Mode E – Single Solos and Group Dances, Mode F – Group and Solo Dance“.

Charles Mingus bleibt dabei als Komponist sowie mit seinem Bass- und Klavierspiel eher ein Musiker im Hintergrund, während der Bläsersatz über die Stücke hinweg am prägnantesten hervortritt. Nur gelegentlich - zum Beispiel wenn Jay Berliner die Gitarre im spanischen Stil zupft und eindeutig der Tango gefeiert wird - legen die Bläser ihre Dominanz kurzzeitig ab. Zusammen erreichen alle Musiker eine großartige Intensität. Themen der A-Seite werden auf der B-Seite deutlich wieder aufgegriffen, wodurch die Spannung beim Hören etwas nachlässt. Dem Saxophonsolo fehlt es zudem etwas an Intensität oder es ist einfach nicht melodisch genug. Am Stück gespielt kann das für weniger erfahrene Jazzhörer etwas anstrengend wirken.

Wenn die Musiker jedoch swingen, passt wieder alles. Dann können auch alle Instrumentalisten gemeinsam glänzen, und die Musik macht in der zweiten Hälfte des Medleys wieder richtig Spaß.

Insgesamt ist das ein gutes Album, um in das Werk eines der großen Altmeister des Jazz hineinzuhören.

31.08.25

The Nits – Tend (1979)

Es handelt sich eigentlich um das zweite Album der Band, doch das erste Album, das denselben Namen wie die Band trägt, wird von ihr als nicht gelungen bezeichnet und wurde nie wiederveröffentlicht. Somit beginnt die Discografie mit dem zweiten Album „Tend“. Der Stil dieser Platte wird als New Wave bezeichnet. Da bin ich gespannt, denn ich würde The Nits eher als Art-Pop-Rock einordnen.

Bubblegum-Pop, verspielt und kindlich, mit einem New-Wave-Einschlag ist das Titelstück „Tent“. Stilistisch ist das tatsächlich eine Art Neue-Holländische-Welle, allerdings in englischer Sprache. „A to B; C to D“ dagegen ist schon New Wave auf gehobenem Niveau und viel besser als das zuvor gehörte „Tend“. Eine nette Pop-Nummer ist „The Young Reporter“, die an Godley & Creme (10CC) erinnert. Das wird ein sehr abwechslungsreiches Hörerlebnis, vermute ich, und bei achtzehn Titeln gibt es viel zu entdecken. Die Stücke sind zwar nicht besonders lang, dafür gibt es umso mehr davon.

„4 Ankles“ erinnert an die ironische Art von Devo. „Hook of Holland“ würde ich als echtes „Nits“-Stück bezeichnen – mit diesem Song hat die Band ihren Stil gefunden. Er ist wirklich ein echter Hinhörer. Prog-Pop könnte man den Stil der Nits ebenfalls nennen, genau so klingt „Frozen Fred“. Man muss auch das Alter des Albums berücksichtigen – damals klangen die Synthesizer meist noch so, vor allem die bezahlbaren Modelle. Dennoch ist der Sound von The Nits wirklich sehr ordentlich und kann sich auf internationalem Niveau behaupten.

Die Band „The Nits“ bestand zu diesem Zeitpunkt aus Henk Hofstede (Keyboards, Lead Vocals), Rob Kloet (Drums, Vocals), Alex Roelofs (Bass, Vocals), Michiel Peters (Gitarre, Lead Vocals), Paul Telman (Techniker) und Hans Schot (Logistik). Für das Songwriting waren Henk Hofstede und Michiel Peters jeweils zu gleichen Teilen verantwortlich.

„Ping Pong“ ist eine gewagte Mischung aus Art-Pop mit elektronischen und Rock-Elementen, als Song jedoch sehr spannend. „Tutti Ragazzi“ erreichte Platz 22 der niederländischen Charts und ist wieder ein leicht fröhlicher Popsong im verspielten Rock'n'Roll- und New-Wave-Mix. Er klingt fast wie eine Nummer aus einem Musical – erinnert ein wenig an „Grease“, wahrscheinlich auch nicht ganz unbeabsichtigt. Ähnlich geht es mit „Out of Suburbia“ weiter.

Ein außergewöhnlicher Pop-Rock-Song aus den späten 70ern ist „Bungalow“, weil er einfach so schön verspielt und dennoch gelungen ist. New Wave ist „1:30“ – ebenfalls sehr eindringlich und sehr angenehm. Verspielten Art-Pop bietet „Johnny Said: Silver“. „Who’s That Killer“ tendiert wieder mehr in Richtung 10cc und Godley & Creme. „Take a Piece“ ist ein großartiger Rock-Popsong, der auch von Abba stammen könnte – wenn Abba jemals ein anspruchsvoller Act gewesen wären (das könnte mich unbeliebt machen).

„Tent (Reprise)“ gefällt mir dann im Devo-Stil sehr gut.

Als Zugaben gelten die wohl etwas zu mainstreamig geratenen Stücke: „Umbrella“ – Pop mit Hitpotenzial, sowie „Some Other Night“ – Kitsch-Schmacht-Pop. Doch „Harrow Accident“ ist noch einmal richtig stark und eher Art-Rock als Pop.

Insgesamt ergibt sich eine abwechslungsreiche Mischung aus verspieltem Bubblegum-Pop-Rock und New Wave, bei der The Nits mit viel Leichtigkeit und Können ihre eigene Handschrift aufdrücken. In einigen Stücken hört man schon deutlich, was aus der Band später werden wird. Das gefällt mir sehr und die Bereitschaft, die gesamte Nits-Discografie von Anfang bis Ende zu hören, wird dadurch mit Freude weiter wachsen.

28.08.25

The Teardrops Explodes – Wilder (1981)

Die für mich sehr späte Entdeckung des Albums „Kilimanjaro“ von The Teardrop Explodes hat mich sehr begeistert. Die Mischung aus New Wave, Punk und Rock, die die Band um Julian Cope präsentierte, zog mich von Anfang bis Ende des Albums in ihren Bann. Umso mehr freute ich mich darauf, das zweite und bisher letzte Album der Band zu hören – denn während der Aufnahmesessions zum dritten Album zerstritt sich die Gruppe, und Julian Cope entschied sich, lieber solo weiterzumachen. Angeblich konnten er und David Balfe sich nicht auf eine gemeinsame musikalische Richtung einigen.

Immerhin gibt es dieses zweite Album, und 1990 erschien noch verspätet ein Album mit unveröffentlichtem Material aus den Aufnahmesessions zwischen 1980 und 1982 („Everybody Wants to Shag...“).

Zunächst haben wir aber noch ein gut gefülltes Album namens „Wilder“ vor uns. Das Originalalbum umfasst elf Titel, später kamen auf CD-Veröffentlichungen zahlreiche weitere Songs hinzu, darunter auch Live-Aufnahmen. Diese werde ich mir bei anderer Gelegenheit anhören, wenn ich die sechs CDs der Retrospektive „Culture Bunker – 1978-82“ durchgehe.

Der gute Sound von „Kilimanjaro“ wird beim ersten Stück „Bent Out of Shape“ wieder aufgenommen. Vom Gesang her ist das Stück jedoch sanfter, eher im Singer-Songwriter-Stil gehalten. Trotz seiner Eingängigkeit ist der Song weniger auf Coolness ausgelegt. New Wave in einer weicheren Variante.

Beim Stück „Colour Fly Away“ verleihen satte Bläser dem Song ordentlich Schwung. Doch auch hier wirkt der Gesang zurückhaltend und sorgt für eine sanfte Note. Es ist all das zu hören, was alternative britische Musik ausmacht. Julian Cope verleiht sowohl den Ska-Bläsern als auch dem New-Wave-Bass etwas, das man eher mit Musikern wie Elvis Costello oder Joe Jackson verbindet – das Ergebnis ist durchaus außergewöhnlich.

Art-Pop mit gelungenen Soundideen bei den Keyboards und Schlagrhythmen bietet „Seven Views of Jerusalem“. Es ist einfach großartig und macht Spaß. Ich glaube, Sting beziehungsweise The Police haben sich für ihr Gesamtwerk etwas davon abgeguckt – die Songs erinnern sowohl an „Ghost in the Machine“ als auch an „Synchronicity“. Ich bin schon wieder ganz begeistert von diesem Album.

Tatsächlich scheint Cope sich mit jedem Song mehr vom New-Wave-Sound des Vorgängeralbums zu entfernen. Bei „Pure Joy“ klingt es zwar noch nach XTC und Fun Boy Three, aber die Synthesizer treten zunehmend in den Hintergrund, ebenso bei „Falling Down Around Me“, das ebenfalls an die beiden genannten Gruppen erinnert.

Eine Mischung aus New Wave und New Romantics prägt „The Culture Bunker“. Ich mag auch einfach Julian Copes Stimme, die an viele Indie-Rock-Gruppen der 2000er Jahre erinnert.

„Passionate Friend“ klingt wie eine Mischung aus Men at Work und Fischer-Z. Auf diesem Album stimmt einfach alles – ich hätte es, wie schon das Vorgängeralbum, gerne vor vierzig Jahren entdeckt. Doch vielleicht braucht jede Platte ihre eigene Zeit.

Das Synthesizer-Wiegenlied „Tiny Children“ ist sehr, sehr süß. Der Indie-Rocksong „Like Leila Khaled Said“ verzaubert ebenso wie „...And the Fighting Takes Over“, das schon mit den ersten Klängen fasziniert. Es ist kaum zu glauben, dass Julian Cope zu der Zeit dieser herausragenden Platten von The Teardrop Explodes ein äußerst verrückter Charakter war, der mit Drogen experimentierte und im Beziehungsstress lebte. Vielleicht war das aber auch der Grund, warum er so ein guter Musiker war – diese Wesensbeschreibung passt, platt und oberflächlich betrachtet, fast wie eine Voraussetzung für Rockmusikerinnen und -musiker oder Frontleute.

Das Album endet mit dem eher sanften Psychpop-Stück „The Great Dominions“. Ich muss mir wohl auch noch die Zeit nehmen, mich durch Julian Copes Diskografie als Solokünstler zu hören. Es gibt immer etwas Neues zu entdecken – solange es gut ist und Spaß macht...

Sting - ...Nothing like the Sun (1987)

Das Wiederhören von Stings erstem Soloalbum „The Dream of the Blue Turtles“ hat mir doch weniger Freude bereitet, als ich gedacht hatte. Nur wenige Songs konnten mich wirklich überzeugen, sodass ich nun gespannt auf das erneute Hören dieser Platte bin. Betrachtet man die Titelliste, wäre ich überrascht, wenn es diesmal nicht besser zwischen mir und Sting funktionieren würde.

Gleich zu Beginn fängt mich „The Lazarus Heart“ ein. Der Fusion-Rock, bestehend aus Rock-, Jazz- und Pop-Elementen, ist einfach stark. Auch die Produktion der Platte klingt nach wie vor toll. Die Klänge sind sehr warm und lebendig. Hier nähert sich der Ex-Polizist musikalisch der Qualität einer „So“ von Peter Gabriel an, ohne sie zu kopieren. Das mag auch am gemeinsamen Produzenten Hugh Padgham liegen.

Sehr atmosphärisch ist „Be still my Beating Heart“. Von solchen Songs hat sich, glaube ich, auch Dave Matthews viel abgeschaut. Die Mischung aus anspruchsvollem Rock mit Jazz- und Soul-Einflüssen ist auf diesem Album noch gelungener als auf Stings Vorgängeralbum. Vielleicht musste er erst mit seiner neuen Musik auf Tour gehen, um richtig hineinzufinden.

Der erste von mindestens zwei Songs für die Ewigkeit ist „Englishman in New York“. Unwiderstehlich.

„History will teach us Nothing“ kann bei mir nicht so richtig funktionieren, und zwar weil mich der Refrain auf die Dauer nervt. Dabei hat der Song ansonsten einige wirklich gute Ideen, aber er ist einfach nicht mein Geschmack.

Dafür sind „The Dance alone (Gueca Solo)“ und „Fragile“ meisterhafte Stücke, die ich sehr liebe: sanft, anmutig und mitreißend.

Im Gegensatz dazu finde ich „We’ll be together“ einfach nur nervig – schon immer, und das hat sich nicht geändert.

Überraschend gut gelingt wieder „Straight to my Heart“. Stings Stilmix funktioniert bei solchen Songs wirklich richtig gut. Ich mag besonders die Worldmusik-Elemente. Das Album hat neben Jazz- und Reggae-Elementen einen starken südamerikanischen Touch, der aber hervorragend zu den Songs passt.

Sehr jazzig, aber ganz gelungen, wenn auch kein echtes Highlight, ist „Rock Steady“. Es wirkt nicht zu aufdringlich und springt den Hörer nicht direkt an. Lieber mag ich den Jazz etwas melancholischer, wie bei „Sister Moon“. Das ist wirklich eine sehr schöne Nummer.

„Little Wings“ von Jimi Hendrix macht Sting ebenfalls zu eigen, das gefällt mir immer noch sehr gut. Ein netter Abschluss ist die kleine Jazz-Ballade „The Secret Marriage“.

Das zweite Album gefällt mir deutlich besser als das erste. Ich glaube, bei beiden Alben stören mich diejenigen Stücke, in denen Sting versucht, den coolen Jazzmusiker zu geben. Songs wie „We’ll be together“ oder „Rock Steady“ mögen live ganz gut funktionieren, doch auf Platte sind sie einfach nicht mein Geschmack. Abgesehen davon finden sich auf dem Album viele sehr gute Stücke, die ich jetzt wieder gerne öfter höre. Von Mitte der 80er bis Ende der 90er war ich ein großer Sting-Fan. Dann haben sich unsere Wege irgendwie getrennt, doch das muss ja nicht für immer so bleiben.

21.08.25

Soft Cell - Non-Stop Erotic Cabaret (1981)

Die recht flotte Elektro-Nummer „Frustration“ bewegt sich eher im New-Wave-Bereich als im Pop und macht richtig Laune. Dabei wird mir gerade bewusst, dass ich Visage und Soft Cell bisher ein bisschen als dieselbe Band wahrgenommen habe. Da mir das erste Visage-Album nicht gefallen hat, war ich auch wenig motiviert, dieses Album zu hören. Bei mir sind Visage vor allem durch „Fade to Gray“ und Soft Cell durch „Tainted Love“ als ewige One-Hit-Wonder abgestempelt. Und genau das großartige „Tainted Love“ folgt dann auch. Ein Song für die Ewigkeit, keine Frage, am liebsten in der langen Version, gemixt mit „Where Did Our Love Go?“.

Das Album ist wohl der Beweis dafür, dass man mit einem Drumcomputer, einem Synth-Klavier, einem Bass-Synthesizer und Gesang ordentlichen Minimal-Pop machen kann. Auch „Seedy Films“, bei dem noch ein Blasinstrument den Sound ergänzt, ist eine sehr schöne Nummer. Ich bin gerade vom Album positiv überrascht.

„Youth“ hat sicherlich unzählige Düster-Popper zum Nachahmen inspiriert, und „Sex Dwarf“ liefert die Vorlage für die Electronic-Body-Music. Damit ist die erste Seite des Albums ein richtiger Volltreffer.

„Entertain Me“ wirkt dagegen etwas zu euphorisch; hier ist die Lebensfreude fast ein bisschen zu viel, und der Song überzeugt mich nicht wirklich.

„Chips on My Shoulder“ geht eher in Richtung Disco-Pop und trifft meinen Geschmack ebenfalls nicht ganz. Aber alle Nicht-Heteros, Diverse und wie auch immer Ihr genannt werden wollt, werden die Nummer bestimmt abfeiern – und zwar ohne Ende. Let’s Party! Als Party-Song funktioniert das Stück jedenfalls bestens.

Im Bereich Synth-Pop mag ich „Babysitter“ deutlich lieber als die beiden vorherigen Lieder. „Secret Life“ hingegen ist nicht ganz mein Fall. Vom Sound her ist es ein wenig zu viel des Guten.

Das Originalalbum endet mit dem süßen „Say Hello, Wave Goodbye“, das fast wie eine OMD-Nummer klingt. Sehr schön.

Insgesamt ein richtig gutes, frühes Synth-Pop-Album und dazu noch ein Wegbereiter.

20.08.25

Moderat – Moderat (2009)

Moderat besteht aus dem Musiker Sascha Ring, bekannt als „Apparat“, sowie dem DJ-Duo Gernot Bronsert und Sebastian Szary, bekannt als „Modeselektor“. Das Projekt entstand bereits im Jahr 2002, trennte sich jedoch und kam später wieder zusammen. 2009 erschien schließlich das erste Album.

Die Musik zeichnet sich durch treibende Beats aus, verbindet dabei aber einen gewissen Anspruch mit Dancefloor-Electronic – sie will mehr sein als nur tanzbar. Anspruchsvolle Elektronik, ohne dabei in das „zeitgenössische“ Genre abzurutschen. Es ist also mehr Musik als Kunst. So beschreibe ich die Art von Club-Elektronik, die Moderat spielt – und zwar ausgesprochen gut. Das Album beginnt mit dem Stück „A New Arrow“.

Der Rhythmus wirbelt, was auch Elektronica-Fans anspricht, etwa bei „Rusty Nails“, in dem auch Gesang zu hören ist. Die Vocals stammen von Sascha Ring. Damit ist Moderat kein rein instrumentales Projekt. „Rusty Nails“ ist genau die Art elektronischer Club-Musik, die ich sehr schätze. Sie funktioniert auf der Tanzfläche ebenso wie in der Lounge oder einfach über Kopfhörer, wenn man in die Welt der Musik eintauchen will.

Bei „Seamonkey“ dominiert maschinenhämmernde Elektronik, ideal für Kraftwerk-Fans. Im Stück „Slow Match“ wird der Sänger Paul St. Hilaire als Gast präsentiert. Obwohl ich die elektronischen Klänge von Moderat liebe – es sind einfach gute Sounds und rhythmische Ideen – stört mich bei „Slow Match“ die Art der Gesangspassagen etwas. Ich hätte das Stück lieber rein instrumental gehört.

Mit „3 Minutes off“ folgt eine Ambient-Pause. Feinste Electronica mit eingängigen Big Beats bietet „Nasty Silence“. Ein weiteres gemeinsames Stück entsteht mit Delle alias Eased From Seed: „Sick with it“. Dieses Stück mit Gastmusiker trifft allerdings nicht meinen Geschmack – der agrressive Elektro-Pop ist nicht so mein Fall.

„Porc #1“ sticht durch starken Gitarrensound hervor, und „Porc #2“ ist ebenfalls ein gelungener Elektro/Rock-Hybrid. Gerade deshalb funktioniert die Musik von Moderat so gut bei vielen Zielgruppen, denn es ist schlichtweg sehr gute Musik. Das Ende des Albums ist jedoch etwas schwach – wenn auch nur ein wenig.

Möglicherweise ist „Les grandes Marches“ eine Hommage an Jean-Michel Jarre und deshalb französisch betitelt, vielleicht auch einfach, weil der Titel gut passt. Auf jeden Fall ist es ein weiteres elektronisches Highlight.

„Berlin“ ist kurz, etwas düster und melancholisch, wird aber im Verlauf aufhellender. „No. 22“ beginnt langsam und wird schön treibend, wirkt insgesamt eher ambient als tanzorientiert.

Mit etwas mehr Rhythmuskraft kommt „Out of Sight“. Der Titel ist nicht sehr schnell, erhält aber durch den Gesang von Sascha Ring einen besonderen Klang. Sein sanfter Gesang passt ausgesprochen gut zur Musik von Moderat.

Ich habe auch jeweils ein Album von „Apparat“ und „Modeselektor“ ausprobiert, doch das Hörerlebnis war bei beiden nicht so intensiv wie bei dieser Zusammenarbeit. Als Trio sind Moderat einfach ein sehr gutes Elektro-Projekt, das irgendwo zwischen moderner Clubmusik und Nils Frahm angesiedelt ist.

16.08.25

The Notwist – 12 (1995)

Das erste Stück „Torture Day“ fällt besonders auf, weil die Band hier bereits ihren zukünftigen Stil findet. Von dem anfänglichen Hardrock-Alternative-Rock-Gemisch entfernt, ist das ein Song, der eher dem Indie-Rock zuzuordnen ist und nur leicht mit kleineren elektronischen Effekten versehen wurde. Leider habe ich dieses Album viel zu lange nicht gehört – bei „The Notwist“ bin ich immer irgendwie bei „Neon Golden“ und den Alben danach hängen geblieben. Deshalb ist es umso besser, dass ich jetzt die ersten Platten wieder durchhöre, denn darin verbergen sich viele großartige Songs, die ich bei Liveauftritten der Band immer sehr schätze.

„My Phrasebook“ enthält dagegen noch einmal ein Stück Hardrock im Stil der ersten beiden Alben – also haben The Notwist ihren ursprünglichen Sound noch nicht komplett abgelegt.

Es folgt ein echtes Highlight der Band, das ich sehr liebe: das Indierock-Stück „Puzzle“. Obwohl sie mir mit diesem Stück live einmal nachhaltig auf die Ohren gedrückt haben, weiß ich jetzt zumindest wieder den Titel von diesem eigentlich gar nicht so lauten „Gehörkiller“. Außerdem zeigt sich hier, dass The Notwist keine Scheu haben, ihr Frühwerk auch live zu spielen. Als Trio gehen sie inzwischen auch mit den „harten Sachen“ wieder auf Tour.

Und das ist auch gut so, denn Indie-Alternative-Rock beherrschen sie ebenso gut wie ihre multiinstrumentalen oder elektronischen Stücke. Ein Beispiel für guten Alternative-Rock ist „M“. Man merkt hier vielleicht ein wenig, dass die Platte zur Hochzeit des „Crossover-Genres“ veröffentlicht wurde. Zum Glück hat die Band jedoch ihren ganz eigenen Crossover-Mix gefunden, der weit entfernt ist von dem meist doch eher als „Rap/Funk/Rock-Gemisch“ bezeichneten Stil, den ich heute nicht mehr so schätze wie damals, als er aktuell war.

„Noah“ erinnert zu Beginn an die Einstürzenden Neubauten, verwandelt sich aber dann in ein sanft melancholisches Post-Indie-Rock-Stück.

Bei „My Faults“ ist der Indierock deutlich spürbar. Natürlich liegt das auch am Gesang von Markus Acher, doch auch der Sound macht The Notwist mit solchen Songs einfach unverwechselbar und sofort erkennbar.

Ein sehr guter Song ist auch „The String“. Zwar ist der Gesang hier etwas zu sehr in den Hintergrund geraten, doch der Song besticht durch seinen großen Drive und nimmt einen sofort mit, sodass man ihn nicht mehr loslässt.

Es folgt ein kurzes Stück mit dem Titel „Instr“, in dem The Notwist noch einmal dem Heavy Metal und dem Schlagzeug huldigen.

Den Abschluss bildet das Titelstück „12“, das mit über sechs Minuten Länge ebenfalls kein kurzes Stück ist. Es ist eine sehr gelungene Indie-Rock-Nummer.

Das Album ist außerdem das erste, bei dem Martin Gretschmann (Console, Acid Pauli) für einige elektronische Klänge sorgt. Er ist zwar zunächst nur Gastmusiker und noch kein festes Bandmitglied, doch sein Einfluss ist auch auf der Bonus-CD der limitierten Ausgabe zu hören. Darauf findet sich ein Remix von „Torture Day“ mit dem Titel „Loup“, bei dem Cindy Dall als Sängerin zu hören ist. Das Stück klingt wie eine Mischung aus Dub, Trip-Hop und Indie-Rock – sehr ambitioniert, aber noch nicht so ausgefeilt wie die späteren Remixe von Console und The Notwist. Ich glaube, dass vor allem der gehauchte Gesang für mich hier nicht so ganz passt. Zudem passiert im Remix nicht sehr viel, weshalb er mir beim Hören etwas zu lang erscheint.

Als zweites enthält die Bonus-CD noch eine weitere Version von „12“, die sich jedoch kaum von der Originalfassung unterscheidet.

03.08.25

This is the Kit – Careful of your Keepers (2023)

Kate Stables ließ ihr sechstes Studioalbum von Gruff Rhys (Super Furry Animals) produzieren. Bisher kenne ich nur ihr Album „Moonshine Freeze“, das mich jedoch so sehr beeindruckt hat, dass ich dieses neue Album gekauft habe.

Schon mit „Goodbye Bite“ beweist This Is The Kit ihre Meisterschaft darin, der Folkmusik eine besondere Note zu verleihen. Es gelingt ihnen, das Genre weiterzuentwickeln und dabei dennoch authentisch zu bleiben. Der Song beginnt großartig und breitet sich im Verlauf klanglich immer weiter aus – das ist schlichtweg große Kunst, und das auf sehr zärtliche Weise. Wieder einmal Musik, die mir unter die Haut geht. Es kann also kaum schlechter werden, und ich bin jetzt noch mehr Fan.

Auch „Inside Outside“ ist bemerkenswert gut gespielt – ich bin von der Musik überwältigt, dazu fehlen mir fast die Worte.

Ansätze von Vergleichen gibt es mit Feist, Mina Tindle oder Sophie Auster, doch auf dem Niveau, das auch der nächste Song „Take You to Sleep“ erreicht, höre ich so etwas wirklich selten. Sonst würde mich jedes Album auf diesem Gebiet so umhauen. Dabei überragt es vieles, zumal der Einsatz der Bläser so beeindruckend ist, dass ihr das unbedingt selbst hören müsst.

Der vermeintlich einfache Song „More Change“ ist trotzdem keine Ausnahme, denn auch er wird mit so viel Finesse gespielt und gesungen. Nur großer Beifall. Ich habe This Is The Kit einmal als Vorband von The National gesehen – damals kaufte ich mir deshalb auch „Moonshine Freeze“. Doch dieses Album stellt alles bisher Bekannte noch einmal in den Schatten. Deshalb wird der nächste Auftritt der Band, falls sie wieder in der Nähe sind, für mich ein Pflichttermin sein.

Alternative-Indie-Folk präsentiert sich auf „This Is When the Sky Gets Big“. Schönheit steckt in „Scabby Head and Legs“. Das Titelstück „Careful of Your Keepers“ begeistert ebenfalls – es zeigt, wie unkompliziert und gleichzeitig anspruchsvoll Musik sein kann. Diese großartig mit Klang gefüllten Stücke überragen auf überraschend einfache Weise vieles und verdienen dieses vielleicht überschwängliche Lob mit jedem einzelnen Wort.

Was ich auf dieser CD höre, begeistert mich einfach durchweg. Einen Folksong wie „Doomed or More Doomed“ so formvollendet hinzubekommen, fasziniert mich besonders, weil er vieles, was da draußen an Musik existiert, übertrifft. Und ihr wisst ja, ich höre viel Musik.

Zum Schwärmen lädt „Stuck in a Room“ ein. Der sanfte Rausschmeißer heißt „Dibs“.

Von Anfang bis Ende überwältigt mich diese Platte. Kaum zu glauben, wie sehr mich diese Musik begeistert. Ein Meisterwerk, an dem sich die Folkmusik von heute künftig messen lassen muss. Es wird schwer sein, das zu toppen.

02.08.25

Tolyqyn – Silver Seed (2023)

Die Band um den Bratsche-als-Bass-Spieler Roland Satterwhite eröffnet das neue Album mit einem großartigen progressiven Popstück: „Bella Coola“. Dieser Song begeistert mich sehr. Man erkennt den charakteristischen Sound der Band sowohl vom ersten Liveauftritt, den man erlebt hat, als auch vom Debütalbum wieder. Gleichzeitig bietet das Stück eine gehobene Prog-Rock-Qualität. Sehr stark. So hat mich die Band erneut für sich gewonnen.

Der verspielte Sound, der abseits des Prog eher im Jazzbereich angesiedelt ist, prägt ebenfalls die Platte, zum Beispiel bei „Puppetman“. Dort wird deutlich, warum man die Rhythmussektion des Trios so schätzt. Es ist Musik, die mitreißt und die auch im Bereich Weltmusik funktioniert. Sie öffnet die Ohren auf eine Weise, wie es viele andere Bands und Musikerinnen und Musiker nicht schaffen. Tolyqyn ist in dem, was sie bieten, mutig und wird dafür von mir ausschließlich gelobt.

Solche Musik höre ich viel zu selten. Besonders beeindruckend und sicherlich nicht zufällig mit afrikanisch klingenden Klängen gefüllt ist „Goldmine“. Auch dieses Stück ist sehr stark.

Das Titelstück „Silver Seed“, das in zwei Teilen präsentiert wird, verbindet all das zuvor Gehörte. Während Bands wie Bukahara meist eher Partystimmung erzeugen, bieten Tolyqyn mit den gleichen schönen, an Reggae erinnernden Rhythmen etwas anderes: starke Einflüsse aus Rock und Jazz. Bei „Silver Seed“ hört man ihre ganze Meisterschaft.

„Given the Chance“ macht ab dem Moment, in dem der Song seine Grundmelodie oder den großartigen Rhythmus findet, einfach viel Spaß. Ich gebe zu, ich liebe Songs, in denen Schlagzeug und Bass nicht im Hintergrund bleiben, sondern im Vordergrund stehen. Die Arbeit von Gitarrist Tai Arditi sei ebenso gelobt, wie die der beiden Musiker am Schlagwerk und an der Percussion, Rafat Mohamad und Peter Somos.

Etwas sanfter wird es bei „Tell me“, während „Inside your Head“ wieder etwas mehr Schwung besitzt. Zum Abschluss feiern wir mit der Band den „Celebration Day“. Trotz des Titels ist der Song kein Partystück, sondern ein anspruchsvoller Rocksong.

Mit Können und genau dadurch, dass sie nicht klingen wie jede andere Band, haben sich Tolyqyn sehr schnell einen festen Platz unter meinen zahlreichen Musikfavoriten gesichert. Ich hoffe, sie bald wieder einmal abseits des Berliner Umfelds live zu erleben, denn das war wirklich ein Ereignis, das ich gerne wiederholen möchte.

30.07.25

Hurray for the Riff Raff – Hurray for the Riff Raff (2011)

Was „Hurray for the Riff Raff“, die Band um Frontfrau Alynda Segarr, machen, wollte ich schon lange wissen und hören. Jetzt tue ich es.

Musikalisch könnte „Meet Me in the Morning“ die Grundlage für einen Song von Tom Waits sein. Ein Klavier klingt verträumt und leicht verzerrt. Ist das nur ein Intro?

Lagerfeuer-Folk mit Banjo und Akkordeon, der dann etwas schwungvoller wird und dabei sehr angenehm klingt – vor allem wegen der Ehrlichkeit und Authentizität: „Is that you?“ Eine schöne Alternative-Folk-Nummer. Wenn das Album so bleibt, werde ich es sehr mögen und müsste mir die Platte dann doch kaufen (ich höre gerade bei einem Musikstreamingdienst).

Und es scheint so zu bleiben. Alternativ-Roots-Country-Folk: „Slow Walk“. Das mag ich sehr – auch wenn HiFi-Puristen es vielleicht als Low-Fi empfinden. Aber das ist so schön! Man hört nur das sanfte „Daniella“.

Wer seinen Roots-Folk unplugged, ehrlich und ohne Schnickschnack genießen möchte, sollte Songs wie „Take Me“ hören. Musik kann so schön und einfach sein und dabei dennoch unendlich begeistern.

Die Band schafft es sogar, mit der reduzierten Instrumentierung einen sehr schönen Folk-Rock zu machen, denn „Little Things“ wirkt noch intensiver als die zuvor gespielten Stücke.

Das Banjo klingt bei der Musik überhaupt nicht kitschig, sondern ist ein wichtiger Bestandteil – ein Element eines Songs, egal ob ruhig wie bei „I Know You“ oder schneller in anderen Stücken. Gleiches gilt für das Akkordeon (Walter McClememts) und das Schlagzeug (Yosi Perlstein). Manchmal genügt aber auch nur ein oder zwei Instrumente, wie bei diesem und dem folgenden „Too Much of a Good Thing“. Das erinnert mich an das sehr folkige und ruhige letzte Album von Leslie Feist und an die CD der Schauspielerin Julie Delpy (ja, sie hat auch Musik gemacht). Bei „Too Much of a Good Thing“ spielt die gesamte Band, sogar eine Trompete ist zu hören – natürlich ebenfalls sehr schön. Was für ein herrlicher Song, der noch mehr an Feist erinnert.

Der schöne Folk setzt sich mit „Junebug Waltz“ fort und bleibt bis zum Schluss erhalten, etwa mit „Sali’s Song“. Selbst „Young Blood Blues“ am Ende der Platte ist reiner, wunderschöner Folk und kein Blues.

Eine tolle Entdeckung. Für meine Begeisterung für akustischen und handgemachten Folk- und Roots-Musik ist das genau das Richtige. Schön, dass die Band um Alynda Segarr noch viel mehr gemacht hat. Diese Perle von einem Folkalbum könnten sie gerne wieder neu auflegen, denn sie ist nicht so leicht zu bekommen – nur im Gebrauchtmarkt und auch nicht besonders günstig (ich habe trotzdem sofort ein Exemplar bestellt).

27.07.25

Jim Capaldi – Oh how wie danced (1972)

Auf Jim Capaldi bin ich nicht wegen seiner Zugehörigkeit zur Band „Traffic“ aufmerksam geworden – obwohl ich Steve Winwood sehr mag und so auch durch ihn auf Capaldi hätte stoßen können. Tatsächlich bin ich auf Jim Capaldi über mein Hören von vierundzwanzig Singles im Dezember gekommen. Dabei nehme ich als eine Art Single-Adventskalender blind vierundzwanzig Singles aus einer Bananenkiste, die ich einmal gekauft habe, und höre dann jeden Tag eine davon. Diese sind meine Adventssingles. Vor zwei Jahren waren dort auch zwei Singles von Jim Capaldi dabei, und so bin ich auf ihn gestoßen. Es wird Zeit, mich näher mit ihm zu befassen.

Während „Traffic“ wegen gesundheitlicher Probleme von Steve Winwood pausierte, nahm Capaldi dieses erste Soloalbum auf. Ein Stück, „Open your Heart“, stammt dabei aus der letzten Studiosession von Traffic. Zusammen mit Chris Blackwell hat Capaldi das Album produziert. Dabei halfen zahlreiche Gastmusiker sowie die Bandkollegen von Traffic mit.

Die sanfte Rock-Ballade „Eve“ ist ein ganz ordentlicher Einstand, auch ein bisschen bluesig und soulig, und sie steigert sich zum Ende hin schön. Mit dem sanften Rock geht es auch bei „Big Thirst“ weiter. Das Stück könnte eine Joe-Cocker-Nummer sein oder er hätte es wunderbar singen können. Auch das ist gut gelungen. Alles in allem ist das typisch 70er-Jahre-Rock, orientiert am Sound der amerikanischen Westküste. Vielleicht war Jim Capaldi deshalb mit seiner Platte in den USA erfolgreicher als in seiner englischen Heimat.

Country-Blues-Rock bietet „Love is all you can try“. Blues-Rock im Traffic-Stil gibt es bei „Last Day of Dawn“. Ich finde, die Musik von Bands und Musikern, mit denen Steve Winwood und Eric Clapton zusammenarbeiteten, klingt oft ähnlich. Das ist Musik, die heute kaum noch die vorderen Plätze in der Popmusik erreicht, aber von Fans des Blues-Rock-Genres immer noch gefeiert wird, besonders wenn die alten Helden wieder auf Tour gehen. Auch die junge Generation von Blues-Musikern profitiert von den Erfolgen dieser Stars und kann sich auf der Bühne mindestens ebenso behaupten.

Die nächste gute Rock-Ballade folgt mit „Don´t be a Hero“. Die Songs auf dem Album haben alle ihre Qualität, auch der sanfte Titel „Open your Heart“, der „nur“ sanften Rock spielt und beinahe ohne Blues auskommt. Wie bei J. J. Cale zeichnet sich die Musik von Jim Capaldi durch eine gewisse Unaufdringlichkeit aus.

Die sanften Stücke dominieren auf dem Album, etwa mit „How much can a Man really take“, das aber dennoch einen angenehmen Rockschwung erhält. Das letzte Stück, „Anniversary Song“, fällt etwas aus dem Rahmen, da es wie eine Liveeinspielung klingt und ich glaube, tatsächlich eine ist. Dadurch unterscheidet es sich deutlich vom übrigen Album.

Insgesamt ist das ein gutes, entspanntes Rock-Blues-Album. Es fehlt vielleicht der eine große Hit, aber Songs wie „Don´t be a Hero“ und „Big Thirst“ sind wirklich beachtlich. Wer bisher also nur Eric Clapton und Steve Winwood gehört hat, sollte vielleicht auch einmal bei Jim Capaldi vorbeihören.

26.07.25

Primal Scream – Vanishing Point (1997)

Schottenrock zur Zeit des Trainspotting-Hypes

Das fünfte Album der schottischen Band wurde in nur drei Monaten aufgenommen und gemixt. Dafür nutzte die Band eine transportable Studioeinrichtung.

„Burning Wheel“ beginnt mit einer Geräuschkulisse. Nach und nach setzt eine erkennbare Melodie ein, die Instrumente steigen ein, und der Britrock wird noch relativ gemäßigt gespielt. Es erklingt Rock mit einem leicht verrauschten Klangbild. Zum Line-up stießen Bassist Gary Mounfield, der zuvor bei den Stone Roses spielte, sowie Schlagzeuger Paul Mulraney.

Sanfter Lounge-Garagen-Rock prägt „Get Duffy“, und ab diesem Stück funktioniert das Album für mich richtig gut. Produziert wurde es von Brendon Lynch und Andrew Weatherall. Der gelungene Mix aus Rock und Elektronik überzeugt. „Kowalski“ rockt wieder mehr und erinnert im Sound ein wenig an die Radiohead-Alben ab „OK Computer“. Ich bin überrascht, dass die Band lange Zeit ganz ohne Vocals auskommt. Dass Andrew Sherwood, den ich erst kürzlich durch das erste Album der „New Age Steppers“ entdeckt habe, von dem Album begeistert war und es neu gemixt hat, kann ich jetzt gut nachvollziehen – denn es klingt bereits stark nach seinem Stil: Dance, Dub und Rock.

Eine wunderschön sanfte Rocknummer ist „Star“. „If They Move, Kill ’Em“ dagegen ist wieder mehr für die Tanzfläche gedacht. Dieses großartige Album habe ich viel zu spät entdeckt – Schande über mich.

Ambient-Rock prägt „Out of the Void“. Bei dieser Musik macht gerade der Genre-Mix den Reiz aus. Da ich den alten Crossover-Mix aus Rock und Rap mittlerweile etwas altbacken finde und ihn nicht mehr so feiere wie in den Zeiten, als er Trend war, verbinde ich den Begriff „Crossover“ immer noch stark damit. Deshalb fällt es mir schwer, diesen Begriff heute für andere Genre-Mixturen zu verwenden.

Der Dub-Anteil wird bei „Stuka“ noch größer, jedoch sehr melodisch eingesetzt. Ich liebe die vielfältigen Sounds, die auf dem Album verwendet werden.

Rock ohne Firlefanz und einfach mit „normalem“ Rockeinsatz bietet „Medication“. Obwohl ich mich an den Firlefanz gewöhnt habe und ihn eigentlich gut finde, nehme ich den Song einfach so mit – er klingt allerdings, wie oft schon gehört. Bei „Motorhead“ wird es dann härter gerockt. Sänger Bobby Gillespie beschreibt das Album als alternativen Soundtrack zum Film gleichen Namens. Aus seiner Sicht klingt das so etwas wie Psychrock-Hippie-Musik in der zweiten Hälfte der 90er Jahre. „Motorhead“ hat zwar viel Schwung, fällt bei mir aber wegen der brachialen Wirkung etwas ab.

Beim Titelsong „Trainspotting“ ist klar, worauf er sich bezieht. Der Autor der Romanvorlage, Irvine Welsh, schrieb sogar das Drehbuch zum Videoclip des Songs „Kowalski“. Hier verbinden sich Hippie-Stimmung und Beats besonders gut.

„Long Life“ schließt das Album noch einmal mit Ambient-Rock ab. Es gibt mittlerweile auch eine erweiterte Fassung mit weiteren Songs.

11.07.25

Die Braut haut ins Auge – Was nehm ich mit? (1995)

Die Band, gegründet von Bernadette Hengst, Peta Devlin, Katja Böhm und Babara Haß (die bei der Produktion der zweiten Platte allerdings nicht mehr dabei war), verstand es, cleveren, frechen und guten Indiepop zu machen, noch bevor fünf Jahre später mit „Wir sind Helden“ und anderen der deutschsprachige Pop aufwärts ging. Sie waren somit Wegbereiterinnen. Bedenkt man, dass die Band anfangs Schwierigkeiten hatte, ein Label zu finden, weiß man, wie Labelbosse damals auf eine reine Frauenband mit deutschsprachigen Texten reagierten – zumindest bis Mitte der 90er Jahre. Ich liebe die Band, die meine Schwester für mich entdeckt hat, vor allem wegen Liedern wie „Provisorisch“, „Ist sie ein Magnet?“ und „Mein Platz“ – Songs, die ich schon beim ersten Hören sehr mochte. Nach zugegeben viel zu langer Zeit höre ich sie jetzt endlich wieder, und das wird sicher sehr schön. Dabei frage ich mich: Wie verschwinden Platten im Regal, obwohl man die Songs so mag und hört sie über Jahre kaum oder gar nicht? Ein unbeantwortbares Rätsel. Liegt es vielleicht daran, dass es einfach zu viel Musik gibt? Das kann doch nicht sein, oder? Die Zeit, 1500 Platten gleichzeitig zu lieben, reicht wohl einfach nicht – ein Jammer. Man wünscht sich doch Unsterblichkeit – und zwar aus dem richtigen Grund.

Der Pop von „Die Braut haut ins Auge“ zeichnet sich durch große Stilvielfalt aus. So erinnert „Tandemsprung“ an eine Surfrock-Nummer aus den 60ern mit einem Hauch Punkrock. Eine ziemlich coole Mischung, die dazu noch gut gespielt ist. Wer heute Cari Cari mag, müsste das sogar auch mögen.

Der tolle Poprock der Band zeigt sich dann bei „Greenwich Village“. Locker, mit Schwung, Rhythmus und viel Spaß – so liebe ich die Band.

Es folgt mein Lieblingssong der Band, der mich direkt bis unter die Schädeldecke trifft – ein Song für die Ewigkeit: „Provisorisch“. Super, schön, toll.

Der New-Wave-Sound bei „Ist sie ein Magnet?“ ist ebenfalls einfach gut. Oh, verdammt, warum habe ich das so lange nicht gehört? Vielleicht, um es jetzt wieder so richtig gut zu finden. Ich liebe es. Und ich hätte letztes Jahr zum „Lieblingsplatte-Konzert“ nach Düsseldorf gehen sollen. Verdammt.

Jetzt macht mir jeder Song sehr viel Freude, weil jeder eine eigene Note hat – so auch „Was nehm ich mit (wenn es Krieg gibt)“. Eine ganz tolle Pop-Rock-Nummer mit deutschen Texten.

Ich verfolge Bernadette Hengst ja auch als Solokünstlerin weiter, aber das hier macht einfach noch mehr Spaß, weil es viel rockiger ist und so gut funktioniert.

Ein weiterer von vielen Knallern ist „Nichts ist für immer“. Toll – mein Geist schlägt gerade Purzelbäume in meinem Körper. Bin geflasht.

Mal Downtempo: „Wenn es dann vorbei ist“. Pop-Punkrock auf Englisch: „Stop talking“ (auch gekonnt).

Glücklicherweise hat das Album viele Lieder, und es hört nicht auf, gut zu bleiben: „Blätter und Menschen“. Da passt alles zusammen: gute Musik, gute Produktion, gute Texte – und es macht einfach viel Spaß beim Hören. Da kann ich nur loben, loben, loben.

Schöner Poprock: „Mein Platz“. Alles ist mit Hirn gespielt – nichts wirkt doof oder plump. Da stimmt einfach ganz viel. Bisher finde ich nichts, was nicht gut ist. Das Album bleibt unterhaltsam und abwechslungsreich. „Liebe und Revolution“ ist fast schon ein Blues. „The Say“ ist sogar ein kleiner Countrysong (vielleicht der einzige kleine Durchhänger). Darauf folgt aber wieder ein großartiger Song: „Mondtag“ (der Titel allein ist schon gut!).

Sanft: „Gute Nacht“. Epilog: „Das war mein Leben“.

Tolle Platte – die liebe ich! Wieder und jetzt für immer.

09.07.25

Peter Murphy – Wild Birds 1985 - 1995 (2000)

Da ich „Cuts You Up“ schon immer mochte und mich allmählich auch durch die Bauhaus-Platten höre, die mir gut gefallen, war es an der Zeit, mir einen größeren Überblick über das weitere Solowerk von Peter Murphy zu verschaffen. Dieses Best-of besteht aus Material der ersten Hälfte seiner Solokarriere, da er seit 2001 wieder aktiver ist und in diesem Jahr (2025) mit „Silver Shade“ nach einer zehnjährigen Pause sein elftes Album veröffentlicht hat. Die Compilation enthält Songs von seinen ersten fünf Alben.

Zu „Cuts You Up“ habe ich unzählige Male getanzt. Wer in den frühen 90ern donnerstags im Music Circus Ruhr anwesend war, hat mich zu diesem Song Woche für Woche tanzen sehen. Ein wunderschöner Indie-Pop-Song, ein Stück für die Ewigkeit, das vom Album „Deep“ (1989) stammt. „Subway“ kommt vom Album „Cascade“ (1995) und ist eine gut gemachte, melancholische Düsterballade, die nach einem langsamen Anfang etwas tanzbarer wird.

„The Scarlet Thing in You“ stammt vom gleichen Album, und hierbei entdecke ich fast eine ganz neue Seite an Peter Murphy, weil er hier einen schönen, fast akustischen Pop-Rock-Song spielt, der wirklich gut ist. Diesen Stil beherrschte er aber schon früher, wie „Indigo Eyes“ vom Album „Love Hysteria“ (1988) beweist. Von 1992 stammt „Keep Me from Harm“ vom Album „Holy Smoke“. Bei den ersten Klängen klingt es fast wie ein älterer Song von David Sylvian. Der Song besitzt tatsächlich den Charme eines „Japan“-Titels und erinnert an den New Romantic-Sound der 90er Jahre. „Final Solution“ hat richtig Power, und hier macht er ein wenig Iggy Pop beziehungsweise Lou Reed nach (vom Album „Should the World Fail to Fall Apart“ aus dem Jahr 1986, damit das älteste Stück der Sammlung).

Diese stilistische Vielfalt macht das Best-of abwechslungsreich. Peter Murphy beherrscht viele Spielarten der Rockmusik. Billy-Idol-Fans könnten „Deep Ocean Fast Sea“ mögen („Deep“, 1989). Eine sehr schöne Ballade ist „Strange Kind of Love“ ebenfalls von „Deep“ (1989).

Auch die langsameren Nummern haben ihren Reiz: So ist „Hit Song“ ganz fein, wenn auch fast schon ein wenig kitschig („Holy Smoke“, 1992). Anspruchsvoller ist „Huuvola“ („Cascade“, 1995), atmosphärisch und eine Mischung aus David Sylvian und Peter Gabriel.

Zum Art-Pop zählt „All Night Long“ („Love Hysteria“, 1988). Das bietet alles, was man sich wünschen kann. Viele Elemente klingen zwar vertraut, doch da Peter Murphy sie gut umsetzt, stört das keineswegs. Ich glaube, ich muss mir seine Alben mal komplett anhören. Es gibt einfach zu viel gute Musik, und fast jeden Tag entdeckt man etwas, das man unbedingt hören muss – stöhn – aber es gibt Schlimmeres auf der Welt. So ist auch „Dragnet Drag“ ein feiner, ruhiger Indie-Rock-Song mit gewissem Anspruch, ebenfalls von „Love Hysteria“.

Ein weiterer schöner Hit im soften Rockstil wie „The Scarlet Thing in You“ ist „I’ll Fall with Your Knife“ („Cascade“, 1995).

Ein weiterer New-Romantic-Song ist „The Sweetest Drop“ („Holy Smoke“, 1992). Art-Prog-Düsterrock findet sich in „Roll Call“ („Deep“, 1989). Zum Schluss: „Jemal (Version Two)“ wurde auf dieser Songsammlung erstmals veröffentlicht – ein weiterer Art-Rock-Titel mit viel Anspruch.

Beeindruckend, was Peter Murphy innerhalb von zehn Jahren an Alben geschaffen hat. Von diesem Appetithäppchen aus werde ich, wie gesagt, noch mehr hören müssen. Das Album ist bereits bestellt. Es hat mir mit Sicherheit sehr gut gefallen.

03.07.25

Matthew Tavares and Leland Whitty – Visions (2020)

Die beiden Kanadier gehören zur Hip-Hop-Jazz-Formation „BadBadNotGood“. Whitty spielt Alt-Saxophon, Tavares das Piano, und bei einigen Stücken der Platte erhalten sie Unterstützung durch Julian Anderson-Bowes am Bass sowie Mathew Chalmers an den Drums. So auch beim ersten Stück „Through the Lookingglas“, das ich als ein sehr schönes Stück klassischen Jazz empfinde, jedoch mit dem neuen Schwung und Sound einer neuen Generation von Musikern – wie ich ihn auch bei Alabaster Deplume sehr zu schätzen weiß. Dieser erste Song ist eine großartige Klangwand, bestehend aus vier gut gespielten Instrumenten. Dabei wirkt er nicht einschmeichelnd, sondern breitet sich frei aus und besitzt zugleich die Intensität eines guten Songs.

Auf klassischen Jazzpfaden ist das zweite Stück „Woah“ unterwegs – ein freies Duell zwischen Klavier und Saxophon. Doch nach wilder Unbeherrschtheit folgt im Duell eine Phase der Ruhe: Das Klavier spielt leisere Töne, später steigt das Saxophon mit zarten Klängen wieder ein. Das gefällt mir deutlich besser als der wilde Anfang. Wildes Improvisieren ist beim Jazz nicht mein Fall – die Noten dürfen gern geordnet fließen. Ich brauche Melodien oder zumindest einen gleichbleibenden Rhythmus, um mit der Musik klarzukommen.

Die beiden Musiker setzen auf Stilvielfalt, denn „Blue“ hat gar nichts Wildes an sich und ist ein sehr gemächliches, ruhiges Stück. Zu den Instrumenten gesellt sich, wie schon beim ersten Stück, etwas Gesang hinzu – allerdings nur in Form eines verträumten Chors, ohne erkennbare Worte. Das Stück bleibt jedoch nicht dauerhaft so gemächlich wie zu Beginn, sondern gewinnt im Verlauf an Intensität und Vielfalt.

Besser gefällt mir dann das folgende Stück „Symbols of Transformation, Part 1“, weil es wieder klarere Melodien und schöne Passagen bietet. Ein sehr guter Song. Danach folgt mit einer Länge von elf Minuten „Visions of You“. Der Song beginnt als ruhige Jazzballade, dabei ist gut zu hören, dass Leland Whitty nicht nur das Saxophon, sondern auch die Flöte gut beherrscht. Der Song wechselt die Intensität geschickt und schafft eine Traumatmosphäre, ohne dabei zu verträumt zu wirken. Über die lange Laufzeit bietet er zudem reichlich Abwechslung und erhält mit zunehmender Dauer einen Bossanova-Charme.

Sanftes Klavierspiel eröffnet „Eyes“, und dabei bleibt es auch bei diesem kurzen Stück. Sehr gut gefällt mir „Awakenings“ von seiner Grundmelodie her, die vom Saxophon und Schlagzeug abwechslungsreich überspielt wird.

Das Saxophon bestimmt von Anfang an den Ton bei „Heat of the Moon“, jedoch recht entspannt und ruhig, ohne – wie bei vielen Stücken der Platte – zu viel Freiraum im Spiel zu lassen. Eine schöne Downtempo-Nummer. Beim Jazz stehe ich besonders auf Harmonien – glänzendes Instrumentenspiel, das in Schönheit verwandelt wird. Dieses Prinzip erfüllt auch „Black Magic“.

„Symbols of Transformation“ erhält noch einen Part 2, der eher etwas für Fans des freieren Jazz ist, jedoch recht klassisch gespielt wird. Man merkt hier erneut die Könnerschaft an den Instrumenten, und im weiteren Verlauf bekommt der Song mehr Atmosphäre, bevor er kurz darauf endet.

Das letzte Stück, „Living Water Assembly“, ist wieder sehr ruhig angelegt. Saxophon und Klavier werden zärtlich und zurückhaltend gespielt, wodurch eine eher melancholische Stimmung entsteht. Zur Mitte hin wird es richtig schwermütig und am Ende wieder etwas lauter – jedoch alles in gemäßigter Weise.

Ich habe das Album nicht in einem Rutsch durchgehört, sondern mehrmals unterbrochen, um nicht überfordert zu werden. Da ich Jazz lieber harmonisch mag, fällt es mir oft schwer, wenn es ins wilde Improvisieren und freie Spiel der Instrumente geht. Dennoch schätze ich sehr, wie gut die Jazzer ihre Instrumente beherrschen, was man auch hört. Gleichzeitig gibt es immer genügend Teile auf diesem Album, die mir gefallen, sodass ich einiges daraus für mich mitnehmen konnte. Klassischer Jazz, besonders wenn Saxophon und Trompete wild und frei gespielt werden, ist jedoch nicht immer mein Fall. So wie es ein Alabaster Deplume macht, finde ich den aktuellen Jazz wirklich famos umgesetzt, und auch die vier Musiker, die auf diesem Album zu hören sind, beweisen ihre Qualität.

01.07.25

The New Age Stepper – The New Age Steppers (1981)

The New Age Steppers waren ein Dub-/Reggae-Projekt rund um den Produzenten Adrian Sherwood. Dub-Reggae zählt zwar nicht zu meinen bevorzugten Musikgenres, doch um die Entwicklung der elektronischen Clubmusik und Genres wie Trip-Hop besser zu verstehen, ist dieses Genre keineswegs unbedeutend – im Gegenteil, es spielt eine wichtige Rolle. Die Dubszene ist zudem eng mit der DJ-Kultur verbunden.

Der erste Song „Fade Away“ bietet entspannten Reggae mit Dub-Effekten, ist jedoch etwas düsterer gehalten als bei reinen Reggae-Acts üblich. Hier scheint der Einfluss von Post-Punk-Musikern entscheidend, die Adrian Sherwood bei der Produktion des Albums unterstützten. Dieser Einfluss wird bei „Radial Drill“ noch deutlicher, was das Album für mich besonders interessant macht. Es klingt fast wie „Public Image Ltd“ in Instrumentalversion.

Bei „State Assembly“ gefällt mir besonders, wie der Reggae sich langsam entfaltet und sich der Song klanglich weiterentwickelt. So kann mir Dub-Reggae durchaus richtig gut gefallen. Fast schon experimentell wirkt „Crazy Dreams and High Ideals“.

Und es wird noch besser: „Abderhamane’s Demise“ überzeugt durch einen besonderen, für 1981 außergewöhnlichen Rhythmus – ein kleiner Diamant. Diese Qualität zieht sich durch das gesamte Album. Was die Musiker hier leisten, hebt das Werk deutlich aus dem Dub-Reggae-Umfeld heraus und lässt es eher als Dub-Post-Punk bezeichnen. Wer Post-Punk mag, sollte unbedingt bei „Animal Spaße“ hineinhören.

Nach dem ersten Stück hatte ich erwartet, dass das ganze Album aus soliden Dub-Reggae-Songs bestehen würde. Doch es ist viel mehr als das – eine wahre Wundertüte. Was die Perkussion und die Rhythmen angeht, ist das ein großartiges Album.

Später wechselt das Album immer wieder zu fast normalem Dub-Reggae. Wahrscheinlich brauchte es auch Material für Singles, und als solches funktioniert „Love Forever“ sicherlich sehr gut.

Das Originalalbum endet mit „Private Army“, das schlicht großartig ist. Es ist anders, weil es dem Post-Punk, den ich aktuell sehr schätze, neue Impulse gibt und zeigt, welche Grenzen elektronische Musik und Indierock in Zukunft noch sprengen können. Ganz großes Kino.

Die Bonustracks zeigen ebenfalls hohe Qualität: „Izalize“ etwa ist alles andere als langweilig, es fügt sich hervorragend in den Mix ein. Von Dub-Reggae hätte ich das nicht erwartet, da dachte ich zunächst, ich müsste beim Hören vielleicht eine Pause einlegen, damit die Songs nicht zu ähnlich wirken – aber das Gegenteil ist der Fall. Wie erwähnt, eine sehr gute Entdeckung. „Izalize“ bewegt sich sogar leicht in den Jazzbereich.

Man merkt erneut, wie vielfältig Effekte im Mix- und Produktionsprozess eingesetzt werden konnten. Das ist sicher ein Qualitätsmerkmal des Albums. Es klingt überhaupt nicht altmodisch oder typisch 80er, sondern frisch und innovativ. Hören Sie nur „May I Version“. Bei den Bonustracks weiß ich nicht genau, wie sie für die Neuauflage des Albums bearbeitet wurden – doch egal, wenn das Ergebnis so gut klingt.

Nur als scherzhaftes Bonusstück ist „Avante Gadening“ zu verstehen. Und mit „Singlove“ wird das Grundthema von „Love Forever“ noch einmal aufgegriffen, diesmal mit männlichem Gesang.

Ein furioses Album und eine sehr positive Überraschung.

21.06.25

Motorpsycho – Lobotomizer (1991)

Debütalbum. Das Trio bestand zu diesem Zeitpunkt aus Bent Sæther (Gesang, Bass) und Hans Magnus „Snah“ Ryan (Gitarre, Gesang) sowie dem Schlagzeuger Kjell Runar „Killer“ Jensen.

Anfangs waren Motorpsycho noch nicht die Psychrock-Band mit starken Progrock-Elementen, wie sie die meisten Fans heute kennen. Zu Beginn waren sie eher eine „laute“ Band, die sich jedoch bereits deutlich von anderen Heavy-Metal-Gruppen jener Zeit unterschied. Der kurze Titeltrack „Lobotomizer“ besitzt einen feinen Retro-Rock-Touch mit Geigen und Akustikgitarre und klingt trotzdem typisch nach Motorpsycho.

Im nächsten Moment geht es dann richtig heftig zur Sache mit Heavy Metal: Bei „Grinder“ vermischt sich das harte Metal-Element mit dem rockigen Gesang von Bent Sæther. Auch hier zeigen Motorpsycho wieder ihre Unklassifizierbarkeit. Der Metal-Anteil ist zwar beträchtlich, aber das macht den Song umso mitreißender und bringt viel Spaß.

Und wie großartig ist „Hoghwash“! Warum habe ich diese CD nur so lange im Regal versteckt? Hatte ich den Song früher etwa nicht gemocht? Das kann doch nicht sein! Wer guten Hardrock schätzt, muss „Hoghwash“ lieben – der Song macht einfach richtig Spaß. Wenn dann noch die Orgel einsetzt, befinden wir uns im Stil des später oft von der Band zitierten Siebziger-Rocks, allerdings mit dem außergewöhnlichen, kraftvollen Bassspiel von Bent Sæther – einfach erstklassige Rockmusik. Mit knapp über acht Minuten Länge ist „Hoghwash“ zudem ein für die Band charakteristisch langer Song. Davon gibt es auf dem Debüt noch zwei weitere.

Mit schleppendem, aber druckvollem Schlagzeug geht „Home of the Brave“ los, dazu klingt der Song düster und entwickelt einen ganz eigenen Charakter. Er bleibt Heavy Metal, enthält aber darüber hinaus Noiserock-Elemente.

Einen echten Rocksong-Knaller im Indie-Rock-Stil liefern die drei Norweger mit „Frances“. Danach folgt wieder schwerer Rock bei „Wasted“, der zudem einen Blues-Einschlag aufweist. Es gibt auch eine kurze Akustiknummer: „Eternity“.

Den Abschluss bildet ein langes Stück: „TFC“ dauert fast zwölf Minuten. Der Song beginnt fast wie eine Shoegaze-Nummer, wird dann schnell heftig und ist eher etwas für Fans von Sonic Youth. Mit dem Einsetzen von Bass und Gesang wechselt die Stimmung zum düsteren Bluesrock, um anschließend wieder aggressiv und kraftvoll weiter zu rocken. Der Song spiegelt den guten Mix des Albums wider, das meiner Meinung nach mit der Zeit gewachsen ist. Vielleicht braucht es einen „erfahrenen“ Hörer, um es wirklich zu verstehen.

20.06.25

Trixie Whitley – Lacuna (2019)

Trixie Whitley ist die Tochter des leider viel zu früh verstorbenen Musikers Chris Whitley, bei dessen Produktionen sie teilweise ebenfalls mitwirkte. Dies ist ihr bisher letztes Album. Sie war jedoch auch als Sängerin in der Formation Black Dub aktiv, die vor allem durch ihren Bandleader, den Produzenten Daniel Lanois, bekannt wurde. Durch das Black Dub-Album bin ich erstmals richtig auf Trixie Whitley aufmerksam geworden, was in mir den Wunsch weckte, auch ein Soloalbum von ihr anzuhören.

Schon das Intro weckt Interesse, weil es über klassischen Pop hinausgeht und eher wie eine Herausforderung klingt. Wenn dann „Heartbeat“ beginnt und man von hypnotischen Elektrosounds sowie einer gekonnten Soul-Gesangsleistung mitgerissen wird, wird deutlich: Sie macht andere Musik als ihr Vater. Trixie Whitley präsentiert modernen Pop-Soul mit Elektrobeats auf hohem Niveau. Bereits in jungen Jahren war sie als Resident-DJ erfolgreich.

Wer das Black Dub-Album kennt, betritt mit diesem Album kein völlig unbekanntes Terrain. Auch „Long Time Coming“ zeigt ein sehr gutes Gespür für mitreißende Melodien. Der Song ist eine gelungene Mischung aus Pop, Soul und Elektro. Da stellt sich die Frage: „Warum habe ich das noch nie im Radio gehört?“ – denn das hat definitiv Hitpotenzial.

Ich bin besonders begeistert von der Auswahl der Elektrosounds. So fängt mich auch „May Cannan“ sofort ein. Dass Trixie Whitley als DJ auch Free-Jazz-Elemente in ihre Sets einbaut, hört man bei „Dandy“ sehr deutlich heraus. Ihre Stimme ist einfach perfekt für diesen Soul-Elektro-Mix. Ich bin wirklich beeindruckt, denn das ist mehr als nur gut. Genau so gefällt mir Popmusik – sie muss nur „richtig gemacht“ sein.

Bis jetzt gibt es nichts Schlechtes zu berichten, eher im Gegenteil: die Musik ist mitreißend. Besonders gut gefällt mir, wie die Stimmung wechselt. „Time“ bringt sogar einen stärkeren Rock-Drive mit – da klingt auch die Verbindung zur Musik ihres Vaters an. Wirklich beeindruckend, wie gekonnt Trixie Whitley und ihr Produzent Little Shalimar Elektroklänge und Stimme zu hervorragenden Songs verbinden. Auch „Touch“ ist sehr stark.

Besonders spannend ist die Zusammenstellung bei „Bleak“. Die Songs funktionieren bisher alle hervorragend.

Dann folgt eine Nummer mit Gitarre und sogar im Americana-Stil – hier zeigt sich doch die Verbundenheit mit dem Werk ihres Vaters: „Fishing for Stars“.

Sanfte Beats und eine stimmungsvolle Atmosphäre prägen „Dare to Imagine“. Das letzte Lied, „The Hotter I Burn“, überzeugt mich ebenfalls. Ich mag einfach diesen gelungenen Elektro-Soul-Mix. Aus diesem Grund gefällt mir dieses Album sehr gut.

10.06.25

Peter Gabriel – So (1986/Vinyl ReRelease 2016)

Ich weiß gar nicht mehr, in wie vielen Versionen ich dieses Album besitze. Das macht aber nichts, denn die Songs höre ich seit der ersten Veröffentlichung immer wieder und sehr gern, wie bei kaum einem anderen Album. Es ist ein absolutes Lieblingsalbum, eine Platte für die Ewigkeit. Peter Gabriel wurde spätestens mit diesem Werk zu einem meiner Lieblingsmusiker, und auch live habe ich ihn oft gehört und gesehen.

Jeder Song hat seinen eigenen Charakter – die Stimmung wechselt von Stück zu Stück. Alles ist großartig produziert. Vom Artpop-Meilenstein „Red Rain“ und „Mercy Street“ bis zu den Hits „Sledgehammer“ und „Don’t Give Up“ bietet das Album einfach herausragenden Inhalt. So viele großartige Songs auf einem Album, die einen immer wieder packen und beim Hören riesigen Spaß machen, ohne jemals langweilig zu werden.

„Red Rain“ eröffnet das Album mit Atmosphäre und Emotion, „Sledgehammer“ lädt zum Tanzen und Feiern ein. Bei „Don’t Give Up“ spürt man die Liebe, Zuneigung und das gegenseitige Zusammenhalten in den Stimmen von Peter Gabriel und Kate Bush, wie bei kaum einem anderen Duett. Peter Gabriel beweist hier auch sein Talent als Gospel-Sänger.

„That Voice Again“ gehört zu den eher unbekannteren Stücken des Albums. Der anfänglich fröhliche und ausgelassene Rocksong wandelt sich zu einem anspruchsvollen Art-Rock-Stück. Klanglich und stimmungsvoll passt er sehr gut zu den anderen Songs der Platte. Trotz Stilwechsel wirkt das Album wie aus einem Guss – Peter Gabriel und sein Produzententeam haben darauf geachtet, dass alle Songs vom Sound her eine Einheit bilden. Genau das vermisse ich heute bei manchen Platten: Da wechselt man von einem Studio ins nächste, arbeitet mit verschiedenen Künstlern und Produzenten, und das hört man. Die Songs klingen dann nicht mehr wie eine Einheit, sondern so unterschiedlich wie ihre jeweiligen Produktionsweisen und weichen vom Sound und der Stimmung stark voneinander ab. Ein gutes Album klingt wie eine fein und mit Finesse aneinandergereihte Einheit von Songs.

Ein weiteres absolutes Highlight ist „Mercy Street“. Der Song besitzt eine großartige Atmosphäre und fesselt mich immer wieder. Gerade die Detailfülle des Klangs wird in der Vinyl-Neuauflage besonders deutlich.

„Big Time“ hat mich früher oft irritiert – ich empfand ihn fast als zu unsympathisch oder plump, gerade im Vergleich zu den vorherigen herausragenden Songs. Heute mag ich ihn wegen seiner Sounds und Ideen wieder gern hören, auch wenn er nie zu den Top-Songs des Albums gehören wird.

Das fast instrumentale Stück „We Do What We’re Told (Milgram’s 37)“ erinnert klanglich am meisten an Gabriels Soloalben davor. Ebenso immer wieder schön ist der Song mit Laurie Anderson: „This Is the Picture (Excellent Birds)“.

Ich kann immer noch kaum glauben, dass „In Your Eyes“ auf der Originalplatte gar nicht enthalten war. Für mich gehört er einfach zu diesem Album dazu. Der Song zeigt auch den größten Anteil an Weltmusik. In den Jahren nach dem Album wurden die Real World Studios zu einem wichtigen Förderer der Weltmusik und machten die Musik vieler Musiker westlichen Hörern zugänglich.

Viele „Songs für die Ewigkeit“ und damit ein „Album für die Ewigkeit“ – es ist ein Teil des Soundtracks meines Lebens.

18.06.25

Buffalo Tom – Quite and Peace (2018)

Nach siebenjähriger Pause bringen Buffalo Tom ihr neuntes Album heraus.

Die klassische Trio-Besetzung reicht völlig aus, um mit kraftvoller Rockmusik zu begeistern. Rock, leicht mit Punk und deutlich mit Alternative-Rock vermischt – so gut ist „All Be Gone“. Ich glaube, der Song spricht auch Fans von Bob Mould beziehungsweise Sugar an. Einfach feinster amerikanischer Alternative-Rock.

Sanfter, fast schon im Heartlandrock-Stil ist „Overtime“ – aber wie gut ist das denn? Großartig. Bei „Roman Cars“ wird wieder mehr gerockt. Der Gesang wechselt sich dabei zwischen Bill Janovitz und Chris Colbourn ab, was die Musik von Buffalo Tom noch abwechslungsreicher macht.

Sanfter und das können Buffalo Tom wirklich sehr gut, erklingt „Freckles“ als fast schon singer/songwriterhafte Musik.

Die Songqualität ist insgesamt großartig – allerdings wirken die Stücke etwas ungeordnet aneinandergereiht. So ergibt sich leider kein einheitlicher Grundton. Doch ehrlich gesagt stört mich das nur minimal, da die Songs trotzdem sehr gut sind und viel Abwechslung bieten.

Fast wie 70er-Rock klingt „CATVMOUSE“. Im sanften Punk-Rock-Modus präsentieren Buffalo Tom auch „Lonely, Fast and Deep“, was natürlich genau das ausmacht, was die Band so fantastisch beherrscht. Sanfter Folkrock mit „See How the Hemlock Grows“.

Alle Facetten der Rockmusik werden hier meisterhaft gespielt, und das macht beim Zuhören großen Spaß. Wie großartig sind Songs wie „In the Ice“. Ich muss unbedingt meine Wissenslücken über die anderen, mir noch unbekannten Alben der Band schließen. Wie gut ist es, dass Buffalo Tom immer noch Musik machen, auch wenn es bis zum nächsten Album wieder sechs Jahre dauern wird.

Buffalo Tom schaffen es zudem, ihre Musik in die Gegenwart zu übertragen, indem sie nicht auf Altes zurückgreifen, sondern schlichtweg gute Songs spielen. Wie vielfältig sie das tun, ist wirklich beeindruckend.

„Least That We Can Do“ präsentiert sich noch einmal anders als zuvor Gehörtes und überzeugt ebenfalls durch Qualität.

Heartland-Rock im Stil von John Hiatt mit einer leichten Rock-Note, auch wieder einfach gut: „Slow Down“.

Als Cover-Nummer gibt es „The Only Living Boy in New York“. Weniger Bearbeitung wäre hier tatsächlich mehr gewesen. Als Abschlussnummer ist das eine schöne Idee, aber leider nicht ganz so überzeugend umgesetzt wie der fantastische Rest des Albums.

12.06.25

Philip Kroonenberg – Natural Causes (1995)

Manchmal ist es purer Zufall, wie man einen seiner Lieblingsmusiker und dessen Musik kennenlernt. Ich war auf einem Konzert einer mir befreundeten Band namens „Catch 22“ in einer kleinen Veranstaltungshalle in Oberhausen (Eisenheim). Nach dieser Band spielte „Kroonenberg“, dessen Schlagzeuger wohl bekannt geworden war, da er schon mit Sting zusammengearbeitet hatte. Weil der Gitarrist von Catch 22 einen der Musiker von Kroonenberg als Lehrer an der Universität in Arnhem kannte, kam es vermutlich zu diesem Konzert. Und was soll ich sagen: Die gesamte Musik von „Kroonenberg“ gefiel mir auf Anhieb sehr gut, ich kaufte die CD und liebte sie jedes Mal, wenn ich sie hörte. Erst Jahre später kaufte ich weitere Platten von Philip Kroonenberg, lud ihn persönlich für ein kleines Konzert wieder nach Oberhausen ein und wurde ein großer Fan von ihm – ein toller Songschreiber, ein großartiger Sänger und beeindruckende Musik. So entstand durch dieses Konzert meine Liebe zu dieser Platte. Dabei darf auch nicht unerwähnt bleiben, dass ich die einzige veröffentlichte Platte von „Catch 22“ nach wie vor sehr gern mag und die Projekte sowie Solosachen des Gitarristen und Sängers Georg Dybowski ebenfalls stets verfolgt habe.

Kommen wir nun zu der Platte „Natural Causes“. Philip Kroonenberg hat sie zusammen mit den Musikern Bart-Jan Baartmans (elektrische Gitarre), Jan Hendriks (Bass- und akustische Gitarre), Louis Debij (Schlagzeug) und Rens van der Zalm (Violine, Bandoline, Gitarre und Akkordeon) aufgenommen.

Dies war das erste echte Soloalbum von Philip Kroonenberg, der zuvor mit der Gruppe „Freelance Band“ gespielt hatte und nach deren Auflösung mit „Personnal“ ein Duo mit dem Sänger und Gitarristen Ad Vanderveen bildete.

Die Musik von Philip Kroonenberg wird als Roots, Singer/Songwriter-Folk beschrieben und mit J.J. Cale verglichen. Für mich ist sie noch viel mehr, denn die Melodien sind unglaublich eingängig und erreichen fast Pop-Song-Qualität. Zudem ist diese Musik im Solo-Setting weniger dem Blues zuzuordnen, wie es bei J.J. Cale der Fall ist. Hinzu kommt eine großartige Stimme. Es klingt fast so, als hätte Philip Kroonenberg es geschafft, Folk mit der Eingängigkeit eines guten Cat Stevens Songs zu verbinden. Jedenfalls funktioniert sein Singer/Songwriter-Folkrock mit Leichtigkeit und Finesse bei mir ganz hervorragend. Deshalb möchte ich hier nicht verhehlen, wie sehr ich dieses Album mag. Seine Songs begleiten mich nun seit rund 30 Jahren, und ich habe oft das Gefühl, der einzige Mensch in meinem Umfeld zu sein, der dieses Album und den Musiker kennt – was immer wieder etwas wunderlich ist, aber eben auch regelmäßig vorkommt.

Und die Verbindung zu Cat Stevens ist wirklich nicht zufällig. Bei „Midnight Express“ klingt es fast so, als würde dieser einen Harry-Belafonte-Song mit akustischem Pop-Rock und etwas kitschig klingenden Mandolinen ausstatten. Doch die Kraft der Melodie und des Gesangs ist einfach mitreißend – Partytime! Beim tempogeladenen Endspurt des Songs hört man deutlich, wie großartig die gesamte Band ihre Instrumente beherrscht. Hier ist nichts dem Zufall überlassen.

Wunderbar schön, sanft – ich weiß gar nicht, wie ich die Qualität beschreiben soll, die einen Song wie „Rocket“ auszeichnet. Dieser ist einfach so freundlich und so gut. Wenn Countrymusik immer so wäre, würde ich diese Musik sehr lieben. So gut und schön, wirklich.

Doch die Band kennt sich auch mit Blues-Rock aus, und schon vom ersten Takt an bin ich von der Melodie und der Musik gefangen. J.J. Cale- und Dire-Straits-Fans kann ich diese Musik nur wärmstens empfehlen. Was die Rhythmusgruppe bei diesem Song leistet, ist wirklich große Kunst.

Der Hörspaß geht weiter, denn mit „Up on the Roof again“ folgt der nächste Kracher. Wer akustisch gespielten Rock mag, muss das einfach lieben – ich liebe es.

Kraftvoll gerockt, aber immer noch voll akustisch: „Time and again“. Was die Band hier an mitreißendem Sound bietet, ist wirklich sehr beachtenswert und begeistert.

Das hört man bei jedem Song. Was für eine wunderbare Hymne ist „Bring it out“ – mehr als nur gut!

Beim Hören macht alles Freude und Spaß, auch die sanften Stücke wie „Two wounded Souls“ werden perfekt von der Musik getragen. Die Musik im Genre zwischen Country, Roots und amerikanischer Folkmusik ist dabei nie kitschig, sondern immer stimmig. So ist zum Beispiel „Straight from the Heart“ schlichtweg wunderschön. Was für ein tolles Lied.

Und immer wieder dieser fantastische akustische Rock: „Wandering in the Dark“. Selbst der Country-Roots-Rock bekommt von Philip Kroonenberg stets eine ganz eigene Note – wie bei „Party Zone“. Den Cowboys widmet er außerdem einen eigenen Song: „Cowboy’s Dream“.

Der ausgebildete Psychotherapeut Philip Kroonenberg schreibt sogar Country-Rock für die Psychoanalyse: „Love on analytic Lives“.

Nochmal akustischer Blues-Rock und wieder grandios gut: „The People were sending me a long Way“.

Und mit einem Liebeslied endet dieses Album, das mich immer wieder aufs Neue begeistert: „Give Room to Love“. Ja, ich liebe es!

04.04.25

Serafina Steer – The Moths are real (2013)

Serafina Steer ist ausgebildete Harfenistin und hat vor diesem Studioalbum bereits mit Jarvis Cocker zusammengearbeitet, der auch die Produktion dieses Albums übernommen hat. Ich bin auf Serafina Steer als treibende Kraft der Indie-Post-Punk-Band „Bas Jan“ aufmerksam geworden und wollte hören, wie sie vor ihrer Zeit bei Bas Jan geklungen hat.

Ich würde ihre Musik dem Genre Chamber-Indie-Singer/Songwriter-Folk zuordnen. Sehr zurückhaltend und sparsam instrumentiert – tatsächlich mit Harfe und Stimme als Hauptinstrumente –, unterscheidet sie sich somit deutlich von Bas Jan. Aber ich mag es, vor allem weil der erste Titel „Night before Munity“ einfach gut als anspruchsvoller Indie-Folk-Song funktioniert.

Sofort einnehmend ist das ganz leicht wirkende und sehr elegante „Machine Room“. Durch die Schlichtheit und den eher zurückhaltenden Einsatz von Instrumenten können sich die Songs gut entfalten, was hervorragend gelingt. Jarvis Cocker hätte ich bei solchen Stücken nicht als Produzenten vermutet, doch möglicherweise habe ich ein zu eingeschränktes Bild von ihm – das werde ich vielleicht noch vertiefen müssen.

Der Folk-Charakter geht hier teilweise ins Klassische über und wirkt sehr elegant, wie zum Beispiel bei „Ballad of Brick Lane“. Bisher gefällt mir das alles sehr gut, und es unterscheidet sich doch stark von dem, was ich vorher von ihr kannte.

„Lady Fortune“ setzt den bisherigen Sound fort, bringt dabei aber eine schöne Indie-Pop-Note mit. Minimal Pop könnte man das nennen, allerdings ganz anders als bei Bands wie The XX, zu denen diese Bezeichnung ebenfalls passen würde.

Durch den Einsatz der Harfe verliert die Musik ihr Folk-Feeling nicht. Zugleich sorgt sie dafür, dass die Stücke größer klingen als der typische Singer-Songwriter-Indiesong. Das hebt sie in Richtung „zeitgenössische Musik“ – wobei ich diese Bezeichnung für Musik eigentlich nicht mag, da sie keinen Aufschluss darüber gibt, wie die Musik klingt, sondern lediglich einen gewissen Anspruch impliziert. Nils Frahm, Hauschka und andere sind fantastische Musiker und Komponisten, aber nur weil man sie nicht der klassischen Musik zuordnen kann, bleiben sie eben „Musik der Gegenwart“. Das ist für mich Quatsch und eher intellektueller Humbug.

Dass Serafina Steer eine großartige Komponistin ist, hört man sofort bei „The Removal Man“ und dem zuvor genannten „Skinny Dipping“. Sehr melancholisch wirkt „In a World of Love“, während „Has anyone ever liked you?“ ein schöner, ganz sanfter Singer-Songwriter-Song ist. Toller Chamberfolk zeigt sich in „Island Odyssey“. Beim Folk-Stück „Alien Invasion“ spielt der Gesang die Hauptrolle. Es ist eindrucksvoll, wie einfach es gelingt, eine dichte musikalische Atmosphäre zu schaffen.

Mit „Disco Compilation“ verbindet Serafina Steer ihre wunderbare Singer-Songwriter-Qualität erstmals mit einigen Discobeats. Dieses Stück könnte gut als Single funktionieren, wird aber geschickt eingebaut, da es gegen Ende der Platte noch einmal Schwung verleiht.

Der sanfte Abschluss erfolgt mit „The Moth Are Real“, fast schon wie ein Wiegenlied, das jedoch mehr bietet als nur einfaches Einschlaflied.

Neben ihrer Arbeit mit Bas Jan sollte Serafina Steer gerne auch weiterhin Musik wie diese machen. Dieser Chamber-Folk mit leichtem Indie-Touch gefällt mir sehr gut. Schön, weil er einfach klingt, aber alles andere als leichte Musikkost ist. Diese Musikerin, die Harfe spielt und zugleich mit ihrer Band den Post Punk neu belebt, zeigt viel Vielseitigkeit. Und Vielseitigkeit mag ich, weil ich selbst gerne unterschiedliche Musik höre. Alles ist möglich.

27.05.25

Lyle Lovett – Lyle Lovett and his large Band (1989)

Jazz in Big-Band-Qualität, gemischt mit Country-, Blues- und Soul-Elementen – so lässt sich dieses Album insgesamt beschreiben. Die Qualität der Songs ist dabei sowohl bei den Eigenkompositionen als auch bei den Coverversionen sehr hoch. Zwar hat mich das Album als Ganzes bisher nie vollständig begeistert, doch brillante Einzelstücke machen es unmöglich, Lyle Lovett und seine Musik nicht zu mögen und weiterzuverfolgen. Manchmal reicht schon ein Song aus, um sich für das Leben an einen Künstler zu binden. So ging es mir mit „Nobody Knows Me“.

Das Album beginnt mit dem instrumentalen „The Blues Walk“, einem Big-Band-Jazz-Stück, das den Schwung einer Erkennungsmelodie für eine TV-Show hat und mich tatsächlich an die Musik des „Aktuellen Sportstudios“ erinnert. Es folgt „Here I Am“ mit starkem Blues- und Soul-Einschlag, meist gesprochen, aber im Refrain kraftvoll gesungen. Jazz, Soul und Blues vereinen sich ganz großartig und elegant in „Crying Shame“ und „Good Intentions“, während „I Know You Know“ mit viel Gefühl überzeugt.

Von der Produktion her könnte man das Album als glattgebügelt bezeichnen, was jedoch ein großer Fehler wäre, denn es handelt sich um meisterliche und sehr detailreiche Aufnahmen. Alle beteiligten Musiker beherrschen ihre Instrumente perfekt. Lyle Lovett überlässt nichts dem Zufall, sodass seine Platten stets mit größtmöglicher Qualität überzeugen. Wer die ursprünglichste und langlebigste Form amerikanischer Musik schätzt, wird an Lovetts Musik viel Freude haben. Je älter ich werde, desto mehr kann ich mit diesem Album anfangen. Wenn man sonst vor allem andere Musikgenres bevorzugt, hält man viele dieser Songs vielleicht für „ganz nett, aber nicht so ganz meins“ oder sieht sie als Musik für ältere Menschen und Country-Fans an. Hört man das Album jedoch richtig, erkennt man die perfekt gemachte Musik. „What Do You Do/The Glory of Love“ ist dafür ein sehr gutes Beispiel.

Schon sehr schön kitschiger Country klingt in „I Married Her Just Because She Looks Like You“, ein sehr ursprünglicher Country-Song, der keinem Cowboy die Augen trocken lässt. Dieses Gefühl verstärkt sich bei „Stand by Your Man“.

Sehr schön und gefühlvoll, aber weniger kitschig ist „Which Way Does That Old Pony Run“. Solche Songs beherrscht Lyle Lovett wirklich gut.

Ein Lovesong für die Ewigkeit, ganz groß und sooo schön, ist „Nobody Knows Me“. Diesen Song spüre ich am ganzen Körper. Auch „If You Were to Wake Up“ ist sehr gelungen.

Am Ende legt das Album mit „Once Is Enough“ noch einmal kraftvoll nach, mit viel Jazz- und Soul-Feingefühl, dabei aber auch ausdrucksstark.

Ein Album, das mir jetzt wirklich sehr viel Freude bereitet und in das ich wohl endlich hineingewachsen bin.

26.05.25

Fad Gadget – Gag (1984)

„Gag“ ist das vierte und letzte Album, das Frank Tovey als Kunstfigur „Fad Gadget“ aufnahm. Trotz Anerkennung in der Elektronik- und New-Wave-Szene war die Musik von Fad Gadget zwar schon fast Kult, doch der kommerzielle Erfolg blieb aus.

Die Musik von Fad Gadget verbindet elektronische Klänge mit düsterem New Wave. Damit konnte er ähnlich wie Anne Clark sowohl Freunde elektronischer Musik als auch Fans von düsterem Pop und Gothik begeistern. Heute würde man diese Stilrichtung vielleicht einfach unter dem Label Post-Punk zusammenfassen und vermarkten.

An dem Album „Gag“ hätten aber auch Fans der Einstürzenden Neubauten und von Nick Cave sicherlich ihre Freude. Der Song „Ideal World“ bietet düsteren Punkrock, und elektronisch ist bei diesem Sound höchstens etwas auf der Effektebene zu hören. Dieser Song ist sehr gut gealtert – das gilt natürlich auch für den Hit beziehungsweise bekanntesten Song der Platte „Collapsing New People“. Er gehört für mich zu den „Songs für die Ewigkeit“ und darf in keiner Playlist fehlen. In der Maxi-Version wirkte übrigens auch die Band Einstürzende Neubauten mit.

„Sleep“ ist ein beeindruckendes Wiegenlied, und man wundert sich, warum der Song nicht schon seit Jahren zu den Begleitern gehört. Fad Gadget ist aber ein typisches Beispiel für einen Künstler, dessen gute Singles bei den Fans Kultstatus erlangten, wie etwa „Back to Nature“ und „Ricky’s Hand“, während der Rest seiner Musik eher unbekannt blieb – bei Anne Clark ergeht es mir ähnlich. Dabei macht mir gerade das gesamte Album wirklich viel Freude. Daran ändert auch das im Synthpop angesiedelte „Stand Up“ nichts – ein toller Song. „Speak to Me“ erinnert an Stücke von Heaven 17 und The Human League, die leider immer viel bekannter waren als Fad Gadget. Warum das so war, lässt sich angesichts der Qualität dieses Albums kaum erklären. Leider ist Frank Tovey schon früh verstorben und konnte den Kultstatus, den seine Musik verspätet erreichte, nicht mehr genießen.

Noch etwas düsterer, aber immer mit einem frechen Augenzwinkern, präsentiert sich „One Man’s Meat“. Tatsächlich versuchte Fad Gadget offenbar, das düster-post-punkige Image durch charttaugliche Stücke etwas aufzubessern, was der Qualität der Songs jedoch nicht schadet. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum das Album für eine Veröffentlichung aus den 80er Jahren vergleichsweise gut gealtert ist. Anspruchsvoll und ernsthaft wird es bei „The Ring“. Die Vielfalt und Abwechslung auf dem Album sind ein weiterer großer Pluspunkt.

Ich bin wirklich total überrascht, wie viel Freude dieses Album bereitet und wie viel besser es mir heute gefällt als manch andere Platte mit ähnlicher Musik. „Jump“ steht dafür beispielhaft.

Die ganze Kreativität und verrückte Genialität von Frank Tovey alias Fad Gadget wird noch einmal bei „Ad Nauseam“ deutlich. Vielleicht hätten manchen zu ernst genommenen Musikern solche Verrücktheiten gut getan. Der Song klingt ein wenig wie „Dead Can Dance auf Speed“, und das macht richtig Spaß.

Ein großartiges Album, das für mich eine lohnende Neuentdeckung ist. Fad Gadget ist einfach viel mehr als nur „Collapsing New People“.

* Kennzeichnet erforderliche Felder
Ich danke Ihnen! Wir werden uns so schnell wie möglich bei Ihnen melden.

© Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten. 

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.